Autotest Sehnsucht nach der Serengeti
ZEIT-Redakteur Hanns-Bruno Kammertöns fährt ein rollendes Jägerzimmer, den Range Rover TD V8. Und trauert um den Mythos Geländewagen
© Land Rover

Artgerechte Umgebung: Allerdings dürften die wenigsten Range Rover jemals so tiefen Schlamm sehen
Ein Quantum Trost lautet der Titel des letzten Bond, ein Film, der dem Zuschauer einiges zumutet. Geschnitten von offenbar völlig entfesselten Cuttern, schießen die Bilder nur so von der Leinwand. Wenn der Cineast nach 102 Minuten endlich ins Freie taumelt, sich Gefühle und Gedanken langsam ordnen, dann ergibt sich folgender Stand: In Erinnerung wird die sehr begabte Olga Kurylenko bleiben, der verbeulte Daniel Craig und vor allem der fast unverbeulte, silberfarbene Range Rover, der anders als etwa die ebenfalls mitrasenden Aston Martins das Finale des Films erlebt. Ein großes Happy End für ein großes Auto, und damit nicht genug: In einer Szene ärgster Not, James Bond braucht dringend ein bequemes Flugzeug, bietet der Agent sein Auto zum Tausch. So viel ist ein »Range« im Dschungel allemal wert. Wenig später ist 007 auch schon in der Luft.
Es zeugt von Stil, dass die Bond-Produzenten dieser Auto-Ikone noch einmal die große Bühne bereiten. Denn die Krisenwirklichkeit des Jahres 2009 mit ihren Abwrackprämien und Boni-Debatten meint es nicht gut mit all den rollenden Jägerzimmern. Überall liegen die Nerven blank, das spürt auch der Fahrer eines Range. Lange durfte er sich wegen des Matsch- und Modderpotenzials seines Fahrzeugs respektiert fühlen, beneidet um dieses fast drei Tonnen schwere Zeugnis britischer Automobilkunst, dem zur Vollendung seines Interieurs eigentlich nur ein Kamin fehlte. 1970 war es kein Geringerer als Prince Charles, der einen der ersten Range Rover bekam. Vielleicht war der britische Thronfolger nie glücklicher als in diesem Moment, alte Fotos zeigen die tiefe Freude, die er am Steuer sitzend verspürt.
Und heute? Wer die großen Autohäuser etwa in Hamburg beobachtet, der wird den Eindruck nicht los, als sei den Geländewagen urknallmäßig der Sprit ausgegangen, als hätten sie es so eben noch auf den Hof geschafft. In langer Reihe stehen sie da, hier und da die Reifen schon halb platt. Dann kommt jemand, rangiert einen Vormittag hin und her, um einen Abverkauf vorzutäuschen. Mittendrin auch ein Range Rover. Ein trauriges Bild. Mit solchen Autos haben Generationen von Entwicklungshelfern in Afrika Reisfelder inspiziert, hat Urwalddoktor Daktari Hausbesuche gemacht, ist Professor Bernhard Grzimek vom Hessischen Rundfunk die Serengeti abgefahren. Krise? They go anywhere, heißt es. Sie kommen überall durch. Schon ein Quantum Trost.
Technische Daten:
Motorbauart: Twin-Turbo-Dieselmotor
Leistung: 200 kW (272 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 9,2 s
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
CO2-Emission: 294 g/km
Durchschnittsverbrauch: 11,1 Liter
Basispreis: 85.200 Euro
- Datum 04.09.2009 - 19:47 Uhr
- Serie Autotest
- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
- Kommentare 6
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mal gelesen, daß Range-Rover-Owner statistisch über ein drei mal höheres Durchschnittseinkommen verfügen, als Lenker der teutorikanischen Mercedes S-Klasse. Seitdem recke ich mich immer besonders,wenn so ein Trumm an der Ampel neben mir zu stehen kommt, um einen Blick auf den monetären Kumulationsmagneten hinter dem Volant zu erhaschen, . Aber weder der knuffige Prinz Charles, noch der Führer des Berliner Zoos waren bisher dabey .(
sehr amüsant :)
sehr amüsant :)
sehr amüsant :)
"[..]Mit solchen Autos haben Generationen von Entwicklungshelfern in Afrika Reisfelder inspiziert, hat Urwalddoktor Daktari Hausbesuche gemacht, ist Professor Bernhard Grzimek vom Hessischen Rundfunk die Serengeti abgefahren. Krise? [...]"
Und genau dafür wurden die Teile auch gemacht und nicht um irgendwelchen Großstadtcowboys ein falsches Freiheitsgefühl vorzugaukeln. Insofern begrüße ich die Rückkehr der Vernunft und trauere diesen spritschluckenden Relikten auf unseren Straßen kein bißchen nach! Stattdessen begrüße ich die scheinbare Rückkehr zur Vernunft (auch wenn sie nur dem Geldbeutel geschuldet ist).
Im Dschungel und überall wo solche Autos wirklich gebraucht werden haben sie immernoch ihre Daseinsberechtigung und werden wohl auch nicht so schnell verschwinden.
Wo ist denn der dborrmann? Im Urlaub?
Ohne seine salomonischen Kommentare hab' ich jetzt ja gar keinen Anhaltspunkt, ob dieser Geländewagen in der Zeit besprochen werden darf...
Oh weiser Zurückweiser alles Schönen und Schnellen, komme zurück und versüße mein Leben mit Deiner automobilen Verachtungspoesie!
Mit sehnsüchtigen Grüßen
des Petrolheads Nyffenschwander
Lieber Herr Kammertöns,
da ist wohl die Romantik etwas mit Ihnen durchgegangen:
"...Mit solchen Autos haben Generationen von Entwicklungshelfern in Afrika Reisfelder inspiziert, hat Urwalddoktor Daktari Hausbesuche gemacht, ist Professor Bernhard Grzimek vom Hessischen Rundfunk die Serengeti abgefahren. ..."
Über Grzimek kann ich aus dem Kopf nichts genaues sagen, aber ich bin sehr sicher, dass weder "Generationen von Entwicklungshelfern" noch "Urwalddoktor Daktari" dieses Auto benutzt haben. Budgets von Entwicklungsorganisationen und Urwaldärzten sind begrenzt, und Luxusautos für britische Prinzen gehören normalerweise nicht zur Grundausstattung. Also waren und sind sowohl Daktari als auch Mitarbeitende in der Entwicklungsarbeit eher im Landrover als im Range Rover anzutreffen. (Kleiner Nitpick am Rande: Laut Artikel saß Prinz Charles 1970 in einem der ersten Range Rover. "Daktari" wurde in den 60ern gedreht, und "Serengeti darf nicht sterben" noch früher.)
Abgesehen davon ist der Range Rover für jemanden, der "im Busch" wirklich arbeitet und nicht nur cruisen will oder alleine als Tourist reist, kein besonders praktisches Auto. Zu viel Schnickschnack, zu wenig Stauraum. Unter praktischen Gesichtspunkten kommt hier eigentlich nur ein Toyota Landcruiser in Frage, und zwar die in Europa nicht vertriebene Version für 13 Personen, mit Längsbänken hinten. Damit habe ich auch schon zur Not bis zu 18 Reisende transportiert. Oder eine Tonne Reis. Oder einen Sarg.
Und zum Foto: Sooo tief ist der Schlamm doch da gar nicht. Mir fallen auf Anhieb drei vielbenutzte Überlandstraßen im Umkreis von 50 Kilometern hier im Nordwesten Tansanias ein, die nach einer langen und ergiebigen Regenzeit derzeit sehr viel schlimmer aussehen. Und dort fahren nicht hauptsächlich Range Rover, sondern täglich Dutzende Kleinbusse der Marke Toyota Hiace, und die meisten haben nicht mal Vierradantrieb.
Immerhin scheint der Range Rover recht sparsam im Verbrauch zu sein. In der Realität des "Buschs" ist der Landcruiser kaum unter 14,5 Liter auf 100 Kilometer zu kriegen.
So wenig wie Craig und seine 007-Filme dem Typ James Bond entspricht, den man sich als Bond-Fan wünscht, so wenig entspricht der Range Rover den Wünschen heutiger Range-Rover-Käufer: weniger main-stream, weniger hau-drauf, aber mehr witz und charme.
Bond und Range Rover standen mal für british way - so sind heute beide nur noch Auslaufmodelle.
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