Der Fall Kurras Der 68er-KomplexSeite 2/2
Der 2. Juni 1967 war die Geburtsstunde der Studentenbewegung, seit einer Woche weiß man, dass sie einen Geburtsfehler hatte.
Damit wird wiederum nicht alles falsch, was danach geschah. Und schon gar nicht behält die »andere Seite« von damals, also die Springer-Presse, recht, die Kurras verteidigte, gerade weil er so ein forscher Schütze war. Bei Bild müsste man in diesen Tagen vielmehr die Augen niederschlagen, weil man einem Kommunisten die Stange gehalten hat. Was natürlich nicht geschieht.
Aber ein wenig entwertet wird der Mythos durch diese Stasisache schon. Wenn »68« eine Aktiengesellschaft wäre, so wären die Kurse in dieser Woche abgesackt, nicht ins Bodenlose, jedoch spürbar. Folgerichtig haben sich zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, die an »68« Aktien halten, sogleich zu Wort gemeldet, weitgehend unisono. Ein seltsames Bündnis hat sich da zusammengefunden – von Bommi Baumann, einem ehemaligen Mitglied der Bewegung 2. Juni und bekennenden Anarchisten, über Heribert Prantl, Leitartikler bei der SZ, und dessen Intimgegner Otto Schily, dem früheren Anwalt der RAF und späteren Innenminister, bis hin zu Christian Semler, früher K-Grüppler und heute taz -Autor. Ihre Botschaft lautet: Nichts ist passiert, gar nichts, unsere Aktien behalten ihren Wert. Semler formuliert besonders forsch: »Muss wegen des Aktenfundes jetzt die Geschichte des 2. Juni umgeschrieben werden? Das (…) ist blanker Unsinn.« Jawoll!
Die Rebellen waren autoritär, doch sie haben das Land demokratisiert
Jahrzehntelang haben sich die Erben der Studentenbewegung in erbitterten Verteilungskämpfen darum gestritten, wer wie viel Rebellentum, revisionistischen Schwung, Lederjackengeruch, Einschüchterungsrhetorik, Deutungsmacht und Tantiemen aus den wilden Jahren ziehen darf. Heute, da dieser Streit verebbt ist und ein jeder sein Scherflein bekommen hat, ausgerechnet da wird der Mythos insgesamt relativiert. Was für ein Ärger! Was für eine feine Ironie!
Vielleicht hilft das denen im Westen, die Ostdeutschen besser zu verstehen, ihren Kampf darum, sich eine Identität zu sichern gegen die sinnzersetzende Geschichte der Stasi, aber auch gegen Westdeutsche, die ihre eigenen Biografien schon längst in Vitrinen gestellt haben, vor denen sie sich immer wieder gern versammeln.
Und was bleibt nun von 68? Der Fall Kurras und die Einsicht, dass der Anfang nicht stimmig war, lassen die Dialektik dieser politischen Bewegung noch schärfer hervortreten als bisher: Die Studentenbewegung hatte ein oft abstruses Bild von der Welt, ihre Revolution war bestenfalls Theater, ihr Verhältnis zur Gewalt verantwortungslos, ihre Egozentrik maßlos, ihr Charakter oftmals autoritär. Dennoch hat sie viel dazu beigetragen, das Land demokratischer, liberaler, weicher, gleicher und offener zu machen. Das ist gar nicht schlecht und auch nicht wenig. Nur eben nichts für die Vitrine.
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- Datum 03.06.2009 - 17:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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1967 schießt Kurras einen unbewaffneten Studenten tot und wird von der BRD-Justiz freigesprochen. Er hat nie Reue geäußert.
1972 schießt Peter-Paul Zahl auf Polizisten, die ihn festnehmen wollen, verletzt einen Polizisten schwer und bereut gleich nach der Festnahme sein Verhalten. Er bekommt 15 Jahre Knast.
Solche Urteile machen klar, auf wessen Seite die BRD-Justiz damals stand. Sie identifizierte sich mit Kurras, nicht mit den rebellierenden Jugendlichen.
Wessen (Berufs)Leben wird nun durch die Enthüllung beschädigt? Sicher die der Richter, die Kurras freisprachen. Wie heißen sie eigentlich? Ob sie noch leben? Dann ist es ihnen sicher peinlich, von Journalisten darauf angesprochen zu werden. Bis jetzt haben sie ja keine Stellung dazu genommen. Hätte man schon damals von Kurras' Stasi-Tätigkeit gewusst, wäre das Urteil sicher anders ausgefallen. Peinlich! peinlich!
Solange keine Akteneinsicht beim Verfassungsschutz besteht, oder bei "befreundeten Diensten", wissen wir nur, daß die Stasi Kurras führte, aber nicht, ob CIA, BND oder Verfassungsschutz davon Kenntnis hatten und Kurras ein Doppelagent war.
Kurras arbeitete in der Westberliner Polizei bis zum 2. Juni 1967 in jener Abteilung, die Verräter in den eigenen Reihen aufspüren sollte – das ging nur mit Geheimdienstkontakten -- zum BND und zur CIA.
Bekanntlich war die von den US-Amerikanern geführte NATO-Geheimarmee GLADIO in zahlreiche Terroranschläge verstrickt bzw. hat diese angestiftet – und zwar rechte wie linke. Besonders gut dokumentiert ist das im Falle der Entführung Aldo Moros
"Ich bedaure Aldo Moros Tod, aber wir mussten die Roten Brigaden instrumentalisieren, damit sie ihn töten. (...) Als stellvertretender Staatssekretär der amerikanischen Regierung und persönlicher Berater des italienischen Innenministers war es meine Aufgabe, Italien zu stabilisieren (...)"
Es ist nicht abwegig, ähnliche verdeckte Stabilisierungsinitiativen der Geheimdienste auch für die westdeutsche Studentenbewegung zu unterstellen.
Ungeklärt bleibt auch für die sich darvon abspaltende RAF der Fall Buback ./. Verena Becker (als Agent der BRD): Am 18. Januar 2008 hat das Bundesinnenministerium verfügt, die Verhör-Akten von Frau Becker "für immer" zu sperren.
Ein Interview mit Michael Buback über Merkwürdigkeiten und offene Fragen im Zusammenhang mit der Ermordung seines Vaters
Hier wäre mal investigativer Journalismus gefragt, Herr Ulrich!
Interviewen Sie doch mal Regine Igel für die ZEIT: Linksterrorismus fremdgesteuert? Die Kooperation von RAF, Roten Brigaden, CIA und KGB
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
Ende der 1960er Jahre entwarfen die NATO-Generalstäbe die Strategie des "nicht-orthodoxen Krieges", der den zunehmenden Einfluss der Kommunisten in Westeuropa und die neuen sozialen Bewegungen unter Kontrolle bringen sollte.
Dokumentiert ist diese Strategie im Field-Manual 30-31 vom 18. März 1970, unterzeichnet vom Generalstabschef der US-Armee, General W.C. Westmoreland.
http://en.wikipedia.org/w...
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
Ende der 1960er Jahre entwarfen die NATO-Generalstäbe die Strategie des "nicht-orthodoxen Krieges", der den zunehmenden Einfluss der Kommunisten in Westeuropa und die neuen sozialen Bewegungen unter Kontrolle bringen sollte.
Dokumentiert ist diese Strategie im Field-Manual 30-31 vom 18. März 1970, unterzeichnet vom Generalstabschef der US-Armee, General W.C. Westmoreland.
http://en.wikipedia.org/w...
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
in Kommentaren erwähnt, gab es schon vor dem Ohnesorg-Mord die brutalen Prügelaktionen der Polizei und die Propaganda, Studenten würden auf Polizisten schießen. Das spricht nicht gerade für eine durch und durch demokratisch gesinnte Polizei. Und der Knackpunkt für die Studentenbewegung war wohl eher der spätere Freispruch von Kurras, bei dem in bis heute bekannter Nibelungentreue sich selbstverständlich kein Polizist fand, der irgendwas gesehen hat, was Kurras als absichtlichen Schützen belastet hätte. Wäre das allerdings damals bekannt geworden, dass er IM war, dann wäre das zweifellos anders gewesen!
Und dass auch der Verfassungsschutz gerne auch mal als agent provocateur fleißig mit gemischt hat, wurde ja auch schon bald bekannt.
Aber wie immer im Leben, es gibt nie und nirgends das reine Schwarz-Weiß!
Dass die "Kämpfer" gegen autoritäre Autoritäten selbst durchaus auch autoritär waren, ist sicherlich einmal jugendlichem Rigorismus, aber auch einer solchen Erziehung der 40er und 50er Jahre geschuldet.
daß Kurras in der Stasi war, wirft einen "Schatten auf die westdeutsche Studentenbewegung"? Wäre Dutschke in der Stasi gewesen, würde ich das ja vielleicht verstehen... Diese Logik mal weitergesponnen: Wirft es einen "Schatten" auf Benno Ohnesorg, daß er sich sozusagen den falschen Mörder ausgesucht hat? Vielleicht wirft es dann ja auch einen "Schatten" auf die DDR-Demonstranten von 1989, daß Schalck-Golodkowski in Wirklichkeit ein dicker Freund von Franz-Josef Strauß war?
ist der Denkfehler in diesem Artikel und wohl auch in der derzeitigen mainstream-Journalistik - leider auch hier in der "Zeit".
ist der Denkfehler in diesem Artikel und wohl auch in der derzeitigen mainstream-Journalistik - leider auch hier in der "Zeit".
ist der Denkfehler in diesem Artikel und wohl auch in der derzeitigen mainstream-Journalistik - leider auch hier in der "Zeit".
Ende der 1960er Jahre entwarfen die NATO-Generalstäbe die Strategie des "nicht-orthodoxen Krieges", der den zunehmenden Einfluss der Kommunisten in Westeuropa und die neuen sozialen Bewegungen unter Kontrolle bringen sollte.
Dokumentiert ist diese Strategie im Field-Manual 30-31 vom 18. März 1970, unterzeichnet vom Generalstabschef der US-Armee, General W.C. Westmoreland.
http://en.wikipedia.org/w...
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Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
„Der Staat hingegen, der kapitalistische, immer-noch-faschistische, hatte zuerst geschossen und damit alle folgenden Gewalttaten der 68er-Bewegung und ihrer terroristischen Stiefkinder als Gegengewalt geadelt“, schreiben Sie, um dann fortzufahren:
„So wird man das nie wieder schreiben können, denn der Staat hat nicht zuerst geschossen, jedenfalls nicht der westdeutsche. Höchstwahrscheinlich hat überhaupt kein Staat geschossen, sondern nur ein einzelner Mann.“
Wer hat dies denn, ausser Ihnen hier, je geschrieben oder behauptet? Solange Sie dafür keine Belege liefern, haben Sie nur etwas erfunden, das Sie der ‘Aktiengesellschaft 68er’ in die Schuhe schieben und jetzt glauben widerlegen zu können. Im Grunde ein Selbstgespräch also.
Völlig ausgeklammert wird bei Ihnen im Übrigen der weitere Verlauf der Ereignisse: Deren gesellschaftliche Relevanz beruht doch in erster Linie darauf, dass sowohl Polizei als auch Justiz Kurras für einen der ihren hielten und alles unternahmen, ihn zu decken.
Wenn Sie’s von da aus wieder auf die eigentliche Tat zurückbeziehen, drängt sich eher die Interpretation auf, dass der Stasi-Spitzel Kurras glaubte, einen Weg gefunden hatte, sich als vertrauenswürdiges Mitglied der West-Berliner Polizei zu beweisen, und das wirft ein Licht auf diese Organisation, das geignet ist, die Aktienkurse der 68er, um in Ihrem sagenhaft schiefen Bild zu bleiben, in ungeahnte Höhen zu treiben.
Das wäre dann nämlich ziemlich genau so, wie wenn man einen V-Mann bei der Mafia einschleust: der soll dann auch erstmal beweisen, dass er dazugehört - indem er mitmacht beim Leute abmurksen.
Das ist dann das, was man der Stasi zur Last legen muss: Dass sie, was das Eingehen auf die Methoden der zu unterwandernden Organisation betrifft, völlig skrupellos war. Die West-Berliner Polizei zur damaligen Zeit entlastet das aber keineswegs, genausowenig, wie es die Studentenproteste delegitimiert.
schneiden wesentlichere Punkte an als der etwas befremdliche Artikel von Herrn Ulrich.
Schade eigentlich, da er die größere Verbreitung genießt!
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