Tonlos läuft der Fernseher, eine dieser mittäglichen Seifenopern. Mann und Frau in bunter Küchenkulisse, streitend. Still flirrt die Szene in den Klubraum des Gehörlosenvereins Berlin. Mario Torster schaut hin, rauchend, wartend, und hört sie nicht kommen: Karina Wuttke, die ihn nicht sieht.

Was geschieht, wenn ein Gehörloser und eine Blinde sich treffen? Es gibt ein paar Witze darüber, Slapsticks voller Sprachlosigkeit und Stolpereien, weil jeder Beteiligte nur die Hälfte dessen mitbekommt, was möglich wäre. Man erwartet nichts von diesen Begegnungen, nichts außer Komik. Doch jetzt stehen sich diese beiden gegenüber, Karina Wuttke, 32, blind seit ihrer Geburt, und Mario Torster, 39, gehörlos seit seiner.

Es würde nichts bringen, wenn sie jetzt Hallo sagte. Nichts, wenn er winken würde. So ist es ein zaghaft herbeigetasteter Händedruck, mit dem der Versuch beginnt, zwei Menschen, die sonst nicht ins Gespräch kämen, miteinander reden zu lassen. Wir haben da nämlich ein paar Fragen: Wie lebt es sich in einer Welt, die zunehmend aus Bildern und Tönen besteht? Welchen Sinn hat das Internet für einen blinden, das Handy für einen gehörlosen Menschen? Und wie hat sich die Welt darüber hinaus verändert? Vielleicht ist ein Gehörloser ja ein umso besserer Augenzeuge. Und eine Blinde eine aufmerksame Ohrenzeugin.

Um Karina Wuttke und Mario Torster kommunizieren lassen zu können, ist eine Dolmetscherin gekommen, Rita Spring, Kind gehörloser Eltern. Ihre Gebärdensprache soll die Brücke zwischen beiden sein. Noch bevor das Tonbandgerät läuft, das in dieser Angelegenheit nur von begrenztem Nutzen ist, fragt Karina Wuttke: »Wie sieht Gebärdensprache aus? Das ist doch mit den Händen, oder?«

»Ja«, sagt Frau Spring, »Gestik und Mimik.«

»Kann man damit alles sagen?«

»Vieles, wenn auch nicht so viel wie die Sprechenden.«

»Kommen denn neue Wörter hinzu?«

»Natürlich! Mit kurzer Verzögerung alles, was neu ist. Computer, Internet, MP3-Player.«

Mario Torster schaut aus wachen Augen zu und wartet, dass Frau Spring ihm übersetzt. Ihre Hände flattern jetzt wie Schmetterlinge; »Internet« ist eine fließende Bewegung. Torster lächelt, als sie ihm erklärt, dass Karina Wuttke keine genaue Vorstellung von seiner Gebärdensprache hat, gar nicht haben kann, weil sie die erst ertasten müsste. Dann gestikuliert er, deutet auf seine Lippen, öffnet und schließt sie sehr schnell. Frau Spring sagt: »Und er sagt, dass er Sie zwar reden sieht, aber Ihnen nicht von den Lippen ablesen kann. Dafür sprechen Sie zu schnell.«

Von da an läuft das Tonband, auf dem Mario Torster, von seinem Atem und einigen Vokalen abgesehen, nicht zu hören sein wird – anders als in dieser Niederschrift des Gespräches, aus dem die Dolmetscherin nun zurücktritt und für das sie doch unverzichtbar bleibt. Ihre Worte sind von nun an seine.

ZEITmagazin: Frau Wuttke, Herr Torster, fast alle Menschen haben den Eindruck, die Welt wandele sich rasant. Wie ist das in Ihrer Wahrnehmung?

Karina Wuttke: Ich finde, die Welt ist lauter geworden.

Mario Torster: Bunter.

Wuttke:(lacht) Das kann ich nicht bestätigen! Für mich ist sie ein Dschungel aus Geräuschen und Gerüchen. Seit einigen Jahren reden die Menschen mitten auf der Straße – weil sie telefonieren. Aus fast jedem Laden kommt Musik. Es wird viel Englisch gesprochen. Und die Mädchen tragen wieder Absatzschuhe, oder? Jedenfalls macht es auf den Bürgersteigen klack-klack-klack. Wenn im Sommer Geschäfte und Restaurants ihre Fenster offen haben, riecht es herrlich nach Gewürzen, Seife, Döner, Kaffee. Ich bin ja in der DDR geboren, da gab es hin und wieder einen Bäcker. Das war’s.

ZEITmagazin: Sie klingen geradezu begeistert.

Wuttke: Mir hilft das. Die Geräusche und Gerüche in einer Einkaufsstraße sind mein innerer Stadtplan. Nur Autos sind leiser geworden. Die sind oft näher, als ich glaube.

ZEITmagazin: Gefährlich.

Wuttke: Gewöhnungsbedürftig.

Die Dolmetscherin lässt wieder ihre Hände fliegen, Karina Wuttke horcht in die Stille, Mario Torster liest aus Frau Springs Gesten. Er sieht die beiden Frauen reden, lachen und muss auf eine Erklärung warten. Wer denkt, ein Gehörloser habe es leichter, weil er ja »nur« nicht hören kann, hat sich in diesem Fall getäuscht. Es ist ein Interview mit Zeitverzögerung.