KapitalismusWir könnten auch anders

Warum brauchen wir Wirtschaftswachstum? Weil sonst Firmen sterben. Weil dann Menschen arbeitslos werden, arm und unglücklich. Ist das unausweichlich? Eine Alternative muss her von 

Einkaufswagen am Supermarkt: Wie lange können wir unserer Konsumlust noch frönen?

Einkaufswagen am Supermarkt: Wie lange können wir unserer Konsumlust noch frönen?  |  © dotmatchbox/photocase.de

Dass die Adam Opel GmbH einer der großen Verlierer der Wirtschaftskrise ist, weiß man inzwischen, aber wer ist der Gewinner? Dass es den Unternehmen schadet, wenn Autos ungekauft auf Parkplätzen stehen, Fließbänder nicht mehr fließen und auf Schifffahrtsstraßen nur hin und wieder ein paar Fische vorbeiziehen, hat man mittlerweile begriffen, aber wem nützt es?

Oder gibt es in dieser großen, die ganze Welt umfassenden Krise gar keinen Gewinner?

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Doch, es gibt ihn. Man findet ihn allerdings nicht in den Werkshallen von Opel, auch nicht in den Chefetagen der Frankfurter Bankentürme. Man muss etwas weiter hinaufsteigen, auf die Zugspitze zum Beispiel. Dort oben, knapp unterhalb des Gipfels, in 2650 Meter Höhe, wo der Blick im Sommer wie im Winter auf den Schnee des Gletschers fällt, beschäftigt sich ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes mit der Luft. Er untersucht sie, wertet sie aus, so wie ein Frankfurter Finanzanalyst die Unternehmensdaten von Opel auswertet und sie in ermutigende und beunruhigende Bestandteile zerlegt. Der beunruhigende Bestandteil der Luft ist das Kohlenstoffdioxid, kurz CO 2 , das wichtigste sogenannte Treibhausgas. Es entsteht vor allem durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle. Je mehr CO 2 in der Luft ist, desto wärmer wird die Erde.

Alle fünf Minuten misst das Umweltbundesamt auf der Zugspitze den CO 2 -Anteil der Luft. Er steigt immer weiter, in den Alpen , in der algerischen Sahara, auf dem Mount Wiguan in China oder an den weltweit zwanzig weiteren Messpunkten des Global Atmosphere Watch Program der Vereinten Nationen.

Grafisch dargestellt, zeigt die Entwicklung der weltweiten CO 2 -Emissionen während der vergangenen sechzig Jahre eine Linie, die von links unten nach rechts oben führt. Die Linie sieht aus wie die Umsatzkurve eines erfolgreichen Autoherstellers. Sie hat auch viel damit zu tun. In den vergangenen sechzig Jahren ist die Weltwirtschaft stärker gewachsen als vom Beginn der Zeitrechnung an bis zum Zweiten Weltkrieg.

Die Umsatzkurve eines Automobilunternehmens steigt nie kontinuierlich. Es gibt Jahre, in denen die Leute wenige Autos kaufen. Auch die weltweite CO 2 -Kurve knickt hin und wieder ein. Mitte der Siebziger war das so, oder auch Anfang der Achtziger und der Neunziger. Es waren die Jahre, in denen es der Weltwirtschaft schlecht ging und weniger Autos gebaut wurden.

In diesem Jahr wird Opel besonders wenig Autos bauen. Die kommenden Monate werden furchtbar für Unternehmen überall auf der Welt werden. Das Ökosystem der Erde aber wird sich ein klein wenig erholen. Die Wirtschaft wird schrumpfen, und die Natur wird wachsen. Das ist die gute Nachricht der Weltrezession.

Es ist eine Nachricht, über die man einen Moment lang nachdenken muss. Schon vor der Pleite der Lehman-Bank war auf der Welt viel von einer Krise die Rede, allerdings nicht von einer Krise der Wirtschaft, sondern von einer Krise des Grönlandeises. Es war die Rede von wachsenden Wüsten, gerodeten Regenwäldern und versalzenen Böden.

Man konnte damals im Fernsehen sehen, wie ein Hurrikan die amerikanische Stadt New Orleans zerstörte und 1800 Menschen tötete, wie bei Überschwemmungen in Indien und Bangladesch 3000 Menschen starben. Man konnte auf Klimagipfeln besorgt dreinschauende Regierungschefs sehen, die sagten, es sei höchste Zeit zum Handeln. Sie sprachen von Solaranlagen und Windkraftwerken und fügten an, man dürfe nicht Ökonomie und Ökologie gegeneinander ausspielen.

Die Ökonomie wurde nicht ausgespielt. Im Gegenteil. Sie wuchs weiter. Allein seit dem Jahr 2000 stiegen die weltweiten CO 2 -Emissionen um zwanzig Prozent, stärker als in den achtziger und neunziger Jahren.

Was alle Sonnenkraftwerke der Welt bisher nicht geschafft haben, erledigt nun die Rezession: Die CO 2 -Emissionen sinken. Offenbar gibt es keinen besseren Klimaschutz als ausbleibendes Wirtschaftswachstum. Weshalb sich die Frage stellt, ob man auch ohne Wachstum auskommen könnte. Eine seltsame Frage in einer Zeit, in der die ganze Welt auf steigende Umsätze hofft.

Aber vielleicht könnte die Wirtschaft als Ganzes auch ähnlich funktionieren wie der Mensch.

Ein Mensch benötigt zum Leben etwa 2500 Kilokalorien, ein paar Liter Wasser und etwas Sauerstoff. Er benötigt das jeden Tag, in jedem Jahr. Er braucht nicht morgen mehr als heute und übermorgen noch mehr. Warum muss das anders sein, wenn es um Unternehmen und Konzerne geht? Warum muss Opel immer mehr Autos verkaufen? Warum brauchen wir immer mehr Besitz, mehr Gewinn?

Warum brauchen wir unbedingt Wirtschaftswachstum?

Leserkommentare
  1. Ich begann zu lesen und erwartete einen der typischen Kommentare, die zu Revisionismus aufrufen, den Weg zurück zur sozialen Marktwirtschaft predigen und sich mit grundsätzlicher Analyse und Kritik weitestgehend zurückhalten. Stattdessen wird hier durchaus Grundsätzliches thematisiert.

    Zentraler Punkt: Unser Wirtschaften ist Selbstzweck und hat keineswegs den Zweck, Bedürfnisse zu befriedigen. Letzteres ist vielmehr Beiprodukt.

    Wie weit die Flugzeug-Metapher trägt, bleibt allerdings fraglich, denn der Wirtschaftshubschrauber, der hier beworben wird, scheint doch einige für den Kapitalismus zentrale Prinzipien nicht in Frage zu stellen. Der Vorschlag sagt eher: Lasst uns weiter Kapitalisten sein, aber irgendwie ohne - zumindest übermäßige - Mehrwertproduktion.

    Freilich kann ein Artikel, der in der ZEIT erscheint, harschere Kritik in den Mund nehmen. Ganz sicher richtig und erinnernswert ist aber folgendes:
    "Es ist nicht der Durchschnitts-Meyer, der das Wachstum braucht. Es ist auch nicht die Arbeitsgesellschaft. Es ist der Kapitalismus selbst."

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    Uchatius schreibt: "Das unkontrollierte Wachsen der Geldmenge hatte erst ein Ende, als überall auf der Welt staatliche Zentralbanken eingeführt wurden. Die gibt es heute noch."

    Weder die Zentralbank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ, noch die US-FED sind "staatlich":
    BIZ: "Aktionäre sind Zentralbanken und trotz der neuen Statuten existieren immer noch einige Privataktionäre."
    FED: "... ist das Federal Reserve System teils privat und teils staatlich strukturiert".

    Das "Öffentliche" darf getrost als Feigenblatt tituliert werden, da wir, der Souverän, von der Mitwirkung völlig ausgeschlossen sind.

    Sämtliche Macht sollte in einem demokratischen Gemeinwesen durch freie und öffentliche Wahlen legitimiert sein, die Geldmacht ist es sicher nicht. Es ist auch nicht anzunehmen, daß die 400 reichsten Familien der Erde, die allein über mehr als 50% des globalen "Vermögens" gebieten, freiwillig ihren Platz räumen.
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

    • peto1
    • 25. Mai 2009 9:00 Uhr

    Ein wirklich sehr schöner Artikel, doch das wort "Wachstum" wird generell in den Köpfen falch verstanden und Falch Definiert, "Wachstum" kann in Verschiedenen Formen definiert und Umstrukturiert werden, ob Ökonomisch Ökologisch oder Capitalistich. Sehr sinnvoll ist der Gedanke mit dem "Grundeinkommen", statt vierzig stunden zwanzig stunden, nur hätte es sich besser gelesen wen sie die Finanzierung dazu geschrieben hätten "dazu muss der Meyer je nach Qualifikation und Können jederzeit einsatz bereit sein, das kann Soziale und Handwerkliche tätigkeiten sein". Das Streben sollte also die Gemeinschaft sein und nicht das Einzelne, was Opel Falch macht ist Opel strebt einen Wachstum nach "mehr Autos produzieren und Verkaufen" was einem Schneeball system gleich kommt, den irgendwan ist schluss. Bedenken sie an einem alten Sprichwort ein einer allein kann kein bündel zweig brechen aber Gemeinsam hätte man genug Kraft dafür, Meiner meinung nach ist "Wachstum" Kein Fortschritt, Fortschritt währe es das streben nach anders Denken und Alternative Wege zu Wagen im sinne von Pionier geist, Bedenken sie die Erfindungen die die Welt verändert haben wie Telefon Fernseher oder Ähnliche beispiele, und wenn diese Fortschritte sich auch noch mit der Ökologie verträgt dan ist man schon auf dem richtigen weg.

  2. Vor ein paar Wochen habe ich noch mit meinen Eltern diskutiert, was denn die Alternative ist, wenn weder Kommunismus, noch Kapitalismus in ihrer Umsetzung funktionieren. Ein sehr mutiger Artikel über eine mögliche Alternative zu bereits gescheiterten Systemen?

    • mat123
    • 25. Mai 2009 9:21 Uhr

    ein interessanter und zum Nachdenken anregender Artikel, ohne Zweifel. Doch ich habe Einwände, von denen ich hoffe, dass sie jemand widerlegen kann.

    Der Artikel legt nahe, dass die post-wachstums-phase zum Greifen nahe ist (weil wir genügend Waschmaschinen haben) und dass es an einem Systemfehler des Kapitalismus liegt, dass wir die Kurve nicht kriegen.

    Vielleicht stimmt aber beides nicht. Vielleicht erkennt man eine post-wachstums-phase daran, dass die kapitalistisch selbstregulierten Zinsen wie auch die Renditen seriöser Anlageformen so niedrig werden, dass der Renditedruck nachlässt. Natürlich wird es auch dann Anlageformen mit hoher Rendite geben um zu belohnen, dass die Anleger ein höheres Risiko eingehen. Und natürlich wird es auch dann Leute geben, die im Bewerten von Risiken besser sind als andere und die dafür vom System belohnt werden (was man nicht immer mit Bosheit kommentieren sollte).

    Warum sind wir noch nicht so weit? Weil unser Wohlstand (i.S. von Waschmaschinendichte) auf zwei wackeligen Füßen steht: zum einen wurde und wird er finanziert durch einen technologischen und logistischen Vorsprung vor Ländern mit deutlich niedrigerem Lohnniveau. Zum anderen haben wir Schulden angehäuft, obwohl die demographische Entwicklung diese Schulden immer weniger Steuerzahlern aufbürdet. Daraus folgt: Kapital geht dorthin, wo das Rendite / Risikoverhältnis am günstigsten ist, und das kann durchaus im Ausland sein. Außerdem sparen die Leute zurecht, weil sie ahnen, dass sie sich nicht auf bessere Zeiten verlassen können.

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    • bobom
    • 25. Mai 2009 12:21 Uhr

    wir haben keinen mangel an gütern; weder an nahrung, autos oder waschmaschinen. wenn wir wollten, könnten wir doch die produktion hochfahren und jeden haushalt der welt mit nahrung, autos und 3 waschmaschinen ausstatten... sofern das geld dafür da wäre, d.h. gleichverteilt!
    ein weiteres phänomen ist doch auch, dass wir 5-10% arbeitslosigkeit haben. das wirtschaftliche system scheint an produzenten keinen bedarf mehr zu haben o_O
    hier ist doch etwas faul!

  3. Aber:

    Nach dem Ende von Feudalsystem, Theokratien etc. ist (neben flächendeckender Volksverdummung) das Zinssystem die letzte Herrschaftsstruktur, mit der einige wenige Macht über ganze Völker ausüben können.

    Deshalb wird das Zinssystem niemals freiwillig aufgegeben werden.

    • Anonym
    • 25. Mai 2009 9:29 Uhr

    Ich verstehe nicht, was neu oder mutig an diesem Artikel sein soll.

    Ob wir auf Wachstum verzichten können? Nein selbstverständlich nicht, oder wir finden uns damit ab, dass 2/3 der Menschheit nicht genug zu essen hat und auch kein unseren Vorstellungen sozial verantwortbare Existenz.

    Was ist denn Wachstum anderes als die Schaffung von Wohlstand und Existenzgrundlage?

    Der Unterschied der hier gezogen wird, kapitalistisches Wachstum, ökologisches Wachstum etc. ist überhaupt keiner.

    Richtig ist, das reines Mengenwachstum auf Dauer ein Problem darstellt, das kann nicht die Antwort auf die Überbevölkerung des Planeten sein.

    Was wir brauchen ist qualitatives Wachstum.

    Das Problem dabei ist nur, dass sich ein solches Wachstum weder planen noch verordnen lässt. Man kann bestenfalls günstige Rahmenbedingungen dafür schaffen, denn qualitatives Wachstum entsteht durch Erfindergeist und Genie, es ist nicht organisierbar.
    Wir sollten uns aber darüber klar sein, das in einem solchen Falle unser Sozialstaat weitgehend in Frage gestellt werden muss, denn er schafft den Ausgleich weitestgehend durch Mengenwachstum zu Lasten qualitativen Wachstums, denn nur Quantität ist steuerbar und Absicherungsinstrumente des Sozialstaates sind gleichzeitig Wettbewerbsnachteile für Erfinder und Genies.

    Qualitatives Wachstum, also Wachstum das die Effizienz erhöht, ist wohl auf Dauer die einzige Chance, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen. Die aktuelle ökologische Förderung ist aber primär ökonomisch quantitativ, sie trägt zur Streckung der Probleme bei, insofern könnte sie vorübergehend hilfreich sein, bleibt aber selbst Teil des Problems.
    Jede echte ökologische Maßnahme setzt zwingend ökonomische Effizienz voraus.
    Dieser Satz gilt nicht umgekehrt, das liegt daran, dass Ökonomie in einem größeren nicht wirtschaftlichen Zusammenhang steht und damit die Ökonomie als eine Teilmenge dieses größeren Zusammenhangs für sich Ökologie nicht benötigt.

    Es ist also leichter und schneller mögliche durch ökonomische Wachstum die Menschheit satt zu bekommen, als unter Einbeziehung der Ökologie. Was nichts anders bedeutet, als das ein Mindestmass an ökonomischen Erfolg Voraussetzung ist, damit ökologisches Wachstum überhaupt möglich wird.

    Wir tun uns allerdings sehr schwer die Disziplin aufzubringen dieses Grundbedürfnis nicht durch Mengenwachstum zu erreichen, das zwar schnelles Wachstum verspricht und auch schafft, aber sowohl krisenanfällig ist, wie auch ökologisch bedenklich. Doch sagen sie das mal dem Opelarbeiter, der demnächst vielleicht seinen Job verlieren müsste!

    Berthold Grabe

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    • bobom
    • 25. Mai 2009 12:30 Uhr

    > oder wir finden uns damit ab, dass 2/3 der Menschheit nicht genug zu essen hat

    das ist doch blödsinn. wir haben genug nahrungsmittel um die gesamte menschheit zu ernähren (siehe Jean Ziegler: "Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet."). was wir haben ist ein verteilungsproblem an geld und nahrung. die 3. welt sitzt in einer schuldenfalle, aus der sie ohne schuldenerlass nicht mehr rauskommt. aber wenn wir das machen, wird unser wirtschaftssystem zusammenbrechen. diese abhängigkeit ermöglicht es uns auch die 3. welt auszubeuten, um uns billigste nahrung zu beschaffen, die halt über die halbe erdkugel geschifft wird. nebeneffekt ist, dass dort die lokale bevölkerung hungert und unsere eigenen bauern und landschaftserhalter verschwinden.

    • Digne
    • 05. September 2011 12:20 Uhr

    ... und dann erst posten; bitte.

    So wie jetzt gehts nicht weiter Punkt!
    Wir brauchen keine Bedenkenträger mehr
    - keine Rechenmaschinen, die sich erst bewegen,
    wenn jemand ihnen garantiert, dass ihr armes Leben 'genauso' weitergehen wird wie bisher...

  4. Nun, auch wenn ich einen Aspekt vermisst habe, ist dieser Essay sehr bedenkenswert. Wer in den letzten Jahren Bewerbungsgespräche geführt hat und weiss, wie sehr man sich verbiegen muss, um selbst für ein, mitunter noch nichteinmal bezahltes, Praktikum dann doch nicht genommen zu werden, ahnt, dass dieses System krank ist und eine Alternative überfällig.

    Erst recht nachdenklich macht mich, dass 1/3 aller Studenten Betriebswirtschaft studieren.
    Gewiss, BWLer sind nicht nur in höheren Mangemantetagen und im Controlling gefragt, man braucht sie auch in Banken und Versicherungen. Aber wenn 1/3 aller Akademiker im Wesentlichen Geldströme verwalten sollen, woher kommen diese Geldströme, wer benötigt sie, wem nutzten sie?
    Ingenieure und Naturwissenschaftler entwickeln, konstruieren, überwachen, Ärzte heilen, Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler schreiben, produzieren Schöngeistiges, aber BWLer?

    Auch frage ich mich, wie es sein kann, dass man als ausgebildeter Naturwissenschaftler (selbstverständlich mit Einserabitur und mehreren Fremdsprachen), kaum eine Lücke mehr findet und sich fragen muss, ob es Zeit ist, sich damit abzufinden, die berufliche Zukunft dauerhaft in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder gar an einer Supermarktkasse o.ä. zu suchen.

    Doch ein Aspekt wurde mir nicht ausreichend beleuchtet: Der Wachstumsbegriff.

    Wirtschaftswachstum entsteht dann, wenn man nachher in der Summe der Volkswirtschaft mehr Buchwerte hat als zuvor, wobei Ausbuchungen nicht gegengerechnet werden.
    Baue ich etwa ein Haus, so ist dies ein volkswirtschaftlicher Gewinn und damit Teil des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr, im nächsten Jahr ist es Bestand und kommt in der Bilanz nicht mehr vor. Baue ich eine neue Heizung oder bessere Fenster ein, so trägt dies wiederum zum Wachstum bei.
    So weit, so logisch.

    Doch wie bekomme ich maximales Wachstum aus meinem Haus?
    Ganz einfach, indem ich es in Brand stecke. Unlogisch?
    Das alte Haus wird abgeschrieben, ausgebucht, ganz ohne Negativwachstum, der Brandsachverständige hat etwas zu tun, braucht Stifte, Papier etc., gut für's Wachstum. Der Neubau des Hauses ist erst recht ein großer Wachstumseffekt und auch das lokale Möbelhaus profitiert.
    Toll, nicht? Ihr wollt Wachstum, brennt Eure Städte nieder! Und nicht ist besser für das Wachstum als ein Krieg.
    Dieser Wachstumsbegriff ist offenkundiger Unsinn, wird aber leicht modifiziert bis heute verwendet.

    So ist es auch fünfmal Wachstum, eine natürliche Ressource wie Erdöl zu fördern, zu raffinieren, zu transportieren, weiter zu verkaufen und schließlich beim Kavaliersstart vor der Ampel zu verheizen.
    Dass die natürliche Ressource, mit der man vielleicht auch Medikamente oder hochwertige petrochemische Produkte hätte erzeugen können, für immer verloren ist, stört das Wachstum ebenso wenig wie die Folgewirkung für das Weltklima.

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    Danke für Ihren sehr nachdenkenswerten Artikel.Ja, Sie haben vollkommen Recht, es ist schon ein Indiz für eine Fehlentwicklung, wenn ein Drittel aller Erstsemester ein Studium der BWL beginnen.Aber dafür gibt es mehrere Gründe.Ich denke, ein naturwissenschaftliches Studium ist in der Regel viel anspruchsvoller, aber im Übigen wirken auch die Kräfte des Marktes.Wobei ausgebildete Ingenieure doch wohl Mangelware sind und ein Ingenieurstudium gute Chancen bietet, einen anspruchsvollen und gut dotierten Arbeitsplatz zu bekommen.
    Aber um zur Fragwürdigkeit des Wachstumsbegriffs zu kommen.:Inzwischen wurde der Begriff des qualitativen Wachstums geprägt, der gegenüber dem quantitativen Wachstum zu bevorzugen ist.In einem endlichen System, das unsere Erde ausmacht, kann es kein unbegrenztes quantitatives Wachstum geben. Wer soll aber entscheiden, wo qualitatives Wachstum entstehen soll? Die Entscheidung des Was der Produktion trifft in der Marktwirtschaft zum einen der Verbraucher, aber beeinflusst durch die Werbeindustrie.Die Politik greift ein durch Aufklärung, Steuerpolitik und Subventionen. Die Bedeutung der Reduktion der Klimakiller ist uns allen gegenwärtig.Aber welche Instrumente der Umsteuerung im globalen Ausmass können in demokratischen, freien Gesellschaften angewandt werden? Und wie wird den Bedürfnissen der vielen Armen in der Welt Rechnung getragen? Wer setzt die Prioritäten?Und wieviel Zeit haben wir überhaupt noch zur Lösung der existentiellen Fragen unseres Lebensstil, der auf den Prüfstand gehört.
    >In der JUgendzeitschrift meiner Tochter war jetzt ein Bericht über Inselbewohner nordöstlich von Australien, die ihre kleinen Inseln verlassen müssen, weil der Meeresspiegel immer höher gestiegen ist und ihre Brunnen versalzt und ihre Felder überspült hat. Ein paar tausend Menschen sind gezwungen, sich woanders eine Heimat zu suchen und sie sollen auch noch selbst für ihre Umsiedlung bezahlen, obwohl sie dafür gar kein Geld haben und wer nimmt sie auf?Und das ist vermutlich erst der Anfang dessen, was unsere Art zu wirtschaften an Problemen hervorruft und Menschen trifft, die überhaupt nicht zu den Verursachern zählen.

    "Toll, nicht? Ihr wollt Wachstum, brennt Eure Städte nieder! Und nicht ist besser für das Wachstum als ein Krieg."

    Man muss ihn nur verlieren.

    • RalphS
    • 25. Mai 2009 10:04 Uhr

    Zitat : Zu den wichtigsten Aufgaben eines Finanzvorstands gehört es, die Schulden seines Unternehmens zu verwalten. Nahezu jedes große Unternehmen muss sich Geld leihen, um Geld zu verdienen. Es braucht den Kredit, um Arbeiter zu bezahlen, Maschinen zu betreiben, Autos zu bauen. Hinterher, wenn die Autos verkauft sind, werden die Schulden beglichen.
    Fakt ist aber, auch wenn die Konzerne gute Umsätze und Gewinne machen, die Schulden werden so gut wie nie zurück gezahlt. Es kommt sogar oft genug vor, dass Firmen mit bis zu etlichen Milliarden Euro Schulden tilgen könnten, aber den Aktionären zu liebe sogar noch ein paar Millarden Schulden zusätzlich aufnehmen, um saftige, aber völlig unnötig hohe Dividenden auszuzahlen, welche die Substanz der Unternehmen aushöhlen. Und wenn es nicht die Dividenden sind, dann sind es unnötige Übernahmeversuche wie bei Porsche -> Volkswagen, Schaefler -> Conti, Daimler Benz -> Chrysler oder BMW -> Rover. Firmen verbrennen unnötig Geld, weil der Staat dem keinen Riegel vorschiebt. Hohe Verschuldung der Firmen hat auch ihre Ursache in den guten Abschreibungsmöglichkeiten und damit in der Steuervermeidung. Der Staat treibt die Unternehmen geradezu mit seinen Gesetzen in die Verschuldung und damit in den Wachstumszwang. Die Zinsen der Verschuldung werden automatisch in die Preise aller Produkte eingepreist. Der Normalbürger wird so nicht nur mit hohen Steuern, sondern auch mit hohen Produktpreisen belastet und zahlt doppelt für verfehlte Wirtschaftspolitik. FDP und CDU haben diese Zusammenhänge noch nicht begriffen. Unternehmen wie Opel gehen darum an der Unfähigkeit von Politikern wie Guttenberg zu Grunde.

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