Literatur Die große Ernüchterung

Die Wiener Autorin schrieb das Porträt der hedonistischen Generation. Das war vor fünf Jahren. Was seitdem geschah

Wenn man die Laudongasse in der Josefstadt mit Melrose Place, dem Apartmentkomplex in West-Hollywood aus der gleichnamigen Fernsehserie, in Verbindung setzt, dann erhält man Laudonplace – das ist ein modernes Wohngebäude mit 90 Apartments mitten im Achten. Es ist voller junger, alleinstehender, vor allem aber verrückter Leute. Einige dieser Bewohner, eine Gruppe schwuler Männer und zwei heterosexuelle Frauen, sind enge Freunde geworden. Mit der Zeit hat sich aus dieser Freundschaft so etwas wie eine Familie entwickelt.

Die vergangenen zwölf Jahre haben wir alle in diesem Haus mit- und nebeneinandergelebt. Einige, wie Minka, waren von Anfang an mit dabei und sind wieder ausgezogen. Andere, wie Siggi und Christian, kamen später und verließen nach einiger Zeit ebenso das Haus. Eine weitere Gruppe, Marcus, Gunther, Ricco, Erich (die beiden Letztgenannten sind sogar hetero) und ich, wohnen noch immer hier. Ab und zu versuchen wir, ein neues Mitglied für unseren Familienkreis anzuwerben, vor allem, wenn zufällig ein gut aussehender junger Mann bei uns eingezogen ist. Aber aus irgendwelchen Gründen hat das noch nie geklappt. Sind wir denn bereits viel zu sehr durchgeknallt? Keine Ahnung, aber es ist traurig, wenn es uns nicht gelingt, Nachwuchs für unseren Zirkel anzulocken – das bedeutet nämlich, dass Laudonplace dazu verdammt ist, sich über kurz oder lang aufzulösen. Alles hat eben sein Ende. Aber so weit sind wir derzeit noch nicht.

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Vor fünf Jahren begann ich die Geschichten, die sich im Laudonplace zugetragen haben, aufzuschreiben. Ich hatte nicht die geringste Absicht, damit eines Tages jenes Buch zu füllen, das schließlich daraus entstand (Von der Barbie zum Vibrator, Anm. d. Red.). Vielmehr wollte ich damals mit meinen Texten nur die Extravaganz, aus der unser Leben bestand, in den Himmel heben. Mein eigenes war perfekt: Ich hatte eine tolle Karriere in einem internationalen Konzern, ich reiste ständig und feierte rund um den Globus Partys, ich ging mit den Mädels auf Shoppingtouren und hatte Sex mit Model-Typen. Nicht nur ich, wir alle vom Laudonplace waren gebannt von der Magie des Augenblicks, den wir durchlebten. Es war aber eine Art Teufelskreis – je verrückter die Dinge wurden, desto mehr wurden wir von diesem Wirbel hypnotisiert, und die Bereitschaft wuchs, noch Verrückteres auszuprobieren. Unser Leben war eine Droge, und wir waren versessen, darauf abzufahren.

Erst nach einiger Zeit und nachdem ich eine Menge Seiten Text zu Papier gebracht hatte, fing ich an zu begreifen, was ich da eigentlich tat: Ich arbeitete an einem Porträt meiner Generation. Und ich schälte mich aus meiner alten Haut.

Anfangs, als ich zu schreiben begann, kamen mir die Storys, die ich schilderte, großartig vor. Aber bald erkannte ich, dass sowohl ich als auch meine ganze Generation einfach nur verwirrt waren. Dieses unheimlich große Spektrum an Möglichkeiten, Berechtigungen, Gegenständen, Orten und Personen, aus dem wir uns bedienen konnten, war zwar ein luxuriöses Privileg, aber zugleich war es auch eine Last. »Es muss kompliziert und schmerzhaft sein, im 21. Jahrhundert eine Frau zu sein«, meinte Frédéric Beigbeder, nachdem er mein Buch gelesen hatte. Ja, denn wenn man alles haben kann, muss man erst herausfinden, was es ist, das man tatsächlich haben will. Ein Prozess, der oft sehr weh tun kann.

Ein Baby erinnert uns daran, wie sehr wir eine eigene Familie vermissen

Seitdem ich mit 22 Jahren meinen ersten Job antrat und mein erstes Apartment im Laudonplace bezog, habe ich nichts anderes getan, als herauszufinden versucht, wonach ich eigentlich strebe. Zehn Jahre später war diese Phase des Erforschens vorüber. Ich packte meine Expeditionserfahrungen in ein Buch und begann ein neues Leben. Eines, das ruhiger und einfacher, aber auch zufriedenstellender und vor allem kreativer ist. Früher war ich Teil eines großen Spiels und immer unterwegs. Heute verbringe ich die meiste Zeit an meinem Schreibtisch, beobachte die Vögel, wenn sie Nester bauen, und will in meinen Texten und in meiner Dissertation diesem Spiel von einst auf den Grund gehen.

Ebenso wie ich hat sich aber auch Laudonplace verändert. Vor einigen Tagen bezeichnete uns mein Freund Marcus versehentlich als das »Laudon Palais«. Eigentlich gefiel uns der neue Name – er passt perfekt zu der Veränderung, die stattgefunden hat.

Wenn ich Fremden vom alten Laudonplace vorschwärme, dann meint Patrick, der französische Baron aus dem 7. Stockwerk, stets darauf hinweisen zu müssen, ich sei einmal eine Sexbombe gewesen und nun einfach nur noch langweilig. Dasselbe trifft aber auch auf ihn zu. Es gab eine Zeit, da schreckte ich davor zurück, sein Apartment zu betreten, weil ich fürchtete, ich könnte von all dem Testosteron, das in der Luft lag, schwanger werden. Nun ist er mit dem, was ihm am nächsten ist, eine ernsthafte Beziehung eingegangen: mit sich selbst. »Baby«, sein Freund, ist, sowohl was Aussehen als auch Charakter betrifft, ein exakter Klon von ihm – nur eben um 23 Jahre jünger. Das verhalf dem Jungen auch zu seinem Spitznamen.

Die Partys, die wir früher in Gunthers Wohnung (4. Stock) mit den flotten Leuten aus der Wiener Gesellschaft feierten, finden ebenfalls nicht mehr statt. Gunther hat sich glücklich im Universum seiner Trips verloren, was ja an sich cool für einen Mann Mitte sechzig ist. Vergangenen Samstag saß er um die Mittagszeit neben Marcus in dessen Cabrio. Sie fuhren die Mariahilferstraße hinunter, offenes Dach, laute Musik. Plötzlich verlangte Gunther: »Wir müssen an der nächsten Haltestelle aussteigen.« Manchmal frage ich mich, ob ich nicht auch damit beginnen sollte, dieses Zeug zu rauchen. Weiß Gott, bei welcher Gelegenheit ich dann schließlich abheben würde.

Seitdem ich zur Enttäuschung meiner Nachbarn keine Supermodels mehr in mein Bett mit heimbringe, gehört es zu den Höhepunkten im Laudonplace, wenn Minka (6. Stock) mit ihrem Mann und ihrem sechs Monate alten Jungen aus Bosnien zurückkommt. Jahrelang waren wir alle mit der Frage beschäftigt, ob sie heiraten und in ihre alte Heimat ziehen sollte. Sie machte beides und bekam dazu noch ein Baby. Nun ist uns allen klar, dass sie sich richtig entschieden hat. Sie lebt jetzt zwar in einer kleinen bosnischen Stadt, aber sie besitzt etwas, was uns allen abgeht – eine eigene Familie. Die Jungs werden niemals eine haben, und ich möchte dringend eine. Minkas Baby erinnert uns stets schmerzlich daran.

Die Reaktion der Jungs auf das erste Baby im Laudonplace war vollkommen unterschiedlich. Gunther konnte es nicht weniger gleichgültig sein. Patrick ist noch immer wütend, dass er seine beste Freundin Minka verloren hat, und ignoriert es vollkommen. Marcus hingegen ist verrückt danach. Er spielt stundenlang mit dem kleinen Kerl, wiegt ihn in seinen Armen, füttert und verhätschelt ihn. Und wenn dann die Heilige Familie aus Bosnien zu Bett gegangen ist, sitzt er bei mir mit einem Weinglas auf der Couch und erzählt mir, worin der eigentliche Fluch bestehe, wenn man schwul sei: Man weiß, dass man niemals eine eigene Familie besitzen wird. Und er sehnt sich verzweifelt danach. Daher haben wir vereinbart, dass ich sein Baby für ihn bekommen würde, wenn es für mich knapp geworden ist und ich noch Single sein sollte.

Ein Haufen Durchgeknallter, die immer füreinander da sind

Derzeit steckt Marcus, der schönste Mann der Welt, in einer Beziehung mit einem nervigen und ehrgeizigen jungen Anwalt, der unsere unverschämte Chuzpe hasst und behauptet, wir wären alle Irre. Stimmt vielleicht. Aber wer kann schon von sich behaupten, dass er den Luxus genießt, in einem Haus mit einem Haufen Durchgeknallter zu leben, die einander bewundern und einfach immer füreinander da sind, wenn man sie braucht (und manches Mal auch, wenn man sie nicht braucht)?

Der Anwalt hat Marcus mittlerweile in eine Hausfrau verwandelt. Er kauft für ihn die Lebensmittel ein, und dann kocht er das Abendessen in der Wohnung seines Gatten. Was nicht so schlimm wäre, würde er nach Dinner, TV und Sex nicht wieder heimkehren. Der Gatte behauptet nämlich, Marcus schnarche, und verlangt von ihm, auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen. Und am Morgen schmeißt er ihn aus der Wohnung, wenn er zur Arbeit geht. Deshalb zieht es Marcus jetzt vor, daheim zu übernachten. Das hat den Vorteil, dass wir noch ein Glas Wein auf seiner Terrasse trinken können, bevor wir zu Bett gehen.

Die größte Veränderung, die im Laudonplace stattgefunden hat, ist das Bordell, das sich in der obersten Etage breitgemacht hat. Der Sexspaß, der in diesem Haus einmal herrschte, wurde jetzt durch professionellen Verkehr ersetzt. Das ist ziemlich reizlos. Jedes Mal, wenn Marcus eine Prostituierte oder einen offensichtlichen Kunden im Aufzug trifft, schickt er uns angewiderte SMS über diese schrecklichen Begegnungen. Wir machen dann Witze und schlagen vor, er sollte doch, sofern er auf einen attraktiven Klienten träfe, den Kerl entführen. Ist aber noch nicht passiert. Leider.

Laudonplace durchlief genau dieselbe Veränderung wie die übrige Gesellschaft auch. Es ist wie der Übergang von den achtziger zu den neunziger Jahren: Der goldene Schimmer, die wehenden Mähnen, Berge von Kokain und Funk-Musik wurden verdrängt von Minimalismus, Yoga, makrobiotischer Kost und den Songs von Massive Attack. Und was erleben wir jetzt in der Wirtschaftskrise: Die Milliarden, die einst von Hedgefonds in Bewegung gesetzt wurden, sind Millionen verlorener Arbeitsplätze gewichen. Möglich, dass wir bald unsere eigene Haut zu Markte tragen müssen.

Vielleicht werden Marcus und ich eines Tages tatsächlich ein Baby miteinander haben und eine Laudonplace-Familie gründen. Vielleicht werde ich bald meinen Mann finden und ausziehen. Vielleicht wird Minka wieder zurückkehren. Vielleicht werden die Jungs auf immerdar hier leben. Vielleicht auch nicht.

 
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