Kaum hatte der Polizist Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 geschossen, erstarrten Hunderttausende junge Leute vor Entsetzen. Zehntausende gingen trauernd auf die Straße. Die Zeitungen des Springer-Verlags verteidigten den Todesschützen als loyalen Hüter westlicher Freiheit und traten dessen Opfer, dem pazifistischen Studenten Benno Ohnesorg, hinterher. Der Erschossene sei »Opfer von Krawallen« geworden, die »FU-Chinesen« und »politische Halbstarke inszeniert« hätten, so die Bild- Zeitung. »Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen«, echote die BZ. Die Polizeiführung und sinngemäß der Regierende Bürgermeister von Berlin attestierten Kurras, er habe sich »völlig korrekt verhalten«.

Und heute? Heute gibt es unter den damals Beteiligten niemanden, der nach den Erkenntnissen über die Stasitätigkeit des Todesschützen nicht blamiert wäre. Die entsetzten Studenten machten den Mann, der seit 1964 der SED angehörte, zum Repräsentanten des Postfaschismus, die anderen feierten den DDR-Agenten als Verteidiger des Westens. Die unangemessenen, ganz und gar undemokratischen Reaktionen der in West-Berlin dominierenden Springer-Zeitungen und der politischen Führung arbeiteten dem DDR-Konzept in die Hände, die prekär gelegene Inselstadt zu destabilisieren. Wie Elisabeth Noelle-Neumann im Dezember 1967 für das Bundeskanzleramt ermittelte, schrieben die Journalisten des Springer-Verlags 1967 satte 83 Prozent ihrer Artikel über die Studentenunruhen »in eindeutig herabsetzender Tendenz«, in den Artikeln der anderen bundesdeutschen Zeitungsverlage geschah das nur in 6 Prozent der Fälle. Nach den jüngsten Kurras-Enthüllungen sucht man in der Bild- Zeitung und der Welt vergeblich nach Selbstkritik.

Der Hass auf Unangepasste war ein gemeinsames nationales Erbe

Einen anderen Ton schlägt Uwe Timm an, der Freund und Biograf Ohnesorgs. Er war 1973 bis 1981 DKP-Mitglied und muss heute erkennen, dass sein Freund von seinem politischen Gesinnungsgenossen erschossen wurde. »Man müsste«, so meinte Timm dieser Tage, »Kurras jetzt befragen und ein neues Buch schreiben über diese deutsche autoritätsfixierte Vita.«

Viele von denen, die am 2. Juni 1967 und in den Tagen danach demonstrierten, wandelten sich oft binnen Stunden von demokratisch-pluralistischen, USA-begeisterten Jungbürgern zu weltanschaulich durchdrungenen Oppositionellen oder Umstürzlern. Für sie wurde Karl-Heinz Kurras schnell zur jederzeit austauschbaren Charaktermaske des postfaschistischen, allenfalls formaldemokratischen Staats Bundesrepublik, wie man im linken Jargon damals sagte. Im totalitär durchwehten Tagebuch von Rudi Dutschke lässt sich nachlesen, wie diese Ansicht und der besinnungslose Radikalismus nach Ohnesorgs Tod binnen Tagen die Oberhand gewannen. Rudi Dutschke hetzte vor allem gegen die weniger militanten Vertreter des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, die feigen »angepassten Opportunisten« wie Knut Nevermann oder Manfred Rexin, die immerzu den Schwanz einzögen, sobald Polizei in Sicht sei, und die gelegentlich mit einem »Faustschlag« zur Räson gebracht werden müssten. Dutschke notierte: »›Beerdigungszug‹ f. B. Ohnesorg – kein Protestzug – leider«, ein paar Tage später fantasierte er von Aktionen »militärischer Provenienz«, und dann: »In der Kneipe ›Machtergreifungsplan‹ ›ausgepackt‹. Riesige Überraschung.«

Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg hatte der schnellen, bald kaum noch kontrollierbaren politischen Polarisierung zwischen Studenten und Staat den Boden bereitet. Das Attentat auf Rudi Dutschke folgte daraus. Beide Ereignisse zusammen führten zum maoistisch geprägten Doktrinarismus, zu den terroristischen Absplitterungen und in den 1970er Jahren zur massenhaften Hinwendung westdeutscher Studenten zum DDR- und Sowjetunion-freundlichen Marxistischen Studentenbund (MSB) Spartakus. Kontrafaktisch und damit unbeweisbar lässt sich vermuten: Hätte Kurras, der Westberliner Polizist und Ostberliner Stasiagent, Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 nicht erschossen, dann wäre die Studentenbewegung milder verlaufen, wären die vielen – im Rückblick irrwitzigen und für nicht wenige zerstörerischen – Umwege nicht eingeschlagen worden.

Jetzt, vier Jahrzehnte später und dank der peniblen Aktenführung der Staatssicherheit, erhält die »Charaktermaske« ein Gesicht. Karl-Heinz Kurras wurde im Dezember 1927 in der Nähe von Rastenburg in Ostpreußen als Polizistensohn geboren und als 17-jähriger Soldat des 44. Infanterieregiments in den »Endkampf« geworfen. 1945 trat er in Berlin eine Verwaltungslehre an. Ende 1948 wurde er wegen illegalen Waffenbesitzes für 13 Monate in das sowjetische Speziallager Sachsenhausen gesperrt. Danach begann er seine Polizeikarriere in West-Berlin; 1955 meldete er sich bei der Staatssicherheit in Ost-Berlin, weil er die DDR für den besseren Staat hielt.

Kein Zweifel, dass Kurras als jugendlicher Soldat, als Angehöriger einer Flüchtlingsfamilie, als Gefangener in einem sowjetischen Straflager schwere Traumata erlitten hat. Er gehörte, das steht fest, zu den desorientierten jungen Männern, die der Gewaltexzess des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hatte. Unwohl wird sich Kurras in der paramilitärisch organisierten, von SS-, Gestapo- und Wehrmachtmännern durchsetzten Westpolizei nicht unbedingt gefühlt haben. Aber auch die autoritär strukturierte Staatssicherheit wird ihm vertraut gewesen sein. Die Schäferhundemilieus der beiden deutschen Staaten passten weiterhin zueinander. Der Hass auf Gammler und Unangepasste erfreute sich als gemeinsames nationales Erbe diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs bester Pflege. Doch darf man sich Kurras im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen als stets prekär lebenden, zutiefst unsicheren Menschen vorstellen. Seine Doppelexistenz als Stasimitarbeiter und politischer, ebenfalls in geheimer Mission tätiger Spezialbeamter der Westberliner Polizei zwang ihn, in jeder dieser Rollen den Hundertfünfzigprozentigen zu geben. So einer fühlt sich leicht bedroht und schießt schneller als andere.