Briefwechsel Zwei abenteuerliche HerzenSeite 3/3
Aber nun passiert etwas Interessantes. Tatsächlich hat Jünger mit Scholem jemanden vor sich, der nie einer falschen Koexistenz-Illusion aufsaß. Scholem wurde von seinem Vater verstoßen, weil er gegen das Assimilationsmilieu rebellierte. An den deutsch-jüdischen Dialog hat er eben nie geglaubt. Und so antwortet er Jünger (als habe er es ebenfalls schon immer gewusst), er selbst sei bereits 1923 nach Palästina ausgewandert, aber seine Verwandten seien leider taub für seine Warnungen gewesen: »Die Einsicht in ihre eigene Lage gehörte nicht zu den starken Seiten der deutschen Juden.« (Als Ernst Jünger 1995 im Tagebuch die Korrespondenz mit Scholem sich noch einmal vergegenwärtigt, notiert er sich genau diesen Satz.)
Was für eine Konstellation tut sich da jedenfalls auf – mit dem toten Bruder als abwesendem Dritten. Der Deutschnationale, der Kabbala-Forscher und der Sozialist, den die Nazis gleich nach dem Reichstagsbrand verhaftet hatten. Doch in einem waren sie sich verwandt: Sie waren alle drei Verächter des liberalen Kulturrelativismus. Vielleicht funktioniert deshalb die Verständigung zwischen Scholem und Jünger auf eine zugleich distanzierte und ebenbürtige Weise so gut.
Gershom Scholem, der einem stark genealogischen Begriff des Judentums anhing, muss Gefallen gefunden haben an Jüngers Geschwister-Interesse: »Selbst nach zweiundsechzig Jahren kann ich Ihnen die Familienähnlichkeit mit Ihrem Bruder Werner bestätigen.« Und Jünger wiederum, der die Menschen gerne durch »Strahlungen« aufeinander bezogen sah, entzückte vermutlich das Unwahrscheinliche dieser Konstellation. Dass die wahren Verbindungen im Kosmos esoterische, geheime sind, ist jedenfalls eine Überzeugung, in die sich Scholem und Jünger teilen. So schweben die Briefe zwischen Beredsamkeit und Lakonie. Ganz im Sinne von Scholems Überzeugung: »Der jüdische Begriff von Wort schließt das Schweigen ein.«
Der Reiz dieses Briefwechsels hat aber auch etwas mit seinem selbstbewussten Anachronismus zu tun. Was Zeitgenossenschaft ist, lassen sich die beiden nicht vom Kalender diktieren: Während in den USA Bill Gates Microsoft gründet und in Deutschland die RAF tobt, rekonstruieren sie die Vergangenheit, als wäre die Gegenwart ohne Belang. Am 21. Juni 1976 schreibt Jünger: »Gestern sah ich Sie im Bildschirm; die Sendung hatte sich wegen eines Fußballspiels verzögert bis tief in die Nacht.« Das ist nun schon regelrecht komisch, wie sich da ein Fußballspiel zwischen Scholem und Jünger schiebt, Glotze und Weltbürgerkrieg unvermittelt nebeneinander zu stehen kommen. Und was sieht Jünger dann »im Bildschirm«? Den Religionswissenschaftler Scholem, der die kabbalistische Erklärung für die »Unvollkommenheit der Welt« erläutert – und Jünger versichert ihm, allumarmend, dass er in diesem Punkte ganz bei ihm sei. Das klingt dann fast so, als wäre das Leid des 20. Jahrhunderts Ausdruck jener metaphysischen Unvollkommenheit der Welt, über die sich beide zum Glück einig seien.
Dann tritt eine Pause ein, bis sich 1981 Scholem bei Jünger meldet. Adorno habe ihm einmal die Vermutung mitgeteilt, Jünger sei möglicherweise bei einem Plan des deutschen Generalstabs beteiligt gewesen, seinen – Scholems – Lebensfreund Walter Benjamin zu retten, »indem man ihn als Pfleger in ein Lazarett hätte stecken wollen«. Ob da etwas dran sei? Jünger mag nichts ausschließen, kann aber auch nichts bestätigen, weil seine Erinnerung verblasst sei. Es tut sich ein weiteres Beziehungsnetz auf, das die beiden vertiefen.
Scholem ist dabei an der konkreten Rekonstruktion der Vergangenheit interessiert, Bei Jünger liegt die Sache anders. Er will erkennbar in der Erinnerung an Scholems Bruder Werner noch einmal den Bogen des Jahrhunderts schließen. Es ist ein Sinnstiftungsakt. Jünger beschwört ein Wir der Zeitgenossenschaft, in dem alle Gegensätze zusammenfallen. In bewährt öliger Art beschließt er den Briefwechsel mit dem Satz: »Die Weltlage ist düster; vielleicht kommen wir ohne Wunder nicht aus.«
Ernst Jünger, Gershom Scholem: Briefwechsel 1975–1981
Aus »Sinn und Form«, Heft 3/09, S. 293–302; hrsg. von der Akademie der Künste, Berlin; 9,– €
- Datum 20.05.2009 - 14:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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