Belletristik Herzscherzland

Joey Goebel Familienroman "Heartland" beschreibt das Scheitern im Mittelwesten zu ausführlich.

Woran erkennt man ein schlechtes Buch, und wie unterscheidet man ein schlechtes von einem guten? Die Frage ist nicht ganz einfach und kann als unbeantwortbar gelten. Nur der Kulturspießer, der sich auf seine kanonischen Lieblingsautoren festgelegt hat, weiß stets diesselbe Antwort. Denn er misst alles Neue an alten Hausheiligen, um es als profan ignorieren zu dürfen. »Ich hatte persönlich-familiäre Erfahrungen zum Roman stilisiert, mit der Empfindung, dass etwas Literarisches daran sei«, schrieb der Nobelpreisträger Thomas Mann bescheiden über seine Buddenbrooks. Leider mochten einige Fans danach nichts mehr als Literatur gelten lassen, was nicht buddenbrooksch daherkam. Dabei war es doch Thomas Mann selbst, der seinen frühen Roman später widerlegte. Wer den Zauberberg oder Tod in Venedig gelesen hat, muss die Lektüre der Buddenbrooks quälend finden: diese endlose Anhäufung von Möbeln und Dialogen, diese weinerliche Kritik am Verfall des Bürgertums, dieser vormoderne Mangel an Ironie.

Man unterscheidet ein schlechtes Buch am besten von einem guten, indem man den Autor mit sich selbst vergleicht. Der junge Amerikaner Joey Goebel zum Beispiel hat jetzt einen Familienroman fabriziert, dessen weitschweifige Ironie und detailverliebte Coolness weit weniger langweilig wären, hätte Goebel seine Kritik an der neokonservativen Provinzbourgeoisie der Vereinigten Staaten nicht bereits prägnanter formuliert. Mit 22 veröffentlichte er die psychologische Novelle Freaks über eine Anarchopunkband, die während des Antiterrorkriegs ihren partisanenhaften Humor gegen Konformitätsdruck und Zwangspatriotismus verteidigt. Mit 23 legte er die Mediensatire Vincent nach, die das Schicksal eines Genies unserer Zeit erzählte und zugleich den Geniekult der letzten drei Jahrhunderte persiflierte. Beide Bücher gehören zum bisher Bösesten im Genre Popliteratur. Sie knüpfen an die Tradition des Entwicklungsromans an, aber widerlegen die Lernfähigkeit des Einzelnen in einer blöden Welt. Sie sind der amerikanischen Autonomieästhetik verpflichtet, aber lassen keine kulturellen Überlegenheitsgefühle aufkommen. Schade, dass das lustvoll Ideologiekritische jetzt in einer klassischen Familienromankonstruktion versacken musste.

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Joey Goebel aus Kentucky ist mittlerweile 27, und sein Roman Heartland beschreibt das Scheitern im Mittelwesten einfach zu ausführlich. Zwei ungleiche Brüder in einer weißen Fast-Food-Highway-Pick-up-Stadt, wo die Achtziger nie aufgehört haben, wo die Reichen zwar neuerdings Lexus fahren, aber Wrestling immer noch der angesagte Sport ist: Hier will der angepasste Unternehmersohn John mithilfe des Außenseiters Blue Gene, des schwarzen Schafs der Familie, eine Wahl gewinnen. Wie der geschniegelte Typ im Anzug und der tätowierte Typ in Turnschuhen gemeinsam auf Wählerfang gehen, das ist schon komisch. Doch der Autor kennt seine Milieus zu gut, um sie knapp zu porträtieren– die Abstiegsängste der Upper Middle Class in Kombination mit dem Bildungsdünkel, den Pessimismus der Trailerparkmachos in Kombination mit der kindischen Sehnsucht nach militärischen Ehren. Weil Goebel nicht nur ein Meister des kapitalistischen Realismus, sondern auch ein Experte für Peinlichkeiten ist, kommt es in Heartland , im Herzen des von billigem Bier aufgeschwemmten und von heroischen Träumen aufgeputschten Amerikas, immer wieder zu schönen Szenen. Aber wir raten trotzdem ab.

Joey Goebel: Heartland
Roman; aus dem Englischen von Hans M. Herzog; Diogenes, Zürich 2009; 714 S., 22,90 €

 
Leser-Kommentare
  1. ein hervorragendes und unterhaltsames Buch....jedenfalls viel besser als die Bücher die sich so in der Spiegel-Bestseller-Listen so tummeln.

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