Immobilienkrise Wie ausgebombt

Geisterstädte, Schutthaufen, Alligatoren in Swimmingpools: So sieht es im Sunshine State Florida aus, wo die größte Immobilienblase Amerikas geplatzt ist

Zu verkaufen: Ein Haus in Miami

Zu verkaufen: Ein Haus in Miami

Auf den ersten Blick sieht es in Live Oak Preserve so aus wie in einem Ferienkatalog. Flache cremefarbene Einfamilienhäuser unter postkartenblauem Himmel, gesäumt von wippenden Palmen und leuchtenden Bougainvillea-Sträuchern. Auf den zweiten Blick will dazu aber das bretterverschalte Fenster nicht passen, auf dem die Warnung steht: »Unbefugter Zutritt und Diebstahl werden strafrechtlich verfolgt«. Genauso wenig das Telefonbuch, das vor der Haustür rottet, und das Unkraut, das sich vor der Doppelgarage breitgemacht hat. Es ist später Nachmittag hier an der Westküste von Florida, wo in den vergangenen Jahren Dutzende von Gemeinden wie Live Oak Preserve auf einstigem Farmland errichtet wurden. Es ist still. An einem überquellenden Papierkorb an der Straßenecke zupft ein Truthahngeier an den Mülltüten.

Live Oak Preserve ist eine Geistersiedlung. Vor nur vier Jahren hatten ihre Erbauer den geplanten 1100 Haushalten den »besten Lebensstil für die moderne aktive Familie« versprochen. »Bei den Verkaufsverhandlungen lief eine Uhr mit«, erinnert sich Jim Thorner, Immobilienreporter der St Petersburg Times, an die aggressiven Methoden jener Tage. »Wer nicht rechtzeitig unterschrieb, ging leer aus.« Viele Käufer hatten nicht einmal vor, dort einzuziehen – sie spekulierten darauf, die Objekte nach Fertigstellung zu noch höheren Preisen loszuschlagen. Flipping hieß das im Sprachgebrauch jener Boomtage. Man könnte es mit »schneller Umschlag« übersetzen.

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Nirgendwo in den USA trieb das flipping , trieb der Immobilienboom so bizarre Blüten wie im »Sunshine State«. Autohändler, Sekretärinnen, Rentner, Baulöwen, Spekulanten, Betrüger und Drogendealer machten mit. Die Spekulation lief hier so heiß, dass Objekte mehrmals den Besitzer wechselten – noch bevor der erste Spatenstich getan war. Und nirgendwo sonst sind heute die Folgen so sichtbar. Florida gehört zu den US-Bundesstaaten mit den meisten Zwangsversteigerungen. Vielerorts haben sich die Immobilienpreise halbiert. In der Geisterstadt Live Oak Preserve zum Beispiel konnten die Käufer schon bald ihre Kredite nicht mehr bedienen. Sie schickten ihre Schlüssel an die Hypothekenbanken zurück, wo die Manager auch nicht wussten, was mit den leer stehenden Häusern geschehen sollte. Das Bauunternehmen, das die Siedlung errichtet hatte, meldete im vergangenen Jahr Konkurs an.

Das sei aber alles kein Zufall, sagt Gary Mormino. Die ganze Wirtschaft des Sunshine State basiere auf einem Traum, glaubt der Historiker an der University of South Florida, und wer wolle beim Träumen schon gern auf lästige Details, auf unbequeme Fakten schauen? »Es ist der Traum eines leichteren Lebens, eines Jungbrunnens, eines warmen Februars«, sagt Mormino. Industrie ist Fehlanzeige in Florida, dafür floriert der Tourismus, und es florierten jahrelang die Bauwirtschaft und der Immobilienhandel. Florida lockt Touristen an, und viele von denen wollen bleiben. Vor der Krise kamen täglich 1000 Zuwanderer. Florida war ein Traum, den man sich leisten konnte. Nicht nur begüterte Pensionäre kamen, sondern auch der ehemalige Fließbandarbeiter aus Detroit und die ehemalige Postbeamtin.

Und natürlich lockte das große Träumen, lockte die leichtgläubige Klientel auch ganz andere Typen nach Florida. Marktschreier, die zweifelhafte Immobilienprojekte für viel zu viel Geld verkaufen wollten. Auch so manchen Betrüger.

Der Vizechef der amerikanischen Bundespolizei FBI, der den schönen Namen John Pistole trägt, warnte zuletzt im Februar öffentlich vor einer Flut von Betrugsfällen in der Immobilienbranche. Seine Behörde hat zuletzt Ermittler der Antiterroreinheit abgezogen, die sich jetzt um Hypothekenbetrug kümmern. In den Jahren 2006 und 2007 war Florida der Bundesstaat mit den meisten Fällen, im vergangenen Jahr landete er immerhin auf Platz zwei. Kleine Betrüger und große Betrüger verzeichnet die Polizeistatistik. Familienväter, die auf den Kreditanträgen bei ihrem Einkommen und Vermögen schummelten. Organisierte Banden, die mehrstellige Millionenbeträge ergaunerten.

Sie hatten es leicht hier in Florida. Reporter des Miami Herald fanden heraus, dass die Aufsichtsbehörde mindestens 10.000 verurteilte Bankräuber, Erpresser, und Scheckbetrüger als Hypothekenmakler zuließ. Manche wechselten direkt von der Gefängniszelle in ein Maklerbüro. »Warum sollte ein Drogendealer riskieren, ins Gefängnis zu wandern oder von der Konkurrenz umgelegt zu werden, wenn er mit Immobilien fast genauso viel kassieren kann?«, fragt William Stern vom FBI in Miami. Er ist hier der Chefermittler in Sachen Wirtschaftskriminalität.

Seine Detektive kümmern sich aber schon längst nicht mehr um die ganz einfachen Fälle, in denen Käufer sich ein Eigenheim ermogelten, indem sie ihre Finanzlage schönten. »Wenn etwas hunderttausendfach passiert, ist es ein Problem für die Regulierer. Wenn etwas tausendfach passiert, ist es ein Problem für die Strafverfolger«, begründet das Stern. Sein Team verfolgt professionelle Serientäter.

Da gab es Tricks, mit denen Profis über die Jahre des Immobilienbooms vermutlich Hunderte von Millionen Dollar abgezockt haben und überdies den Boom noch weiter anfachten. Zum Beispiel die Masche, mit der Hilfe von Strohmännern eine Wohnung zu kaufen – der Bank aber vorzuflunkern, diese Wohnung sei viel teurer, die Differenz zwischen Kaufpreis und Hypothek in die eigene Tasche zu stecken und einfach zu verschwinden. Für solche Betrügereien brauchten die Banden ein ausgeklügeltes System aus staatlich lizensierten, aber korrupten Gutachtern und gefälschten Referenzen.

Viele Banken verlangten von den Käufern zwar die unterschriebene Genehmigung, beim Finanzamt Einblick in die Steuererklärungen nehmen zu dürfen, doch nach Erkenntnissen des FBI geschah dies in Wirklichkeit nur selten. Oft hätte in solchen Fällen eine einzige kritische Nachfrage der Kreditsachbearbeiter genügt, um die Betrüger auffliegen zu lassen. Doch die Bankangestellten waren gehalten, möglichst schnell neue Kredite durchzuwinken. Diese wurden von den regionalen Kreditanbietern gegen satte Provision umgehend an die wartenden Wall-Street-Häuser weitergereicht, die sie wiederum für internationale Großinvestoren zu den inzwischen berüchtigten hypothekenbasierten Wertpapieren bündelten und verpackten. Der Druck war enorm. Die Washington Post berichtete, dass Vorgesetzte ihre Sachbearbeiter einschüchterten, in dem sie in den Großraumbüros mit Baseballschlägern patrouillierten und ab und zu auf Schreibtische von Mitarbeitern schlugen.

Man kann die Folgen dieses Wahnsinns heute in Downtown Miami besichtigen. In dem Viertel mit Blick auf den gegenüberliegenden Containerhafen. Zwischen den Wohnburgen ragen dunkle Glastürme internationaler Banken auf. Seit 2003 haben Bauunternehmer hier rund 23000 neue Eigentumswohnungen hochgezogen; einige sind noch im Bau. Auf einem Areal, das bloß 60 Häuserblöcke umfasst, türmen sich heute über 34.000 Apartments – genug, um den Einwohnern Rosenheims Unterkunft zu bieten. Direkt am Wasser etwa steht »Jade«, ein Luxus-Wohnsilo mit 48 Stockwerken. Es gehörte zu den begehrten »Trophy Buildings«, war als Immobilientraum für eine erlesene Oberschicht gedacht. Bis zu 2,8 Millionen sollten die Einheiten kosten. Doch auf den geschwungenen Terrassen stehen nur vereinzelt Stühle. Die Anlage strahlt den Charme eines Hotels in der Nachsaison aus. 73 von 338 Einheiten sind laut Gerichtsakten in Zwangsversteigerung. So ist das hier in vielen Gebäuden dieser Gegend.

»Wir haben sogar Hausbesetzer«, berichtet Peter Zalewski, Gründer des Maklerbüros Condo Vultures. Leute verschaffen sich Zugang zu den neuen Wohnungen und ziehen einfach ein. Bei Eigentümergesellschaften stapeln sich unbezahlte Rechnungen, in Swimmingpools finden sich Alligatoren.

Der Makler Zalewski ist ein Geier – was er als Kompliment versteht. Er versucht, aus dieser desolaten Immobilienlage Kapital zu schlagen; wühlt sich im Auftrag von Schnäppchenjägern durch Tausende von Objekten, die zahlungsunfähige Besitzer, Banken oder Bauunternehmen hier in Miami loswerden wollen. Viele seiner Kunden kommen aus dem Ausland, aus Frankreich, Japan oder Kolumbien. Es sind private Interessenten, die eine günstige Ferienwohnung suchen, aber auch Investoren, die ganze Gebäude übernehmen. Kürzlich hat Zalewski die Anfrage eines deutschen Pensionsfonds erhalten.

Ein Beobachter hat die Folgen der US-Immobilienkrise einmal mit einer Neutronenbombe verglichen: Es treffe die Menschen, aber verschone die Häuser. Dieses Bild kommt in den Sinn, wenn man durch Lehigh Acres fährt, 20 Minuten vom beliebten Ferienort Fort Myers entfernt. Der Ort hat 80.000 Einwohner, und ein wenig außerhalb sollte in den vergangenen Jahren eine weitere neue Kleinstadt entstehen. Das Straßennetz ist bereits angelegt, doch es durchzieht von Unkraut überwuchertes Land. Viele Straßen münden in Kieswegen, die schließlich in Schutthaufen enden. Einige kompakte Einfamilienhäuser, die Scheiben blind, stehen verlassen auf verdorrten Rasenflächen. Es ist nicht ganz klar, ob sie nicht fertiggestellt oder wegen des Baumaterials geplündert wurden. Über 3000 Häuser stehen in Lehigh Acres gerade zum Verkauf.

»Unsere Heimat hat sich in einen Slum verwandelt«, klagt ein Anwohner, der lange vor dem Bauboom hergezogen war. Im vergangenen Jahr hat der Sheriff Marihuana-Plantagen in hundert Häusern ausgehoben. »Eingerichtet von Drogenkartellen aus Miami und bewacht von illegalen Einwanderern, die damit ihre Schmuggler bezahlen«, erzählen sich die Anwohner.

Lehigh Acres hatte einmal als Rückzugsort für Ruheständler angefangen, doch später wurde daraus eine Heimat für Familien der Mittelschicht. Angezogen durch die Arbeitsplätze, die im Boom entstanden. Der Boom ist jetzt weg, die Arbeitsplätze auch, dafür haben soziale Probleme Einzug gehalten. Charlotte Rae Nicely sorgt sich vor allem um die Kinder. »In der Ferienzeit fällt die Schulspeisung weg, und viele Familien haben kein Geld für Lebensmittel«, sagt die Leiterin der Sozialeinrichtung Lehigh Community Services. Nach der Pleite mehrerer Bauunternehmer und Massenentlassungen bei Finanzinstituten in der Region hat sich die Zahl der Bedürftigen verdoppelt, die bei ihrer Organisation um ein Paket mit Grundnahrungsmitteln bitten.

Manche können ihre Stromrechnung nicht zahlen, und die Elektrizitätsgesellschaft droht, ihnen den Strom abzudrehen. Die Zahl derer, die ihre Hypothek nicht mehr bedienen können und denen die Bank mit dem Rauswurf droht, nimmt zu. Wer nicht bei Familie oder Freunden unterschlüpfen kann, lebt im Auto.

Was für eine bittere Ironie: ein Bauboom, der Obdachlosigkeit gebracht hat. »Ich weiß von Familien, die auf dem Wal-Mart-Parkplatz übernachten«, berichtet Rae Nicely. Viele in Lehigh Acres hofften auf den Präsidenten: Im Februar sollte er der Gemeinde einen Besuch abstatten, um Werbung für sein Konjunkturprogramm zu machen, doch dann reichte die Zeit für den Stopp nicht. Andere setzen auf die Bürgergesellschaft, organisieren Aufräumaktionen mit Freiwilligen, Bürgerpatrouillen und Nachbarschaftsgrillabende.

Aber vielleicht ist das ja auch alles nur ein Zwischentief. Ein Tiefschlag auf dem Weg von Lehigh Acres zu einem blühenden Wohn- und Wirtschaftsstandort. So sieht das wenigstens Joseph Whalen. Der 37-jährige Chef der örtlichen Handelskammer hat ebenfalls große Pläne für den Standort. Er will Stadtrecht erwerben, er will die Infrastruktur ausbauen, er will noch mehr Leute anlocken, wenn die Wirtschaft erst wieder läuft. »In knapp 50 Jahren hat sich unsere Bevölkerung mehr als vervierfacht«, sagt Whalen. In seinen Augen eine Trumpfkarte. »Wir wachsen schneller als der Rest des Landes, und wir haben Platz!«, wirbt er. Der Kammerchef ist sich sicher: Bei Floridas nächstem Boom werde Lehigh Acres zu den Gewinnern gehören.

 
Leser-Kommentare
  1. ... sind ein Grund, die ZEIT zu kaufen. Ein detailliertes, gut recherchiertes Portrait der faktischen Ausmaße der Krise in den Vereinigten Staaten. Von wenigen Meldungen über Zeltstädte ist bislang in Deutschland wenig davon bekannt, wie hart die Immobilienkrise die US-Wirklichkeit erwischt hat.

    Dass mit der Kreditkartenblase dort das nächste Chaos schwant, das noch weit mehr Menschen durch Zwangsmaßnahmen mittellos machen wird, bleibt hier zwar unerwähnt - der Bericht liefert aber einen bildlichen Bericht der Folgen, die drohen.

  2. ... sind nur eine Spitze vom Eisberg. Konsequenterweise kann man auch weiter denken:

    Mit dem wilden Herumgekaufe von Immobilien haben die Leute auch weitere Sachen gekauft. Autos. Kühlschränke. Küchen. Werkzeuge. Vieles davon aus unserer geliebten heimischen Produktion oder besser: Marke. So wurden wir dann Exportweltmeister...

    Anders: Immerhin haben uns die Amerikanier mit ihrem Kaufrausch ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Jetzt, wo sie als Kunden weggefallen sind, stehen wir ziemlich blöde da. Der deutsche Michel kauft ja schon langen nicht mehr "deutsch" - sondern eher China. Geht zwar schnell kaputt, hält nix - ist aber billig.

    Da stehen wir doch mit unserer Wirtschaft vor dem Problem: wo kommen die Kunden her? 82 Millionen Hansels müssen dringend ernährt werden. Und Hartz IV für alle ist irgendwie auch kein Plan...

  3. Der Beitrag ist eine gute Beschreibung der Lage vor Ort, nur bei der Analyse zeigt er Anflüge von Schwäche und Betriebsblindheit:

    "Was für eine bittere Ironie: ein Bauboom, der Obdachlosigkeit gebracht hat"

    Es ist keine bittere Ironie, das ist die systematische Ausplünderung per Kredit der normalen Bürger zum Wohle derer, die sowieso schon alles hatten.

    Der Anblick der Zeltstädte, denen ein paar Meilen weiter Millionen Geisterhäuser folgen, müsste doch jedem klarmachen, dass hier kein Knappheits-, sondern ein gewaltiges Verteilungsproblem gen Himmel stinkt.
    Müsste.

    • lsnig
    • 25.05.2009 um 12:30 Uhr

    war ich in Florida, einschliesslich Miami. Wochenlang, dreimal seit Oktober letzten Jahres.

    Wenn dieser Bericht von Frl. Heike nicht eine Uebertreibung erster Ordnung ist, weiss ich nicht, was so etwas sein sollte.

    [...] Aus einem Berg (und das ist die wirkliche schlechte Wirtschaft) wird (immer, wenigstens immer hier) Mt Everest gemacht. Leider. Wahrscheinlich mit Absicht.

    [Gekürzt, bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lsnig
    • 25.05.2009 um 23:45 Uhr

    [Text entfernt, bitte argumentieren Sie sachlich und verzichten Sie auf Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    • lsnig
    • 25.05.2009 um 23:45 Uhr

    [Text entfernt, bitte argumentieren Sie sachlich und verzichten Sie auf Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    • Gyaur
    • 25.05.2009 um 16:45 Uhr
    6. Klar.

    Aber es wird alles besser sein. Das ist der Unterschied zwischen Florida und Antalaya.

    • lsnig
    • 25.05.2009 um 23:45 Uhr

    [Text entfernt, bitte argumentieren Sie sachlich und verzichten Sie auf Beleidigungen/ Redaktion; svb]

    Antwort auf "Gerade letzte Woche"

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