Verlagsbranche Warum Suhrkamp nach Marbach muss
Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, will die Suhrkamp- und Insel-Archive erwerben
Im Januar 2010 wird der Frankfurter Traditionsverlag Suhrkamp nach Berlin ziehen – womöglich ohne die hochbedeutenden Verlagsarchive Insel und Suhrkamp. Aber wo sollen sie bleiben? Am Montag dieser Woche traf sich Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, mit der Verlegerin Ulla Berkéwicz und der Geschäftsleitung von Suhrkamp.
DIE ZEIT: Sie haben, Herr Raulff, sich mit Suhrkamp getroffen. Worum ging es in dieser Sitzung?
Ulrich Raulff: Wir haben, wie verabredet, Bericht erstattet. Unsere Leute sind insgesamt zehn Arbeitstage lang in den Katakomben von Suhrkamp und Insel gewesen und haben dort die Archive begutachtet nach Struktur und Inhalt, nach dem Umfang der Konvolute und Korrespondenzen. Wir haben den Marktwert der Autografen bestimmt und uns von ihrem Erhaltungszustand ein Bild gemacht. Diese Ergebnisse haben wir präsentiert. Und wir haben dargelegt, in welche Situation das Archiv in Marbach käme – so der Verlag es nach Marbach geben möchte – und was Marbach für das Suhrkamp-Archiv leisten könnte.
ZEIT: Und können Sie verraten, wie viel das Archiv nach Einschätzung Ihres Hauses wert ist?
Raulff: Über diesen Punkt kann ich nichts sagen. Wir haben – schlagen Sie mich tot – auch wirklich nicht über Geld geredet. Wir haben keine Summe genannt. Wir haben angedeutet, dass unsere Bewertung nach Marktpreisen in wirklich sehr beträchtliche Höhen führt. Wir müssten außergewöhnliche Hilfsmittel dafür auftreiben.
ZEIT: Also sehr engagierte Sponsoren?
Raulff: Ja, da müssen wir schon ganz außergewöhnlich hilfsbereite Partner finden. Das würde über die normalen Finanzierungsnotwendigkeiten bei Ankäufen hinausgehen, wie wir es sonst mit Stiftungen wie der DFG oder der Kulturstiftung der Länder gewöhnt sind.
ZEIT: Sie können sich aber vorstellen, dass Sie solche Partner finden?
Raulff: In meinem unverbesserlichen Optimismus sage ich: Ja.
ZEIT: Um es richtig zu verstehen: Auch wenn nicht über konkrete Summen geredet wurde, so war doch Gegenstand des Gesprächs, ob das Archiv nach Marbach gehen sollte?
Raulff: Ja, natürlich.
ZEIT: Was sind die Vorteile, die Marbach Suhrkamp bieten kann?
Raulff: Erstens das Gesetz der guten Nachbarschaft. Die beiden Archive würden auf viele gute alte Bekannte treffen. Nicht nur auf Verlagsarchive wie die von S. Fischer oder Cotta, sondern auch auf sehr viele Autoren aus den Verlagen Insel und Suhrkamp. Teilnachlässe oder vollständige Nachlässe von Rilke, Hofmannsthal, Harry Graf Kessler, um die ältere Abteilung aufzurufen. Aber auch, was die zweite Jahrhunderthälfte angeht: Handke, Walser, Celan, Szondi, Hans Blumenberg. Da sind viele schon in Marbach oder werden, wie Dieter Henrich, dahin kommen. Übrigens ist auch Peter Suhrkamp selbst durch das S. Fischer-Archiv bei uns gegenwärtig. Ganz viele Fäden, die jetzt noch lose in der Luft hängen, würden wieder zusammengeknüpft.
ZEIT: Was ist der zweite Vorteil?
Raulff: Nun, wir würden, wenn dieses Ensemble aus Suhrkamp- und Insel-Archiv nach Marbach käme, es separat aufstellen und separat führen als Suhrkamp-Archiv in Marbach, so wie wir es auch mit dem Cotta-Archiv machen. Das ist der Vergleichsmaßstab, und das würde die Richtschnur unseres Handelns sein, was die Erschließung, die Betreuung durch dafür verantwortliche Mitarbeiter, aber auch die museale Präsentation angeht.
ZEIT: Nun sind Sie natürlich Partei in dieser Sache. Man könnte doch auch sagen, Suhrkamp ist nun einmal historisch in Frankfurt verwurzelt, also sollte das Archiv auch in Frankfurt bleiben.
Raulff: Ich würde nie auch nur ein Wort gegen Frankfurt sagen. Wir arbeiten viel zu gut zusammen mit vielen Frankfurter Kulturinstitutionen. Alles, was ich anführe, sind Argumente für Marbach. Aber ähnlich wie Cotta keine schwäbische Angelegenheit war, sondern ein nationales Imperium gewesen ist, genau so ist das auch mit Suhrkamp. Natürlich ist Suhrkamp eng mit der Frankfurter Schule zum Beispiel verbunden, aber Suhrkamp ist ein deutscher und internationaler Verlag, keine regionale Angelegenheit.
ZEIT: Doch Teile des Suhrkamp-Archivs, nämlich das Peter-Suhrkamp-Archiv, das Archiv des Verlagsgründers, sind bereits in der Obhut der Frankfurter Goethe-Universität.
Raulff: Siegfried Unseld selbst hat Teile rausgelöst und separat deponiert: Koeppen zum Beispiel nach Greifswald, Uwe Johnson an die Frankfurter Universität, ebenso wie besagtes Peter-Suhrkamp-Archiv. Aber er hat das mit Verträgen getan. Das sind keine Schenkungen und auch keine Stiftungen.
ZEIT: Das heißt, man könnte das zurückfordern?
Raulff: Unseld hat sich zumindest diese Möglichkeit immer offengehalten. Er hat sich nach meiner Auffassung nie definitiv für eine Lösung und ganz gewiss nie definitiv gegen Marbach entschieden.
ZEIT: In Ihrer Idealvorstellung, wenn alle Ihre Wünsche in Erfüllung gingen, würden Sie also die ausgegliederten Teile gerne zurückholen?
Raulff: Wünschenswert wäre es, ja, das sage ich ganz klar.
ZEIT: Gilt das auch für den Koeppen-Nachlass?
Raulff: Darüber haben wir nicht gesprochen. Auch nicht über den Johnson-Nachlass. Das sind große Autorenarchive, die haben einen etwas anderen Charakter als die Verlagsarchive.
ZEIT: Wie haben die Suhrkamper Ihr Angebot aufgenommen?
Raulff: Angebot ist nicht der richtige Ausdruck. Wir haben eine Situationsbeschreibung abgegeben. Wir sind noch nicht in Verhandlungen. Jetzt ist noch einmal auf beiden Seiten Nachdenken angesagt. Vor allem aber aufseiten des Verlags.
ZEIT: Ist Ihr Eindruck, dass Suhrkamp auf jeden Fall das Archiv nicht nach Berlin nehmen wird?
Raulff: Auch diese Entscheidung ist – glaube ich – noch nicht endgültig gefallen. Ich finde, es wurde sehr verantwortungsbewusst gehandelt von der Verlegerin, indem sie in dem Moment, wo der Umzug ansteht, sich durch Experten erklären lässt, in welchem Zustand das Archiv sich befindet und was am besten damit geschehen könnte.
ZEIT: Gibt es konkurrierende Institutionen jenseits der Frankfurter Universität, die ebenfalls am Suhrkamp-Archiv interessiert sind?
Raulff: Das weiß ich nicht. Aber angesichts der Bedeutung dieses Archivs kann man sich sehr gut vorstellen, dass da noch weitere Interessenten auf den Plan treten.
ZEIT: Es wäre der Verkauf des Archivs für Suhrkamp auch eine gewaltige Finanzspritze?
Raulff: Nun, das liegt ja auf der Hand. Wenn man den Marktwert bemisst, kommt einiges zusammen.
Das Gespräch führte Ijoma Mangold
- Datum 30.10.2009 - 16:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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