Service Learning
Gutes tun bringt Punkte
Service Learning ist eine geniale Idee: Studenten tun etwas für die Gesellschaft Sinnvolles – und können das Engagement anschließend als Studienleistung anrechnen lassen
Zum Entdecken braucht man Glück. Der Bakteriologe Alexander Fleming hatte es, als er aus Versehen einen Schimmelpilz züchtete und so das Penicillin erfand. Der Pädagoge Manfred Hofer hatte es ebenfalls, als er eines Tages einen amerikanischen Kollegen traf, der ihm von einer Lehrmethode namens »Service Learning« erzählte. Studierende lernen dabei in Seminaren zuerst die Theorie, dann arbeiten sie ehrenamtlich für soziale Projekte und vertiefen ihr Wissen in der Praxis. Auf den ersten Blick scheint die Idee nicht besonders revolutionär zu sein. Dennoch könnte diese zufällige Entdeckung eines deutschen Professors nun die Universitäten verändern.
Als Manfred Hofer vor sechs Jahren das erste deutsche Service-Learning-Seminar an der Universität Mannheim anbot, wurde er von Kollegen belächelt. Damals stand die Bologna-Reform bevor. Effizienter und schneller sollte das Studium werden. Den Studierenden wurde eingeschärft, es käme auf Pragmatismus an, auf die Optimierung ihrer Lebensläufe durch Sprachkenntnisse und auf einen überdurchschnittlichen Abschluss in Rekordzeit. Für Ehrenämter schien in den neuen, durchmodularisierten Bildungsbiografien kein Platz zu sein, auch das Interesse an studentischer Mitbestimmung in Fachschaften ging zurück.
Inzwischen sind die Studiengänge verschulter und die Absolventen jünger, nur zufriedener ist niemand so recht. Vielleicht kommt deshalb jetzt ein alter, idealistischer Gedanke von Humboldt zu neuen Ehren: Die Universitäten wollen den Studierenden künftig wieder mehr Raum für Sinnfindung geben. Das funktioniert, indem sie sozusagen als Zugeständnis an die neue Zeit das Ehrenamt in die Stundenpläne integrieren und dafür Leistungspunkte verteilen.
Gleich an mehreren Universitäten soll Service Learning jetzt fächerübergreifend etabliert werden, in Mannheim, Saarbrücken, Duisburg-Essen, Erfurt, Lüneburg und Würzburg. Eine Vorreiterrolle spielt das Zentrum für gesellschaftliches Lernen und soziale Verantwortung der Universität Duisburg-Essen. Die Kontakte zu gemeinnützigen Einrichtungen stellt hier ein Büro her, das der Pädagoge Jörg Miller leitet. »Amerikanische Universitäten betrachten es als Teil ihres Bildungsauftrags, den Studierenden neben Fachwissen auch community spirit, also das Bewusstsein für bürgerschaftliches Engagement, zu vermitteln«, sagt er. »Wir glauben, dass auch deutsche Universitäten nicht nur Stätten der Wissensvermittlung sind, sondern mehr gesellschaftliche Verantwortung tragen sollten.«
Bei den Studierenden sind die Reaktionen verschieden. »Einerseits kritisieren viele den fehlenden Praxisbezug im Studium, andererseits fragen sich manche, was ihnen ein Ehrenamt bringt«, sagt Moritz Sion. Der 26-jährige Lehramtsstudent hat für Kommilitonen, »die sich nur Bücher aus der Bibliothek holen und dann wieder nach Hause fahren«, wenig Verständnis. Er nahm an einem Service-Learning-Seminar in Saarbrücken teil und erforschte den Mathematikunterricht an einer Realschule mit einer Videografie. »Wir haben nach einer ersten Besprechung mit der Dozentin alles selbst organisiert. Das Gefühl, Verantwortung für ein Projekt übernehmen zu können, war toll«, sagt er.
Ingenieurstudenten konstruieren schlaglochsichere Rollstühle
Die Universität Duisburg-Essen vermittelt Studenten auch befristete Ehrenämter im Ausland. Der angehende Ingenieur Lars Meyer konstruierte Rollstühle in Vietnam. »Wir haben Vorrichtungen entwickelt, mit denen sich Rollstühle in handbetriebene Dreiräder umbauen lassen«, sagt er, »bei den schlechten Straßen sind die Menschen damit mobiler.« Seinen Aufenthalt fand der 22-Jährige »sinnvoller als ein Praktikum, bei dem man keine richtige Aufgabe hat«. Lars Meyer finanziert sein Studium durch Nebenjobs. Mehrere unbezahlte Praktika oder einen Auslandsaufenthalt könnte er sich nicht leisten. Seine Reise nach Vietnam wurde von der Universität bezuschusst. »Für Studenten mit wenig Geld ist das eine gute Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln«, sagt er.
In Erfurt planen Studenten ihre Projekte selbst. Die 23-jährige Pädagogikstudentin Mandy Singer-Brodowski gehört zum Leistungsteam der AG Nachhaltigkeit. »Wir haben einen Stadtrundgang mit Bürgern veranstaltet und vor Geschäften über die nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln diskutiert«, erzählt sie. Rund 70 Prozent ihrer Zeit investiert sie in ihre ehrenamtliche Arbeit, für die es auch Credit Points gibt. »Der Aufwand lohnt sich«, sagt sie, »denn wir erwerben Schlüsselqualifikationen, zum Beispiel Zeitmanagement.«
Dass Studierende auch fachlich mehr lernen, zeigt eine Umfrage, die der Erziehungswissenschaftler Heinz Reinders aus Würzburg gerade veröffentlicht hat. 116 Studierende wurden befragt, wie sie ihren Wissensstand einschätzen. Nur 31 Prozent der Studenten, die normale Veranstaltungen besucht hatten, waren der Meinung, einen guten Überblick über das Fachgebiet zu haben. Bei denjenigen, die Service-LearningSeminare besucht hatten, waren es 74 Prozent.
Der 29-jährige Martin Hablitzel hat durch Service Learning seinen Traumberuf gefunden. Er studiert Volkswirtschaftslehre in Mannheim und besuchte ein Seminar über Management für Non-Profit-Organisationen. Mit Kommilitonen entwickelte er ein Marketingkonzept für die Mannheimer Lebenshilfe, die ein Wohnheim für behinderte Menschen betreibt. »Vorher haben mich gemeinnützige Vereine nicht so interessiert, jetzt kann ich mir gut vorstellen, später bei der Lebenshilfe zu arbeiten«, sagt er. Die Vorteile von Service Learning schätzt er pragmatisch ein: »Man wird von den Einrichtungen gebraucht und kann besser Kontakte knüpfen als ein normaler Praktikant, der bloß durchgeschleust wird.«
Warum es nicht schon früher mehr Service Learning gab, versteht er nicht. »Die Reform sollte das Studium praxisorientierter machen, aber bis jetzt merkt man davon nichts«, sagt er. Das Seminar hatte sich Martin Hablitzel zufällig ausgesucht, weil es in seinen Stundenplan passte. Manchmal braucht man eben Glück, um etwas zu entdecken.
- Datum 14.5.2009 - 14:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.05.2009 Nr. 21
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Dann möchte ich jedoch vorschlagen dem Amtsinhaber nach Entgegennahme von Creditpoints den Zusatz der Ehre vor seinem Amt zu entziehen. Den Punkten wird doch schon genug hinterhergelaufen, warum deshalb denn jetzt noch etwas so kostbares und ehrenvolles den Cedithaien zum futtern geben. Es ist sicherlich eine gute Idee, aber doch bitte nicht mit solchen Anreizen, um so vielleicht dann später die Statistik mit bemerkenswert hohen vorhandenem ehrenamtlichen Engagement zu schmücken?
Gutes denen die mit dem Herz Dabei sind.
Warum muss man im akademischen Bereich neuerdings alle Praktiken aus den USA unkritisch übernehmen? Ehrenengagement ist schön und gut, aber hat mit akademischer Ausbildung nichts zu tun (daher der Begriff "Ehrenamt").
Hier wollen einige Unis einfach ihre Lehrverpflichtungen an die Studenten outsourcen, zu Lasten der Ausbildungsqualität und unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit natürlich. Ich würde jedenfalls keinen Absolventen einstellen, der an einer Pudding-Uni sein Pädagogik-Diplom durch das Führen von Stadtrundgängen erworben hat.
Warum sollte Service Learning mit akademischer Ausbildung nichts zu tun haben? Ich besuche an der Uni Hamburg auch ein Service-Learning-Seminar.
Selbstverständlich ist es dort nicht so, dass man dort ein bisschen unmotiviertes soziales Engagement zeigt und dann irgendwie dafür benotet wird. Im Rahmen der Tätigkeit muss eine Forschungsfrage untersucht werden, für deren Beantwortung alle Maßstäbe wissenschaftlicher Arbeit gelten.
So entwickele ich beispielsweise zusammen mit zwei Kommillitonen und einer Partnerorganisation ein Konzept für ein [ehrenamtliches] studentisches Mentoren- / Nachhilfeprogramm. Den Businessplan für das Programm, den wir als Teil dieser Arbeit aufstellen, werden wir später zusammen mit unserem Partner in die Praxis umsetzen.
Für sechs Credits - gerade einmal drei Prozent der 180 Credits im Bachelorstudium - haben wir die Möglichkeit, wissenschaftlich zu arbeiten (in einem Umfang der mit dem Aufwand eines anderen Kurses mindestens ebenbürtig ist) und praktische Erfahrungen zu sammeln. Das Ganze dann auch noch zum Wohle der Gesellschaft, was möchte man mehr?
Warum sollte Service Learning mit akademischer Ausbildung nichts zu tun haben? Ich besuche an der Uni Hamburg auch ein Service-Learning-Seminar.
Selbstverständlich ist es dort nicht so, dass man dort ein bisschen unmotiviertes soziales Engagement zeigt und dann irgendwie dafür benotet wird. Im Rahmen der Tätigkeit muss eine Forschungsfrage untersucht werden, für deren Beantwortung alle Maßstäbe wissenschaftlicher Arbeit gelten.
So entwickele ich beispielsweise zusammen mit zwei Kommillitonen und einer Partnerorganisation ein Konzept für ein [ehrenamtliches] studentisches Mentoren- / Nachhilfeprogramm. Den Businessplan für das Programm, den wir als Teil dieser Arbeit aufstellen, werden wir später zusammen mit unserem Partner in die Praxis umsetzen.
Für sechs Credits - gerade einmal drei Prozent der 180 Credits im Bachelorstudium - haben wir die Möglichkeit, wissenschaftlich zu arbeiten (in einem Umfang der mit dem Aufwand eines anderen Kurses mindestens ebenbürtig ist) und praktische Erfahrungen zu sammeln. Das Ganze dann auch noch zum Wohle der Gesellschaft, was möchte man mehr?
Modelle die einen Ansatz zum zunutzemachen eines anderen Zwecks auch nur im entferntesten enthalten sind eben gefährlich und verschlechtern, wenn auch nur gering des Eigentliche. Das was dem Wohle der Gesellschaft dient hat sicherlich einen weit höheren Wert als ein paar Punkte. Diese eben viel größeren Werte haben es doch nicht nötig nochmals bewertet zu werden.
Wenn sie 1000 nur befragen is eine Umfrage um sonst weil die mehrheit des volkes wird nich gefragt! Und das nennen sie dann Forschung?
Modelle die einen Ansatz zum zunutzemachen eines anderen Zwecks auch nur im entferntesten enthalten sind eben gefährlich und verschlechtern, wenn auch nur gering des Eigentliche. Das was dem Wohle der Gesellschaft dient hat sicherlich einen weit höheren Wert als ein paar Punkte. Diese eben viel größeren Werte haben es doch nicht nötig nochmals bewertet zu werden.
Eben diese größeren Werte werden ja auch nicht bewertet. Für die Bewertung ist unwesentlich, in welchem Ausmaße oder in welcher Form sich der jeweilige Student ehrenamtlich engagiert hat. Wichtig ist alleine die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit.
Dass diese Arbeit einen gesellschaftlichen Mehrwert hat ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. Gleiches gilt für die Tatsache, dass Studenten sich mit sozialem Engagement auseinandersetzen.
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was daran "gefährlich" sein soll. Die Studierenden profitieren aus den im Artikel genannten Gründen und die sozialen Organisationen sowie die Gesellschaft profitieren von der Arbeit der Studenten. Eine klassische Win-Win-Situation - was ist daran verkehrt?
Im Übrigen ist, den Ergebnissen des Freiwilligen-Surveys [im Auftrag der Bundesregierung] von 2004 zu Folge, mit 35% die Mehrheit aller ehrenamtlich Engagierten einer Gruppe zuzuordnen, die das Survey als "Interessensorientierte" bezeichnet. Das Alleinstellungsmerkmal dieser Gruppe ist, dass "die Tätigkeiten es bevorzugt ermöglichen [sollten], berechtigte eigene Interessen zu vertreten, eigene Probleme zu lösen sowie auch einen beruflichen Nutzen daraus zu ziehen".
Ist das Engagement dieser Gruppe deshalb schlecht?
aufmerksam machen, dass service - learning nicht nur Angelegenheit der Studenten ist, sondern mit einigem Erfolg auch an Schulen praktiziert wird.
Und weit von
http://de.wikipedia.org/w...
60 Schulen entfernt sind es inzwischen ein paar Hunderte.
- dieser Umgang mit (Pseudo)Anglizismen. Aber sei's drum.
Es ist schade dass es den Leuten nicht über die Lippen geht etwas zu sagen wie "Dienst und Lernen". Uuuuh, dienen.. nein wie spießig.. oder schlimmeres. Da muss ein Anglizismus her.
Solang es schon am sprachlichen "Commitment" (...) scheitert und man die Leute vor allem mit Anrechnungen dazu bewegen kann ist es in meinen Augen eine halbgare Sache.
Wie auch die Erfahrungen von "Learn and Serve" in Amerika zeigen. Abgesehen davon dass das dort auch unter Studenten nahezu unbekannt ist.
Credits für Ehrenamt sind immer eine Zweispältige Sache. In Kassel haben wir das für Gremienarbeit an den Fachbereichen ermöglicht, obwohl uns klar war das es zu zwei Ergebnissen führen würde:
Zum Einen Studierende, die nur das absolut nötigste für ihre Credits machen und somit für die Studiengang keinen nennenswerten Mehrwert bringen.
Zum Anderen Studierende, die daran Gefallen finden und sich richtig reinhängen.
Struktur-Reform allein bringt halt nie das Paradies, man kann das Paradies auf Erden aber durchaus weg-strukturieren! Also sollten wir es nutzen, dass die Umstellung auf Bachelor-Master ausdrücklich auch eine Ausbildung außerhalb des Fächer-Kanons fordert (z.B. soziale Kompetenzen und Erfahrungen).
Was daran allerdings neu sein soll, und warum es ausgerechet "Service Learning" heissen soll ...
Wenn sie 1000 nur befragen is eine Umfrage um sonst weil die mehrheit des volkes wird nich gefragt! Und das nennen sie dann Forschung?
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