WendepunktEs begann in Poltawa

Als Russland Großmacht wurde: Vor 300 Jahren besiegte in Poltawa die Armee Peters des Großen das Heer des Schwedenkönigs Karl XII. Die Erinnerung daran ist in Russland und der Ukraine zum brisanten Politikum geworden

Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726

Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726

Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726

Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726

In den Mittagsstunden ist die Schlacht vorbei: Bei Poltawa, einer kleinen Festungsstadt in der Ukraine, sind die Truppen des Schwedenkönigs Karl XII. vor den Russen auf der Flucht. Es ist der 8. Juli 1709, nach alter Zeitrechnung der 27. Juni – der Wendepunkt des Großen Nordischen Krieges. Und mehr noch: Es ist ein Wendepunkt der europäischen Geschichte. Denn obwohl dieser Krieg erst zwölf Jahre später zu Ende geht, kann Schweden seine Großmachtstellung an der Ostsee nicht wiederaufrichten. Auch das Russländische Imperium, das nun entstand und in Gestalt der Sowjetunion vor unseren Augen unterging, verweist auf diesen Tag und diesen Ort zurück.

Begonnen hatte der große Krieg an der Wende zum 18. Jahrhundert. Ihm zugrunde lag ein Verbundsystem geheimer Militärallianzen, in denen der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke, der dänische König Friedrich IV. und Zar Peter I., der Große, einander Unterstützung gegen Schweden versprachen. Die Gelegenheit schien günstig: Karl XII. war 15 Jahre alt, als er 1697 den schwedischen Thron bestieg, da sollte es mit vereinten Kräften zu schaffen sein, Schwedens Macht zu brechen. Der Däne klagte dynastische Rechte in Schleswig-Holstein ein, der Wettiner wollte für die Krone Polens Est- und Livland haben, und dem Zaren war es darum zu tun, an der Ostsee festen Fuß zu fassen.

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Doch das erste Kriegsjahr hätte für den Monarchenbund kaum unglücklicher verlaufen können: Im Februar 1700 scheiterte der Versuch sächsischer Truppen, Riga, die Hauptstadt Livlands, den Schweden zu entreißen, ein Halbjahr später schied der dänische König (um die Zerstörung Kopenhagens abzuwenden) aus dem Bündnis aus, und als Peter, der zuvor mit dem Sultan hatte Frieden schließen wollen, im November endlich so weit war, den Kampf aufzunehmen, stand er der schwedischen Militärmacht allein gegenüber. Vor Narwa erlitt er, der im Krieg den Hebel aller Reformen sah, seine erste schwere Niederlage. Sein großer Gegner, der Schwedenkönig, erwies sich als erstaunlicher Feldherr.

Mitten im Winter fällt Karl XII. mit seinem Heer in Russland ein

Was der Zar danach gewinnen konnte – Ingermanland und die Newa-Mündung, wo seit 1703 unter unsäglichen Opfern die neue Hauptstadt St. Petersburg heranwuchs –, das blieb noch lange ungesichert. Um St. Petersburgs willen war er entschlossen, »sein Reich und Cron auf die Spitze des wanckelbaren Glücks« zu setzen. 1704 wurden Narwa und Dorpat eingenommen, die eroberten Landstriche verwüstet und Tausende von Menschen deportiert. Doch aus Riga und Reval, den wichtigsten Hafen- und Festungsstädten im Baltikum, konnten die Schweden nicht vertrieben werden. Auch der Versuch, sich im Herzogtum Kurland, einem Lehnsstaat der polnischen Krone, festzusetzen, wurde im Juli 1705 abgebrochen.

Unterdessen hatte der schwedische König, schon von der Aureole eines jugendlichen Kriegsgottes umweht, die sächsischen Truppen in Polen vor sich hergetrieben. 1704 ließ er von einer polnischen Adelsfraktion August den Starken für abgesetzt erklären und den Magnaten Stanisław Leszczyński zum König wählen. Um den Wettiner vor der Katastrophe zu retten, reichten die Mittel des Zaren nicht aus. Zwei Jahre später wurde Kursachsen von den Schweden besetzt und August gezwungen, der Krone Polens »auf ewig« zu entsagen.

Nach diesem Sieg blieb vorerst ungewiss, wohin sich Karl XII. wenden würde. Nicht auszuschließen war, dass es ihn reizen könnte, auf jenem zweiten großen Kriegstheater seinen Ruhm zu mehren, auf dem die europäischen Großmächte, Österreich und Frankreich voran, gerade den Kampf um das spanische Thronerbe austrugen. Vom aufständischen Ungarn über Italien bis nach Portugal gab es damals kaum ein Land, das von den Lasten und Schrecken dieses Krieges verschont geblieben wäre.

Doch der König von Schweden spürte, wo die größte Gefahr für sein Reich lauerte. Im Winter 1707/08 fiel er mit seinem Heer in Russland ein. Ende Januar wurde Grodno erreicht, dann der Weg über Wilna in Richtung Minsk forciert. Dort wartete die Armee das Ende der Schlammperiode ab.

Leserkommentare
    • Anonym
    • 02.06.2009 um 2:10 Uhr

    Lieber Herr Professor,

    ich war entsetzt darüber, was ich da zu lesen hatte. Natürlich nicht über Ihren Artikel, sondern über das Verhalten der heutigen Staatsvertreter, über das Sie berichten. Da sollen also Feste gefeiert werden, Kontinuitäten hergestellt werden und sogar Bündnisse wieder belebt werden. Und das mit einem staatstragenden Ernst, der ja nicht nur zum Lachen reizt, sondern auch perfide ist und daher auch das Fürchten lehrt.

    Die Ereignisse hat ja Voltaire bis auf den Tag genau geschildert (warum erwähnen Sie ihn nicht?)

    Ein tolldreister, jugendlicher Hasardeur auf dem schwedischen Thron (nachdem er seine Mutter, die Regentin vertrieben hatte) sammelt eine ihm ergebene Räuberbande um sich, und bejagt - wie die Mongolen im 13. Jahrhundert - Dänemark, das Baltikum, Sachsen / Polen und das heutige westliche Russland und die Ukraine, um schließlich nach Poltawa abgerissen wie ein Lump und schwer verletzt mit ein paar seiner übrig gebliebenen Gesellen am Bosporus zu landen. Sogleich will er die Osmanen gegen Russland aufhetzen, die winken höflich ab und verfrachten ihn weitab nach Bender. Später klopft er - nach einem Ritt ohne Begleitung quer durch Europa - an die bereits nächtlich verschlossenen Stadttore von Stralsund, um dem verdutzten Wachpersonal zu erklären, dass ihr König vor ihnen stehe, was sie zunächst angesichts der äußeren Erscheinung schwerlich glauben können.

    Diese Gestalt, die ihrem Vorbild, dem Oberhasardeur Ludwig XIV., der die französische Monarchie zugrunde richtete, weil er nach seinen eigenen Worten ein intimes Liebesverhältnis zur Ehre auf dem Schlachtfeld besaß, nacheiferte, soll also der Ahnherr einer Verbindung zwischen der Ukraine und Schweden werden? Nicht nur die Römer, sondern auch andere spinnen. Müssten auch nicht Frankreich eingebunden werden, denn da floss ja wohl Geld, und - als damalige Leidtragende - Sachsen, die polnische Adelsrepublik, vielleicht auch Lothringen? Wann endlich fängt man an große Abschnitte der europäischen Geschichte als eine Reihe von absurden wie mörderischen Tollheiten zu sehen? Und sie dementsprechend auch in einem anderen Tonfall zu beschreiben.

    Ich hatte ja schon bisher die Absicht, zur Europawahl zu gehen, aber nach diesen Erkenntnissen um so mehr.

    • Anonym
    • 02.06.2009 um 19:50 Uhr

    Noch eine Bemerkung: Da werfen sich also tübinger Studenten auf die Erforschung der Ursachen und Formen der "Identitätssuche der Ukraine", wobei - wie ja berichtet wird - Poltawa und üble Gestalten wie Mazeppa und Karl XII. auch eine tragende Rolle einnehmen. Ich hoffe ja nicht, dass man dieses mit der Absicht einer Unterstützung der "feierlichen kommenden Ereignisse" vorhat. Was gefeiert werden soll, ist ja nicht anderes als die letzte Etappe des unsinnigen Verhaltens eines Verrückten, der dummerweise auf einem Thron saß. Und der Untergang von vielleicht 40.000 Menschen. Dass man heute noch dem Zaren Peter es übel nimmt, dass er sein Land siegreich verteidigt hat, ist ja auch irgendwie bezeichnend.

    Die ukrainische Bevölkerung, die andere Sorgen hat, wird vermutlich mit dieser von oben verordneten und von den Geschichtsprofessoren in gewichtige Worte gefassten "Identität" wenig anzufangen wissen. Was die Ukraine braucht, sind gute Nachbarschaftsbeziehungen zur EU und zu Russland und nicht eine Abgrenzungsmentalität. Finnlands Vorgehen nach dem zweiten Weltkrieg sollte das Beispiel sein.

    Mir wird einmal wieder klar, warum das Fach Geschichte keine Wissenschaft ist (Schopenhauer), aber auch als Beschreibung der Raum- und Zeitverläufe ihre Aufklärung (eine den Fakten entsprechende, kritische Sicht der Taten und mehr noch der Untaten der Politik wie bei Voltaire zum Beispiel und jedenfalls die Ablehnung einer Vereinnahmung durch den Staat) noch oft vor sich hat.

  1. Sehr geehrter ZEIT-Leser,

    natürlich dürfen Sie ein Fan von Russland und dessen jeweiligem Machthaber oder schlicht verliebt sein in dem Zar Peter den Großen bzw. der heutigen Kreml-Doppelbesetzung.

    Wären Sie doch imstande, sich (so Symmetrie halber) irgendwie mit der Tatsache zu versöhnen, dass es auch andere Einstellungen zu dem Lande, dessen Geschichte und Politik gab und gibt, wie z.B. die von Iwan Mazepa, die von Julia Tymoschenko oder die des Autors vom kommentierten Artikel?

    Mögen Sie bitte insbesondere es berücksichtigen, dass unter den andersdenkenden auch Vertreter einiger Völker, deren Verhältnisse zu Russland etwas anders im Laufe der Geschichte aussahen und immer noch aussehen, als die zwischen Herren Schröder und Putin oder einigen ähnlichen Paarchen von ihren Vorgängern, unter anderem im 20. oder 18. Jahrhundert.

    Ihre Empörung und umso mehr Ihre Versuche, die ganze anders denkende Welt zu belehren, wie sie sich verhalten darf und soll, wirken etwas seltsam, um das Wort „komisch“ nicht zu verwenden.

    Freundlicher Gruß aus Warschau

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    • Anonym
    • 05.06.2009 um 15:16 Uhr

    Sehr geehrter Herr Estimado,

    ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".

    Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.

    In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.

    Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.

    • Anonym
    • 05.06.2009 um 15:16 Uhr

    Sehr geehrter Herr Estimado,

    ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".

    Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.

    In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.

    Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.

    • Anonym
    • 05.06.2009 um 15:16 Uhr

    Sehr geehrter Herr Estimado,

    ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".

    Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.

    In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.

    Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.

    Antwort auf "Wahrheitsmonopol? "
    • ml08
    • 05.06.2009 um 15:38 Uhr

    Lieber ZEIT-Leser,

    zunächst einmal vielen Dank für Ihren Kommentar auf den Artikel von Professor Geyer. Als Teilnehmer des zitierten Forschungsprojekts – nebenbei: es handelt sich um Studenten der Universität Freiburg, nicht Tübingen – freut es mich, dass das Thema in den deutschen Medien auf eine gewisse Resonanz stößt.

    Ihre Vermutung, das Forschungsprojekt verfolge eine in welcher Form auch immer tendenziöse Stoßrichtung bezüglich der Schlacht von Poltawa kann ich ebenso wie ihre Auslassungen zur Wissenschaftlichkeit des Fachs Geschichte nur zurückweisen.

    Es geht vielmehr darum, mit wissenschaftlich-nüchternem Blick zu erforschen, welche Rolle die Schlacht im kollektiven Gedächtnis und der Erinnerungskultur der Ukraine spielt, wie sich dies im Zeitablauf gewandelt hat und – mit diesen Fragen eng verbunden – wie das Ereignis im Laufe der Zeit von unterschiedlichen Seiten politisch instrumentalisiert wurde.

    Und auch die Frage nach der ukrainischen „Identität“ ist keine intellektuelle „Kopfgeburt“, wie Sie unterstellen. Gespräche mit ukrainischen Studenten vor Ort haben vielmehr deutlich gemacht, dass dieses Thema gerade die Menschen vor Ort stark bewegt. Offensichtlich besteht innerhalb der ukrainischen Bevölkerung ein starkes Bedürfnis, sich der eigenen nationalen Identität zu versichern.

    Für weitere Informationen lade ich Sie ein, unsere Projekthomepage zu besuchen:

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    • Anonym
    • 06.06.2009 um 14:32 Uhr

    Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!

    Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?

    Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".

    Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.

    Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.

    M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?

    Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.

    • Anonym
    • 06.06.2009 um 14:32 Uhr

    Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!

    Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?

    Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".

    Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.

    Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.

    M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?

    Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.

    • ml08
    • 05.06.2009 um 15:46 Uhr
    • Anonym
    • 06.06.2009 um 14:32 Uhr

    Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!

    Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?

    Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".

    Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.

    Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.

    M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?

    Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.

    • jv86
    • 06.06.2009 um 16:35 Uhr

    Sehr geehrter ZEIT-Leser,

    Auch ich bedanke mich als Teilnehmer des Projekts zuvorderst für Ihre Kritik an dem Artikel, da unser Projekt von Kritik lebt, zumal von deutscher Kritik, da es für uns interessant ist gerade auch die europäische Sichtweise auf diese Schlacht zu erfahren.
    Als erstes kann ich Ihre Befürchtungen um eine etwaige Glorifizierung der Schlacht beruhigen, dahingehend, dass keine Feierlichkeit als solche stattfinden soll. Die „Feierlichkeiten“ werden – vor allem auf ukrainischer Seite – als Gedenken gewertet, das jegliche Parteilichkeit ausschließen soll. Hier liegt auch die von Ihnen kritisierte Annahme, Geschichte sei keine Wissenschaft. Eben das was Sie uns in Rechnung stellen, dass wir eventuell in irgendeiner Art die „Feierlichkeiten“ unterstützen, ist nicht die Aufgabe eines Historikers. Dessen sind wir uns auch durchaus bewusst. Wir wollen, aus den subjektiven Erfahrungen, welche von Ukrainern, evtl. auch Russen per Interview o.Ä. gewonnen werden, abstrahieren und die Ergebnisse in einem gemeinsamen Konsens, als genanntes kollektives Gedächtnis sammeln. Kurzum: wir versuchen gerade nicht, diese Schlacht in ein proukrainisches Licht zu rücken. In dem ersten Treffen war gerade auch dies die Ansicht der ukrainischen Studenten bezüglich der Vorbereitungen für den Gedenktag. Man will nicht Mazepa, die Kossacken etc. fokussieren, sondern ein möglichst objektives Bild schaffen und alle Parteien miteinbeziehen.
    Das andere Problem auf welches Sie angespielt haben, die guten Nachbarschaftsbeziehungen die die Ukraine benötigt, ist auch in meinen Augen ein Problem. Gerade was aber für die „Feier“ geplant worden ist, ist in meinen Augen keine Abgrenzungspolitik. Wenn die Ukraine als wirklicher Nachbar angesprochen werden soll und nicht mehr als „kleiner Bruder Russlands“, dann denke ich ist es nur verständlich, dass zum Beispiel auch „ukrainische Denkmäler“ aufgestellt werden. Sie sprechen von Nachbarschaftsbeziehungen – für mich sollten zwei Nachbarn am Verhandlungstisch auf gleicher Ebene sein. Schon in Poltava spiegelt sich wieder, dass dem nicht so ist. Man bemerkt, dass man weiter vor Russland „kuscht“. Außerdem ist die Unterstützung, welche die EU der Ukraine entgegenbringt mehr als halbherzig, da auch sie sich nicht an der Ukraine sondern zuvor an Russland orientiert. Zu diesem Thema empfehle ich Ihnen den Aufsatz von:
    Sabine Fischer: „Die Ukraine und die ENP“, in: „Die Ukraine zwischen Ost und West. Außenpolitische und kulturelle Orientierungen“, Nr.99 (Oktober 2008), hrsg. von Heiko Pleines (Forschungsstelle Osteuropa), Bremen 2008.

    Mit den besten Grüßen

    jv86

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