Birma Das Gespenst der Freiheit

Warum die birmanische Junta die Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi nicht freilässt

Seit Urzeiten leben in Birma mächtige Geister, die Nats. Die Menschen in dem Land, das seit einigen Jahren offiziell Myanmar heißt, verehren sie, und selbst als sie Buddhisten wurden, wollten sie nicht von ihren Geistern lassen. Sie erschufen ein Geisterpantheon mit Buddha Gautama an der Spitze. Jeder der 37 Nats hat seine Geschichte, es gibt trinkfeste und opiumsüchtige, launische und schöne, keinen aber fürchtet Birmas Junta so sehr wie jenes äußerst weltliche Gespenst, das sie seit Jahrzehnten umtreibt.

Es ist der Nimbus der 63-jährigen Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi, Tochter des Nationalhelden Aung San, deren Partei NLD im Jahr 1990 einen überwältigenden Wahlsieg davontrug – teuer musste sie dafür bezahlen. 13 der vergangenen 19 Jahre verbrachte Aung San Suu Kyi im Gefängnis oder unter Hausarrest, denn die Junta wollte nicht akzeptieren, was doch eigentlich Sinn jeder Wahl sein sollte: dass sich ein Volk sein eigenes Oberhaupt wählt. Seither muss das Regime mit ihrem Gegenbeispiel leben – was ihm in dem Moment umso schwerer fällt, in dem es vorgibt, das Land öffnen zu wollen.

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Eigentlich sollte Aung San Suu Kyi am 27. Mai freikommen, jetzt aber hat die Junta den perfekten Vorwand gefunden, um ihren Arrest möglicherweise bis auf weitere fünf Jahre zu verlängern. Vergangenen Monat schwamm der 53-jährige Mormone John William Yettaw mithilfe selbst gebastelter Schwimmflossen über den angrenzenden Inya-See auf das Anwesen Aung San Suu Kyis. Die wollte ihn abweisen, der Amerikaner aber klagte über Beinkrämpfe und verbrachte zwei Nächte auf ihrem Fußboden. Aus welchen Motiven Yettaw auch immer handelte, sei es verirrtes Gutmenschtum oder geistige Umnachtung, er gab der Junta Gelegenheit, in altbekannter Manier Verschwörungstheorien zu schmieden und Aung San Suu Kyi erneut vor Gericht zu stellen.

Doch wo immer die Generäle sie einsperren mögen, sie werden den Geist nicht los. Wird ihre Regentschaft doch gerade durch die Existenz der Frau, die alle nur die Lady nennen, als Gewaltherrschaft spürbar. In ihr spiegelt sich das ewige »Was wäre, wenn«. Je zynischer die Junta agiert – indem sie wie im Herbst vor zwei Jahren die Jagd auf demonstrierende Mönche eröffnet oder wie im vergangenen Mai dem Volk nach den Verheerungen des Zyklons Nargis sagt, es solle doch Frösche essen –, desto heller leuchtet der Stern der Lady. Längst ist sie, die nur die wenigsten in den vergangenen Jahren zu Gesicht bekamen, für viele zu einem gottgleichen Wesen gewachsen. Je mehr die Menschen aber die Lady lieben, desto verkommener erscheint ihnen die Junta.

Aung San Suu Kyi stellt für das Regime ein ernsthaftes Legitimitätsproblem dar, noch dazu zu einer Zeit, in der es die Welt glauben lassen möchte, dass es bereit ist, sich zu wandeln. Seit Jahren propagiert die Junta den Weg hin zu einer gelenkten Demokratie. Die gewährt dem Militär große Mitsprache und schließt die Lady mit einem eigens auf sie zugeschnittenen Gesetzesartikel von der Politik aus (sie sei die Witwe eines Ausländers, so der Vorwand). Noch ist unklar, ob die Generäle tatsächlich bereit sind, Teile der Macht abzugeben. Im nächsten Jahr jedenfalls sollen Wahlen stattfinden, und auch wenn die Junta einiges tun wird, das Ergebnis in ihrem Sinne zu beeinflussen, wird sie doch einen Moment der Verletzlichkeit offenbaren – und sei es nur jenen, die Erinnerung an die Wahlen von 1990 herbeizurufen. Denn genau das ist ihre Achillesferse: nicht durch Wahlen legitimiert zu sein. Auf Augenblicke der Ungewissheit aber wissen die Generäle, die in ihrer Weltabgewandtheit zutiefst verunsichert erscheinen, bislang nur mit Härte zu antworten. So war es auch, als sie nach dem Zyklon Nargis ausländischen Hilfsorganisationen anfangs die Einreise verweigerten.

Der Westen reagierte auf das Verfahren gegen die Lady wie üblich: Verlängerung der Sanktionen. Was aber soll das bringen, was hat das bisher gebracht? Solange China und Indien mit den Generälen lukrative Geschäfte machen: gar nichts. Sie verstärken nur den Verfolgungswahn einer ohnehin paranoiden Führung. Sicher ist es sinnvoll, keine Waffen nach Birma zu verkaufen, doch wäre es nicht den Versuch wert, birmanische Politiker nach Europa einreisen zu lassen, auf dass sie sähen, dass der Westen doch nicht so schlimm sei? Vielleicht entwickelten sie ja eine andere Reaktion als das ewige Angstbeißen.

 
Leser-Kommentare
  1. Bei allem Respekt. Der Artikel mag inhaltlich richtig sein, aber die im Untertitel angekündigte Antwort auf die Frage warum Aung San Suu Kyi nicht freigelassen wird bleibt er schuldig. Das sie ein "Legitmationsproblem" für die Junta darstellt ist wohl klar.

  2. Will sagen: Gegenüber einer Militärdiktatur ist Waffenfeuer die einzige Sprache der Diplomatie. Eine andere Hoffnung gibt es nicht. Pol Pot ist auch nicht in Rente gegangen, sondern vom vietnamesischen Militär vertrieben worden.

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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  3. Paranoia ist eine die Seele verzehrende Krankheit. So leben sie wie Zombies. Und es ist doch ihr einziges Leben. Wie dumm von ihnen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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  • Schlagworte Birma | Ausländer | Militär | China | Indien | Zyklon | Europa
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