Respekt. Wer aus einem Stoff, den niemand zum Leben braucht, ein Grundnahrungsmittel macht, hat ein staunenswertes Kunststück in Sachen Marketing vorgeführt. Die Zuckerindustrie hat das tatsächlich geschafft.

Sagenhafte 100 Gramm Zucker verdrücken die Deutschen pro Tag und Kopf. Auch weil die Industrie den süßen Stoff überall dort versteckt, wo er nicht hingehört: in Getränken, Fertigprodukten, Saucen, Wurst ebenso wie in vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Joghurt, Müsli oder Cornflakes. Wer nach Ursachen für die grassierende Fettleibigkeit in den Industrienationen sucht – bei den überzuckerten Lebensmitteln wird er fündig.

Jetzt aber haben die USA den Zuckerbomben den Krieg erklärt. Einige Bundesstaaten, allen voran Maine und New York, wollen saftige Steuern für die wichtigsten Übeltäter einführen, für Softdrinks und Snacks. Ähnliche Überlegungen gibt es in der Obama-Administration. Denn die industriell geförderte Zuckersucht kostet das Gesundheitssystem Millionen.

Natürlich steht die amerikanische Getränkeindustrie bereits auf den Zinnen. Doch die Strafsteuer sollte trotzdem kommen – nicht nur in Übersee. Auch in Deutschland könnte so eine fiskalische Ernährungserziehung doppelt segensreich wirken: Indem sie den Zuckerkonsum senkt, verringert sie die hohen Kosten des Krankenstands durch chronische Leiden. Zugleich könnten die Erlöse bei der Sanierung der (momentan leeren) Staatskassen helfen.

Entgegen den Beteuerungen der Lobbyisten braucht der Körper keineswegs Kohlenhydrate – und Zucker schon gar nicht. Glukose ist zwar ein wichtiger Brennstoff, vor allem für die Muskulatur, und praktisch der einzige Energielieferant für das Gehirn. Der Mensch hat dennoch Hunderttausende Jahre fast nur von Eiweiß und Fett gelebt. Daraus stellt der Organismus im Handumdrehen so viel Zucker her, wie er benötigt. Ohne diese Fähigkeit hätte Homo sapiens die Steinzeit erst gar nicht überlebt – Kohlenhydrate lieferten vor der Agrarwirtschaft nur wilde Gräser und Wurzeln, manchmal auch Bienenvölker.

Weitsichtig stellte der Ökonom Adam Smith schon 1776 fest, dass Zucker, Rum und Tabak »äußerst geeignete Ziele der Besteuerung« seien. Denn diese Güter würden großflächig konsumiert, seien aber keinesfalls lebenswichtig. Bei den Genussgiften Nikotin und Alkohol folgte man seinem Rat. Die deutsche Zuckersteuer wurde dagegen 1993 abgeschafft. Man sollte sie wieder einführen – für alle Nahrungsmittel, in die mehr Zucker gesteckt wird, als sich für ein Gewürz gehört.