Eine Künstlernovelle über den Dichter Hugo von Hofmannsthal? Hat nicht Hofmannsthal selber schon die Gründe genannt, die gegen ein solches Unterfangen sprechen? Er hat: Biografisches Schreiben fand er »ein sehr sonderbares Ansinnen. Die Anekdoten – die Aufenthaltsorte – die Begegnungen – die Einflüsse. Unfähigkeit, das rein geistige Abenteuer zu erfassen.« Aber was er anderen verwehren wollte, erprobte er selber immer wieder, und außer den Bedenken notierte er dabei im Alter auch Vorsätze. Etwa über sich als einsamen 18-jährigen Knaben im Bergkurort Bad Fusch: »Gerade die widerhaarigen Züge beachten, die scheinbar nicht ins Bild wollen, die ganz kleinen Details, die der Erinnerung entschlüpfen wollen, ihnen nachgehen; auch den sonderbarsten Assoziationen unermüdlich nachgehen.«

Der 70-jährige österreichische Schriftsteller Walter Kappacher hat dem 50-jährigen Hofmannsthal einen sehr schönen kleinen Roman gewidmet, der Hofmannsthals Bedenken und Vorsätzen aufs Genaueste Rechnung trägt. Kappacher hat mit glücklicher Hand aus Hofmannsthals Leben einen Zeitabschnitt gewählt, der fürs dümmlich Anekdotische wenig, fürs rein Geistige dafür viel bietet, nämlich die Tage, die Hofmannsthal im August 1924 in Bad Fusch verbrachte. Sie sind, was das dokumentierbare Biografische angeht, so gut wie leer. Hofmannsthal war allein, und er hat fast nichts geschrieben. Nur gerade Richard Strauss, Poldi Andrian, Walter Brecht und Willi Müller-Hofmann bekamen einen Brief. Und nur zwei Seiten in den endlosen Entwurfsabteilungen der Kritischen Ausgabe fallen in die Fuscher Tage von 1924. Für einen Autor, der es in seinem Leben auf 35 voluminöse Text- und über 20 Briefbände brachte, ist das nahe am absoluten Nullpunkt des Schreibens.

Doch vom rein geistigen Abenteuer her, um das es nach Hofmannsthal dem Biografen ja gehen sollte, müssen die Fuscher Tage intensiv gewesen sein. Hofmannsthal versuchte nun schon den zweiten Sommer recht verzweifelt, den Turm zu Ende zu bringen, das Trauerspiel, das ihn seit 1920 beschäftigte und in dem er die Nachkriegszeit im Widerspiel von Geist und Macht zu spiegeln gedachte. Fast manisch hielt er nach passenden sommerlichen Schreiborten für seine zarte Physis Ausschau. Doch als er im Juli mit seinem jungen Schweizer Vertrauten Carl J. Burckhardt endlich im graubündnerischen Lenzerheide Quartier bezog, standesgemäß im noblen Parkhotel, ging es ihm schlecht. Einen »eigentlich productiven Zustand erreichte« er nicht. Das wenige Weiterhelfende, das in seine Mappen kam, stammt erst noch teils von Burckhardts Hand. Nach ein paar Tagen floh Hofmannsthal allein weiter in die Fusch, wo ihm in seiner frühgenialen Jugend die Verse manchmal wie von selber zugeflogen waren.

So viel weiß man, dann beginnen die Fuscher Tage, und von denen weiß man nichts. Und das ist ein Glück für Kappachers eigentümliche Erfindungsgabe. Sie hält sich, wie von Hofmannsthal empfohlen, an die flüchtigen kleinen Details sowie die sonderbarsten Assoziationen. Und sie ist für die äußeren wie die inneren Dimensionen dieses Vorhabens bestens gerüstet. Kappacher kennt die Fusch offensichtlich wie seine Hosentasche. Er braucht keine ungefähren Adjektive und wabernden Sätze, um Atmosphäre zu schaffen. Er kann sich bei der Schilderung der Stege und Brücken, der Brunnen, Bäche und fallenden Wasser kurz und knapp auf seine eigene Anschauung stützen. Er ist aber auch mit dem geistigen Abenteuer Hofmannsthals intim vertraut. Er kennt die wenigen Worte, die Hofmannsthal über die Fuscher Tage geschrieben hat: »Es ist sonderbar genug in einer Landschaft herumzugehen, in deren engem, aber charaktervollen Gesicht sich kein Zug verändert hat – und seinem Selbst von vor 20 Jahren, vor 30 Jahren, vor 40 Jahren, dem Knaben, dem Jüngling und dem Mann auf engen Waldwegen und Bachstegen zu begegnen«, an Brecht. Und an Burckhardt: »So voll ist das feuchte kühle Tal mit meiner eigenen Gestalt, dass es mich fast beklemmte«, alles sei »Teil von meinem Leben – so fremd-vertraut, wie solche Geisterstunden sind«.

Die Gespenster der Vergangenheit lassen sich nicht zähmen

Kappacher findet von diesen Sätzen traumwandlerisch sicher den Weg zu allen Lebensäußerungen Hofmannsthals, auf die sie ungesagt verweisen. Er versteht, dass Hofmannsthal mit der Fuscher Flucht sein Glück als Heimkehrer versucht hat. Auch für den Turm wollte er wieder in den inspirierten Zustand gelangen, der ihm 1894, als er 20 war, an diesem Ort Verse wie die Terzinen Über Vergänglichkeit so leicht zuwehte. Kappacher weiß aber auch, dass bei Hofmannsthal das Geisterhafte, das der Heimkehrer erfährt, ambivalent ist, eben »fremd-vertraut«. Es birgt nicht nur das Glück des Einklangs mit Früherem, sondern auch das Unglück seines Fremdwerdens. Auch Hofmannsthal wusste das, als er sein Glück in der Fusch versuchte. Wenige Texte blieben ihm lebenslang so präsent wie die Briefe des Zurückgekehrten, die einen Heimkehrer sprechen lassen, dem alles so gespenstisch fremd wird, dass er sich »nicht in der Hand« hat und in »einer fast dauerlosen leichten Übelkeit« schwebt.

All das und noch viel mehr weiß Kappacher, all das leuchtet in seiner Geschichte wieder auf, und alles spräche also dafür, dass ihm dieses Buch innerlich plakativ wie das zu genaue Scheinwissen und im Äußeren grau wie der Staub der Bibliotheken gerät.