Kunst Ein Monument der Eigensucht
Mit großem Stolz eröffnet München das neue Museum Brandhorst. Es zeigt viele teure Bilder – und den Machtverlust der staatlichen Museen
Eine schleichende Kunstsucht habe ihn ergriffen, sagt der Sammler Udo Brandhorst. Eine Sucht, die viele spüren, viele Sammler, ganze Städte. München zum Beispiel, das so reich ist an Kunst, doch immer noch reicher werden will. Das viele Museen besitzt und immer neue plant. In dieser Woche wird dort das Museum Brandhorst eröffnet, vom Staat bezahlt, vom Sammler gefüllt. Ein klarer Fall von Suchtmuseum.
Man muss nur daran vorübergehen, schon fühlt man sich kunstvoll beschwipst. Das Gebäude schillert, vibriert, es flackert in den seltsamsten Farben, ganz so als sollten wir schon von Ferne sehen, was sich im Inneren zeigt. Früher schmückten sich klassische Museen mit Allegorien der Malerei oder der Bildhauerei; hier hingegen wenden die Architekten Sauerbruch und Hutton, die den Bau entwarfen, das Allegorische ins Abstrakte. Bei ihnen erzählen die leuchtenden Fassaden, worum es vielen Künstlern der letzten Jahrzehnte ging: um Reduktion und Irritation, um eine Farbe, die sich vom Bildträger emanzipiert, und um die Wahrnehmung, die oftmals zum eigentlichen Gegenstand der Künste wurde.
Die Form des neuen Baus ist denkbar banal. Er steht auf einer Ecke des Museumsquartiers, zwei schmale, unterschiedlich hohe Kisten, die bis auf einige Fensterbänder und das schaufensterartige Entree arg verschlossen wirken oder besser: wirken würden. Denn erstaunlicherweise gelingt es Sauerbruch und Hutton, mit ihrem Farbspiel die hermetische Fassade aufzubrechen.
Zunächst hatte das technische Gründe: Die Fassade sollte schallschluckend sein, so die behördliche Auflage, deshalb wurde sie mit dämmenden Bahnen horizontal überzogen. Darüber aber legten die Architekten ein vertikales Raster aus schmalen, glasierten Keramikstangen, die nun in leichtem Abstand und in wechselnden Farben die Fassaden überziehen. Schräg von der Seite betrachtet, scheinen sich diese Stangen zusammenzuziehen, aus dem Raster wird eine geschlossene Farbfläche, die wie ein Moiré-Effekt zu irisieren scheint. Nähert man sich dem Gebäude aber, löst sich die Flächigkeit auf, und die Fassade wirkt durchlässig, man blickt durch die Stangen hindurch, sieht die schallschluckende Bänderung und meint die Farbstangen wie einen Fliegenvorhang beiseite schieben zu können. So wirkt das Gebäude bei aller Geschlossenheit offen, bei aller Strenge ungemein verspielt.
Innen wirkt der raffinierte Bau wie ein intimes Sammlerhaus
Das neue Museum gebärdet sich nicht skulptural, es will nicht selbst ein Kunstwerk sein. Und doch flirten Sauerbruch und Hutton mit der Kunst, manche werden an Vasarely denken, andere an Donald Judd oder auch an Gerhard Richter und seine Streifenbilder. Doch niemandem zwingt die Architektur solche Assoziationen auf, sie dominiert nicht. Im Inneren nimmt sie sich sogar ganz zurück.
Sauerbruch und Hutton beschränken sich auf eine raffinierte, doch unsichtbare Haustechnik; manche sprechen bereits vom ersten Ökomuseum der Welt. Vor allem aber gelingt es den Architekten durch Umlenksysteme, Filter und Fluter fast alle Räume mit einem sehr sanften, gleichmäßigen Licht zu füllen. Und durch schlichte Wände, durch helle Eichenböden und eine einladende Treppe entsteht eine Atmosphäre, die bestens zu diesem Sammlerhaus zu passen scheint: intim und doch nicht privatistisch.
Zunächst sammelten Anette und Udo Brandhorst nur für den Hausgebrauch. Vor allem die Klassische Moderne hatte es ihnen angetan, einige Zeichnungen von Malewitsch, Künstlerbücher von Picasso, Blätter von Miró und Schwitters. Doch wie das so ist bei einer Sucht, bald wollten sie mehr. Sie gehörten damals zur Kölner Kunstszene, kauften Polke und Richter, Baselitz natürlich, aber auch Joseph Beuys, dazu Arte Povera und auch Minimal. Von allem etwas, niemand zwang sie zur Systematik.
- Datum 21.05.2009 - 12:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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Das ist eben purer Zeitgeist: Der aktuelle Hype um "Moden Art" ist ein letzter Ausläufer der Finanzblase, buntes Zeichen einer sinnentleerten Ära.
Auf der ganzen Welt schmücken sich Reiche und Neureiche mit möglichst spektakulärer Kunst, um erstens mit der Kreativität anderer ihre eigene Einfallslosigkeit und Einfältigkeit zu überdecken und zweitens als Ablösung der Aktienspekulation. Abstrakte Kunst ist das ideale Medium dafür: immun gegen Kritik und monetär unskalierbar wie des Kaisers neue Kleider. Man braucht nur mal in eine Vernissage oder in die Oper zu gehen, um zu erleben, wer dort in großer Anzahl anwesend ist: die Möchtegerne beim Schaulaufen. Die Künstler bleiben regelmäßig unverstanden.
Der eigentliche Skandal: der Staat erhebt die Lust (hoffentlich erleben die Lüstlinge hierbei auch so etwas wie Satisfaktion..) einer geringen Minderheit der Bevölkerung mit den Steuergeldern aller zur allgemeinen Staats-Kultur. DAS IST KUNST, die neue alte DIN-Norm. Dort wo die eigentliche neue Kunst entsteht, in den Hinterhofwerkstätten, Musikkellern und auf der Straße fehlt wie schon immer das Geld aus dem Kulturetat.
Ganz unabhängig vom künstlerischen Wert, der ist Geschmackssache und über Geschmack kann man nun einmal nicht streiten, finde ich es doch amüsant wie hier gegen "München" geschrieben wird. Es ist richtig dass sich in keiner deutschen Stadt derart viel anspruchsvolle Kunst versammelt.
Würde solch ein Museum in Berlin eröffnet dann wäre man eher voll des Lobes für Mäzenentum und würde zB Vergleiche bemühen zum leblosen und sterilen Stadtschloß was generalstabsmäßig vom Staat wiederaufgebaut wird. Eine leblose Hülle mit kulturellem Anspruch, etc. man kann sich solche Formulierungen ja denken.
Außerdem wird umgekehrt ein Schuh draus. Eine derart vom Staat abhängige Kulturszene wie in Deutschland gibt es in keinem anderen Flächenstaat der Erde noch einmal. Außer in Regimen wie China. Distanz von Kunst und Kultur vom Staat ist eigentlich eine sehr gesunde und auch wichtige Sache. Den Anschein von einem Interessenkonflikt schon im Keim zu ersticken scheinen hiesige Kulturschaffenden dadurch erreichen zu wollen sich auf maximalste Weise über jene lustig zu machen die ihnen Gehälter und Spielzeiten finanzieren - die sog. "Kleinbürger" die täglich in die Arbeit gehen und ihre Steuern zahlen. Und das Gro der Wählerschaft stellen.
So nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung. Dadurch ist der deutsche Kulturbetrieb auf sonderbare Weise außergewöhnlich politisch, die anderen Lebensbereiche sind dafür deutlich unterrepräsentiert. Und es ist schon eine zur Sorge animierende Erkenntnis dass es seit Jahrzehnten keinen deutschen Dramenschreiber von Weltrang mehr gibt. Dies kann durchaus mit der staatlich abgesicherten Trägheit im Kulturbetrieb zusammenhängen. Es reicht eine dünne Elite zu befriedigen, mit steten "Neuinszenierungen" (bei der Musik spricht man vom "Covern") statt Eigenschöpfungen. Wer nichts neues macht der macht auch nichts falsch. In den USA wo staatliche Subventionen kaum bis gar nicht fließen sind die Zuschauerzahlen in Theatern nicht geringer als in Deutschland. Dafür brodeln an Broadway und Co. nicht nur stetig neue Dramen hervor sondern auch neue Kunstformen, die hierzulande natürlich nur mit Augenrollen goutiert werden von den Herren im schwarzen Rollkragenpullover - zB das Musical. Für das es nicht einmal ein deutsches Wort gibt, geschweigedenn nennenswerte deutsche Eigenproduktionen - ein gesamtes Genre bleibt quasi unbearbeitet obwohl jedes Jahr zigtausende Menschen in deutsche Musicaltheater strömen und dort begeistert Gesang, Tanz und Schauspiel ihren Beifall zollen - eine Lebendigkeit wie man sie in den morbiden Theatern vergeblich sucht.
Das alles führt freilich nie zu dem Gedanke dass hier ein Bruch her muss. Die notorisch "kritisch" daherkommenden Kulturschaffenden schmoren auf eigentümliche Weise im eigenen Saft und drehen sich im Kreis. Zeit die Droge "Staatssubventionen" abzusetzen.
die summe der dinge ergibt nicht das ganze.
wenn sie ein aha-erlebnis haben wollen, dann schauen sie sich zum beispiel Dalí in figueras oder Miró in barcelona an. im zusammenhang verstehen sie dann die letzte schaffensphase Mirós als klimax. viele städte haben nie begriffen, um was es eigentlich geht: es ist alles ein falsch verstandener nachnapoleonischer zentralismus. sammelsurium museen gibt es ja genügend.
nochmals zum mitdenken zur museumsinsel: nach "form follows function" und "less is more" haben die architekten nach dem paradigmenwechsel zur "sozialen stadt" ihre hausaufgaben nicht gemacht.
Ich schlage ein Projekt vor: Stellen Sie mir ein Stockwerk eines Parkhauses zur Verfügung und ich stifte 150 Bilder aus meinem Werk.
art-exposition
Ich komme oft an dem Bau vorbei, von aussen sieht er wirklich gut aus. Die Räume kenne ich bis jetzt nur von Fotos -- luftig, modern, akkurat. Über Sinn und Zweck möchte ich nicht urteilen, nur: es reizt mich wenig.
Was München fehlt ist mehr Raum und Platz für junge Kunst und Künstler. Ausgerechnet in der Stadt, die um ihren -- ehemaligen -- Einfluss auf Kunst, Literatur, Kultur beneidet wird, zieht man sich mal wieder auf ein provinzielles "Kunst ist, was im Museum gezeigt wird" zurück. Da ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel von den ehemaligen Domagkateliers nicht viel übrig geblieben ist.
Alles Gute
Kai Hamann
... beschreibt übrigens Oskar Maria Graf in seiner Autobiografie "Gelächter von Außen" so, dass es auch heute noch passt: http://www.bad-bad.de/han...
Alles Gute
Kai Hamann
Sie schreiben: "Eine derart vom Staat abhängige Kulturszene wie in Deutschland gibt es in keinem anderen Flächenstaat der Erde noch einmal." Ich meine das ist ein Guetesiegel und keine Anklage. Ich lebe seit einiger Zeit in den USA und finde die von Ihrem Hohelied besungene privatfinanzierte Kultur ist zum groessten Teil ein droeges Trauerspiel. Klar gibt es den Broadway in NYC, aber das war's dann eben auch fuer >300 Millionen Menschen. Ich finde auch gut, dass in Berlin keine Musicals Erfolg haben, denn diese meistens kitschigen Singspiele koennen eben gegen 3 echte, steuerfinanzierte Opernhaeuser nicht anstinken. Aber auf der anderen Seite gibt es in Deutschland eben auch eine solide Klassikszene, die mit New York ganz locker mithalten kann und fuer mehr Menschen da ist als die gluecklichen 16 Millionen.
Zu den Bildern und dem Museum: ja, das ist nach meinem Geschmack zum Teil eben auch Murks, diese abstrakte Moderne. Gegenstaendliche Moderne ist klasse, aber mit diesem abstrakten Gekrickel haengt das ganze CIA Headquarter in Langley voll, weil diese Firma in den 50ern diesen ganzen Quatsch in New York kaufte um die Preise hochzutreiben damit diese Clownerie ernst genommen wird. Der Hintergrund war, dass alle ernstzunehmenden Kuenstler eben Europaeer, gegenstaendliche Maler, und eben auch fuer die McCarthy Zeit zu links waren. Der Preisauftrieb hat geklappt, aber die geistige Leere dieser "Kunst" ist immernoch offensichtlich. Im Metropolitan Museum in New York wird das ganz klar, weil die Krickelkunst dort gegen "richtige" Kunst antreten muss. Pollock und Konsorten - alles tote Raeume nach meinem Geschmack.
Als ich zum ersten Mal Krickelkunst sah, dachte ich, das kann eine Dreijaehrige auch. Dann hatte ich die Studentenphase, in der ich "offen fuer Neues" war und lernte, dass man abstrakt krickeln muss, um die Emotionen vom Gegenstand zu befreien. Jetzt habe ich eine Dreijaehrige und einen Fuenfjaehrigen und, egal ob abstrakt oder gegenstaendlich, die malen beide kraftvoller als Cy Twombly.
Die Krickelkust war eine wichtige Phase, aber ich kann sie nur in gut sortierten Sammlungen von staatlich oder non-profit-bezahlten guten Kuratoren ertragen.
Dass nicht zu organisieren war, dass sich die staatlichen Münchner Museen und das brandneue 'Horst' idealerweise ergänzen könnten, ist zugleich ein arges Versäumnis als auch eine große vertane Chance!
Hier müssen sich die dafür verantwortlichen kommunalen Bereiche vorhalten lassen, nicht genügend über ein konstruktives Miteinander nachgedacht zu haben. Wer zig Millionen für ein neues Museum ausgibt, hat durchaus das Recht auf Mitsprache in dem neuen Haus. Schließlich sind hier ja Steuergelder geflossen. Diese Gelder subventionieren und zeigen jetzt sozusagen den singulären Brandhorst-Blick auf die moderne Malerei.
Es kann nicht jedem halbwegs bekannten Sammler von den Städten und Kommunen ein eigenes Museum gebaut werden. Wenn die Sammler ihre Museen selbst finanzieren würden, müsste man trotzdem über die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens nachdenken.
Würde ich meiner Stadt den Vorschlag machen, eine Kita für begabte, aber verarmte Künstler-Kinder zu bauen, so würden mich die Kommunalpolitiker etwas befremdlich anschauen. Eine m.E. milde Umschreibung.
Die Kritik an einzelnen Künstlern aus der Brandhorst-Sammlung teile ich hingegen nicht. Auch mir gefällt die eine Künstlerin mehr als der andere und umgekehrt. Prof. Werner Schmalenbach (der Vorgänger Armin Zweites) hat mal gesagt, wenn er sich nicht sicher sei, ob ein Bild auch morgen und übermorgen noch "standhält", so habe er sich dieses Gemälde, wenn möglich, so lange ausgeliehen. Schließlich hätte es auch lange gedauert, bis die Impressionisten, Vincent van Gogh, Jean Dubuffet usw. die gebührende Anerkennung gefunden hätten.
Ich verstehe private Freude und Lust am Kunstsammeln. Ich verstehe auch den Kitzel am Schein und Zeigen der angehäuften Werke. Aber oft wird die sammlerische Leidenschaft vom Status verschluckt und auch Kuratoren (Stiftungsleiter) sollten aufpassen, dass ihnen ihre Übersicht von Kunstwerten nicht gleich mitverschluckt wird. Ein Kurator ist doch der letzte, gemeinnützige, öffentliche Wissende, ein Kunstkritiker? Kann nicht er noch besser einsehen, wann und wie Kunst zum Sammler und ins Museum kommt? Hat nicht er mehr Einblick, als all die Wunderer, die über einen neuen Museumsbau staunen.....Bitte erkläre man mir die Aufgaben eines Kurators! Es gibt da sicher auch verschiedene Typen, von eigensüchtig bis abhängig, von staatlich bis privat..... Kritik den Kuratoren!
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