Demokratie 220 Jahre Bundesrepublik Deutschland
Die Geschichte unserer Demokratie begann lange vor 1949 – es ist eine eindrucksvolle, bewegende Geschichte

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Im März 1848 erkämpften sich in Berlin die Menschen ihre Grundrechte
Die Republik hat gesiegt. Ihre Gegner hat die Geschichte verschlungen. Die rechten Antidemokraten, von den Monarchisten bis zu den Faschisten, sind 1945 zur Hölle gefahren, die linken 1989 zu Staub zerfallen, als über Leipzig die Freiheitssonne aufging.
Die Republik hat gesiegt. Es hat ein bisschen gedauert. Aber selbst nebenan im Westen brauchte es drei Revolutionen und eine vernichtende Niederlage im Krieg (1870), bis sich die République française endgültig durchgesetzt hatte. Auch in anderen Ländern Europas, auch in Österreich, auch in Spanien oder Portugal oder Italien, auch in der Türkei war es für die Demokratie nicht leicht.
Die Republik hat gesiegt. Doch verzagt und verdruckst blickt sie zurück auf ihren langen Freiheitskampf. Noch immer tun viele so, als sei die Bundesrepublik ein Geschenk der westlichen Alliierten gewesen, noch immer beginnen alle Chroniken 1949. Es ist wahr: Ohne die völlige Zerschlagung des »Dritten Reichs« hätte es den Bonner Anfang nicht gegeben. Genauso wahr ist aber auch, dass diese Demokratie ohne die Freiheitsbewegungen und parlamentarischen Erfahrungen der Deutschen in den anderthalb Jahrhunderten zuvor kein Erfolg geworden wäre. Nicht 60 Jahre Bundesrepublik sind in diesem Jahr zu feiern, sondern 220 Jahre: 220 Jahre Kampf um eine moderne parlamentarische Demokratie in Europa.
»Sie, und nicht wir«, hatte damals, 1789, Friedrich Klopstock mit Blick auf den Bastillesturm und die beginnende Revolution der Franzosen bedauernd geklagt. Schon im Jahrzehnt zuvor waren viele seiner Landsleute nach London gepilgert, um dort staunend die Debatten im Unterhaus zu verfolgen. Doch so still es nach außen hin blieb in Wien und Berlin und all den anderen fauligen Residenzen und Residenzchen – jetzt gärte es auch hier.
Überall bildeten sich dissidente Zirkel. In den Universitätsstädten trafen sich die freiheitsbegeisterten Studenten, in Hamburg feierten demokratisch entflammte Bürger ein Revolutionsfest, und in Königsberg vergaß Immanuel Kant zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben die Uhrzeit. Man verfolgte mit heißen Wangen die Nachrichten aus Paris und hoffte auf den Wind aus Westen, die Fürsten verschärften die Zensur. Im Rheinland, wo die Franzosen nach dem gescheiterten Rachefeldzug des Alten Europas gegen das neue Frankreich Fuß gefasst hatten, waren die Deutschen zur revolutionären Praxis übergegangen: In Mainz wurde 1793 die Republik ausgerufen. In Köln, aber auch in Ulm und anderen Reichsstädten, feilte man an neuen Konstitutionen. 1799 erschien in Basel eine Verfassungs-Urkunde wie sie in Deutschland taugen möchte: der erste Verfassungsentwurf für ein republikanisch gestaltetes Reich.
Das Vermächtnis von 1848 blieb lange lebendig
Die napoleonische Zeit brachte neue Anstöße. In Kassel, der Hauptstadt des »Modellstaats« Westphalen, wurde von 1808 bis 1810 das erste deutsche Parlamentsgebäude eingerichtet. Das Hohe Haus und seine Herren hatten indes nur begrenzte Kompetenzen, ähnlich jenen ständisch gegliederten Volksvertretungen, die nach dem Wiener Kongress 1815 in einigen deutschen Ländern entstanden. Dennoch: Auch dort, in den Landtagen von Baden oder Sachsen, konnte parlamentarische Erfahrung gesammelt werden. In diesen Kammern und ihrem Umkreis bildete sich jenes Freiheitspotenzial, das in den dreißiger Jahren für Unruhe und 1848 dann für den großen Aufbruch sorgte.
Viel ist geschrieben worden über die »Deutsche Revolution«, die tatsächlich Teil eines europäischen Umbruchs war, von Skandinavien bis Sizilien, von Paris bis Budapest. Man hat das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt am Main als weltfremd gescholten, das erste deutsche Grundgesetz von 1848 als wirkungslos abgetan. Auch wurde der entscheidende Fehler der Liberalen, vor dem Thron haltgemacht zu haben, oft getadelt. Und doch hinterließen jene zwei bewegten Jahre ein immenses demokratisches Vermächtnis, welches in dem dunklen deutschen Jahrhundert, das ihnen folgte, weiterwirkte.
Die Zäsur kam bald darauf. Nach dem preußischen Sieg im Krieg gegen Dänemark 1864 und dem Triumph über Habsburg 1866 konvertierten viele Bürger, darunter manch aufrechter Achtundvierziger, zu Bismarcks Gewaltpolitik. Fünf Jahre und einen dritten Krieg später gaben sie endgültig ihre Freiheit für die »nationale Einheit«. Andere, die standhaft blieben, sahen das mit Grausen. Solange die Deutschen dem preußischen Kommandoton gehorchen, schreibt Theodor Storm 1870, »so lange sind wir doch nur noch ein Volk von Knechten«.
Das Parlament des Kaiserreichs war in elementaren Rechten beschnitten. Der Kaiser konnte es jederzeit auflösen, den Kanzler durfte es nicht wählen, in militärischen Fragen blieb es ohnehin außen vor. Dennoch haben der Reichstag in Berlin und die Landtage großartige Parlamentarier hervorgebracht. Man denke an Ludwig Windthorst, den Zentrumsmann und Urahnen der CDU, der zu Bismarcks Gegenspieler wurde, an den Liberalen Eugen Richter, an den Sozialdemokraten August Bebel.
Ebenfalls Parlamentarier im Kaiserreich – Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung – ist Hugo Preuß gewesen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der überfälligen Implosion der deutschen Monarchien entwarf er die neue Verfassung für das Reich. Von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wie später gern behauptet, ist dieses zweite Grundgesetz, ist diese Republik von Weimar mitnichten gewesen. Sie kämpfte eindrucksvoll um ihre Chance. Ihre kulturellen und gesellschaftspolitischen Leistungen stehen in der deutschen Geschichte einzig da. Am Ende wich sie der Gewalt.
Es gibt keine geschichtsvergessenere Demokratie in Europa
Die Chronik der deutschen Demokratie bleibt eine faszinierende Geschichte. Es ist eine Geschichte der Aufbrüche und Niederlagen, des unentwegten Neubeginns. Eine Geschichte voll markanter Gestalten – Denker wie Kämpfer –, voll kompromissloser Lebenswege.
Doch wer kennt die Namen dieser Frauen und Männer? Ihre Schicksale? Sie kommen, obwohl in unseren Universitäten und historischen Instituten fleißig erforscht, in der Öffentlichkeit, im täglichen politischen Leben kaum vor. Es gehört zu den nachwirkenden Triumphen des Hitlerregimes, dass es ihm gelungen ist, diesen Teil der Geschichte aus dem kollektiven Bewusstsein der Deutschen zu löschen. Tatsächlich gibt es, die läppischen, verquälten Feierlichkeiten zu den diversen Jubeltagen der Republik belegen dies aufs Peinlichste, keine geschichtsvergessenere Demokratie in Europa als die deutsche.
Besonders schön und traurig ließ sich das 2007 am 200. Geburtstag Robert Blums erleben. Blum, der brillante Republikaner und vor Bismarck das politische Idol des Bürgertums (und der Arbeiterschaft!), war nach seiner Ermordung durch das Habsburger-Regime am 9. November 1848 in Wien von ganz Europa zum Märtyrer der Freiheit verklärt worden. Nichts davon ist geblieben, nichts davon wird noch erinnert. Es gab keine Stunde, keine Minute des Gedenkens – weder im Rat von Köln, seiner Vaterstadt, noch im Berliner Bundestag. Es gab keine Rede unseres redeseligen Bundespräsidenten, nicht einmal die winzige Ehre eines Sonderpostwertzeichens ward Blum zuteil. Auch in den Medien Schweigen. Die große liberale Süddeutsche Zeitung füllte just an seinem Geburtstag ihre Geschichtsseite mit einem Aufsatz »zum hundertjährigen Bestehen des Norwegischen Ruderclubs in Berlin«.
Die Republik hat gesiegt. Ihre Geschichte, die Geschichte ihres langen Kampfes aber wird öffentlich missachtet. Das ist rätselhaft. Das ist schade, vor allem für die Zukunft. Denn ob es ein Sieg für immer ist, »steht«, mit Marie Luise Kaschnitz zu sprechen, »noch dahin«. Wir wollen es hoffen, wissen aber auch, dass die menschliche Dummheit die einzige Ressource auf Erden bleibt, die wahrhaft unerschöpflich ist.
- Datum 19.05.2009 - 15:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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... in die Thematik einführenden Artikel.
Was mir hier bei solchen Artikeln stets fehlt, sind Hinweise zu weiterführender Literatur.
Und eine Aussage zur Weimarer Republik wie "Ihre kulturellen und gesellschaftspolitischen Leistungen stehen in der deutschen Geschichte einzig da." hört sich zwar nett an, kommt aber ohne jede inhaltliche Unterfütterung etwas lahm daher.
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