Selbstverständlich sind wir Kinder der Renaissance und Aufklärung frei von magischem Denken. Doch nur bis das Unerklärliche in unser Leben tritt, wie zuletzt in Winnenden, wo ein junger Amokläufer mit Vaters Beretta 15 Menschen ermordete. Geradezu mechanisch folgte dem Schrecken das magische Denken mit den Unterabteilungen »Ersatzhandlung« und »Sündenbockjagd«.

Das Ergebnis lässt sich nun in der Politik betrachten. Zur Sündenbockjagd gehört das Killerspiel-Verbot, zur Ersatzhandlung ein neues Waffenrecht, welches etwa das Ballern mit Farbkugeln bestrafen will. Im selben Aufwasch sollen auch gleich andere Scheußlichkeiten per Gesetz beseitigt werden. Jedermann (außer den Konsumenten) hasst Kinderpornografie, nicht wahr? Deshalb wollen wir auch die einschlägigen Internetseiten sperren. Daheim wird die Sicherung von Waffen verschärft – durch PINs oder gar biometrische Schlösser an den Schränken. Doch nicht genug damit: Die Behörden sollen jederzeit unangemeldet zur Kontrolle vorbeikommen können.

Was hier aufgereiht wird, entwächst zwar unserem richtigen moralischen Empfinden (wer will schon Amokschützen in der Schule oder Pornografen im Kindergarten?). Aber dahinter lauert der infamste Angriff auf die Freiheit: nicht durch KGB oder Gestapo, sondern auf Sammetpfoten im Namen des Guten und Therapeutischen – mit unheimlichen Risiken und Nebenwirkungen.

Die Büttel, die ohne Durchsuchungsbefehl unser Haus auf der Pirsch nach maroden Waffenschränken beträten, begingen einen eindeutigen Verfassungsbruch: My home is my castle, wie die Engländer ihren Königen (wenn auch nicht ganz mit diesen Worten) schon in der Magna Charta von 1215 entgegenschleuderten. Das BKA soll den Providern täglich eine Liste mit inkriminierten Pornoseiten vorlegen? Das nennt man Zensur, und sie würde ohne Gerichtsbeschluss und insgeheim ablaufen (damit mit der Veröffentlichung der Adressen nicht Werbung für die Böslinge betrieben wird). »Eine Ausweitung auf andere Zwecke ist nicht beabsichtigt«, heißt es im Regierungsentwurf. Quem ad finem?, fragt der Lateiner, und der Berliner sagt: »Wer’s gloobt, wird seelich.«