Die Adresse ist nicht zu finden. Der Wind weht eisig durch Chicago . Vom Lake Michigan her treiben Böen auf die Uferstraße. »Ich kann Ihnen sagen, wo die Professorin wohnt«, verspricht der Concierge eines Appartementhauses und hebt vielsagend die Augenbrauen. »Ein vornehmes Gebäude ist das, da wohnen reiche Leute. Es ist eins der letzten Häuser von Chicago, wo ein Angestellter den Aufzug persönlich bedient.« Sagt er, dessen Arbeitsplatz mit Marmor ausgelegt ist, und es kommt, wie er sagt: Der Weg führt am ersten Pförtner und der zweiten Hausangestellten vorbei, ein dritter Bediensteter fährt den Besuch im Lift nach oben: direkt in die Wohnung hinein.

Dort lebt Martha C. Nussbaum, Professorin für Recht und Ethik an der University of Chicago. Geboren 1947 in New York als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Innenarchitektin, aufgewachsen in einem Vorort von Philadelphia . Sie lehrte in Harvard und an der Brown University, ist Fellow diverser Akademien, ihre Auszeichnungen sind ungezählt. Ursprünglich Altphilologin, bedient sie sich immer wieder antiker und moderner Quellen, der Dichtung, Prosa und Theorie. Ihre Arbeitsgebiete scheinen weit auseinanderzuliegen – Antike, Feminismus, Entwicklungspolitik und Theorie der Emotionen, um nur ein paar zu nennen.

Und doch stützen sie einander, werden von Nussbaum auf eigentümliche Art miteinander verknüpft. Nichts Geringeres unternimmt diese einzigartige Humanistin und Eklektizistin nämlich als eine umfassende, normativ gehaltvolle Theorie menschlichen Daseins: Was braucht der Mensch? Mit all seinen Grundfunktionen und Fähigkeiten will sie das Leben beschreiben, das zu führen uns Menschen ein Bedürfnis ist. Ein anspruchsvolles Vorhaben: theoretisch für eine menschliche Zukunft auf Erden zu sorgen, die den Namen verdient.

Körperliche Integrität, Entwicklung des Verstandes, der Emotionen und der Sinne, Geselligkeit, Für-sich-Sein, Kontakt zur Natur und Spiel: Durch solche Merkmale charakterisiert Martha Nussbaum eine anthropologische Ausstattung, mit der Menschen in ihren Kulturen verschieden umgehen. Kann der Mensch eine dieser grundlegenden Fähigkeiten nicht entwickeln, ist sein Leben verarmt, beschädigt – meist nicht, weil er selbst, sondern weil die Gesellschaft, die Politik, die Ökonomie daran schuld sind.

Nussbaum entwickelte ihre Variante des sogenannten capability approach – dessen anderer prominenter Vertreter der Ökonom Amartya Sen ist –, um eine spezifische Form der Entwicklungspolitik voranzutreiben: eine Förderung, die sich nicht allein am Bruttosozialprodukt und nicht an den papierenen Rechten, sondern an der tatsächlichen Fülle oder Armut menschlichen Lebens im jeweiligen Land orientiert.

Die Idee, dass es eine Art essenzieller menschlicher Natur gibt, die zu entfalten und zu befördern der Sinn des moralisch Guten ist, geht auf Aristoteles zurück. Bei Sen verband sich dieses Konzept mit Ideen des jungen Marx. Unter anderem mit Forschungsprojekten zu Indien hat Nussbaum ihre philosophische und politische Vision des guten menschlichen Lebens mit der Empirie konfrontiert und konkretisiert. Sie hatte sich schon längere Zeit mit dem Gedanken getragen, eins der außereuropäischen Länder genauer kennenzulernen, statt nur oberflächlich aus Aufsätzen mal zu diesem, mal zu jenem Land zu zitieren.

Die Begegnung mit Amartya Sen, den sie 1986 am World Institute for Development of Economic Research in Helsinki kennenlernte, bot ihr Gelegenheit dazu. In den folgenden sieben Jahren leitete Nussbaum an dem von Sen gegründeten Institut ein philosophisches Projekt, machte sich mit der Realität Indiens vertraut und führte dort später eigene Feldstudien durch.