Briefwechsel
Zwei abenteuerliche Herzen
Eine prächtige Entdeckung: Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem
Alles beginnt am 16. Februar 1975 mit einer Postkarte. Sie wird im schwäbischen Wilfingen in den Briefkasten geworfen und trägt eine Jerusalemer Anschrift. Der sie schreibt, steht in seinem 80. Lebensjahr. Der Adressat ist nur zwei Jahre jünger, überblickt also ebenfalls ein ereignisreiches Jahrhundert. Ansonsten haben die beiden nichts gemeinsam. Es sind Ernst Jünger und Gershom Scholem. Auf dieser unwahrscheinlichsten aller Postkarten schreibt Jünger: »…öfters stosse ich in der Presse auf Ihren Namen und frage mich, ob Sie mit einem meiner Schulkameraden identisch sind. (Hannover 1914) Falls es nicht zutrifft, bitte ich Sie, sich nicht mit einer Antwort zu bemühen. Mit bestem Gruß Ernst Jünger.«
Was für eine Pokerface-Eröffnung: Beiläufiger kann man eine unwahrscheinliche Verbindung kaum anbahnen. Mit lässiger Abgeklärtheit (»Kennen wir uns nicht?«, würde man auf einer Party sagen) wird der Abstand der Jahre, der Orte und der Welten übersprungen. Gershom Scholem dürfte die Postkarte in Jerusalem leicht irritiert angestarrt haben. Dann aber notiert er auf ihrer Rückseite: »ob mein Bruder Werner gemeint ist?«
Können sich zwei Welten fremder sein als die, in denen Ernst Jünger und Gershom Scholem lebten? Hier der Begründer der jüdischen Religionswissenschaft, der als Jugendlicher gegen das assimilierte Judentum seiner Berliner Herkunftswelt rebelliert, 1923 nach Palästina auswandert und dort einen Zionismus pflegt, der immer eine Spur mehr mystischer als weltlicher Natur war. Dort Ernst Jünger, der Stoßtruppführer des Ersten Weltkriegs, der Verächter Weimars, der konservative Revolutionär, der Wehrmachtsoffizier im besetzten Frankreich und der argwöhnisch beobachtete Käfersammler der Bundesrepublik, dem man eine Nähe zur Nazi-Ideologie vorhielt.
Der Literaturwissenschaftler Detlev Schöttker hat jetzt in Jüngers Nachlass im Literaturarchiv Marbach diesen zwar kleinen, aber bemerkenswerten Briefwechsel entdeckt, den sich Scholem und Jünger zwischen 1975 und 1981 geschrieben haben. Sechs Briefe sind es von Scholem, vier von Jünger plus der Postkarte, die den Reigen eröffnet. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form sind sie erstmals veröffentlicht.
Und weil beide, Jünger wie Scholem, so außerordentlich charakteristische, alles andere als weichgespülte Persönlichkeiten waren, die jeweils ein Moment der geschichtlichen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts prägnant, ja fast überspitzt verkörpern, liest man diese Briefe mit angehaltenem Atem: als könne mit jedem falschen Satz sogleich die Kommunikation abbrechen, als lauere hinter jedem Komma ein Eklat und als könne ein falscher Zungenschlag die Stimmen in Frostigkeit verstummen lassen. Wie einen leichten kühlen Lufthauch zwischen den Zeilen spürt der Leser, dass beide hellwach sind wie Tiere auf der Pirsch.
Kann es zwischen zwei solchen Geschichtsfiguren überhaupt einen unschuldigen Satz geben? Tatsächlich macht dieser Briefwechsel keinen Bogen um all jene Geschichtsereignisse, die sich für beide Briefpartner so unterschiedlich auswirkten. Aber die Art der Thematisierung ist absolut delikat.
Scholems Ton ist der abwartendere, strengere, vielleicht auch lauerndere. Jünger dagegen tritt mit Bonhomie und abgeklärter Äonenmilde auf, als könne in der geschichtlichen Welt nichts passieren, was zwei große Geister daran hindern sollte, neugierig-liebenswürdig miteinander umzugehen:
Sechs Wochen nach Erhalt der Postkarte antwortet Scholem Jünger. Er sei erfreut, seine Handschrift zu lesen, denn er habe zwei seiner Bücher »aufmerksam studiert« (wie man weiß: sehr kritisch). Er selbst allerdings sei in Berlin zur Schule gegangen, doch »sonderbarerweise lebte mein Bruder Werner, der spätere Reichstagsabgeordnete (der 1940 in Buchenwald ermordet wurde), in der Tat vom Herbst 1913 bis Ende 1914 in Hannover, wo er in eine sogenannte Presse zur Vorbereitung des Abituriums ging und in der sozialdemokratischen ›Arbeiterjugend‹ tätig war«. Und dann fügt Scholem noch hinzu: »Er war klein, hatte auch (wie ich) ein kleines, scharfjüdisches Gesicht, und war damals recht dünn.«
Jünger ist nun wie elektrisiert. Schon Scholems nüchterne Antwort enthält lauter Begriffe, die seinen Bruder im deutlichen Kontrast zu Jünger charakterisieren: Reichstag, sozialdemokratisch, Arbeiterjugend, »scharfjüdisch« und – in kaum zu ertragender lakonischer Klammer – Buchenwald. Jünger scheint genau von diesem Kontrast gebannt zu sein. Sofort stehen ihm prägnante, symbolhafte Erinnerungen an Werner vor Augen, der schon damals, wie Jünger nun realisiert, als besondere Persönlichkeit erkennbar gewesen war. Und als wollte Jünger den Gegensatz besonders herausarbeiten, stellt er die Vermutung an, dass sich Werner gewiss nicht freiwillig zum Heer gemeldet habe.
Scholem kann das bestätigen. Werner habe den Krieg »gänzlich« abgelehnt. Und Jünger, der Beschwörer des Kampfes als inneres Erlebnis, hat sogleich eine weitere Szene aus der »Auguststimmung« von 1914 vor Augen: »Ich kam an jenem Tage vom Friseur; er – Werner – bemerkte das mit seinem skeptischen Lächeln: ›Vor dem Kampf salbt der germanische Jüngling das Haar.‹«
Jünger ist förmlich aus dem Häuschen über dieses charakteristische Erinnerungsbild. Man spürt den Genuss des Dandys, das ganz andere seiner selbst kennerhaft zu würdigen. Ihm gefällt offensichtlich, wie da zwei extreme Möglichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts idealtypisch nebeneinander auf der Schulbank sitzen.
Jünger fährt dann fort – und hier zuckt der Leser innerlich zusammen: »Es bleibt mir noch, Ihnen zu kondolieren; nach einem Vierteljahrhundert hat Ihre Mitteilung seines Endes mich nicht nur bekümmert, sondern auch überrascht. Bei der sicheren Lagebeurteilung, die ich ihm zutraute, nahm ich an, daß er, wie offenbar andere seiner Verwandten, den letzten Zug nach draußen nicht verpaßt hätte.« Das ist – »Lagebeurteilung«! – ganz die Jüngersche Desinvolture, aber sie klingt in diesem Kontext ausgesprochen unangemessen, als habe Jünger sich von einer so intelligenten Persönlichkeit wie Werner ein höheres Maß an Urteilskraft und Realismus erwartet. Und als sei die Vernichtungspraxis der Nazis eine Bestialität, die er, Jünger, jederzeit auf dem Bildschirm gehabt hätte.
Aber nun passiert etwas Interessantes. Tatsächlich hat Jünger mit Scholem jemanden vor sich, der nie einer falschen Koexistenz-Illusion aufsaß. Scholem wurde von seinem Vater verstoßen, weil er gegen das Assimilationsmilieu rebellierte. An den deutsch-jüdischen Dialog hat er eben nie geglaubt. Und so antwortet er Jünger (als habe er es ebenfalls schon immer gewusst), er selbst sei bereits 1923 nach Palästina ausgewandert, aber seine Verwandten seien leider taub für seine Warnungen gewesen: »Die Einsicht in ihre eigene Lage gehörte nicht zu den starken Seiten der deutschen Juden.« (Als Ernst Jünger 1995 im Tagebuch die Korrespondenz mit Scholem sich noch einmal vergegenwärtigt, notiert er sich genau diesen Satz.)
Was für eine Konstellation tut sich da jedenfalls auf – mit dem toten Bruder als abwesendem Dritten. Der Deutschnationale, der Kabbala-Forscher und der Sozialist, den die Nazis gleich nach dem Reichstagsbrand verhaftet hatten. Doch in einem waren sie sich verwandt: Sie waren alle drei Verächter des liberalen Kulturrelativismus. Vielleicht funktioniert deshalb die Verständigung zwischen Scholem und Jünger auf eine zugleich distanzierte und ebenbürtige Weise so gut.
Gershom Scholem, der einem stark genealogischen Begriff des Judentums anhing, muss Gefallen gefunden haben an Jüngers Geschwister-Interesse: »Selbst nach zweiundsechzig Jahren kann ich Ihnen die Familienähnlichkeit mit Ihrem Bruder Werner bestätigen.« Und Jünger wiederum, der die Menschen gerne durch »Strahlungen« aufeinander bezogen sah, entzückte vermutlich das Unwahrscheinliche dieser Konstellation. Dass die wahren Verbindungen im Kosmos esoterische, geheime sind, ist jedenfalls eine Überzeugung, in die sich Scholem und Jünger teilen. So schweben die Briefe zwischen Beredsamkeit und Lakonie. Ganz im Sinne von Scholems Überzeugung: »Der jüdische Begriff von Wort schließt das Schweigen ein.«
Der Reiz dieses Briefwechsels hat aber auch etwas mit seinem selbstbewussten Anachronismus zu tun. Was Zeitgenossenschaft ist, lassen sich die beiden nicht vom Kalender diktieren: Während in den USA Bill Gates Microsoft gründet und in Deutschland die RAF tobt, rekonstruieren sie die Vergangenheit, als wäre die Gegenwart ohne Belang. Am 21. Juni 1976 schreibt Jünger: »Gestern sah ich Sie im Bildschirm; die Sendung hatte sich wegen eines Fußballspiels verzögert bis tief in die Nacht.« Das ist nun schon regelrecht komisch, wie sich da ein Fußballspiel zwischen Scholem und Jünger schiebt, Glotze und Weltbürgerkrieg unvermittelt nebeneinander zu stehen kommen. Und was sieht Jünger dann »im Bildschirm«? Den Religionswissenschaftler Scholem, der die kabbalistische Erklärung für die »Unvollkommenheit der Welt« erläutert – und Jünger versichert ihm, allumarmend, dass er in diesem Punkte ganz bei ihm sei. Das klingt dann fast so, als wäre das Leid des 20. Jahrhunderts Ausdruck jener metaphysischen Unvollkommenheit der Welt, über die sich beide zum Glück einig seien.
Dann tritt eine Pause ein, bis sich 1981 Scholem bei Jünger meldet. Adorno habe ihm einmal die Vermutung mitgeteilt, Jünger sei möglicherweise bei einem Plan des deutschen Generalstabs beteiligt gewesen, seinen – Scholems – Lebensfreund Walter Benjamin zu retten, »indem man ihn als Pfleger in ein Lazarett hätte stecken wollen«. Ob da etwas dran sei? Jünger mag nichts ausschließen, kann aber auch nichts bestätigen, weil seine Erinnerung verblasst sei. Es tut sich ein weiteres Beziehungsnetz auf, das die beiden vertiefen.
Scholem ist dabei an der konkreten Rekonstruktion der Vergangenheit interessiert, Bei Jünger liegt die Sache anders. Er will erkennbar in der Erinnerung an Scholems Bruder Werner noch einmal den Bogen des Jahrhunderts schließen. Es ist ein Sinnstiftungsakt. Jünger beschwört ein Wir der Zeitgenossenschaft, in dem alle Gegensätze zusammenfallen. In bewährt öliger Art beschließt er den Briefwechsel mit dem Satz: »Die Weltlage ist düster; vielleicht kommen wir ohne Wunder nicht aus.«
Ernst Jünger, Gershom Scholem: Briefwechsel 1975–1981
Aus »Sinn und Form«, Heft 3/09, S. 293–302; hrsg. von der Akademie der Künste, Berlin; 9,– €
- Datum 20.5.2009 - 13:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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