Firmenkäufer Willkommen in der Not

Investoren und Staatsfonds aus Schwellenländern galten im Westen noch vor zwei Jahren als dubios und neureich. Nun übernehmen Chinesen oder Araber ein Unternehmen nach dem anderen – und niemand klagt

Das Bild des Patriarchen hängt im Geschäftsführerbüro. Mit Backenbart und streng zusammengezogenen Augenbrauen schaut Johann Friedrich August Borsig von der Wand herab. Vor 172 Jahren hat er diese Berliner Dampfmaschinenfabrik gegründet, die später zu Europas größtem Lokomotivhersteller wurde. Ein legendärer Aufstieg, ein Stück deutscher Industriegeschichte.

Seit dem vergangenen Jahr gehört der Konzern aber einem der ganz neuen Aufsteiger der Weltwirtschaft. Er ist jetzt Teil des Unternehmens KNM aus Malaysia. Der asiatische Anlagenbauer hatte damals zugegriffen, obwohl sich bereits die Finanzkrise abzeichnete, die in den darauf folgenden Monaten Übernahmegeschäfte aller Art zum Erliegen bringen sollte. Das war »ein Glücksfall«, sagt heute der Geschäftsführer Konrad Nassauer, munter plaudernd an seinem Besprechungstisch, und der alte Borsig starrt von der Wand herab.

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Nassauer ist gar nicht so ein Managertyp, der sein Fähnchen in den Wind hängt oder der stets das internationale Kapital lobpreisen würde. Nassauer ist schon seit 32 Jahren bei Borsig. 2002 hat er die schwer angeschlagene Firma aus der Insolvenz der ungeliebten Konzernmutter Babcock in die Arme eines Finanzinvestors gerettet, hat die Mitarbeiterzahl verdoppelt und den Umsatz verfünffacht. Die Firma ist jetzt höchst erfolgreich bei der Lieferung von Anlagen für die Öl- und Gasindustrie.

Dann hat Nassauer einen Käufer gesucht. Einen, der Borsig dauerhaft weiterwachsen lassen will. Einen, der nicht alles besser weiß wie manch westlicher Investor, jemand, der Tradition nicht für Gerümpel hält, der die deutsche Technik und die Marke Borsig schätzt. Einen, der 350 Millionen Euro lockermacht.

Käufer aus Schwellenländern haben 600 Konzerne im Ausland übernommen

Solche Firmenkäufer findet man neuerdings oft in Schwellenländern. Die Akteure in Europa und den USA sind häufig von Angst gelähmt: Angst vor der Rezession, Angst vor der Unsicherheit. Doch in China, Indien, Brasilien, in den arabischen Staaten ist das offenbar anders und eben auch in Malaysia. Dies zeigt eine bislang unveröffentlichte Studie, für die die Unternehmensberatung A. T. Kearney Daten aus 2008 und aus dem ersten Quartal 2009 ausgewertet hat. »Wir gehen davon aus, dass die Entwicklung anhält und sich beschleunigen wird«, sagt Joachim Hoyningen-Huene, Experte bei A. T. Kearney.

Zwar muss man bislang noch genau hinschauen, um diesen Trend zu erkennen. Im vergangenen Jahr gab es weltweit 26.000 Firmenübernahmen, und dabei kamen die Käufer nur in gut 600 Fällen aus Schwellenländern. Quantitativ unbedeutend, könnte man meinen. Doch seit 2007 ist die Summe aller weltweiten Akquisitionen um etwa ein Zehntel gesunken, wogegen die Käufe durch Akteure aus Schwellenländern um beachtliche 29 Prozent zulegten. So gesehen, ist es doch eine signifikante Entwicklung, wie Banker und Ökonomen bestätigen. Es könnte der Beginn einer neuen Ära sein.

Leser-Kommentare
    • HBogon
    • 20.05.2009 um 12:12 Uhr

    Ein wichtiger Aspekt fehlt: Die zunehmende Flucht aus dem US-Dollar. Investoren dürften zukünftig stark an Anlagen interessiert sein, die auch nach dem absehbaren Komplettzusammenbruch der US-amerikanischen Wirtschaft noch halbwegs werthaltig bleiben.

  1. Oder vielleicht stinkt Geld ja doch und uns ist nur der Geruchssinn abhanden gekommen.
    Wir verurteilen China und die arabischen Potentatenstaaten wegen ihrer faschistoiden Strukturen, aber deren Geld nehmen wir doch.

    • RalphS
    • 20.05.2009 um 23:20 Uhr

    China, Indien und Brasilien haben mehr als genug Probleme. Im Vergleich zu Deutschland sind das noch Entwicklungsländer. Die angeblichen 2 Billionen Dollar Devisenüberschuss - die in Relation zu den chinesischen Problemen nur ein Trinkgeld sind - wird China dringend benötigen, um die jährlich zusätzlichen 20 Millionen jungen arbeitswilligen Chinesen in die Wirtschaft zu integrieren. Wenn China, das nicht schafft, dann bebt ganz Südostasien. Indien und Brasilien haben nicht viel geringere Probleme. Das vorangige Ziel dieser Staaten ist bestimmt nicht, sich groß in die deutsche Wirtschaft einzukaufen. Diese These halte ich darum für Unsinn.
    Und für die Chinesen bleibt zu hoffen, dass deren 2 Billionen US-Dollar nicht (wie die 1 Billion Dollar unserer Banken) in US-Amerikanischen Bad Banks stecken, denn sonst wird es nichts mit dem angekündigten gigantischen 600 Milliarden $ Konjunkturprogramm. Leider sieht es bezüglich dieses Programms nicht besonders gut aus, denn über die Umsetzung wurde bisher so gut wie nichts berichtet.

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