Meisterschaft Die Fußballmacht
Der VfL Wolfsburg darf am Samstag gern Deutscher Meister werden – Gedanken eines Exil-Wolfsburgers

© John Macdougall/AFP/Getty Images
Wolfsburgs zwei Buchstaben: Im Profifußball ging es doch auch andernorts ums Geschäft
Als ich in Wolfsburg aufwuchs, bedeutete »Meister«, ein Vorarbeiter am Fließband zu sein (einige wenige meiner Mitschüler hatten einen solchen zum Vater). Als Kinder waren wir relativ wahllos HSV-, Schalke- oder auch Gladbach-Fans, auf meinem ersten Schulranzen prangte aus bis heute ungeklärten Gründen lange Zeit ein Arminia-Bielefeld-Aufkleber.
Der nächstgelegene Zugang zur Fußballbundesliga hieß: Eintracht Braunschweig. Ende der siebziger Jahre spielte dort der bereits pensionsreife Paul Breitner, ein leibhaftiger Weltmeister, mit ihm war eine Art Glamour in unsere Gegend gekommen. Die Nachbarstadt Braunschweig war eine halbe Autostunde entfernt, hatte zwar nur ein bescheidenes VW-Zuliefererwerk zu bieten (gleich neben dem Eintracht-Stadion gelegen), dafür war es im Mittelalter die Machtzentrale Heinrich des Löwen gewesen und seitdem angewachsen zu einer richtigen Stadt inklusive Universität, Oper, Karstadt und der ersten McDonald’s-Filiale weit und breit. Dass die Bundesliga dort und nicht in der Retortenstadt Wolfsburg spielte, erschien uns ganz natürlich. Bundesligavereine und ihre Städte, das waren aus Wolfsburger Sicht allesamt Traditionsungetüme, unendlich tief verwurzelt in jahrhundertealten Bergarbeiterwelten (oder auch bayerische Dynastien). In der Bundesliga traf das wahre Deutschland aufeinander, wir durften von unserer künstlichen Industrieinsel aus zugucken und taten das gern.
Wolfsburg hatte das riesige VW-Werk und sonst nicht so viel. (Doch, halt, ich sah schon als Teenager den VfL Wolfsburg in der Bundesliga spielen. Es war die Badminton-Bundesliga. Dafür stand ich am Sonntag früh auf, spazierte durch die menschenleere Stadt zu einer Turnhalle, in die sich noch ein oder zwei Dutzend andere Zuschauer verirrt hatten.)
Dies nur, um anzudeuten, in welche Lücke der spätere Fußballmeisterschaftskandidat VfL Wolfsburg hineinwuchs. Der Aufstieg in die Bundesliga 1997 ging einher mit einem Wandel des VW-Konzerns von einem braven, behördenähnlichen Großunternehmen in einen – hier passt’s mal – turbokapitalistischen Global Player, um den herum sich auch Wolfsburg immer mehr in so etwas wie eine Stadt verwandelte.
Was sich jahrelang nicht änderte, war die, milde formuliert, reservierte Haltung der restlichen Republik gegenüber Wolfsburg im Allgemeinen und dem Bundesliga-Emporkömmling im Besonderen, man könnte es auch Verachtung nennen. »Werksmannschaft« gehörte noch zu den freundlicheren Titulierungen, zumal ja damit der VfL aufgenommen war in die Tradition der Bayer-Vereine Leverkusen und Uerdingen. Generell schien in Fußballdeutschland die Meinung vorzuherrschen – ich habe sie seit Jahren weiß Gott oft genug um die Ohren gehauen bekommen, vor wenigen Tagen noch –, dass der Erfolg meines Heimatvereins nichts anderes sei als eine zynische Werbemaßnahme des VW-Konzerns, der sich aus Prestigegründen beziehungsweise Profitstreben eine Mannschaft zusammenkaufe, die uns allen mit ihrer Wettbewerbsverzerrung noch die schöne Bundesliga kaputt mache. Was das denn noch mit Fußball zu tun habe?
Da schlug er wieder zu, dieser tief verwurzelte Glaube, dass wahre Bundesligahaftigkeit undenkbar sei ohne die von irgendwelchen zigarrerauchenden Altvorderen vorgeschriebene Ursprünglichkeit.
- Datum 25.05.2009 - 10:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2009 Nr. 22
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Ein sehr schöner Artikel! Musste hier und da schmunzeln :)
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