Gesundheit Tief durchatmen

In Zeiten der Grippeangst sind Klimaanlagen unter Verdacht geraten. Machen sie Fluggäste krank?

Flugzeugkabine

Sicherheitsmann bei einer Übung für den Grippefall

Wer dieser Tage im Flugzeug hustet, sorgt für Nervosität. Und das nicht nur bei den Passagieren, die gleich daneben sitzen. Seit Wochen geht die Angst vor der Influenza um, die von der Boulevardpresse zur »Todesgrippe« aufgebauscht wurde. Flugzeuge sind ein Ort, wo mancher fürchtet, sich anzustecken: eingepfercht mit Menschen aus aller Herren Ländern, deren durchgerührter Atem einem aus der Klimaanlage entgegenströmt. Auch vereinzelte Mediziner schlagen deswegen Alarm. Auf der Website der Krankenkasse BKK Verkehrsbau Union etwa heißt es, auf Flügen nehme man sich lieber in Acht: »Die Luft wird von der Klimaanlage ständig neu in die Kabine geblasen. Da verteilen sich Viren besonders gut.«

Die Angst ist nicht neu. Sie kommt immer wieder, wenn Epidemien grassieren. Gefahr im Flugzeug: Killerviren an Bord, titelte vor einem Jahrzehnt schon das Hamburger Abendblatt . Und weiter: »Verseuchte Klimaanlage: Passagiere mit Tbc angesteckt«. Auf einem Flug von Brüssel nach New York hätten sich zwei Frauen mit Tuberkulose infiziert. Bei einer Passagierin, die 15 Reihen hinter ihnen saß, »wahrscheinlich durch kleinste Tröpfchen aus der Klimaanlage«. Bald darauf stellte sich die Meldung als Zeitungsente heraus.

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»Dass Klimaanlagen in Flugzeugen gefährlich sein sollen, ist ein Mythos, der sich erstaunlich zäh hält« sagt René Gottschalk, Leiter des Kompetenzzentrums für hochansteckende Krankheiten beim Gesundheitsamt Frankfurt am Main. Er hält die vermeintliche Gefahr für bloße Panikmache. Sie habe viel mit Psychologie zu tun: Obwohl alltäglich, empfinden Menschen Fliegen noch immer als Grenzsituation. Da lassen sie sich bange machen und bewerten Risiken zu hoch.

Hinzukommen mag eine grundsätzliche Abneigung mancher Leute gegen Klimaanlagen. Es gefällt ihnen nicht, wenn sie »künstliche« Luft aus dunklen Kanälen einatmen müssen. Ganz abwegig ist diese Vorstellung nicht. Auch manche Fachleute vermuten, dass klimatisierte Luft die Gefahr von Erkältungen erhöht, weil sie die schützenden Schleimhäute austrocknen lässt. Aber nicht dieses kleine Risiko sorgt ja für Schlagzeilen, sondern die Idee, die Keime strömten geradewegs aus den Belüftungsschlitzen.

Laut Gottschalk tauschen moderne Klimaanlagen alle drei Minuten die gesamte Luft in der Kabine aus. Zu etwa 50 Prozent wird dafür Außenluft angesaugt. Die Gefahr, dass von dort Viren und Bakterien kommen, ist äußerst gering. Auf der Flughöhe einer Verkehrsmaschine herrschen Temperaturen von circa minus 60 Grad. In dieser Kälte überlebt kaum ein Krankheitserreger. Da diese Luft aber auch sehr trocken ist, wird sie zur Hälfte mit Kabinenluft gemischt. Luft also, die womöglich schon durch ein paar Hundert Lungen geströmt ist. Und das soll ungefährlich sein?

Ist es, beteuern die Fluggesellschaften. Michael Lamberty, Pressesprecher der Lufthansa AG, sagt, die verbrauchte Luft werde von den Klimaanlagen »nicht bloß umgewälzt«. Sie werde durch ein aufwendiges Filtersystem gereinigt, das selbst kleinste Bakterien, Keime und Viren zurückhält. Und die Filter würden regelmäßig ausgewechselt, je nach Flugzeugtyp alle 6 bis 18 Monate. Auch der Infektionsexperte Gottschalk hält moderne Klimaanlagen für gesundheitlich unbedenklich.

Das heißt allerdings nicht, dass ein Passagier im Flugzeug vor Ansteckung gefeit ist. Mitte der neunziger Jahre etwa infizierte ein Tuberkulose-Patient auf einem Flug von Baltimore nach Honolulu vier Mitreisende. Experten analysierten den Fall – und stellten fest, dass alle Infizierten in der Nähe des Kranken gesessen hatten. Sie haben sich also wahrscheinlich über den direkten Kontakt angesteckt. Etwas anders war die Lage bei einem anderen spektakulären Fall, der noch länger zurückliegt: Im März 1977 fingen sich in einem Flugzeug 38 der 54 Passagiere eine Grippe ein. Die Pointe: Aufgrund eines Schadens am Triebwerk der Maschine vom Typ Boeing 737 war es in Alaska zu einem Zwischenstopp von drei Stunden gekommen, und während dieser Wartezeit war die Bordklimaanlage ausgefallen. Lüftungssysteme im Flugzeug können in der Tat zur Gefahr werden – wenn sie defekt sind.

Dass funktionierende Klimaanlagen Epidemien verbreiten, ist bis heute nicht belegt. Keine seriöse Studie deute darauf hin, schreibt die Bostoner Medizinprofessorin Alexandra Mangili in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Lancet. Darum rät der Frankfurter Mediziner Gottschalk zur Gelassenheit: »Das Risiko, sich in der U-Bahn zum Flughafen anzustecken, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit größer als im Flieger.« Die Luft in vielen Verkehrsflugzeugen soll sogar sauberer sein als in manchen Operationssälen, so Gottschalk: Bei Probemessungen in Airbus-A340-Flugzeugen war die Luft nur halb so stark mit Keimen belastet, wie in OP-Räumen während chirurgischer Eingriffe erlaubt ist. Bordklimaanlagen sind demnach eher ein Schutz vor der Gefahr, für die viele sie halten.

 
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