Der Fall KurrasWir alle haben uns geirrt

Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, war ein Stasi-Mann. Was bedeutet das für den Gründungsmythos der 68er – und was für die »Springer-Presse«? von Götz Aly

Als alles anfing: Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 in Berlin

Als alles anfing: Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 in Berlin  |  © dpa

Kaum hatte der Polizist Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 geschossen, erstarrten Hunderttausende junge Leute vor Entsetzen. Zehntausende gingen trauernd auf die Straße. Die Zeitungen des Springer-Verlags verteidigten den Todesschützen als loyalen Hüter westlicher Freiheit und traten dessen Opfer, dem pazifistischen Studenten Benno Ohnesorg, hinterher. Der Erschossene sei »Opfer von Krawallen« geworden, die »FU-Chinesen« und »politische Halbstarke inszeniert« hätten, so die Bild- Zeitung. »Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen«, echote die BZ. Die Polizeiführung und sinngemäß der Regierende Bürgermeister von Berlin attestierten Kurras, er habe sich »völlig korrekt verhalten«.

Und heute? Heute gibt es unter den damals Beteiligten niemanden, der nach den Erkenntnissen über die Stasitätigkeit des Todesschützen nicht blamiert wäre. Die entsetzten Studenten machten den Mann, der seit 1964 der SED angehörte, zum Repräsentanten des Postfaschismus, die anderen feierten den DDR-Agenten als Verteidiger des Westens. Die unangemessenen, ganz und gar undemokratischen Reaktionen der in West-Berlin dominierenden Springer-Zeitungen und der politischen Führung arbeiteten dem DDR-Konzept in die Hände, die prekär gelegene Inselstadt zu destabilisieren. Wie Elisabeth Noelle-Neumann im Dezember 1967 für das Bundeskanzleramt ermittelte, schrieben die Journalisten des Springer-Verlags 1967 satte 83 Prozent ihrer Artikel über die Studentenunruhen »in eindeutig herabsetzender Tendenz«, in den Artikeln der anderen bundesdeutschen Zeitungsverlage geschah das nur in 6 Prozent der Fälle. Nach den jüngsten Kurras-Enthüllungen sucht man in der Bild- Zeitung und der Welt vergeblich nach Selbstkritik.

Anzeige

Der Hass auf Unangepasste war ein gemeinsames nationales Erbe

Einen anderen Ton schlägt Uwe Timm an, der Freund und Biograf Ohnesorgs. Er war 1973 bis 1981 DKP-Mitglied und muss heute erkennen, dass sein Freund von seinem politischen Gesinnungsgenossen erschossen wurde. »Man müsste«, so meinte Timm dieser Tage, »Kurras jetzt befragen und ein neues Buch schreiben über diese deutsche autoritätsfixierte Vita.«

Viele von denen, die am 2. Juni 1967 und in den Tagen danach demonstrierten, wandelten sich oft binnen Stunden von demokratisch-pluralistischen, USA-begeisterten Jungbürgern zu weltanschaulich durchdrungenen Oppositionellen oder Umstürzlern. Für sie wurde Karl-Heinz Kurras schnell zur jederzeit austauschbaren Charaktermaske des postfaschistischen, allenfalls formaldemokratischen Staats Bundesrepublik, wie man im linken Jargon damals sagte. Im totalitär durchwehten Tagebuch von Rudi Dutschke lässt sich nachlesen, wie diese Ansicht und der besinnungslose Radikalismus nach Ohnesorgs Tod binnen Tagen die Oberhand gewannen. Rudi Dutschke hetzte vor allem gegen die weniger militanten Vertreter des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, die feigen »angepassten Opportunisten« wie Knut Nevermann oder Manfred Rexin, die immerzu den Schwanz einzögen, sobald Polizei in Sicht sei, und die gelegentlich mit einem »Faustschlag« zur Räson gebracht werden müssten. Dutschke notierte: »›Beerdigungszug‹ f. B. Ohnesorg – kein Protestzug – leider«, ein paar Tage später fantasierte er von Aktionen »militärischer Provenienz«, und dann: »In der Kneipe ›Machtergreifungsplan‹ ›ausgepackt‹. Riesige Überraschung.«

Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg hatte der schnellen, bald kaum noch kontrollierbaren politischen Polarisierung zwischen Studenten und Staat den Boden bereitet. Das Attentat auf Rudi Dutschke folgte daraus. Beide Ereignisse zusammen führten zum maoistisch geprägten Doktrinarismus, zu den terroristischen Absplitterungen und in den 1970er Jahren zur massenhaften Hinwendung westdeutscher Studenten zum DDR- und Sowjetunion-freundlichen Marxistischen Studentenbund (MSB) Spartakus. Kontrafaktisch und damit unbeweisbar lässt sich vermuten: Hätte Kurras, der Westberliner Polizist und Ostberliner Stasiagent, Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 nicht erschossen, dann wäre die Studentenbewegung milder verlaufen, wären die vielen – im Rückblick irrwitzigen und für nicht wenige zerstörerischen – Umwege nicht eingeschlagen worden.

Jetzt, vier Jahrzehnte später und dank der peniblen Aktenführung der Staatssicherheit, erhält die »Charaktermaske« ein Gesicht. Karl-Heinz Kurras wurde im Dezember 1927 in der Nähe von Rastenburg in Ostpreußen als Polizistensohn geboren und als 17-jähriger Soldat des 44. Infanterieregiments in den »Endkampf« geworfen. 1945 trat er in Berlin eine Verwaltungslehre an. Ende 1948 wurde er wegen illegalen Waffenbesitzes für 13 Monate in das sowjetische Speziallager Sachsenhausen gesperrt. Danach begann er seine Polizeikarriere in West-Berlin; 1955 meldete er sich bei der Staatssicherheit in Ost-Berlin, weil er die DDR für den besseren Staat hielt.

Kein Zweifel, dass Kurras als jugendlicher Soldat, als Angehöriger einer Flüchtlingsfamilie, als Gefangener in einem sowjetischen Straflager schwere Traumata erlitten hat. Er gehörte, das steht fest, zu den desorientierten jungen Männern, die der Gewaltexzess des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hatte. Unwohl wird sich Kurras in der paramilitärisch organisierten, von SS-, Gestapo- und Wehrmachtmännern durchsetzten Westpolizei nicht unbedingt gefühlt haben. Aber auch die autoritär strukturierte Staatssicherheit wird ihm vertraut gewesen sein. Die Schäferhundemilieus der beiden deutschen Staaten passten weiterhin zueinander. Der Hass auf Gammler und Unangepasste erfreute sich als gemeinsames nationales Erbe diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs bester Pflege. Doch darf man sich Kurras im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen als stets prekär lebenden, zutiefst unsicheren Menschen vorstellen. Seine Doppelexistenz als Stasimitarbeiter und politischer, ebenfalls in geheimer Mission tätiger Spezialbeamter der Westberliner Polizei zwang ihn, in jeder dieser Rollen den Hundertfünfzigprozentigen zu geben. So einer fühlt sich leicht bedroht und schießt schneller als andere.

Leserkommentare
  1. 1. Timm

    Tut mir Leid, aber meine ehrliche Meinung zu Uwe Timm und seinem Roman Der Freund/Der Fremde ist die, dass Timm sich schämen soll! Hat sich mit dem Toten profiliert und Jahrzehnte nicht mit dessen Witwe gesprochen. Aber nach ihrem Tod mit ihrem Sohn. Sowas ist KEIN Freund. Der Titel nur geklaut von Camus. Habe mich sehr über den Roman aufgeregt. Und jetzt die Folgerung, man sollte mit xx reden? Vielleicht kann Timm sich ja mit einem neuen Buch profilieren: Männer unter sich: Wie die Stasi mich hinter's Licht führte.

  2. Interessant sind Alys Wertungen der Zeit. Bei Springer-Zeitungen sind es »unangemessene, ganz und gar undemokratische Reaktionen (...) in eindeutig herabsetzender Tendenz«. Also auch heute noch alltägliches Politikgeschäft: eine "Basta-Politik" ist auch undemokratisch und Herabsetzendes gehört auch dazu: siehe ZEIT-Berichterstattung zu Ypsilanti oder Lafontaine.
    Dutschke hingegen "hetzt" gegen »angepasste Opportunisten«.
    Da gelingt dem geläuterten "Roten Helfer" en passant eine zeitgeistlich angepasste Tatsachenverkehrung. Zwar schildert er korrekt die Verteilung der Schmähartikel in der damaligen Presselandschaft, belegt sie aber mit verhamlosenden Etiketten und tritt dem exemplarischen Springeropfer Dutschke nach. Schäbig.
    Wir alle haben uns geirrt? Nee, in das Boot steige ich nicht. Damals wurde ich von Aly und Gesinnungsgenossen gern und ausgiebig als "liberaler Scheißer" tituliert. Beim Marsch durch die Institutionen haben sie mich fast alle rechts überholt, sitzen nun bei Springer am Tisch oder schreiben gar für sein gerichtsnotorisches Lügenblatt. Lasst mich weg bei Eurem "Wir", mit Euch hab ich auch heute nichts gemein!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • otmars
    • 01. Juni 2009 11:17 Uhr

    Es ist die alte Wahrheit, von unten Links nach oben Rechts. Man schreibt sich seine Geschichte wahr. Das nannte man früher wahr lügen. Man macht sich und anderen etwas vor, wie es gewesen ist und am Ende glaubt man selber das es so war.

    Mir kommt bei der ganzen Sache auch der Rest der Presse zu gut weg. Es war eben nicht nur Springer. Und ob Kurras für das MfS und die SED gearbeitet hat oder nicht ist nur eine Randnotiz der Geschichte.

    Die Wahrheit ist, das es den deutschen Herbst gab, das bis an die Zähne bewaffnete Polizei Stichproben unternahm. Das alles ist unvergessen.

    Das es den Radikalenerlass gab. Das ist auch nicht folge von Kurras sondern folge autoritärer Strukturen, die bis heute bestehen.

    Sie sind doch nur sauer, weil Sie es nicht auch an die Fleischtröge geschafft haben, keine Zweitvilla wie unser guter Joschka in der Toskana besitzen und ansonsten noch die alte Fahne hochhalten, während Ihre Kampfgenossen von damals schon lange geschmeidig den Marsch durch Institutionen vollendet haben.
    Manchmal kann man aber auch wirklich Pech haben. Aber mein vollstes Mitgefühl ist Ihnen jedenfalls sicher!

  3. "Das fatale Freund-Feind-Denken könnte jetzt ein Ende haben..."

    ... beim Herrn Aly, wenn er endlich die Projektionen eigener Jugendsünden auf "die" 68er, die angeblich in blöder Verkennung der Wirklichkeit unisono vom Postfaschismus krakelten, sein lassen würde. Natürlich war die - von ihm selbst doch eindringlich beschriebene - Hetze der Springerpresse vom postfaschistischen Geist durchtränkt, wie es auch die Kurrasprozesse waren - und ganz sicher auch die Stasi. Um so besser für alle, die die Zumutung des Anblicks Aufbegehrender - nicht zuletzt auch genau gegen diesen Zeitgeist - nicht ertragen konnten und den eigenen Heiligenschein per "geh doch nach Drüben" oder "solche Leute wie Ihr hätte man früher..." Sprüchen schützten.

    Wenn also alle möglichen Sensibelchen der Zeit (ja, auch Dutschke) teilweise emotional, politisch, kulturell durchknallten, ist das ganz gewiss nicht einem singulären Ereignis und dessen voraussetzungsloser Überinterpretation geschuldet. Ja natürlich waren auch die zur Recht Aufbegehrenden nicht frei vom totalitären Geist. Dies zu erkennen ist grad für die notwendig, die weiter nach gangbaren Pfaden der Emanzipation aus sozialer Ohnmacht suchen. Maos "antiautoritäre" Kulturrevolution zeigt: "Alles Gute kommt von Unten" stimmt halt auch nicht. Wer aber die Dinge nicht in ihrer interaktiven Entwicklung betrachtet um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, und auch nicht bereit ist, die mit der Geschichte verwobene Vielschichtigkeit der damals und danach Handelnden wahrzunehmen, sondern aus der vermeintlich olympischen Perspektive seine weiße Seele mit Pauschalurteilen gegen die Aufbegehenden schützt, sollte sich über das journalistische Schaulaufen hinaus ganz ernsthaft mit der Kontinuität eigener Unempfindlichkeit gegenüber inhuman-zynischen Zuordnungen auseinandersetzten.

    Gruß hh

  4. Warum sollte ich mein entsetzen damals, meine empörung, meine wut, heute überdenken?

    von einem westberliner polizisten wurde Ohnesorg erschossen, aus nächster nähe, in den kopf. niemand von den kollegen wollte etwas gesehen haben, gegenstände verschwanden, es gab freisprüche in der zahl.

    wer muss überdenken, häh?

    die, die ihn damals geschützt haben, die, die Ohnesorg diffamiert haben, die, die eine erschießung aus nächster nähe in den kopf noch nicht einmal als fahrlässsige tötung milde verurteilen wollten!

    kurras, war in der westberliner polizei und er war 'bei der stasi'.
    er hätte überall seinen platz gefunden wo er 'wichtig' war und seinen dumpfen hass hätte ausleben können. 'gerettet hat ihn die 'gnade der späten geburt'. sonst wäre er womöglich einer der täter geworden, zu deren verfolgung bundesdeutsche gerichte getragen werden mussten.

    so einer war nicht gerade unwillkommen in der polizei.

    und noch etwas: Aly und kampfgenossen halten zwar auch einen stasi-auftrag für unwahrscheinlichst, argumentieren aber so, als hätten 'die genossen von der ddr' den gegeben und 'wir' müssten unsere damalige einschätzung korrigieren.
    im gegenteil: die angeblich demokratischen instanzen liessen den mörder laufen.

    eher angelegt, unsere damalige einschätzung zu bestätigen.
    Ohnesorg ist tot.
    getötet von einem westberliner polizisten.
    und es war noch nicht einmal fahrlässige tötung.

    eyh götz, überhaupt einmal auf 'ner demo gewesen damals, in 'ner 'leberwurst'?

    alles voll demokratisch.
    ich merk schon, du bist voll im BILD.

    ps: die täterä hat mich nie die bohne verlockt, gerade als flüchtlingskind nicht.

    [Titel gekürzt, bitte verzichten Sie auf persönliche Verunglimpfungen. Danke. /Die Redaktion pt.]

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ fracaso & co.

    "Warum sollte ich mein entsetzen damals, meine empörung, meine wut, heute überdenken?"

    Warum?

    Nicht, weil ihr alten damals nicht recht hattet das Unrecht anzuklagen. Niht weil damals nicht von staats- & guter gesellschaftsseiten her massives Unrecht und augenwischerei begangen wurde.
    Dagegen aufzustehen war richtig.

    Euer Unrecht bestand in der verherrlichung derselben braunen soße im roten gewandt - euer hochjubeln von rotfaschisten wie adorno oder marcus (man lese mal einfach 'dialektik der Aufklärung' - und reflektiere einmal über den totalitärismus, der bis zur verneinung von sprache geht, inc. der an göbbels oder hitler erinnernden propagandistischen Sprache, dabei), an das Hochjübeln der besseren DDR und Sowjetunion, des feierns des Massenmörders Mao und Mördrs Che Guevara - daran liegt eure schuld und dafür steht ein entschuldigen aus.
    Es steht aus dafür, dass ihr, die ihr zu recht unrechtsstrukturen gekämpfen wolltet, einen unrechtsstaat in form einer sozialistischen gesellschaft herbeizwingen wolltet.
    Dafür, dass man berechtigterweise auf unrecht weist, dafür muss man sich nie entschuldigen - aber dafür, dass die alternative und die eignen methoden zum teil noch schlimmer sind. Für eure proteste gegen den staat nicht - eure zwangsmaßnahmen gegen unliebsame personen, mitstudenten, die nur nicht eure ansichten teilten - sehr wohl.
    Wie viele von euch sich durchaus zu recht gegen unrecht verwehrten, so taten viele von euch es gegenüber euren mitstudenten, gegenüber einfachen bürgern und arbeitern.
    Z. B. eine Seminarveranstaltung aus prodest zu boykottieren ist ok, hineinzugehen und andere studenten daran zu hintern das seminar zu hören, die nicht boykottieren wollten aus ihren eigenen gründen heraus -DAS war das unrecht.
    Ihr habt nicht groß gegen das System gefightet, sondern auch massiv gegen eure mitmenschen, die in einer ähnlichen lage wie ihr waren, und nur nicht eure ansichten teilten.
    Und das ist bis heute so - links heisst für mich wmittlerweile: meinungsunterdrückung, gewalt, unrecht - menschen, die ihre überzeugungen gegen meinen willen versuchen mir mit gewalt aufzudrücken - mir, der sich selbst auch nur ein einfacher mensch bin und kein angehöriger eines konzerns, des staatsapparats oder sonstwas.
    Und das entschuldigen eurer gewalt durch das hochjubeln gewaltverherrlichender , ja massenmörderischer Regime und Tyrannen, das ist euer unrecht.
    Ihr habt keine Massenmorde begangen, aber ihr habt Leute & regime bejubelt, die massenmord begingen udn seit ideologien hinterhergerannt die einigen der schlimmsten Verbrechen des 20. jahrhunderts als grundlage dienten.
    Und darin besteht euer unrecht - das unrecht dieser bewegung namens 68.
    Sich die guten Sachen - die es ja gab in der Folge - anzuhäften, aber die häßlichen seiten zu verleugnen - das ist unrecht und wider die wahrhaftigkeit.

    dann auch bitte kenntlich machen.
    sonst wärs ja wirklich wie so: ali b[]a b[]a und die vielen räuber

  5. Ein Polizist hat einen Menschen erschossen und wird dafür nicht zur Verantwortung gezogen. Trotz der Beweislage wird er freigesprochen und das Opfer von Justiz, Polizei und Presse verhöhnt.

    Sicherlich haben sich alle geirrt - aber nur über die Motive des Täters (möglicherweise auch über die Auftraggeber der Tat).

    Nicht geirrt haben sich die Studenten über die Geisteshaltung der Justiz und der Presse, die bereit waren, den Täter aus Gleichgültigkeit oder schlimmeren Beweggründen zu schützen.

    Der eigentliche Skandal ist doch: wenn die Stasiakte schon 1967 bekannt geworden wäre, hätte die Justiz Herrn Kurras zu einer langen Haftstrafe verurteilt, die Polizei ihn aus dem Polizeidienst entfernt und die Presse ihn als "Stasi-Mörder" beschimpft und Benno Ohnesorg als Freiheitshelden gefeiert.

    Weil aber alle vermutet haben, dass der Schuss von einem "rechten" Polizisten abgegeben wurde, wurde dieser freigesprochen, in Schutz genommen und bezieht bis heute eine ansehnliche Pension. Das einzige, worüber sich die Studenten (zumindest einige) wirklich getäuscht haben, war die Bösartigkeit des DDR-Unrechtsregimes. Den Charakter der Westberliner Justiz und Presse haben sie aber ziemlich genau erfasst....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    so in etwa wollt ich das auch schreiben.

  6. 6. .

    "Einen anderen Ton schlägt Uwe Timm an, der Freund und Biograf Ohnesorgs. Er war 1973 bis 1981 DKP-Mitglied und muss heute erkennen, dass sein Freund von seinem politischen Gesinnungsgenossen erschossen wurde."
    Endlich wird uns von Aly nochmals eindrucksvoll dargelegt, daß Kurras in Wirklichkeit ein Sympathisant der 68er war. Was bitte war an Kurras politisch? Hat Aly zu viele James-Bond-Filme gesehen? Kurras im Auftrag seiner Majestät, der SED. Macht das Sichwohlfühlen in "Schäferhundemilieus" politisch sein aus?

    "Seine Doppelexistenz als Stasimitarbeiter und politischer, ebenfalls in geheimer Mission tätiger Spezialbeamter der Westberliner Polizei zwang ihn, in jeder dieser Rollen den Hundertfünfzigprozentigen zu geben."
    Da war er wohl dann ein Dreihundertprozentiger. Die Rollen "zwangen" ihn zu gar nichts außer möglicherweise Stillschweigen einer Seite gegenüber. Die Rollen waren eine einzige Rolle und passten offensichtlich tadellos zusammen und auch zu ihm, er hat bis heute nichts aufzuarbeiten.
    "So einer fühlt sich leicht bedroht und schießt schneller als andere."
    Kann durchaus sein, aber nur schneller auf das was er als Bedrohung seiner Lebensumstände empfindet. Auf alles andere hält sich "so einer" (im Rollen"zwang") eher zurück. Man sollte in solcher Lage wohl tunlichst kein Aufsehen erregen. Die Zeit im Arbeitslager scheint Kurras gut gefallen zu haben, denn anders wäre die Durchführung eines "beauftragten Schuß" auf Ohnesorg im Umfeld von Zeugen wohl nicht zu erklären. Oder war es schon vorher klar, daß er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wird? Der konnte nur im Affekt gefallen sein. Erstens will man nicht in den Fokus rücken und jeder, der auch nur peripher bei Trost ist geht nicht für die Stasi auf Jahre freiwillig in Westdeutschland hinter Gitter. Die Frage warum er sich denn für ein Leben bis heute im Westen "entschied", wenn er doch die DDR für den besseren Staat hielt, wie Aly mutmaßt, darf erlaubt sein.
    Am Schluß wird's dann noch komisch wenn Aly meint Springer wurde vom SED-Regime instrumentalisiert. Die Springerpresse als getäuschtes Opfer. Ein Auftragsmord scheint nachgewiesen für Aly und die Springerpresse durch den Einfluß der SED auf die Studenten gehetzt. Glückwunsch zu solchen Erkenntnissen. Von Instrumentalisierung kann da wohl keine Rede sein. Eher davon, daß durch die Tat das wahre, ungeschminkte Gesicht von Presse und Justiz zum Vorschein kam. Der Fund stärkt auch kein aus den Fingern gesogenes Argument vom Totalitarismus. Allenfalls stärkt er die Annahme, daß die Auseinandersetzung der Studenten mit den Schäferhundemilieus ein ursprünglich gesellschaftliches Problem war, das erst durch die Reaktion des Staats und der Presse wirklich politisiert wurde.

  7. "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern."
    Selbstkritik ist doch im Springerkonzern ein Fremd- und Unwort.
    Ich möchte aber Herrn Götz Aly danken, dass er in seinem Artikel auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam macht, welche auch mir zuwider ist.
    Die Nichtherausgabe von Akten durch BRD Geheimdienste und Behörden, welche auch noch von unserem Innenminister vehement gestützt wird.
    Was wenn Herr Kurras auch im Sold von VS und/oder BND stand und von diesen auch den Auftrag erhielt einen beliebigen Studenten zu erschießen? Um eine Eskalierung und damit klare Fronten zu schaffen, gegen die der Staat dann wirksam vorgehen konnte. Somit ließen sich auch seine Freisprüche besser nachvollziehen. In diesem Fall ist der Schuss aber auch nach hinten losgegangen.
    Wäre doch echt blöd, wenn wir jetzt die Geschichtsbücher und die Bibel umschreiben, nur um dann festzustellen es hatte alles seine Richtigkeit.
    Wie auch immer, ohne die Geschehnisse von damals hätte sich unter den Talaren nichts verändert. Und ob dann Willy Brand seine Annäherungspolitik an den Osten so hätte durchführen können ist ebenfalls zu bezweifeln.
    Leider brauchte es eines Todesschützen und eines Märtyrers um etwas zu verändern.

  8. @ fracaso & co.

    "Warum sollte ich mein entsetzen damals, meine empörung, meine wut, heute überdenken?"

    Warum?

    Nicht, weil ihr alten damals nicht recht hattet das Unrecht anzuklagen. Niht weil damals nicht von staats- & guter gesellschaftsseiten her massives Unrecht und augenwischerei begangen wurde.
    Dagegen aufzustehen war richtig.

    Euer Unrecht bestand in der verherrlichung derselben braunen soße im roten gewandt - euer hochjubeln von rotfaschisten wie adorno oder marcus (man lese mal einfach 'dialektik der Aufklärung' - und reflektiere einmal über den totalitärismus, der bis zur verneinung von sprache geht, inc. der an göbbels oder hitler erinnernden propagandistischen Sprache, dabei), an das Hochjübeln der besseren DDR und Sowjetunion, des feierns des Massenmörders Mao und Mördrs Che Guevara - daran liegt eure schuld und dafür steht ein entschuldigen aus.
    Es steht aus dafür, dass ihr, die ihr zu recht unrechtsstrukturen gekämpfen wolltet, einen unrechtsstaat in form einer sozialistischen gesellschaft herbeizwingen wolltet.
    Dafür, dass man berechtigterweise auf unrecht weist, dafür muss man sich nie entschuldigen - aber dafür, dass die alternative und die eignen methoden zum teil noch schlimmer sind. Für eure proteste gegen den staat nicht - eure zwangsmaßnahmen gegen unliebsame personen, mitstudenten, die nur nicht eure ansichten teilten - sehr wohl.
    Wie viele von euch sich durchaus zu recht gegen unrecht verwehrten, so taten viele von euch es gegenüber euren mitstudenten, gegenüber einfachen bürgern und arbeitern.
    Z. B. eine Seminarveranstaltung aus prodest zu boykottieren ist ok, hineinzugehen und andere studenten daran zu hintern das seminar zu hören, die nicht boykottieren wollten aus ihren eigenen gründen heraus -DAS war das unrecht.
    Ihr habt nicht groß gegen das System gefightet, sondern auch massiv gegen eure mitmenschen, die in einer ähnlichen lage wie ihr waren, und nur nicht eure ansichten teilten.
    Und das ist bis heute so - links heisst für mich wmittlerweile: meinungsunterdrückung, gewalt, unrecht - menschen, die ihre überzeugungen gegen meinen willen versuchen mir mit gewalt aufzudrücken - mir, der sich selbst auch nur ein einfacher mensch bin und kein angehöriger eines konzerns, des staatsapparats oder sonstwas.
    Und das entschuldigen eurer gewalt durch das hochjubeln gewaltverherrlichender , ja massenmörderischer Regime und Tyrannen, das ist euer unrecht.
    Ihr habt keine Massenmorde begangen, aber ihr habt Leute & regime bejubelt, die massenmord begingen udn seit ideologien hinterhergerannt die einigen der schlimmsten Verbrechen des 20. jahrhunderts als grundlage dienten.
    Und darin besteht euer unrecht - das unrecht dieser bewegung namens 68.
    Sich die guten Sachen - die es ja gab in der Folge - anzuhäften, aber die häßlichen seiten zu verleugnen - das ist unrecht und wider die wahrhaftigkeit.

    Antwort auf "Aly [...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die diffamierung adornos als '(rot-)faschisten' lässt eigtl. nur drei schlüsse zu: entweder Sie wissen nicht, was ein faschist ist, oder Sie wissen nicht, wer adorno war, oder Sie haben ihn nicht verstanden. Ihre abstruse bemerkung über die 'dialektik der aufklärung' (deren mitverfasser, max horkheimer, nach dem krieg übr. der cdu beitrat und die politik adenauers unterstützte) deutet auf letzteres. es geht darin natürlich nicht um die 'verneinung der sprache' (welch abseitiger gedanke!), sondern im gegenteil um die krititische rekonstruktion der ursprünge und entfaltungsformen des totalitären in gesellschaft und denken, bzw. in dessen medium: der allgemeinbegrifflichen sprache. diese kritik ist durchgängig auf die rettung eben jenes sozialtypus gerichtet, den die faschisten und stalinisten sytematisch eliminierten: des freien und selbständigen individuums liberal-bürgerlicher prägung. insoweit zeugt ihre polternde unterstellung lediglich von selbstbewusster ignoranz. adorno und marcuse, die als juden und kritische intellektuelle aus nazideutschland fliehen mussten, in einem satz mit hitler und goebbels zu nennen, ist dagegen schlicht widerlich. marcuse arbeitete ab 1943 für die amerikanische propaganda-abwehr und war nach dem krieg jahrelang als leiter der mitteleuropa-sektion des us state departments tätig. und es war nebenbeibemerkt adorno, der im januar 1969 sein von studentischen aktivisten besetztes institut von der polizei räumen ließ. grund dafür war neben dem aktionismus und der gewaltbereitschaft der studenten deren unkritische bzw. bejahende haltung gegenüber den linksautoritären und totalitären regimen und bewegungen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service