Traumdeutung

I am a dream

Im Juni kommt Obama nach Deutschland – oder ist er schon da? Viele Menschen berichten von Träumen, in denen der US-Präsident vorkommt. Wir haben die Traumforscherin Ortrud Grön um eine Analyse gebeten

Im Auto mit Obama

Ich steige in ein Auto, zusammen mit Barack Obama und zwei anderen Herren. Einer von ihnen ist der Chauffeur. Neben dem Chauffeur nimmt der amerikanische Präsident Platz. Ich selbst setze mich direkt hinter den Fahrer. Ich habe ein tolles Gefühl im Bauch; ich empfinde eine richtige Aufbruch- stimmung und bin sehr stolz. Wir fahren los, ich weiß aber nicht, wohin die Fahrt eigentlich gehen soll.

Weiblich, 36 Jahre

Ortrud Grön: Wie schön, das ist ein Traum über einen inneren Aufbruch. Die Träumende ist in der Stimmung, ihr Leben zu ändern und Neues zu wagen. Das Auto ist ein Bild dafür, wie wir uns durchs Leben steuern. Der US-Präsident neben dem Fahrer deutet an, dass es um eine neue Lebensperspektive geht, für die sie schon konkrete Ideen entwickelt hat. Warum das Fahrtziel ihr noch nicht bekannt ist? Die Träumerin weiß offenbar noch nicht ganz genau, wie sie ihren Wunsch realisieren kann. Die positive Stimmung im Traum gibt aber Zuversicht, dass sie den Weg finden wird.

Geld von der First Lady

Mein Freund und ich sitzen beim Frühstück und überlegen, wie wir am schnellsten zu Geld kommen. Ich sage, dass es aussichtslos sei, wir würden nie reich sein und ein sorgenfreies Leben führen können. Die Stimmung ist gedrückt. Plötzlich legt mein Freund das Frühstücksbrötchen zur Seite und ruft: »Ich hab’s! Guck doch mal in deiner Jeans nach. Da dürfte doch noch der Scheck von Michelle sein!« Mir fällt wieder ein: Es ging durch die Nachrichten, dass Michelle, die Frau von Barack Obama, jedem, der wollte, Schecks in die Hosentaschen gesteckt hat. Wie konnte ich das nur vergessen! Ich springe ins Bad und durchwühle die Schmutzwäsche, bis ich die Hose gefunden habe. Tatsächlich: Da ist der zusammengeknüllte Scheck noch drin, über 300.000 Dollar, unterschrieben mit »Witchcraft International«. Wir freuen uns wahnsinnig, dann wache ich auf.

Weiblich, 30 Jahre

Ortrud Grön: Das Thema dieses Traumes ist ein Unsicherheitsgefühl, das die Träumende bedrückt. Fehlendes Geld bedeutet für sie einen Mangel an Geborgenheit. Aber der Traum macht sie darauf aufmerksam, dass sie im Grunde eine unabhängige und spontane Frau ist. So lässt sich der Auftritt von Michelle Obama interpretieren: Der Scheck von dieser Frau, die bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen, steht für die Fähigkeiten der Träumenden – vorausgesetzt, sie versucht, ihre herrschende destruktive Vorstellung von der Macht des Geldes aufzulösen. Deshalb ist der Scheck mit »Witchcraft International« unterschrieben: Geld ist eben keine Geborgenheit bringende Zauberkraft. Um wirklich frei zu werden, muss sie sich von ihren kindlichen Schutzvorstellungen lösen.

Der Präsident ist tot

Mein bester Jugendfreund und ich sitzen im Flugzeug auf dem Rückweg von irgendwoher nach Berlin. Wir befinden uns im Landeanflug. Auf einmal erscheinen Aufnahmen des toten Barack Obama auf den Bildschirmen, dessen Flieger aus Paris, wie wir erfahren, just vor uns auf dem Berliner Flughafen gelandet sei.

Auf den Monitoren sieht man, wie der Tote auf einer Bahre davongetragen wird. Nur der Kopf ist zu erkennen, der Rest des Körpers ist in eine anthrazitfarbene Folie gehüllt. Nach unserer Landung: Im Bus auf dem Weg zum Terminal erfahren wir, dass sich der US-Präsident während des Fluges aus Paris wohl im Flugzeug verirrt hatte und nach der Landung tot im Laderaum aufgefunden wurde. Vor uns im Terminalbus sitzen die französischen Schauspieler Jean Reno und Daniel Auteuil, die mit Obama im Flugzeug waren, und unterhalten sich über das Geschehene. Nachdem sie den Bus verlassen haben, entdeckt mein bester Freund von ihnen bekritzelte Asterix- Hefte auf dem Boden. Ich frage ihn: »Wollen wir jetzt hinterherrennen, um ihnen die Hefte zurückzugeben, oder machen wir das morgen?«

Männlich, 33 Jahre

Ortrud Grön: Hier geht es um die innere Auseinandersetzung mit Zielen, die sich der Träumer im Leben gesetzt hatte. Wichtig ist zunächst die Figur des Jugendfreundes. Er erinnert ihn an die jungen Jahre, in denen er sich mit dessen Hilfe aus der Ängstlichkeit seines Heimatdorfes lösen und sich für die Welt öffnen konnte. Der Flug nach Berlin erinnert ihn an das Erlebnis, als er dort Obamas neue befreiende Perspektiven für die Welt vernahm. Solchen Weltthemen galt lange Zeit sein ganzes Fühlen und Denken, wie der Träumende im Gespräch sagte. Der plötzliche Tod des Präsidenten ist eine innere Warnung davor, dass diese Aufbruchsstimmung zurzeit nicht mit Leben gefüllt ist. Interessanterweise hatte sich Obama im Traum im Flugzeug verirrt und starb im Laderaum. Flugzeuge in Träumen zeugen von der Fähigkeit, für die eigene Freiheit unterwegs zu sein. Dem Träumenden soll bewusst gemacht werden, dass er sich gewissermaßen im Leben verlaufen hat, als er sein Interesse an der Vielfalt der Dinge in der Welt aufgegeben hat. Für diese Vielfalt steht der Laderaum mit all seinen Gepäckstücken. Die Hefte mit dem Freiheitskämpfer Asterix, der sein gallisches Dorf verteidigt, weisen ihn darauf hin, dass er zurzeit eher an einer zu kleinen »Dorffreiheit« interessiert ist – und das große, mit Abenteuer und Unsicherheit verbundene Weltthema verdrängt hat.

Der Präsident zu Besuch

Obama besucht meine Redaktion, um sich beraten zu lassen. Er will aber nur die jungen Journalisten treffen. Obama kommt rein und fängt an, die Hände zu schütteln. Mir aber nickt er nur zu. Ich bin gekränkt. Wir setzen uns, der Chefredakteur begrüßt Obama. Gleich reißt ein junger Kollege selbstbewusst das Gespräch an sich, eine Diskussion entspinnt sich, und ich merke: Ich werde nichts zu diesem Gespräch beitragen. Ich ärgere mich: So ein interessanter Gast, und ich kriege keinen Ton raus!

Weiblich, 32 Jahre

Ortrud Grön: Die Träumerin verbindet mit Obama Aufbruch und Gerechtigkeit – Themen, denen sie in ihrer Arbeit mehr Platz geben will. Doch sie macht sich zu stark von Trends der jungen Journalisten abhängig. Sie löst den Zwiespalt zwischen der Jagd nach interessanten Geschichten und der Vertiefung in Themen, die ihr am Herzen liegen, nicht auf. Sie nimmt sich selbst nicht wichtig und distanziert sich innerlich. So wie Obama sich im Traum distanziert zu ihr verhält. Der junge, losplappernde Kollege steht nicht etwa für unerfüllte Wünsche, die sich Bahn brechen, sondern für den Teil ihres Wesens, der zu ihren wahren Anliegen keinen Bezug hat, doch in wichtigen Situationen die Regie übernimmt.

Der weiße Obama

In New York treffe ich zwei Kollegen. Einer ist ein lustbetonter, konstruktiver Mensch, der andere ein missmutiger Pedant. Die Kollegen erzählen von einer Reise mit Obama, die sie machen durften. Es sei toll gewesen, Obama habe ihnen sogar seine Decke gegeben, damit sie nicht frören. Allerdings sei er zu ihrer Überraschung ein weißer Amerikaner mit Texas-Hut. Ich bin etwas eifersüchtig auf die tolle Reiseerfahrung und verlasse das Haus. Ich gehe durch eine heruntergekommene Gegend in der Bronx. Verwahrloste Hunde laufen herum. Ich muss pinkeln und finde eine Toilette. Sie ist unglaublich schmutzig.

Männlich, 35 Jahre

Ortrud Grön: Ein dramatischer Traum, der zu Veränderung aufruft. Der Träumende sehnt sich nach neuen Freiheiten. Deswegen spielt der Traum in New York, das für unbegrenzte Möglichkeiten steht. Allerdings gibt es einen Widerspruch im Wesen des Träumenden, symbolisiert durch die beiden Kollegen. Die konstruktive, lustbetonte Seite des Träumers, die der erste Kollege spiegelt, wird von einer pedantischen Haltung konterkariert, für die der zweite Kollege steht. Die Kollegen erzählen vom reisenden Obama: Dieses Bild bedeutet, dass die Suche nach neuen Freiheiten den Träumenden schon eine Zeit lang begleitet. Er ist damit gewissermaßen schon länger unterwegs und verbindet damit warme Vorstellungen, was wir an der Decke erkennen, die Obama herschenkt. Trotzdem gelingt es dem Träumenden nicht, die Traditionsgebundenheit zu überwinden – er geht auf Distanz zu seinen eigenen Idealen und verleugnet seinen Erneuerungswunsch. Der farbige Reformer Obama verkehrt sich so in sein Gegenteil: einen weißen konservativen Texaner. Passend dazu taucht der Träumende später in die Bronx ein. Die schäbige Gegend steht für den Teil seines Wesens, der ohne Entwicklung dahinlebt. Der Träumer leidet darunter und möchte sich erleichtern. Doch die schmutzige Toilette deutet darauf hin, dass ihm dies nur schlecht gelingt.

Jobangebot von Obama

Mein Telefon klingelt. Obama ist dran. Er teilt mir mit, dass er aus den Deutschen nicht schlau werde, er brauche dringend einen Berater. Man sei auf mich gekommen, weil ich die Seele der Deutschen durchschaue. Man wolle mir Bedenkzeit geben, schließlich müsse ich nach Amerika ziehen. Ich lege auf und wandele in meiner Wohnung umher. Ich wäge ab: mein Leben in Deutschland gegen die Herausforderung in Amerika. Schließlich fälle ich eine Entscheidung. Ich mach’s! Dann wache ich auf.

Männlich, 48 Jahre

Ortrud Grön: Hier wird ein Mensch aufgefordert, anderen Mut zu machen. Das Telefon symbolisiert, dass der Träumende in Kontakt zu diesem Wunsch tritt, verkörpert durch Obama. Der US-Präsident wird vom Träumenden als jemand wahrgenommen, der den Menschen Mut macht, auch Niederlagen ohne Bitternis hinzunehmen. Wofür stehen »die Deutschen«, aus denen Obama nicht schlau wird? Der Träumende sagte auf meine Nachfrage, vielen deutschen Politikern fehle es an Offenheit. Darum bleibe die Bevölkerung ihnen gegenüber misstrauisch. Im Traum stehen Amerika und Obama dafür, den Aufbruch zu neuen Freiheiten zu wagen. Der Träumende soll ein Wagnis eingehen und sich seiner ungewöhnlichen Fähigkeit besinnen, durch die Masken der Menschen hindurchzusehen.

Ortrud Grön, 83, ist seit über 30 Jahren Traumforscherin. Die Texte sind Auszüge aus ihren Deutungen, die sie in Sitzungen Bild für Bild mit den Träumenden erarbeitet hat. Von ihr erschien kürzlich das Buch "Ich habe einen Traum: Was hat er zu bedeuten?" im Verlag Ludwig.

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    • Datum 25.5.2009 - 13:31 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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    • Schlagworte Barack Obama | Traum | Psychologie
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