Kapitalismus : Wir könnten auch anders

Warum brauchen wir Wirtschaftswachstum? Weil sonst Firmen sterben. Weil dann Menschen arbeitslos werden, arm und unglücklich. Ist das unausweichlich? Eine Alternative muss her
Einkaufswagen am Supermarkt: Wie lange können wir unserer Konsumlust noch frönen?

Dass die Adam Opel GmbH einer der großen Verlierer der Wirtschaftskrise ist, weiß man inzwischen, aber wer ist der Gewinner? Dass es den Unternehmen schadet, wenn Autos ungekauft auf Parkplätzen stehen, Fließbänder nicht mehr fließen und auf Schifffahrtsstraßen nur hin und wieder ein paar Fische vorbeiziehen, hat man mittlerweile begriffen, aber wem nützt es?

Oder gibt es in dieser großen, die ganze Welt umfassenden Krise gar keinen Gewinner?

Doch, es gibt ihn. Man findet ihn allerdings nicht in den Werkshallen von Opel, auch nicht in den Chefetagen der Frankfurter Bankentürme. Man muss etwas weiter hinaufsteigen, auf die Zugspitze zum Beispiel. Dort oben, knapp unterhalb des Gipfels, in 2650 Meter Höhe, wo der Blick im Sommer wie im Winter auf den Schnee des Gletschers fällt, beschäftigt sich ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes mit der Luft. Er untersucht sie, wertet sie aus, so wie ein Frankfurter Finanzanalyst die Unternehmensdaten von Opel auswertet und sie in ermutigende und beunruhigende Bestandteile zerlegt. Der beunruhigende Bestandteil der Luft ist das Kohlenstoffdioxid, kurz CO 2 , das wichtigste sogenannte Treibhausgas. Es entsteht vor allem durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Je mehr CO 2 in der Luft ist, desto wärmer wird die Erde.

Alle fünf Minuten misst das Umweltbundesamt auf der Zugspitze den CO 2 -Anteil der Luft. Er steigt immer weiter, in den Alpen , in der algerischen Sahara, auf dem Mount Wiguan in China oder an den weltweit zwanzig weiteren Messpunkten des Global Atmosphere Watch Program der Vereinten Nationen.

Grafisch dargestellt, zeigt die Entwicklung der weltweiten CO 2 -Emissionen während der vergangenen sechzig Jahre eine Linie, die von links unten nach rechts oben führt. Die Linie sieht aus wie die Umsatzkurve eines erfolgreichen Autoherstellers. Sie hat auch viel damit zu tun. In den vergangenen sechzig Jahren ist die Weltwirtschaft stärker gewachsen als vom Beginn der Zeitrechnung an bis zum Zweiten Weltkrieg.

Die Umsatzkurve eines Automobilunternehmens steigt nie kontinuierlich. Es gibt Jahre, in denen die Leute wenige Autos kaufen. Auch die weltweite CO 2 -Kurve knickt hin und wieder ein. Mitte der Siebziger war das so, oder auch Anfang der Achtziger und der Neunziger. Es waren die Jahre, in denen es der Weltwirtschaft schlecht ging und weniger Autos gebaut wurden.

In diesem Jahr wird Opel besonders wenig Autos bauen. Die kommenden Monate werden furchtbar für Unternehmen überall auf der Welt werden. Das Ökosystem der Erde aber wird sich ein klein wenig erholen. Die Wirtschaft wird schrumpfen, und die Natur wird wachsen. Das ist die gute Nachricht der Weltrezession.

Es ist eine Nachricht, über die man einen Moment lang nachdenken muss. Schon vor der Pleite der Lehman-Bank war auf der Welt viel von einer Krise die Rede, allerdings nicht von einer Krise der Wirtschaft, sondern von einer Krise des Grönlandeises. Es war die Rede von wachsenden Wüsten, gerodeten Regenwäldern und versalzenen Böden.

Man konnte damals im Fernsehen sehen, wie ein Hurrikan die amerikanische Stadt New Orleans zerstörte und 1800 Menschen tötete, wie bei Überschwemmungen in Indien und Bangladesch 3000 Menschen starben. Man konnte auf Klimagipfeln besorgt dreinschauende Regierungschefs sehen, die sagten, es sei höchste Zeit zum Handeln. Sie sprachen von Solaranlagen und Windkraftwerken und fügten an, man dürfe nicht Ökonomie und Ökologie gegeneinander ausspielen.

Die Ökonomie wurde nicht ausgespielt. Im Gegenteil. Sie wuchs weiter. Allein seit dem Jahr 2000 stiegen die weltweiten CO 2 -Emissionen um zwanzig Prozent, stärker als in den achtziger und neunziger Jahren.

Was alle Sonnenkraftwerke der Welt bisher nicht geschafft haben, erledigt nun die Rezession: Die CO 2 -Emissionen sinken. Offenbar gibt es keinen besseren Klimaschutz als ausbleibendes Wirtschaftswachstum. Weshalb sich die Frage stellt, ob man auch ohne Wachstum auskommen könnte. Eine seltsame Frage in einer Zeit, in der die ganze Welt auf steigende Umsätze hofft.

Aber vielleicht könnte die Wirtschaft als Ganzes auch ähnlich funktionieren wie der Mensch.

Ein Mensch benötigt zum Leben etwa 2500 Kilokalorien, ein paar Liter Wasser und etwas Sauerstoff. Er benötigt das jeden Tag, in jedem Jahr. Er braucht nicht morgen mehr als heute und übermorgen noch mehr. Warum muss das anders sein, wenn es um Unternehmen und Konzerne geht? Warum muss Opel immer mehr Autos verkaufen? Warum brauchen wir immer mehr Besitz, mehr Gewinn?

Warum brauchen wir unbedingt Wirtschaftswachstum?

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Kommentare

130 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Trotzdem enthält der Artikel eine fundamentale Lüge:

Uchatius schreibt: "Das unkontrollierte Wachsen der Geldmenge hatte erst ein Ende, als überall auf der Welt staatliche Zentralbanken eingeführt wurden. Die gibt es heute noch."

Weder die Zentralbank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ, noch die US-FED sind "staatlich":
BIZ: "Aktionäre sind Zentralbanken und trotz der neuen Statuten existieren immer noch einige Privataktionäre."
FED: "... ist das Federal Reserve System teils privat und teils staatlich strukturiert".

Das "Öffentliche" darf getrost als Feigenblatt tituliert werden, da wir, der Souverän, von der Mitwirkung völlig ausgeschlossen sind.

Sämtliche Macht sollte in einem demokratischen Gemeinwesen durch freie und öffentliche Wahlen legitimiert sein, die Geldmacht ist es sicher nicht. Es ist auch nicht anzunehmen, daß die 400 reichsten Familien der Erde, die allein über mehr als 50% des globalen "Vermögens" gebieten, freiwillig ihren Platz räumen.
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

Capitalismus ist ein Schneeball system.

Ein wirklich sehr schöner Artikel, doch das wort "Wachstum" wird generell in den Köpfen falch verstanden und Falch Definiert, "Wachstum" kann in Verschiedenen Formen definiert und Umstrukturiert werden, ob Ökonomisch Ökologisch oder Capitalistich. Sehr sinnvoll ist der Gedanke mit dem "Grundeinkommen", statt vierzig stunden zwanzig stunden, nur hätte es sich besser gelesen wen sie die Finanzierung dazu geschrieben hätten "dazu muss der Meyer je nach Qualifikation und Können jederzeit einsatz bereit sein, das kann Soziale und Handwerkliche tätigkeiten sein". Das Streben sollte also die Gemeinschaft sein und nicht das Einzelne, was Opel Falch macht ist Opel strebt einen Wachstum nach "mehr Autos produzieren und Verkaufen" was einem Schneeball system gleich kommt, den irgendwan ist schluss. Bedenken sie an einem alten Sprichwort ein einer allein kann kein bündel zweig brechen aber Gemeinsam hätte man genug Kraft dafür, Meiner meinung nach ist "Wachstum" Kein Fortschritt, Fortschritt währe es das streben nach anders Denken und Alternative Wege zu Wagen im sinne von Pionier geist, Bedenken sie die Erfindungen die die Welt verändert haben wie Telefon Fernseher oder Ähnliche beispiele, und wenn diese Fortschritte sich auch noch mit der Ökologie verträgt dan ist man schon auf dem richtigen weg.

sind wir schon so weit?

ein interessanter und zum Nachdenken anregender Artikel, ohne Zweifel. Doch ich habe Einwände, von denen ich hoffe, dass sie jemand widerlegen kann.

Der Artikel legt nahe, dass die post-wachstums-phase zum Greifen nahe ist (weil wir genügend Waschmaschinen haben) und dass es an einem Systemfehler des Kapitalismus liegt, dass wir die Kurve nicht kriegen.

Vielleicht stimmt aber beides nicht. Vielleicht erkennt man eine post-wachstums-phase daran, dass die kapitalistisch selbstregulierten Zinsen wie auch die Renditen seriöser Anlageformen so niedrig werden, dass der Renditedruck nachlässt. Natürlich wird es auch dann Anlageformen mit hoher Rendite geben um zu belohnen, dass die Anleger ein höheres Risiko eingehen. Und natürlich wird es auch dann Leute geben, die im Bewerten von Risiken besser sind als andere und die dafür vom System belohnt werden (was man nicht immer mit Bosheit kommentieren sollte).

Warum sind wir noch nicht so weit? Weil unser Wohlstand (i.S. von Waschmaschinendichte) auf zwei wackeligen Füßen steht: zum einen wurde und wird er finanziert durch einen technologischen und logistischen Vorsprung vor Ländern mit deutlich niedrigerem Lohnniveau. Zum anderen haben wir Schulden angehäuft, obwohl die demographische Entwicklung diese Schulden immer weniger Steuerzahlern aufbürdet. Daraus folgt: Kapital geht dorthin, wo das Rendite / Risikoverhältnis am günstigsten ist, und das kann durchaus im Ausland sein. Außerdem sparen die Leute zurecht, weil sie ahnen, dass sie sich nicht auf bessere Zeiten verlassen können.

wir haben keinen mangel an gütern; weder an nahrung, autos oder waschmaschinen. wenn wir wollten, könnten wir doch die produktion hochfahren und jeden haushalt der welt mit nahrung, autos und 3 waschmaschinen ausstatten... sofern das geld dafür da wäre, d.h. gleichverteilt!
ein weiteres phänomen ist doch auch, dass wir 5-10% arbeitslosigkeit haben. das wirtschaftliche system scheint an produzenten keinen bedarf mehr zu haben o_O
hier ist doch etwas faul!

national oder international?

man muss in der Debatte aufpassen, dass man die nationale Ebene und die internationale Ebene nicht zu sehr durcheinanderbringt.

weltweit gesehen haben wir einen großen Wachstumsbedarf. Und Ungleichverteilungen, die jeden deutschen Durchschnittsverdiener moralisch zu Spenden verpflichtet (ich weiß, "gut gemeint" ist das Gegenteil von "gut", aber das ist eine andere Diskussion).

National gesehen gibt es ebenfalls zunehmende Ungleichheiten, aber ich vermute, dass selbst eine einmalige Enteignung der wohlhabendsten 10% der deutschen Bevölkerung nicht annähernd helfen würde, langfristig irgend etwas zu verbessern. Man braucht nicht nur eine Waschmaschine pro Haushalt, sondern auch das Geld, Wasser, Strom und Waschmittel zu bezahlen. Irgendwann steht dann vielleicht eine Reparatur oder sogar eine Ersatzbeschaffung an. Und wenn es dann keine Millionäre mehr gibt, die man enteignen könnte, tja...