Filmfest Im Schneideraum der SeeleSeite 4/4

Warum eigentlich? Die Hoffnung, dass die archaische Verbindung von Sex und Schuld an einem von so vielen Avantgardegeistern bevölkerten Ort wie Cannes ein wenig aufgelockert werden könnte, wird sich wohl auch in diesem Jahr nicht erfüllen. Im Gegenteil! In Lars von Triers neuem Film führt der Sex geradewegs in den Weltuntergang.

Antichrist ist ein gefilmtes Triptychon, eingeteilt in die Kapitel Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Zu Beginn sieht man Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg als Ehepaar in einer halbpornografischen Liebesszene. Zeitgleich zum Orgasmus stürzt der kleine Sohn der beiden aus dem Fenster. Um die Depression der Mutter zu überwinden, zieht sich das Paar in eine Waldhütte zurück. Während er, von Beruf Therapeut, versucht, die Panikattacken und Zusammenbrüche seiner Frau mit Rollenspielen zu überwinden, driftet sie in eine Wahnwelt ab, die bald den gesamten Film infiziert.

Eines muss man Lars von Trier lassen: Wenn er einen moralischen Diskurs führt, dann bis zum bitteren, penetranten, unerträglichen Ende. In Antichrist verbindet sich die archaische Angst vor der weiblichen Sexualität und vor der Natur mit von Triers künstlerisch kultiviertem und mehr oder weniger sublimiertem Frauenhass. Der dunkle Wald wird zur satanischen Versuchung, der die Frau erliegt. Gainsbourg, die diese Rolle mit einer Mischung aus Verlorenheit und urwüchsiger Aggression spielt, entwickelt sich zum halbnackten, mörderischen Hexenwesen. Sie wird das Geschlechtsteil ihres Mannes mit einem Holzscheit zertrümmern. Sie wird ihm das Bein durchbohren und einen schweren Schleifstein daran schrauben. Und dann dieses Bild, das die ganze Leinwand ausfüllt: Gainsbourg, die sich ihre Klitoris mit einer Schere abschneidet.

Es ist, als wolle von Trier die christliche Sündenmythologie, als wolle er all die offenen und unterirdischen Muster und dunklen Schuldvorstellungen, die unsere Kultur durchziehen, an zwei modernen Schauspielerkörpern durchexerzieren.

Sein Film zeigt das Ende eines Paares, das Ende des Geschlechterkampfes. Das Ende der Liebe. Das Ende der Menschheit. Antichrist ist die reine Apokalypse .

Vielleicht sollte man das Mutter-Teresa-Bild wirklich noch ein Weilchen hängen lassen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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