Rasselnd geht sein Atem. Der etwa vierzigjährige Mann liegt keuchend im Bett und ringt nach Luft. Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Die Tür wird aufgerissen, zwei Rettungssanitäterinnen eilen ins Zimmer, beugen sich über den Notfallpatienten. »Ich kriege so schlecht Luft«, stößt dieser hervor. Die beiden Rettungssanitäterinnen stülpen eine Sauerstoffmaske über sein Gesicht. »Haben Sie Asthma?«, fragen sie. »Nein, kein Asthma«, antwortet der Mann. »Ganz plötzlich tat mir die Brust so weh.« Den jungen Frauen ist ihre Anspannung deutlich anzumerken. »Verdammt, er ist kaltschweißig« sagt die eine zur anderen. Gemeinsam rätseln sie über die Ursache. »Lungenödem wahrscheinlich«, tippen sie.

An dieser Stelle schaltet sich Oberarzt Gernot Rücker ein. Denn er hat den angeblichen Patienten programmiert und ihm per Mikrofon und Verstärker seine Stimme geliehen. »Kaltschweißigkeit, Atemnot, beginnendes Lungenödem, was ist denn das?«, fragt der Notfallmediziner. »Wenn ihr das EKG gemacht hättet, wäre die Diagnose glasklar: Das ist ein klassischer Herzinfarkt im Vollbild.« Vor lauter Aufregung haben die beiden Auszubildenden das Nächstliegende vergessen. Für einen echten Patienten wäre ihre Fehldiagnose in dieser lebensbedrohlichen Situation fatal, doch in diesem Falle ist die Sache halb so wild. Vor ihnen liegt nur eine Maschine, ein Patientensimulator, dessen rasselndes Keuchen von Gernot Rücker nach dem Ende der Übung einfach auf Normalatmung umgestellt wird.

Infarkt, Schädeltrauma und Diabetes durchleidet die Puppe an einem Tag

Der künstliche Patient ist die neueste Anschaffung der Simulationsanlage für Notfallausbildung, die Gernot Rücker an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universität Rostock leitet. Eigentlich heißt der Simulator »iStan« und stammt aus den USA, doch in Rostock nennen ihn alle nur »Igor«. Solche Trainingspatienten kommen zunehmend in Kliniken zum Einsatz (siehe Kasten), und ein Besuch in Rostock zeigt, wie weit die Kunst der Simulation mittlerweile fortgeschritten ist.

Igor kann mit den Augen blinzeln. Sein Brustkorb hebt und senkt sich beim Atmen. Auch seine »Haut«, die aus einer Silikonverbindung besteht, fühlt sich recht lebensecht an. Organe hat Igor nicht; statt Leber und Milz befinden sich zwei Flüssigkeitsbehälter samt entsprechender Elektronik unter seiner Silikonbauchdecke. Igor kann nach Bedarf mit Kunsturin, Filmblut oder anderen klaren Flüssigkeiten betankt werden. Puls und Herzschlag werden von einem kleinen Computer gesteuert, der auch für Atmung und Bauchgeräusche sorgt. Ein ebenfalls eingebauter Kompressor erzeugt den notwendigen Druck für die pneumatischen Funktionen: Damit kann Igor Atem ausstoßen oder die Flüssigkeiten aus den Tanks durch seine Körperöffnungen ausscheiden.

Über einen Computer und eine kabellose Verbindung lässt sich dieses Innenleben von außen programmieren und steuern. Ein Druck auf die Computertastatur, und Igor muss würgen, fängt an zu bluten, bekommt einen Asthmaanfall oder eine Zungenschwellung – je nachdem, was gerade trainiert werden soll. Die Rettungssanitäter sollen schließlich üben, auch in Überraschungssituationen die richtige Diagnose zu stellen. »Die meisten kritischen Notfälle bei Patienten lassen sich über knallharte Symptome definieren«, erläutert Gernot Rücker, »und diese Symptome müssen natürlich erkannt werden.«

In der Rostocker Übungseinheit steht heute nicht nur der Herzinfarkt auf dem Programm. Ein zweites Team wird damit konfrontiert, dass aus Igors Ohr eine Flüssigkeit läuft (was auf ein Schädel-Hirn-Trauma hindeutet); die Nächsten müssen erkennen, dass Igors Herzfrequenz zu niedrig ist; und vor der Mittagspause simuliert Igor noch einen stark unterzuckerten Diabetiker.