Wenn die Politik in diesen Tagen ein Geräusch machen würde, dann wäre es wie bei einem Güterzug, der mit quietschenden Rädern auf den Prellbock fährt. Rums. Der Linksruck, in dem sich das Land seit der letzten Bundestagswahl und erst recht seit Ausbruch der großen Krise befindet, ist an sein Ziel gekommen. Oder an sein Ende, je nachdem. Einmal noch haben sich die Grünen am Wochenende selbst links überholt und gegen die von ihnen einst mit eingeführte Praxisgebühr votiert sowie den Mindestlohn auf 7,50 Euro festgelegt und eine Million neue Arbeitsplätze versprochen. Zu gleicher Zeit hat sich in der Linkspartei der linke Flügel durchgesetzt. Man will künftig die Hartz-IV-Sätze auf 500 Euro anheben, einen Mindestlohn von 10 Euro und doppelt so viele Arbeitsplätze wie die Grünen schaffen. So endet der Überbietungswettbewerb innerhalb des linken Lagers, wer jetzt noch mehr fordert, landet endgültig in Utopia.

Damit wäre schon mal eine Marke gesetzt – in einem Wahlkampf, wie man ihn komplizierter und interessanter noch nicht erlebt hat. Erstmals stehen sechs Parteien zur Wahl, die alle in den Bundestag und, bis auf eine, auch in die Regierung kommen können, deren Zusammensetzung indes offener ist als je; zudem befinden sich die beiden Hauptgegner des Wahlkampfes zusammengezurrt in einer Großen Koalition; vor allem aber herrscht eine tiefe, einzigartige Wirtschaftskrise.

Wie die Wählerinnen und Wähler auf all das reagieren werden, weiß bislang niemand. Zumal der Krise eine eigentümliche Dynamik innewohnt. Zu Beginn dieses Jahres befand sich das Finanzsystem in höchster Not, während die Krise bei den normalen Leuten noch gar nicht angekommen war. Im Wahlmonat September hingegen dürfte die Krise selbst ihren Höhepunkt schon überschritten haben, während sich Millionen vor Arbeitslosigkeit fürchten, das Krisenbewusstsein also dem Höhepunkt zustrebt. Welche Krise also herrscht im September?

Wehe dem, der in solch beispielloser Lage einen Wahlkampf planen muss! Einige von denen, die das tun, die dieses Superwahljahr zurzeit bis ins Letzte durchdenken, haben wir besucht und befragt. Und obwohl auch der Spruch zu hören war "Über Strategien redet man nicht, die hat man" wurde doch so einiges gesagt. Wenn auch ohne Namensnennung, so viel Geheimnis muss sein.

Dieser Wahlkampf wird wild, unberechenbar, ein Abenteuer. Um einen Überblick zu bekommen, lohnt es sich, ihn in vier Phasen einzuteilen:

1. Das Vorspiel, die Wahl des Bundespräsidenten oder der -präsidentin am 23. Mai (siehe Seite 2), da geht es um ein bisschen Macht, um Koalitionen, um so etwas wie Hegemonie.

2. Die Vorwahl, also die Abstimmung zum Europaparlament. Das Besondere dabei ist, dass es in Straßburg keine Koalitionen gibt, die Parteien gewissermaßen netto zur Wahl stehen, ohne Taktik und, wenn man ehrlich ist, weitgehend unabhängig von ihrer Europapolitik.