USA Bitte nicht anfassen!

Die Acoma-Indianer in New Mexico sind stolze Traditionalisten. Sie leben ohne elektrisches Licht und mit den Ahnen. Reisende dürfen die uralten Dörfer besichtigen.

Fred Stevens ist ein freundlicher Mensch. Selbst Fragen wie »Sprechen die hier alle indianisch?« bringen ihn nicht aus der Fassung. Nur wenn sich während des von ihm geführten Rundganges einer aus seiner Gruppe löst, um das merkwürdige In- und Übereinander dieser kastenartigen Behausungen näher zu betrachten, gerät der Guide vom Stamm der Acoma ins Schwitzen. Seine tiefbraunen Augen huschen unruhig hin und her, die staubige Gasse nach Lebenszeichen absuchend. Hat jemand das gesehen? Wird es wieder eine Beschwerde geben? Denn die Acoma-Indianer, die hier oben ausharren, ohne Elektrizität und fließend Wasser, sind stramme Traditionalisten, die nicht gestört werden wollen, von Touristen schon gar nicht. Und als der eigensinnige Besucher seinem »Stay with me« nicht sogleich folgt, schiebt Fred ein flehendes »pleeeaaaase« nach.

Das wirkt, die Gruppe folgt fortan brav den Anweisungen des Führers, die da lauten: Immer in der Mitte der Gasse gehen; keine Videos und Filme, nur Standfotos; keine Fotos von Menschen; nicht an Türen klopfen; nicht durch Fenster gucken; nicht in der Kirche, nicht auf dem Friedhof fotografieren; und schon gar nicht in die Kivas, die runden Zeremonialräume, hinabklettern. »Dont even think about it«, nicht einmal im Traum dran denken soll man, und wenn man sich Fred so anschaut, wie er bei jeder Kiva, an der man vorbeikommt, nervös auf der Unterlippe herumbeißt, bekommt man den Eindruck, dass er den Zweck der aus manchen der flachen Dächer ragenden, in die Zeremonialräume hineinführenden Leitern am liebsten nie erklärt hätte. Mainstream-Amerika scheint Lichtjahre entfernt, hier bewegen wir uns in einer Welt, deren Ursprünge gut 700 Jahre älter sind als fast alles, was die USA sonst zu bieten haben.

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Der Ort Acoma sitzt auf einem Felsentisch, der Mesa, hoch über dem Talboden, in der leeren, 2000 Meter hohen Hochwüste der Nordwestecke New Mexicos. Canyons und ausgetrocknete Flussbetten, geborstene Sandsteinwände, Geröllfelder, von Wind und Wetter skelettierte Felsentürme: Ein anziehend-abstoßendes Land aus Stein ist dies. Die zu den Pueblo-Indianern gehörenden Acomas, die sich selbst als Haaku bezeichnen, nennen die festungsähnliche Siedlung auch »den Ort, der schon immer da war«, sie ist das spirituelle Zentrum ihrer jahrtausendealten Kultur. Ihre Vorfahren legten sie im 11. Jahrhundert an, um vor den Angriffen der Apachen und Navaho sicher zu sein. Heute gehört sie zusammen mit den Hopi-Festungen Oraibi und Walpi drüben in Arizona zu den am längsten durchgehend bewohnten Orten Nordamerikas.

Für die spanischen Konquistadoren waren die 120 Meter hohen Mesa-Wände Acomas indes kein Hindernis. 1598 eroberte ein Kontingent unter dem Befehl des grausamen Don Juan de Oñate Acoma und tötete dabei rund 2000 Männer, Frauen und Kinder. Keine 500 Stammesangehörige überlebten den ungleichen Kampf – gegen die spanischen Musketen und Kanonen konnten die Acomas mit ihren Speeren und Keulen wenig ausrichten. 1641 errichteten die Spanier an der höchsten Stelle der Mesa die Kirche San Esteban del Rey. Die überlebenden Acomas akzeptierten die Taufe, nahmen spanische Namen an und lebten hernach, Ackerbau und etwas Viehzucht treibend, fernab der Zeitläufte, in einer der entlegensten und wirtschaftlich uninteressantesten Gegenden Nordamerikas. Spanien, Mexiko oder die USA – wer gerade das Sagen hatte, kümmerte den Stamm wenig. Selbst die Gründung des Reservats 1864 blieb für die Entwicklung des Stammes folgenlos.

Dann jedoch brach das 20. Jahrhundert über ihn herein, erst mit der unweit verlegten Route 66, dann mit Hollywood, das 1929 mit Redskin den ersten von vielen Western auf der Mesa drehte und 1941 mit Sun Down sogar einen Film, in dem die Mesa-Feste, die vom Talboden aus einem mit dem Sandstein verschmolzenen Adlerhorst gleicht, für eine Sarazenenfestung herhalten musste. Geld oder gar Bildung brachte weder das eine noch das andere. Die Uranminen der Umgebung, die nach dem Zweiten Weltkrieg viele Acomas von den Feldern in die Bergwerke gelockt hatten, waren Anfang der 1980er Jahre schon wieder erschöpft. Da betrug die Arbeitslosenquote im Reservat über 80 Prozent.

Marvis Aragon jr. rührt den Milchschaum seines Cappuccinos unter und fischt mit dem Löffel nach Schokobröseln. Das Restaurant des Sky City Casino Hotel ist rappelvoll, gerade kämpft sich eine Busladung Ausflügler aus Albuquerque zwischen den Tischen zum Buffet durch – sie wollen sich stärken, bevor sie zum stammeseigenen Kasino ein paar Säle weiter ziehen. Die Legalisierung des Glücksspiels Ende der achtziger Jahre erschloss vielen Stämmen eine neue Einnahmequelle. Auch im Sky City Casino Hotel brummt das Geschäft. Aragon lächelt zufrieden und führt die mit traditionellen Motiven (haarfeine Linien symbolisieren Regen, Sonne und Berge) verzierte Tasse an die Lippen.

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