Spielkonsole Das tut weh
Die Videospielkonsole Wii hat den Sport ins Wohnzimmer gebracht – und manchmal auch die Leiden der Sportler

© Joshua Lott/Getty Images
Wii-spielen kann gefährlich werden
Zersplitterte Fernsehbildschirme, Löcher in Zimmertüren, zerbrochene Lampen: Die Internetseite wiihaveaproblem.com listet eine stattliche Zahl von Zerstörungen auf. Alle gehen auf das Konto der Spielkonsole Wii und ihres bewegungsempfindlichen Controllers. Holt ein Spieler mit dem stabförmigen weißen Steuergerät schwungvoll zum Tennis- oder Golfschlag aus, geht schon mal etwas im Wohnzimmer zu Bruch. Neben Schnappschüssen von zerstörten Gegenständen schicken Wii-Spieler aus aller Welt auch immer wieder Bilder von blauen Augen und blutigen Fingern. Diese Malheure mögen im Freundeskreis der Betroffenen spektakulär erscheinen. Besorgte Sportmediziner halten eine andere Sorte für Wii-Verletzungen für die symptomatischeren Videospielblessuren: entzündete Gelenke und Sehnen.
Im New England Journal of Medicine beschrieb der spanische Arzt Julio Bonis bereits vor zwei Jahren den Fall eines 29 Jahre alten Mannes, der mit stechenden Schmerzen in der rechten Schulter erwachte und sich an einen Rheumatologen wandte. Die Diagnose lautete »akute Tendonitis«, der medizinische Fachausdruck für eine heftige Sehnenscheidenentzündung. Bonis taufte diese Verletzung um in »akute Wiiitis«: Bei der Befragung des Patienten stellte sich nämlich heraus, dass der junge Mann am Vortag über Stunden hinweg mit seiner neuen Wii-Konsole Tennis gespielt hatte.
Felix Matthäi kennt solche Beschwerden inzwischen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Rehabilitation und Behindertensport an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Mindestens zehn Anrufer, sagt er, seien bisher bei ihm gelandet, die über Schmerzen in Gelenken oder Sehnen klagten – und alle hätten vorher mit der Nintendo-Konsole gespielt.
Hier geht es zwar um Einzelfälle, nicht aber um das erste Mal, dass ein neues Digitalspielzeug für eine Lifestyle-Krankheit Pate steht. Ärzte sprachen bereits früher scherzhaft vom »Space-Invaders-Handgelenk« oder vom »Playstation-Daumen«. Bemerkenswert ist die Wiiitis dennoch, galt die Konsole des japanischen Herstellers Nintendo doch bislang geradezu als gesundheitliche Revolution im Sofahocker-Geschäft: Die tragbare Kontrolleinheit (Wii Remote) muss geschüttelt, geschwungen und gedreht werden, auf dem sogenannten Balance-Board können die Spieler Snowboarden oder Skiabfahrten simulieren und nebenbei ihren Gleichgewichtssinn trainieren.
Beim virtuellen Tennismatch oder Boxkampf sitzt in vielen Haushalten das Kind nicht mehr allein vor dem Bildschirm, die halbe Familie hampelt mit. Die Wii, das unterscheidet sie von ihren Vorgängern, ist ein sozialer und sportlicher Zeitvertreib. Wie gut dieses Konzept bei den Konsumenten ankommt, zeigt die Statistik: Bis Anfang dieses Jahres wurden in Europa 14 Millionen Konsolen verkauft, weltweit fast 45 Millionen.
»Wirklich anstrengend ist das Spielen eigentlich nicht«, sagt Felix Matthäi. »Wir haben den Energieverbrauch beim realen und beim virtuellen Boxen verglichen und festgestellt, dass die Betätigung an der Konsole nicht an den echten Sport herankommt.« Dass trotzdem immer wieder besorgte Nutzer bei ihm anrufen, hat ihn daher zunächst gewundert. Beim genaueren Hinsehen scheint aus sportwissenschaftlicher Sicht jedoch problematisch, dass einige Bewegungen im virtuellen Spiel so anders sind. Beim realen Tennis, sagt Matthäi, gehe an einem bestimmten Punkt im Bewegungsablauf die Energie des Ausholens auf den Ball über – genau dann, wenn der Schläger auf ihn treffe. So realitätsgetreu die Konsole das Spiel darstellt, den Tennisball kann sie nicht simulieren. »Die Bewegung wird nicht abgebremst«, erklärt Matthäi. »Dadurch wirkt eine große Kraft auf die Gelenke und Sehnen.«
Wer über Stunden hinweg verbissen den perfekten Aufschlag an der Wii übt, riskiert daher womöglich eine Sehnenscheidenentzündung. Auf dem echten Tennisplatz trifft er den Ball deshalb aber noch lange nicht richtig, denn bei der Konsole fehlt auch die professionelle Rückmeldung, für die der Tennislehrer bezahlt wird. »Eine für den Körper schlechte Bewegung kann zu guten Ergebnissen im Spiel führen«, sagt Matthäi. So kann die Konsole nicht unterscheiden, ob jemand wirklich auf der Stelle läuft oder einfach im schnellen Rhythmus die Controller schüttelt. Wie anstrengend letztere Bewegung für das Handgelenk ist, weiß jeder, der schon einmal Pudding angerührt hat.
Während Mediziner wie Julio Bonis vor übermäßigem Spiel warnen, schätzt man die Konsole in Rehabilitationszentren gerade wegen ihres Suchtpotenzials: Älteren oder gebrechlichen Menschen kann die Kombination aus leichter Bewegung und Motivation den Genesungsprozess erleichtern. Auch an der Kölner Sporthochschule läuft gerade ein Projekt, in dem Parkinson-Patienten mit der Konsole lernen sollen, ihre Bewegungen besser zu kontrollieren. »Das Prinzip ist für die Physiotherapie und die Krankengymnastik hoch interessant«, sagt Patrick Reize, ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Stuttgart. »Die Unterhaltungsindustrie hat diese Spiele sehr motivierend konzipiert, mit Erfolgskontrollen, Leistungskurven und Bewertung der persönlichen Leistung. Das kann in der Reha besser funktionieren als ein Physiotherapeut, der Ihnen fünfmal sagt: Das haben Sie gut gemacht, und jetzt machen Sie das noch mal.«
Dass bei den virtuellen Spielen bloß Teilbewegungen gefragt sind und zudem niemand den Benutzer auf deren korrekte Ausführung kontrolliert, findet Reize nicht so tragisch. »Wenn Sie draußen herumlaufen und ihr linkes Bein dabei stärker belasten als das rechte, sagt Ihnen das keiner. Das Balance-Board kann das feststellen.«
Auch Felix Matthäi aus Köln sieht in der Wii durchaus Potenzial für die Reha. Im Moment, sagt er, sei die Sensorik aber noch längst nicht gut genug, um einen ausgebildeten Physiotherapeuten zu ersetzen, der gelernt habe, Fehler in Bewegungsabläufen zu erkennen. »Der entwirft Ihnen spezielle Übungen, um genau am problematischen Punkt zu arbeiten«, erklärt Matthäi. »Wir sind weit davon entfernt, dass ein Computer Bewegungsprozesse so gut auswerten kann.«
Für den durchschnittlichen Freizeitspieler, da sind sich alle Experten einig, stellt das Hampeln vor der Konsole keine Gefahr dar, solange es im vernünftigen Maße bleibt – nicht so wie bei dem jungen Madrilenen, der stundenlang virtuelles Tennis spielte. »Es ist wichtig, die Menschen darauf hinzuweisen, dass eine übertriebene oder falsche Nutzung der Konsole zu Verletzungen führen kann«, sagt sein Arzt Julio Bonis heute.
Beim Hersteller selbst scheint man sich dieser Notwendigkeit übrigens durchaus bewusst zu sein. Spielt jemand eine Tennispartie nach der anderen, erinnert ihn die Konsole nach einiger Zeit freundlich daran, doch bitte demnächst eine Pause einzulegen. Verpflichtend ist dieser Appell allerdings nicht. Allzu verbissene Erwachsene sollten sich einfach an Kindern orientieren: Experten beobachten, dass sie schneller zur nächsten Sportart springen. Durch den Wechsel der Bewegungen wird dann nicht dauerhaft dieselbe Körperstelle belastet. Die Wohnzimmer-Hampelei madig machen wollen weder Matthäi noch Reize: Obwohl auch sie die Überlastungserscheinungen aus eigener Erfahrung kennen, sind sie begeisterte Wii-Spieler.
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- Datum 22.05.2009 - 07:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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wenn ein tennisspieler (meine frau) und ein erfahrener computerspieler (ich) das erste mal an der Wii tennis spielen, dann dürfen sie mal raten wer gewonnen hat.
das war ich. während meine frau mit tollen ausfallschritten und riesenausholern versucht hat den ball über das netz zu schmettern, habe ich sofort gemerkt, dass der sensor im controller nicht zwischen einer bewegung aus dem arm und eines handgelenks unterscheiden kann.
während meine frau nassschwitzend verloren hat, hatte ich ruhig stehend aus dem handgelenk gewonnen- sie meinte danach, dass sie nicht anders konnte.
ausserdem: die schmerzen von denen im artikel gesprochen werden, treten in der regel nur beim ersten oder zweiten mal spielen auf, danach hat sich der körper gewöhnt. jeder playstation (oder xbox) spieler kennt das gefühl in den daumen, wenn er nach einer weile wieder die konsole anwirft.
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Christdemokraten: Für Alles zu haben, zu Nichts zu gebrauchen.
Ich habe selber eine Wii und ich finde das überhaupt nicht schlimm, das es manchmal zu Schmerzen kommen kann.
Das sagt mir nur ich habe zu lange gespielt und das ich jetzt wirklich aufhören sollte.
Bei Palystation & Co ist schon die eine oder andere Nacht zum Opfer gefallen. Das ist mit der Wii gar nicht möglich weil man sich dann irgendwann nicht mehr bewegen kann ; )
dass Sport mit Wii keiner Realität auf einem Spielfeld widerspiegelt. Ich spiele leidenschaftlich gerne und gut Tennis mit der Wii, war aber noch nie in meinem Leben auf einem Tennisplatz. Dort würden mir sicher meine Wii-Kenntnisse nichts nutzen. Ich nutze die Wii, um körperlich, krieslaufmäßig fitt zu bleiben und meine Koordinationen zu trainieren und das mit sehr viel Spaß.
Der anschließende Muskelkater kann schon heftig sein - aber Hallo!
Nach mehreren Tischtennis-Sessions habe ich zum ersten Mal erfahren, was für Muskeln alles beim Aufschlag, Abwehren und Schmettern beteiligt sind.
Hat weh getan, aber Spaß hat's auch gemacht :-)
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