Groß ist die Versuchung, »wir« zu sagen, wenn in diesen nationalfeierlichen Tagen von der friedlichen Revolution geredet wird. »Wir« ist ein schönes, gemütliches, gemeinschaftsstiftendes und auch heroisches Wort. Wer wäre nicht gern ein Revolutionär, wer hätte nicht gern die Mauer zu Fall gebracht, wer lebte nicht gern in der Gewissheit seiner eigenen weltverändernden Zivilcourage! Deshalb hat Angela Merkel in ihrer Jubiläumsrede über den Anfang vom Ende der DDR erklärt, »wir Deutschen« dürften uns freuen, denn es käme in der Geschichte selten vor, dass aus Träumen Realität würde. Deshalb fügte die Kanzlerin jetzt in ihrem Jubiläumspodcast zum 23. Mai hinzu, dank des Grundgesetzes »konnten wir ein Freund und Partner in der Welt werden«, und das sei einer der Gründe gewesen, warum die friedliche Revolution gelang! Die frohe Botschaft besteht aus optimistischen Wortpaaren. Mauerfall und Wiedervereinigung! Träume und Realität! Wir und die Welt! Aber welche Träume sind gemeint? Und wer ist wir?

Die Demonstranten von damals erträumten ja nicht unbedingt die real existierende Marktwirtschaft von heute. Die Akteure der Revolution waren nicht automatisch Aktivisten der Wiedervereinigung. Ihr Ruf nach Freiheit war mehr als ein Ruf nach Einheit, zumal auf den ersten, den gefährlichen Demos des Herbstes 1989, als man noch fürchten musste, erschossen zu werden. Manche Freiheitsrufer der ersten Stunde bezogen schwere Prügel für ihr Aufbegehren gegen die Staatsmacht, das der Macht an sich galt und noch keinen anderen Staat im Sinn hatte. Schon aus Respekt vor ihrem radikalen Mut sollten wir im Nachhinein nicht einfach wir sagen.

Warum ist in diesen erinnerungsseligen Tagen die Versuchung so groß, das vereinte Deutschland als eine Nation von Helden zu loben? Offenbar ist in Zeiten der Krise das Bedürfnis des Staates nach Legitimation enorm und der historische Fehlschluss nützlich, dass aus einem gelungenen Jahr 1989 das Gelingen des Jahres 2009 folgt. Deshalb war es kein Zufall, dass Angela Merkel die vereinten Bürger kürzlich zum Optimismus ermahnte. Bitte in der Krise keine destruktive Kritik! Bitte positiv denken! Das erinnert an die Feiertagsgepflogenheiten der DDR. Damals war das Land, in dem man lebte, immer auch dasjenige, von dem man geträumt haben sollte.

Die geheime Botschaft der Jubiläumsreden lautet nämlich: Helden wie wir sollen jetzt mal den Mund halten. Sich freuen, dass sie den maroden Staatssozialismus gestürzt haben, aber nicht am siegreichen Kapitalismus rumnörgeln. Dabei könnte die Lehre aus dem kläglichen Scheitern der selbstherrlichen SED auch anders lauten: Nie wieder die Verhältnisse schönreden, damit einem der Laden nicht plötzlich überm Kopf zusammenbricht. Lieber einmal zu viel als zu wenig schimpfen. Man würde sich von der Kanzlerin wünschen, dass sie gerade jetzt unseren heldenhaften Widerspruchsgeist herausfordert, statt uns auf die Fahne der Marktwirtschaft einzuschwören.

Immerhin hat sie bei einem Besuch im einstigen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen einer Schulklasse berichtet, wie sie einem Anwerbeversuch der Stasi widerstand. Sie ermunterte die Jugendlichen, heute »Mut und eigene Entschiedenheit« zu beweisen. Leider ist sie selber zu furchtsam, um auch nur die missglückte Deutschlandkunstausstellung 60 Jahre. 60 Werke zu kritisieren, in der die Kunst der DDR, auch die widerständige, gänzlich fehlt. Der ostdeutsche Schriftsteller Christoph Hein boykottiert deshalb die Feier der Bundesregierung zum Verfassungsjubiläum und schrieb ein böses Pamphlet. Die Kanzlerin aus dem Osten hingegen, anstatt sich an die Debattenfront zu werfen, sagte in ihrer Eröffnungsrede zu der Ausstellung diplomatisch, dass sie das Urteilen den Experten überlasse. Hoffentlich ist das nicht die Marschrichtung für den Rest des postrevolutionären Wahljahres: weder den Ossis noch den Wessis auf die Füße treten.

Es gibt nämlich einen Opportunismus der Nachwendezeit, der keineswegs nur die Kanzlerin betrifft. Man nennt die untergegangene DDR lautstark einen Unrechtsstaat, aber fragt nicht, ob das Unrecht von einst durch den Rechtsstaat aufgearbeitet werden konnte. Man will nicht wissen, ob die Nomenklatura der DDR vielleicht heute gemütlicher lebt als mancher 89er-Revolutionär. Tatsächlich sitzen ja nicht die Bürgerrechtler, sondern die schnell gewendeten SED-Mitglieder, vor allem aber die Blockflöten aus den gleichgeschalteten Parteien der DDR, auch aus der CDU, in den gesamtdeutschen Parlamenten und Kommunen und Ämtern.