Das Staunen über das Ausmaß menschlichen Vernichtungswillens hat von den kindlichen Mienen Besitz ergriffen. Da stehen sie, Gymnasiasten, eben sechzehn, siebzehn Jahre alt. Mädchen mit Pferdeschwänzen, Jungs in Schlotterhosen und mit cool in die Stirn gebürstetem Fronthaar, Kinder der Berliner Wohlstandsgesellschaft, und blicken mit leeren, unbescholtenen Gesichtern auf den gewaltsamen Abgang in all seinen Varianten. Auf die in einer Tatortszene lebensecht nachgebildete wächserne Oma, die einem Raubmörder zum Opfer gefallen sein muss. Auf die eindrucksvollen Polizeiaufnahmen, die Böden zeigen, klebrig von geronnenem Blut, und Feuerleichen, in der Hitze zu schwarzen Puppen zusammengeschnurrt.

Wir befinden uns am Ende der Welt: da, wo die privaten Apokalypsen tausendfach in Fotos und Einmachgläsern aufbewahrt sind. Da, wo das Leben nicht sanft im Kreise trauernder Angehöriger ausklingt, sondern abgehackt, abgewürgt, abgefackelt wird. Wir befinden uns in der Ausstellung Vom Tatort ins Labor, mit der sich das Rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité im Medizinhistorischen Museum einem Massenpublikum vorstellt. Die Schau dient sicherlich der Dokumentation des Alltags von Gerichtsärzten – ist aber auch eine Hommage an den Ideenreichtum auf dem Spezialgebiet der ganz persönlichen Menschenbeseitigung.

Da ist der Täter, dessen Fantasie keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, unliebsame Mitbürger ins Jenseits zu schicken. Die Sammlung aus der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft zeigt: Das argloseste Haushaltsgerät aus Wohnzimmer, Flur und Küche lässt sich – wenn es am bösen Willen nicht fehlt – zum Mordinstrument zweckentfremden. Da steht der adrette Glasaschenbecher, unter dessen Aufprall die Hirnschale barst, das nützliche Verlängerungskabel, das eine Kehle zuschnürte, der elegante Herrenhandschuh (Leder), der mit Sand gefüllt als schmerzhaftes Wurfgeschoss diente. Auch der mit netten Figuren bemalte Steinkrug ließ eine schlimme Absicht wahr werden, ganz zu schweigen von der achtbaren kleinen Zange, die jemand durch eine – mit Paketklebeband zwischen den Kneifern befestigte – Rasierklinge zur finalen Waffe aufgerüstet hat.

Mit der Fantasie des Täters konkurriert die jener Personen, die sich selbst zum Ziel ihrer Mordpläne gemacht haben. Die Ausstellung zeigt: Wer sich erhängen will, braucht dazu keinen Baum, es genügt die Türklinke, das Treppengeländer, ein Bettgestell, ja, ein Nagel in der Wand. Da sind Bilder von Menschen, die sich zu ihrer selbst installierten Hinrichtung durch den Strang mit Latexanzügen verkleideten, und von anderen, die ihr Fachwissen vom Verlegen elektrischer Leitungen dazu benutzten, den Haushaltsstrom möglichst ungehemmt in den eignen Körper zu dirigieren. Auch jener Suizidant, der sich in einem mit Benzinkanistern vollgestopften Personenkraftwagen bei hohem Tempo seine letzte Zigarette ansteckte, bleibt hier in Wort, Bild und Skizze verewigt.

Doch die Ausstellung zeigt auch: Es kommt noch ein Dritter hinzu, der sich beim Ausderweltschaffen von Personen allerlei Merkwürdiges einfallen lässt, das dem Gerichtsmediziner dann zu denken gibt. Dieser üble Geselle ist nicht zu fassen, niemals muss er sich vor Gericht verantworten, und alle Vorwürfe lassen ihn kalt. Es ist der böse Zufall der Natur, der Blitze aus dem Nichts schickt, um ahnungslose Landwirte zu treffen. Auf großen Fotos sieht man sie dann still auf ihrer Krume liegen – nur die Löcher in den Sohlen ihrer Gummistiefel zeigen, dass gewaltige elektrische Energie den Leib verlassen haben muss. Der böse Zufall ist es, der Vielfraßen ganze gekochte Eier und Eisbeinklumpen in den Rachen stopft, auf dass sie nie wieder Appetit bekommen. Er hält Schwimmer am Grunde der Weiher fest und gibt sie erst wieder frei, wenn sich an ihren toten Mündern ein grotesker Schaumpilz gebildet hat, der das halbe Gesicht verdeckt. Er foppt die Pathologen durch den Einsatz von Käfern, die in Wasserleichen kreisrunde Löcher nagen, die Schusswunden zum Verwechseln ähnlich sehen. Er lässt giftiges Gas aus Leitungen entweichen, das die Totenflecke seiner Opfer in ein karnevaleskes Bonbonrot färbt, und schmeißt mit Backsteinen nach Passanten. Er ist von ulkiger Mordlust beseelt und scheint es darauf anzulegen, den nicht natürlichen Tod als irren Witz zu präsentieren.

Vielleicht kommen deshalb so viele Besucher, 20.000 sind es in den ersten zwei Monaten gewesen, die erfolgreichste Schau der Charité bisher. Sie ist ein Memento mori, das gleich nachher beim Bier zum »carpe diem« wird, zum »gaudeamus vitae«, zum »rideo ergo sum«. Leid und Pein zeigt die Ausstellung nicht – die sind längst ausgestanden, wenn der Rechtsmediziner kommt.

»Vom Tatort ins Labor«, bis zum 13. September 2009 im Medizinhistorischen Museum der Charité, Berlin, Charitéplatz, täglich außer Montag. Zutritt erst ab 16 Jahren

Ergänzende Lektüre: Michael Tsokos; Dem Tod auf der Spur. Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin 2009; 8,95 €. Der Autor leitet das Institut für Rechtsmedizin in Berlin und hat die Ausstellung initiiert