Das größte Hilfspaket gegen die Weltwirtschaftskrise kommt nicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder sonst einem Politiker. Die größte Erleichterung beschert den Deutschen ausgerechnet der viel gescholtene Markt. Er hat Heizöl, Diesel und Benzin billiger gemacht. Die Menschen haben deshalb mehr Geld in der Tasche. Viel mehr Geld.

Die Entlastung hat sich zwischen Juli 2008 und März 2009 auf rund 26 Milliarden Euro aufsummiert. So hat es der Mineralölwirtschaftsverband ausgerechnet, und diese Summe ist fünfmal so hoch wie die Ersparnis durch die Abwrackprämie für Autokäufer. "Ein drittes Konjunkturprogramm" nennt Klaus Picard, der Geschäftsführer der Öllobby, den Effekt des billigen Kraftstoffs. Die Amerikaner sparen sogar rund 280 Milliarden Dollar. Zuletzt ist das Öl wieder ein wenig teurer geworden, aber es kostet nach wie vor nicht einmal die Hälfte dessen, was Mitte 2008 auf dem Weltmarkt zu zahlen war.

Doch diese Erleichterung wird in Kürze ein Ende finden.

Die Stunde der Wahrheit schlägt am kommenden Montag. Dann sind die für Energiefragen zuständigen Minister der G-8-Nationen, darunter Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, in Rom. Sie werden dort unter anderem eine Studie in Empfang nehmen, die beunruhigender kaum sein könnte: Die Internationale Energieagentur (IEA) – der nach der ersten Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre gegründete Klub von inzwischen 28 energiehungrigen Industrienationen – warnt darin ungewohnt offen vor einem neuen Schock. Einem dreifachen Schock gar, der die Welt bedroht: Energieknappheit, Preisexplosion und eine Niederlage bei der Bekämpfung der Erderwärmung.

© ZEIT Grafik/ Quelle: IAE

Die schriftliche Warnung überbringen Nobuo Tanaka, der Exekutivdirektor der IEA, und Fatih Birol, der Chefökonom der Behörde, persönlich. Der Türke Birol gehört zu den besten Kennern der weltweiten Energiemärkte. Unter seiner Regie entsteht jedes Jahr der World Energy Outlook , eine Art Bibel der internationalen Energieszene; auch die aktuelle Warnung vor der nächsten Ölkrise hat er federführend verfasst.

Birol glaubt: Die Finanzkrise, der Konjunkturkollaps und der billige Sprit legen im Augenblick bereits den Keim für eine nächste Megakrise der Weltwirtschaft. Schließlich wurde ja schon der aktuelle Konjunkturabschwung nicht nur durch den Kollaps einiger amerikanischer Banken verursacht, sondern auch durch die jahrelang gestiegenen Energiepreise. Und das könnte demnächst erneut passieren, in schlimmerer Form sogar. "Versorgungsengpässe" beim Öl und Gas und neues "Hochpreisregime" sagt Birol für die Zukunft voraus.

Nicht für morgen, aber für bald, schon 2012 oder 2013. Dann würde der neue Aufschwung, auf den die ganze Welt jetzt hofft, gleich wieder abgewürgt. Dann wäre die Zeit relativ günstiger Energie passé, dann könnte eine neue Ära "substanzieller Energieprobleme" anbrechen, so Birol. "Je schneller die wirtschaftliche Erholung kommt, desto wahrscheinlicher wird dieses Szenario wahr", heißt es in der IEA-Expertise.