Streik Der Kita-Kampf
Erzieherinnen werden selbstbewusster. Sie streiken zu Recht für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld
Funktionäre der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di formulieren es manchmal so: Was früher die Müllmänner waren, sind heute die Erzieherinnen. Damit wollen sie sagen, dass die wichtigste, weil größte Kampftruppe im öffentlichen Dienst gewechselt hat. Einst waren es die Männer in Orange – eine große, zum Streik bereite Gruppe, bei der es der Bürger unmittelbar zu spüren bekam, wenn sie ihre Arbeit liegen ließ. Nun sind es die Erzieherinnen. Der aktuelle, bundesweite Arbeitskampf ist ihr erster eigener überhaupt, außer ihnen sind nur Sozialarbeiter an dem Ausstand beteiligt.
Zunächst streiken sie für bessere Arbeitsbedingungen. Das ist in einer Rezession, die im dramatischen Tempo die öffentlichen Kassen leert, kein einfaches Ziel. Auch wenn die etwa 250.000 Kindergärtnerinnen, um die es geht, eine Verbesserung verdient haben. Zugleich geht es darum, dass hier eine Berufsgruppe um einen neuen Platz in der Gesellschaft kämpft. Sie wollen die Bedingungen, unter denen Landesminister, Bürgermeister und Kämmerer sie arbeiten lassen, nicht mehr hinnehmen.
Nur in Kiel müssen sie erst einmal aussetzen. Dort hat ein Arbeitsgericht den Streik mit einer einstweiligen Verfügung gestoppt: Es seien nicht alle Verhandlungsspielräume ausgelotet, ein Streik sei mithin verfrüht. Das wird ver.di aber in der nächsten Instanz anfechten. Man will ihn weiterführen, diesen unbefristeten Streik, zu dem ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufgerufen haben. Betroffen sind Kitas und kommunale Sozialeinrichtungen in praktisch allen Bundesländern, nur Hamburg und Berlin sind ausgeschlossen, da dort regionale Tarifverträge gelten.

Wie viele Kinder betreuen Erzieher in Deutschland, was verdienen sie, wie ist die Lage in den Nachbarländern? Unsere Grafik zeigt die wichtigsten Daten. Klicken Sie auf das Bild, um sie zu öffnen!
Konkret fordern die Gewerkschaften neue Regeln zum Gesundheitsschutz: Viele Erzieherinnen leiden unter Lärm, schlechtem Mobiliar, Stress und psychischen Belastungen in den oftmals überfüllten Kitas. Künftig, so die Forderung, sollen diese Faktoren regelmäßig in jeder Kita geprüft und nötige Verbesserungen durchgesetzt werden. Geld, um schnelle Abhilfe zu schaffen, wäre just in diesem Jahr vorhanden: aus den staatlichen Konjunkturpaketen. Statt aber in frühkindliche Erziehung und die Erzieher zu investieren, wird in den meisten Kommunen wieder Beton angerührt. Und frischer Asphalt gewalzt.
Im Hintergrund, das bestätigen ver.di-Funktionäre, zielt der Streik noch auf ein weiteres Thema. Die Gewerkschaften verhandeln seit Monaten mit den kommunalen Arbeitgebern darüber, in welche Entgeltgruppen die Erzieherinnen gehören. Da geht es um viel Geld. Zu dieser Frage ist kein Arbeitskampf möglich, denn der entsprechende Tarifvertrag läuft erst Ende nächsten Jahres aus. Das Problem der Erzieherinnen: Als vor vier Jahren das gesamte Tarifsystem umgekrempelt wurde, fiel für sie der nach Berufsjahren gestaffelte Aufstieg in höhere Einkommensstufen weg. Kindergärtnerinnen, die seither neu eingestellt wurden, können heute nur noch maximal 2470 Euro im Monat brutto verdienen. Früher erreichten sie inklusive verschiedener Zulagen in der Spitze gut 300 Euro mehr.
- Datum 12.06.2009 - 08:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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Es ist schon erstaunlich, daß die Berufsgruppen, von denen das Wohl unserer Gesellschaft abhängt, ein geringes Ansehen hat. Ein Kabarettist fragte mal, was wohl mehr auffallen würde - wenn alle Bankmanager, Investmentberater, Versicherungsberater auf einmal verschwinden würden oder wenn alle Krankenschwestern, Erzieherinnen, Altenpfleger und Lehrer verschwinden würden.
Wenn ich die Erkenntnisse der Industrie auf den öffentlichen Dienst umlege, dann sind etwa 60-80% aller mittleren oder oberen Manager schlicht und einfach überflüssig. Da könnte man langfristig einen vernünftigen Personalabbau betreiben und die freiwerdenden Gelder in einer bessere Bezahlung der unteren Berufsgruppen und die notwendigen Ausstattungen stecken.
Es ist doch bezeichnend für dieses verkehrte System, dass alle, die Ihre Arbeit im Dienste des Menschen (für Kinder, Schüler, Kranke, Alte usw.) leisten, am Ende der sozialen Rangordnung angesiedelt sind, zumindest in der Bezahlung, jedoch alle, die mit Sachwerten oder auch nur mit virtuellen Werten zu tun haben, oft irreal überbezahlt werden. Das ist der Preis für unsere einseitig ökonomisierte Gesellschaft. Hier einen gerechten Ausgleich zu schaffen, wäre auch die vordringliche Aufgabe der Politik; leider verheddert sie sich lieber im Parteiengezänk und im Gestrüpp des ausufernden Lobbyismus.
Es ist schon bedauerlich das den Erzieherinnen netto so wenig bleibt, weil der Steuer- und Sozialstaat das Arbeitseinkommen so gnadenlos belastet. Da sind Lohnerhöhungen nur Kosmetik in einem fehlerhaften Prinzip aufgeblähter staatlicher Umverteilung.
Das die Kitas so wenig politische Aufmerksamkeit erhalten ist anscheinend auch symptomatisch für eine abgehobene politische Kultur. In unseren Nachbarländern existiert die Kinderbetreung, die frühkindliche Förderung und funktioniert seit Jahrzehnten im Interesse der Eltern, die ihre Berufstätigkeit und ihr Familienleben realisieren können. Bei uns wird eine Familienministerin, die sich des Themas annimmt, angefeindet und selbst als Mutter verspottet und das von kinderlosen profilierungswütigen Politgockeln und -Xantipen, die lieber globale Gipfelevents bereisen um z.B. das zukünftige Klima zu retten. Die Zukunft im sozialen Umfeld wird durch die Folgegenerationen gestaltet, auch durch Vernachlässigung der realen menschlichen Lebenssitualtionen vorort.
Hier gibt es eine Fehlinformation, in Hamburg wir sehrwohl gestreikt, und zwar heute und morgen!
Verdeckt geht es mal wieder um das liebe Geld. Ginge es nur um Gesundheitsaspekte wäre die Sache längst vom Tisch. Denn dies dürfte wohl den meisten Eltern auch vermittelbar sein, aber so haben Eltern Ausfälle, die sie mit spontanen Urlaub lösen müssen, nur weil die Gier bei GEW und verdi wieder ausgebrochen ist.
Da wird die Kita einfach mal dicht gemacht, und unsereins weiß nicht wohin mit dem Nachwuchs. Ich finde es ehrlich gesagt ein Unding bei gültigem Tarifvertrag schon wieder zu streiken. Eine private Kita wäre vielleicht doch die bessere Wahl.
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"that book is dead sexy" -- Xach on #lisp about "Practical Common Lisp"
... stimmt. Der Text ist aus der gedruckten Zeit der letzten Woche, da wurde in Hamburg noch nicht gestreikt. Diese Woche hat sich das allerdings geändert.
Parvin Sadigh, Redaktion ZEIT ONLINE
... stimmt. Der Text ist aus der gedruckten Zeit der letzten Woche, da wurde in Hamburg noch nicht gestreikt. Diese Woche hat sich das allerdings geändert.
Parvin Sadigh, Redaktion ZEIT ONLINE
Ich kann nur zustimmen, was die Notwendigkeit betrifft, den Beruf der Erzieher/innen aufzuwerten. Aber das muss einhergehen mit verbindlichen Qualitätsanforderungen. Es ist ein Grundproblem und Fehler, dass die frühkindliche Betreuung in Deutschland ein so niedrigens Anforderungsprofil hat. Zum Glück ändert sich das zur Zeit. Die Bezahlung ist derzeit äußerst ungerecht: Für die Guten, Engagierten und menschlich Interessierten ist es schändlich wenig, aber für die Schlechten zu viel - da spreche ich leider aus eigener Erfahrung.
... stimmt. Der Text ist aus der gedruckten Zeit der letzten Woche, da wurde in Hamburg noch nicht gestreikt. Diese Woche hat sich das allerdings geändert.
Parvin Sadigh, Redaktion ZEIT ONLINE
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