Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: Endlich hat die Stasi auch mal Westgeschichte beschädigt, nicht nur die des Ostens.

Die Stasi mit ihren Spitzeln hat viele ostdeutsche Lebensgeschichten entwertet. Die Opfer mussten sich bei der Lektüre ihrer Akten bestürzt fragen, ob der Freund ein Freund war, der Liebende ein Liebender und die fürsorgliche Lehrerin eine fürsorgliche Lehrerin – oder ob sie alle in Wahrheit Feinde waren, Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Tatsache, dass der Alltag von IMs durchsetzt war, konfrontierte viele Menschen mit der unheimlichen Frage: Was war an meinem Leben eigentlich echt?

Diese abgründigen, sehr persönlichen Erfahrungen blieben den Westdeutschen erspart, doch merken sie mehr und mehr, auch ihre Geschichte wurde von der Stasi beschädigt: jüngst durch die Entdeckung, dass der West-Berliner Polizist, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, Mitglied der SED und Mitarbeiter der Stasi war.

Wer hier seiner eigenen Irritation folgt, der überlegt zuerst: Was wäre gewesen, wenn das damals schon bekannt gewesen wäre? Doch führen diese Gedankenspiele nicht weit. Die konjunktivische Geschichtsschreibung ist eine Gleichung mit allzu vielen Unbekannten. Wichtig ist, wenn es um den Sinn der Geschichte geht, auch nicht, was gewesen wäre, sondern was wirklich war.

Und da schreibt sich die Mythengeschichte, die unter dem Code »68« firmiert, nach der Enttarnung von Kurras eben doch anders. Bisher galt der Tod von Benno Ohnesorg, mit dem alles erst richtig begann, als die Stunde der Unschuld. Ohnesorg selbst war ein angehender Lyriker, keineswegs radikal und gewiss kein Ideologe. Der Staat hingegen, der kapitalistische, immer-noch-faschistische, hatte zuerst geschossen und damit alle folgenden Gewalttaten der 68er-Bewegung und ihrer terroristischen Stiefkinder als Gegengewalt geadelt.

So wird man das nie wieder schreiben können, denn der Staat hat nicht zuerst geschossen, jedenfalls nicht der westdeutsche. Höchstwahrscheinlich hat überhaupt kein Staat geschossen, sondern nur ein einzelner Mann.

Auch der Aust/Eichinger-Film über den Baader Meinhof Komplex könnte nach diesem historischen Fund so nicht mehr gedreht werden, als ein Lehrstück darüber, wie sich eine im Kern richtige und gute Sache in ihr Gegenteil verkehrte. Nein, die Bewegung hatte von Anfang an ein völlig verblendetes Bild vom Staat, sie sehnte sich nach Feindbildern, und ihr allererster Anfang war nicht erhaben, sondern verquer, ein trauriges, tragisches Missverständnis.