Netzkultur : Das Netz als Feind

Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird

Der Abscheu, der sich im Internet über die letzten Bastionen sachkundiger Meinungsbildung ergießt, hat unverkennbar revolutionären Anstrich: Die in der Existenzkrise befindliche Zeitung ebenso wie ihr Pendant im Netz seien veraltete Machwerke von Oligarchen; Foren, Blogs, selbst Plattformen wie Pirate Bay, über die urheberrechtlich Geschütztes illegal bezogen werden kann, hingegen verkörperten antiautoritäre Freiheit, Gegenöffentlichkeit und seien damit moralisch veredelt. Der unterdrückte Underground fege emanzipatorisch endlich das Establishment hinweg. Geschwindigkeit siege über Behäbigkeit, Spontaneität über Professionalisierung, der Unvergütete über den Honorierten. Ein vom Verlag angestellter Journalist ist gegenüber dem Blogger immer schon im Unrecht – wie einst der Fürst im Ancien Régime gegenüber dem Bürger, der Moral und Fortschritt auf seiner Seite hatte.

Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt. Man lese nur jene höhnischen Nutzerbeiträge, die sich als Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel finden. Leser mit technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500 beklagen regelmäßig »akademisch anmutende Wortakrobatik« und Abgehobenheit eines Artikels. Nicht den Hauch einer Berechtigung hat die Hoffnung, noch auf Leser zu stoßen, die – vielleicht gar leicht verschämt – Unverstandenes als Antrieb begreifen, ihre Bildungs- und Konzentrationsdefizite zu beheben. Ein Autor, der ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet, hat schlechterdings seinen Job nicht gut gemacht, sich einfach nicht durchringen können, sein Schaffen als Dienstleistung für Durchschnittskonsumenten zu begreifen.

Wir leben in einer Übergangsphase. Noch gibt es die Papierzeitung und ihr Pendant im Netz. Die Papierzeitung versammelt den politischen Skandal, Boulevardeskes und das gegenwartsanalytische Feuilletonstück. Letzteres mag vergleichsweise wenig Leser finden, verleiht der Zeitung als Ganzes aber Autorität. Sie wird ernst genommen gerade aufgrund jener Beiträge, die nicht von jedem widerstandslos verdaubar sind. Das Netz jedoch kennt kein Zusammenwirken von Texten unterschiedlichen Anspruchs und Zuschnitts zum höheren Ganzen. Sie befinden sich unterschiedslos im Wettstreit um die Aufmerksamkeit des Lesers: Man gelangt auf Artikel zumeist durch die Eingabe eines Suchbegriffs, seltener aber, indem man gezielt ein bestimmtes Portal aufsucht und sich ausschließlich darin bewegt. Der Reiz des Netzes besteht in der notorischen Aufhebung der geschlossenen Form vom Internetauftritt eines Anbieters, der auf diesen Umstand wiederum reagiert, indem er Beiträge möglichst populär verschlagwortet, damit sie in der Ergebnisliste von Google weit oben auftauchen. Attraktiv ist ein einzelner Beitrag im Internet, wenn er möglichst viele Leser findet. Attraktiv ist ein einzelner Beitrag für die Papierzeitung, wenn er ihr, im Sinne der Mischkalkulation, zu einem ansprechenden Gesamtprodukt verhilft.

Die meisten von Zeitungs- und Magazinverlagen geführten Internetangebote neigen mittlerweile dazu, in bislang ungeahntem Ausmaß leicht Bekömmliches dem argumentationslastigen Stück, die Nachricht der Analyse vorzuziehen. Überschrift und Unterzeile verlangen nach einer hysterischen Zuspitzung. Indes kommt es einer Odyssee gleich, sich durch das Dickicht von Links innerhalb eines Nachrichtenportals zu kämpfen, um noch Kritisches im alten Wortsinne zu finden: Artikel, die sich der Kunst filigraner Beurteilung und Unterscheidung, der gewagten Infragestellung von Sachverhalten widmen.

Der unmittelbar messbare Markterfolg eines Textes im Internet unterliegt jenem massenkulturellen Sog, der seit Anbeginn der Moderne beklagt wird. Intellektualismus überlebte, solange kein Medium zur Hand war, ihn dem nackten Wettbewerb zu unterwerfen. Nun herrscht das Diktat der Mehrheit ausgerechnet im Mantel des Demokratiezugewinns: Breite Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs sei egalitär, ergo sei sie demokratisch. Wer so argumentiert, übt Verrat am formalistischen Kern der Demokratie: Er hat weder die Übertragung von Souveränität auf Vertreter im Blick noch robuste Institutionen, die Partizipation strukturieren und begrenzen. Vielmehr wird das Mehrheitsprinzip nach marktwirtschaftlichem Vorbild geltend gemacht. Es hat sich auf vormals von der Marktlogik geschützte Bereiche wie Wissenschaft, Kunst und Bildung ausgedehnt, die wie feudale, auszumerzende Restbestände traktiert werden.

Es geht vom prinzipiell egalitaristisch strukturierten Netz eine normierende Gewalt aus, deren prägnantester Ausdruck die Bewertung von Serviceleistungen sind. Wer über Google Maps einen Orthopäden in seiner Nähe sucht, dem wird sogleich der Quotient von Beurteilungen über dessen Praxis angezeigt, die, bei Lichte besehen, grob rufschädigend sind. Ein bis fünf Sterne können vergeben werden samt Kommentar: Nur ein Stern von Gaby, da sie trotz Terminabsprache eine halbe Stunde auf die Behandlung warten musste, doch immerhin zwei Sterne von Max, dessen Hüftleiden zwar fachgerecht behoben wurde, doch der Mundgeruch des Arztes sei kaum zu ertragen gewesen usw. »Zehn Deutsche«, sagte Heiner Müller, »sind dümmer als fünf Deutsche.«

Bildungsfeindlichkeit gelangte zuletzt prägnant zur Blüte in den beiden sozialistischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Sie richteten sich gegen den störrischen, nicht restlos absorbierbaren Intellektuellen, der sich einst seines Einzelgängertums rühmen durfte und als freier Autor oder Journalist sein Auskommen fand, insofern die Universität nicht für ihn sorgte. Schutzlos ist er allerdings, wo ausschließlich die Anzahl seiner Anhänger über seine Relevanz entscheidet. Tödlich wäre es für den Intellektuellen, einzustimmen in den Lobgesang einer bunten Welt von Teilöffentlichkeiten, die eine bislang klar strukturierte, von Institutionen gefilterte Öffentlichkeit ersetzt. Er mag zwar einen feinsinnigen Blog führen, doch seine Minderheitenmeinung ist darin zu schwach, um gehört zu werden – oder gar um lukrativ zu sein.

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Kommentare

173 Kommentare Seite 1 von 31 Kommentieren

Schöner Artikel

Mal so ein richtig aufbauendes Stück Kulturpessimismus tut gut! Betonen sollte man noch, dass es natürlich immer Intellektuelle waren, die die Intellektuellenfeindlichkeit gefördert haben. Aber, was soll's? Der Elfenbeinturm ist doch ein gemütlicher Ort - man muss nur auf Applaus verzichten können!

Diskurs und Diskurskultur

Sehr geehrter rstockm,
vielen Dank für Ihre ehrliche Kritik. Natürlich erhitzt der Artikel die Gemüter, aber ein Rundumschlag in Richtung "Lügenpresse" oder die Bezeichnung der Leser als Nachplapperer ist für uns kein wirklicher Versuch, an der Debatte teilzunehmen, sondern vor allem ein Sich-Luft-machen über all das, was einem nicht passt. Schade, denn dass die Diskussion hier auf hohem Niveau und sachlich geführt werden kann, zeigen viele,viele andere Kommentare in diesem Thread.
Mit freundlichen Grüßen,

Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

Häh???

Ich kann diese Tendenz beim besten Willen nicht feststellen.
Was ich allerdings feststelle, daß mit Hilfe von Blogs und Internet die Meinungsvielfalt deutlicher geäußert wird. Und, daß vor allem die einseitige Meinungsmanipulation von bezahlten Autoren unterlaufen wird. Für eine demokratische Meinungsbildung sind unabhängige und vielfältige Informationen notwendig. Nicht umsonst belegt die Politik viele ihrer Entscheidungen mit dem Geheimnisetikett, siehe die verfassungswidrige Bankenhilfe.
Medien, deren Existenz von der Unterstützung der inserierenden Industrie abhängt, können nicht objektiv sein. Und gerade heute, im Zeitalter zunehmender Komplexität brauchen wir unabhängige, auch widersprechende, Informationen. Diese Leistung bringen der derzeitigen Massenmedien nicht. Um ihr eigenes Defizit zu kaschieren, werden die "Laienjournalisten" diffamiert und die Internetöffentlichkeit herabgesetzt. Gerade im Internet äußern sich viele hochintelligente und gebildete Menschen, nur entsprechen ihre Äußerungen oft nicht dem gewünschten Meinungsmainstream.
Intellektuelle werden im Internet nicht mit Hass verfolgt, nur ist für einfache Gemüter deren Denkweise oft auf Grund mangelnder Informationen nicht nachvollziehbar. Der die B--D-Zeitung als einzige Informationsquelle nutzt, darf sich über ein einfaches Weltbild nicht wundern.
Dieser angebliche Hass wird häufig auch von angestellten Meinungsmanipulateuren geäußert, die gesellschaftliche Meinungen manipulieren wollen. Ein Paradebeispiel sind die aktuellen Umfragen zum Sperren unliebsamer Internetangebote (z.B. Kipo oder rechtsextremistischer Seiten) durch Manipulation der Internetinfrastruktur ohne die Möglichkeiten einer demokratischen Kontrolle (s.o. Geheimnisprinzip).
Es geht in dem Artikel hauptsächlich darum, die anderslautenden und vielfältigen Meinungen im Internet abzuqualifizieren, die Motive mit primitivem Hass zu versehen und eine intellektuelle Meinungsführerschaft einiger weniger als erstrebenswert hinzustellen. Immer nach der Devise, wer Ansichten gegen den gewünschten Mainstream äußert, der muß die Intellektuellen hassen und dessen Argumentation soll man nicht ernst nehmen.

Immer diese falsche Wortwahl.

Hass auf Intellektuelle, wenn schon , dann allenfalls ist es eine Ablehnung von denen, die sich von oben herab wahrgenommen fühlen.
Einige der Intellektuellen, finden nur ihre Wortwahl und die ist für viele oft nicht zu verstehen, weil auch deren persönliches Hintergrundwissen zu komplizierten Themen eingeschränkt ist.
Ich persönlich merke das auch manchmal und entsage mich der Teilnahme.
Im übrigen muß ich nicht überall dabei sein und man sollte auch achtgeben, dass man sich nicht selbst überschätzt.
Allerdings fällt man so oft auch auf Schein-Intellektuelle herein, deren Wissen nur daraus besteht, dass sie fleißig irgendwo abschreiben, so sollte man im Internet auch nicht treudoof jedem Wort Glauben schenken.
Ich bleibe dabei.
Hass war und ist hier die falsche Wortwahl, diese Wortwahl war nicht sehr geistreich.

Herzlichst
Orpheus