In diesen Tagen wird gern behauptet, die Ökumene sei ein Traum von gestern, die katholische Kirche habe ihn verraten. Das mag so sein. Aber wenn es darum geht, einen religiösen Gegner zu markieren, dann ist die Ökumene plötzlich quicklebendig, dann sprechen Protestanten und Katholiken dieselbe Sprache. Es ist die Sprache der obersten Glaubensbehörde, die Sprache der modernen Inquisition.

Über den Fall, in dessen Mittelpunkt der islamische Schriftsteller Navid Kermani steht, ist in den vergangenen Tagen ausgiebig berichtet worden. Aber er ist so unbeschreiblich, er ist so bizarr und unwürdig, dass er noch einmal erzählt werden muss. Zwei Kirchenmänner, der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann und der ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, haben einen rhetorischen Kreuzzug gegen Kermani vom Zaum gebrochen. Sie haben ihr Urteil gesprochen, und es lautet: Dieser Schriftsteller ist ein gefährlicher Mann, er lästert Gott und beleidigt das Christentum. Kermanis Nähe ist zu meiden, mit ihm darf ein Kirchenmann nicht auf der »Bühne stehen«.

Was war geschehen? Vor einem halben Jahr meldete die Wiesbadener Staatskanzlei vollmundig, der Hessische Kulturpreis werde in diesem Jahr den toleranten Geist des »interreligiösen Dialogs« atmen, denn ein Katholik, ein Protestant, ein Jude und ein Muslim – eben Navid Kermani – sollten ausgezeichnet werden. Eine gute Entscheidung in einem Land, dessen Ministerpräsident seine Abneigung gegen Ausländer so sorgsam pflegt wie der brave Bürger den Ziergarten.

Doch über Nacht war die paradiesische Eintracht der Religionen zu Ende. Kardinal Lehmann und Peter Steinacker hatten einen Text vor Augen bekommen, in dem der designierte Preisträger Navid Kermani aus Sicht seines islamischen Glaubens über eine Kreuzigungsszene des Barockmalers Guido Reni (1575 bis 1642) meditiert. Die beiden christlichen Mit-Preisträger sahen darin einen »unversöhnlichen Angriff auf das Herz des Christentums« und drohten dem Ministerpräsidenten Koch, die Auszeichnung abzulehnen, falls Kermani der Preis nicht wieder abgesprochen würde. Im subalternen Geist beugte sich die Landesregierung der klerikalen Erpressung. Kermani wurde fallen gelassen und erfuhr von seiner »Exkommunikation« aus der Zeitung. Anschließend wurde er – Gipfel des Hohns – zu einer meinungsfreudigen »Diskussion« eingeladen, denn wir sind schließlich im Abendland, und das Abendland ist liberal, solange es nur christlich bleibt. Inzwischen ist die Preisverleihung geplatzt und auf den Herbst vertagt worden.

Kermani bekennt sich zu einem pazifizierten Islam

Der Vorgang ist nicht nur eine »Staatsposse«, wie Norbert Lammert (CDU) meint, er ist eine triumphale Niederlage, die sich die christlichen Kirchen mit eigener Hand zugefügt haben. Kardinal Lehmann, so liest man in der FR, spricht sehr gehässig über den abgelehnten Preisträger, er scheint seine Bücher nicht zu kennen. Das ist ein Fehler. Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, hat Theaterwissenschaft und Philosophie studiert, war Regieassistent und Dramaturg und machte sich rasch als Schriftsteller und Essayist einen Namen. Vor allem aber: Kermani ist habilitierter Islamwissenschaftler und sorgte mit einem Buch über den Koran für Aufsehen (Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran, C.H. Beck Verlag).

Wer Kermanis literarische Lektüre des Korans gelesen hat, kennt sein Programm. Das Buch ist nicht nur ein Bekenntnis zu einem pazifizierten Islam; es ist ein Friedensaufruf an alle drei monotheistischen Religionen: Fangt noch einmal von vorn an, lest eure Bücher noch einmal; lasst ab vom Opferglauben, entsagt der Gewalt, und entdeckt das Gemeinsame aller Religionen, das Lob der Schöpfung und das Staunen über ihre Schönheit. In der ästhetischen Erfahrung der Religion, so lautet Kermanis Pointe, entbirgt sich deren ethischer Kern. Denn wer im Licht der Heiligen Schrift das Wunder der Schöpfung erkennt, der wird ihr seinen Dank abstatten. Und worin besteht der Dank an die Schöpfung? Im Frieden. »Gott ist schön.«

Lobpreis der Schöpfung, Abschaffung des Opfers, Entmystifizierung der Gewalt: Das ist auch der Geist, der aus Kermanis inkriminiertem Text (NZZ vom 14. März) über eine Kreuzigungsszene von Guido Reni spricht, also aus jenem Corpus Delicti, das Lehmann und Steinacker als »unversöhnlichen Angriff« auf ihren Glauben betrachten. Ja, sie haben recht, Kermani lässt keinen Zweifel daran, dass er als Muslim das Kreuz strikt ablehnt, mehr noch: dass er es als heidnisch empfindet, als Gotteslästerung und Idolatrie. »Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Es ist kein Vorwurf. Es ist ein Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich des Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir genießen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen.«