Stephen Wolfram hat in den vergangenen zwei Monaten immer wieder lautstark und vorauseilend betont, er habe keinen »Google-Killer« erfunden. Diese penetrante Bescheidenheit war höchst geschickt – führte sie doch zu einer Welle von Artikeln, die genau darüber orakelten: Ob seine »Antwortmaschine« www.wolframalpha.com, die kommende Woche starten soll, das nächste Google sei. Der Hype ist also gewaltig. Die Vorabversion, die ausgesuchte Nutzer seit wenigen Tagen testen dürfen, kann diese hochgesteckten Erwartungen nur enttäuschen.

Beginnen wir mit dem, was Wolfram Alpha kann. Hinter dem Dienst steckt Wolframs mächtiges Mathematikprogramm Mathematica, und deshalb ist die Website besonders gut, wenn es um Zahlen und Funktionen geht. Sie führt jede arithmetische Rechnung aus, zeigt aber auch jede beliebige Funktion grafisch an oder bestimmt ihr Integral, und sie berechnet zum Beispiel auf den Kilometer genau, wie weit der Mond gerade von der Erde entfernt ist.

Gibt man eine Stadt ein, so erhält man eine Karte mit einem roten Punkt sowie ein paar knappe Daten, etwa die Einwohnerzahl. Außerdem das aktuelle Wetter. Gibt man zwei Städte ein, so erhält man zusätzlich die kürzeste Distanz auf dem Globus. Eine Route kann Wolfram Alpha nicht planen, dafür erfährt der Nutzer, dass das Licht zwischen Hamburg und New York 20,5 Millisekunden unterwegs ist.

Weitere Höhepunkte: Eine offenbar gut sortierte Chemiedatenbank liefert zu jeder Substanz die Strukturformel und ein 3-D-Modell des Moleküls. Eher ein Spielzeug: Nach beliebigen Kombinationen der Buchstaben A, C, G und T durchsucht Alpha das menschliche Genom. Und fragt der Nutzer nach der »Nichte des Enkels des Onkels des Onkels«, erscheint ein Familienstammbaum, der das Verwandtschaftsverhältnis zu diesem Mädchen anzeigt. Selbstverständlich hat Alpha auch die wichtigsten Daten zu allen an den US-Börsen notierten Unternehmen parat – fragt man nach Coca-Cola, so erfährt man nichts über das Getränk, aber viel über die Geschäftsentwicklung des Brausekonzerns.

Ein bisschen stutzig konnte der Beobachter schon dadurch werden, dass Wolfram in den Demo-Videos, die im Internet kursieren, immer dieselben Beispiele hervorzauberte. Er zeigte halt die schönsten Features, die seine Programmierer bereits entwickelt hatten. Auf viele andere Fragen dagegen hat das System – noch – keine Antwort parat. Will man zum Beispiel die Länge der Chinesischen Mauer ermitteln (die vor Kurzem neu berechnet wurde), so muss die Maschine passen – das Bauwerk ist ihr nicht bekannt. Auf die Eingabe »Die ZEIT« erscheint ein Verweis auf das ZEITmagazin mit einer angeblichen Auflage von 582.000 Exemplaren. Leider ein klein wenig zu hoch gegriffen – hier versagt Wolframs Anspruch, im Gegensatz zu Suchmaschinen nur verlässliche Daten zu liefern.

Völlig übertrieben schließlich ist die Behauptung, Wolfram Alpha würde Anfragen in natürlicher Sprache verstehen. Das System greift sich Begriffe aus der Frage heraus, die es kennt, und rät auf gut Glück, was die miteinander zu tun haben könnten. Und allzu oft kommt die Antwort »Wolfram Alpha isn’t sure what to do with your input«.

Natürlich ist es unfair, Alphas Beta-Version allzu streng zu beurteilen. Allerdings ist es ziemlich sicher, dass die Antwortmaschine auch in Zukunft auf viele Fragen passen muss. Ihre Stärke liegt darin, dass ihre Datenbasis in mühsamer Arbeit von menschlichen Hilfskräften ins System eingearbeitet wird – und das ist gleichzeitig auch ihre Schwäche. Mit dieser Zu-Fuß-Methode haben zuletzt die Suchkataloge der Internet-Frühzeit (zum Beispiel Yahoo!) versucht, das Netz in den Griff zu bekommen, und sie mussten kapitulieren: vor Google, das seine Antworten vollautomatisch erzeugt, und vor Web-2.0-Diensten wie Wikipedia, die sich der kollektiven Intelligenz von Millionen Freiwilligen bedienen. Handverlesene Qualitätsdaten, pfiffig verknüpft und berechenbar gemacht – damit wird Alpha eine faszinierende Nischenanwendung für Menschen sein, die viel mit Zahlen jonglieren. Das explodierende Weltwissen ist mit dieser Methode längst nicht mehr zu erfassen. Christoph Drösser