Wendepunkt: Es begann in Poltawa
Als Russland Großmacht wurde: Vor 300 Jahren besiegte in Poltawa die Armee Peters des Großen das Heer des Schwedenkönigs Karl XII. Die Erinnerung daran ist in Russland und der Ukraine zum brisanten Politikum geworden

© Denis Martens
Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726

Blick auf das Schlachtfeld von Poltawa. Gemälde von Denis Martens um 1726
In den Mittagsstunden ist die Schlacht vorbei: Bei Poltawa, einer kleinen Festungsstadt in der Ukraine, sind die Truppen des Schwedenkönigs Karl XII. vor den Russen auf der Flucht. Es ist der 8. Juli 1709, nach alter Zeitrechnung der 27. Juni – der Wendepunkt des Großen Nordischen Krieges. Und mehr noch: Es ist ein Wendepunkt der europäischen Geschichte. Denn obwohl dieser Krieg erst zwölf Jahre später zu Ende geht, kann Schweden seine Großmachtstellung an der Ostsee nicht wiederaufrichten. Auch das Russländische Imperium, das nun entstand und in Gestalt der Sowjetunion vor unseren Augen unterging, verweist auf diesen Tag und diesen Ort zurück.
Begonnen hatte der große Krieg an der Wende zum 18. Jahrhundert. Ihm zugrunde lag ein Verbundsystem geheimer Militärallianzen, in denen der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke, der dänische König Friedrich IV. und Zar Peter I., der Große, einander Unterstützung gegen Schweden versprachen. Die Gelegenheit schien günstig: Karl XII. war 15 Jahre alt, als er 1697 den schwedischen Thron bestieg, da sollte es mit vereinten Kräften zu schaffen sein, Schwedens Macht zu brechen. Der Däne klagte dynastische Rechte in Schleswig-Holstein ein, der Wettiner wollte für die Krone Polens Est- und Livland haben, und dem Zaren war es darum zu tun, an der Ostsee festen Fuß zu fassen.
Doch das erste Kriegsjahr hätte für den Monarchenbund kaum unglücklicher verlaufen können: Im Februar 1700 scheiterte der Versuch sächsischer Truppen, Riga, die Hauptstadt Livlands, den Schweden zu entreißen, ein Halbjahr später schied der dänische König (um die Zerstörung Kopenhagens abzuwenden) aus dem Bündnis aus, und als Peter, der zuvor mit dem Sultan hatte Frieden schließen wollen, im November endlich so weit war, den Kampf aufzunehmen, stand er der schwedischen Militärmacht allein gegenüber. Vor Narwa erlitt er, der im Krieg den Hebel aller Reformen sah, seine erste schwere Niederlage. Sein großer Gegner, der Schwedenkönig, erwies sich als erstaunlicher Feldherr.
Mitten im Winter fällt Karl XII. mit seinem Heer in Russland ein
Was der Zar danach gewinnen konnte – Ingermanland und die Newa-Mündung, wo seit 1703 unter unsäglichen Opfern die neue Hauptstadt St. Petersburg heranwuchs –, das blieb noch lange ungesichert. Um St. Petersburgs willen war er entschlossen, »sein Reich und Cron auf die Spitze des wanckelbaren Glücks« zu setzen. 1704 wurden Narwa und Dorpat eingenommen, die eroberten Landstriche verwüstet und Tausende von Menschen deportiert. Doch aus Riga und Reval, den wichtigsten Hafen- und Festungsstädten im Baltikum, konnten die Schweden nicht vertrieben werden. Auch der Versuch, sich im Herzogtum Kurland, einem Lehnsstaat der polnischen Krone, festzusetzen, wurde im Juli 1705 abgebrochen.
Unterdessen hatte der schwedische König, schon von der Aureole eines jugendlichen Kriegsgottes umweht, die sächsischen Truppen in Polen vor sich hergetrieben. 1704 ließ er von einer polnischen Adelsfraktion August den Starken für abgesetzt erklären und den Magnaten Stanisław Leszczyński zum König wählen. Um den Wettiner vor der Katastrophe zu retten, reichten die Mittel des Zaren nicht aus. Zwei Jahre später wurde Kursachsen von den Schweden besetzt und August gezwungen, der Krone Polens »auf ewig« zu entsagen.
Nach diesem Sieg blieb vorerst ungewiss, wohin sich Karl XII. wenden würde. Nicht auszuschließen war, dass es ihn reizen könnte, auf jenem zweiten großen Kriegstheater seinen Ruhm zu mehren, auf dem die europäischen Großmächte, Österreich und Frankreich voran, gerade den Kampf um das spanische Thronerbe austrugen. Vom aufständischen Ungarn über Italien bis nach Portugal gab es damals kaum ein Land, das von den Lasten und Schrecken dieses Krieges verschont geblieben wäre.
Doch der König von Schweden spürte, wo die größte Gefahr für sein Reich lauerte. Im Winter 1707/08 fiel er mit seinem Heer in Russland ein. Ende Januar wurde Grodno erreicht, dann der Weg über Wilna in Richtung Minsk forciert. Dort wartete die Armee das Ende der Schlammperiode ab.
Im Laufe des Jahres entschloss sich der König, nicht nach Moskau vorzustoßen, sondern zunächst nach Süden in die Ukraine zu ziehen. Für diese Entscheidung sprachen viele Gründe, allen voran die Sorge um die Versorgung der Truppen, denn der direkte Weg nach Moskau hätte durch Landstriche geführt, die Peter hatte verwüsten lassen.
Als der gewaltige Tross der schwedischen Armee Anfang Oktober 1708 in der Bataille bei Lesnaja (nahe Mogilew in Weißrussland) verloren ging, war die Operationsfähigkeit des Königs gefährdet. Dafür fand er einen neuen Bundesgenossen: den bejahrten Hetman der Dnjepr-Kosaken, Iwan Mazepa. Ende Oktober ging Mazepa ins schwedische Lager über.
Der Zar hatte ihm von Jugend an vertraut – umso grausamer traf ihn Mazepas Verrat. Peter befahl sogleich, die Festung Baturin, den Sitz dieses »zweiten Judas«, im Sturm zu nehmen, die Stadt samt allen Vorräten niederzubrennen, die Verteidiger, und was sich sonst noch regen mochte, zu erschlagen oder hinzurichten. Ähnliches geschah mit den Wohn- und Festungsplätzen der Saporoger Kosaken am Unterlauf des Dnjepr, die Mazepa folgten und im März 1709 vom Zaren abfielen.
Karl indes schöpfte neuen Mut. Im April wurde Poltawa, das dem zarentreuen Kosakenoberst Aleksej Kelin unterstand, von den schwedischen Truppen eingeschlossen. Doch die nur aus Wällen und Palisaden bestehende Festung zu stürmen wagten sie nicht. Währenddessen rückten die Hauptkräfte Peters heran. Die militärische Entscheidung war nun nicht länger aufzuschieben.
24.000 Schweden standen weit mehr als 40000 Russen gegenüber. Die Überlegenheit der Zarenarmee an Material war noch gewaltiger: 74 Kanonen gegen vier letzte Geschütze, die noch feuern konnten. Wenige Werst von Poltawa entfernt ließ Peter einen doppelten Riegel befestigter Schanzen (Redouten) bauen und markierte damit die Frontlinie, von der aus der Angriff geführt werden sollte.
Karl war in Sorge, der Zar könnte weitere Truppen heranführen. In der Nacht zum 8. Juli griffen die Schweden an, wurden zurückgeschlagen und schließlich, im Laufe des Vormittags, von den Russen umzingelt. Die schwedische Front brach zusammen, die Soldaten suchten ihr Heil in der Flucht.
Es war eine Metzelei gewesen, die Schweden verloren an Gefallenen fast 7000 Mann, die Russen um die 1500. Karl XII., am linken Fuß verwundet, hatte von der Krankenbahre aus kommandiert. Jetzt floh er mit Mazepa und einigen Hundert Reitern nach Bender in Bessarabien (heute Moldawien) und fand dort unter dem Schutz des Sultans Asyl. Der Hetman überlebte die Flucht nur um wenige Monate; er starb am 2. Oktober 1709 in Bender.
Für die Reste des erschöpften Heeres unter Graf Adam Ludwig Lewenhaupt war die Lage verzweifelt, schließlich kapitulierte er in aller Form. An die 15.000 Schweden, darunter Staatskanzler Graf Karl Piper, Feldmarschall Graf Karl Gustav Rehnskiöld und zahlreiche Generäle, gingen in Gefangenschaft. Bei den Siegesfeiern im Dezember 1709 wurden sie samt den erbeuteten Fahnen und Standarten im Triumphzug durch das illuminierte Moskau geführt.
Der Zar hatte erreicht, was er wollte. 1710 eroberte er auch noch Riga und Reval. August der Starke durfte sich wieder König von Polen nennen, ein König von Peters Gnaden. Dänemark bot sich erneut als Bündnispartner an, gefolgt von Preußen unter Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig. Europas neue Großmacht im Osten hieß Russland.
Trotz alledem gab Karl XII., wie stets introvertiert und eigensinnig, den Krieg noch nicht verloren. Von Bender aus wies er alle Friedensfühler des Zaren in der Erwartung zurück, dass die antirussische Partei an der Hohen Pforte obsiegen und eine osmanische Streitmacht ihm Luft verschaffen könnte. Da entschied sich der Zar für ein Spiel von höchstem Risiko: für den Krieg gegen die Türken. Im Winter 1710/11 zog er Truppen zusammen, die im Frühjahr den Dnjestr überschritten. Mit den von Konstantinopel abhängigen Fürsten der Moldau und der Walachei unterschrieb er Schutzverträge. In flammenden Manifesten wurden die christlichen Völker des Balkans aufgerufen, sich gegen die Türkenherrschaft zu erheben.
Die Türken zeigen sich gnädig – und lassen den Zaren laufen
Doch diese Hoffnung trog. Am Prut, in der Nähe von Jassy, wurden die russischen Truppen von überlegenen Kräften des Großwesirs Baltadschy Mehmet eingeschlossen. In höchster Bedrängnis ließ Peter Ende Juli 1711 im türkischen Feldlager den Friedensvertrag unterzeichnen – unter Bedingungen (Rückgabe Asows, Schleifung einiger Festungen, Nichteinmischung in polnische und krimtatarische Angelegenheiten), die nach Lage der Dinge maßvoll zu nennen waren.
So folgte dem Sieg von Poltawa das »Wunder am Prut«. Schwer zu sagen, warum der Sultan den Zaren ziehen ließ. Karl XII. war um eine Hoffnung ärmer. Im November 1714 kehrte er in einem sagenhaften Gewaltritt von Adrianopel über Budapest nach Norden zurück, in das von Dänen belagerte schwedische Stralsund; 16 Tage war er unterwegs. Ein Jahr später tauchte er wieder in Schweden auf. 1718 starb der 36-jährige Monarch, wie er gelebt hatte: im Felde. Auf dem Kriegszug gegen die Dänen in Norwegen traf ihn in einem Schanzengraben vor der Festung Fredriksten beim Hafenstädtchen Halden eine Kugel.
Mit Karls Tod endet Schwedens Geschichte als Großmacht – ein historischer Wendepunkt, der im Lande unvergessen ist und immer wieder Stoff für Bücher bietet. Die auflagenstärkste Schlachtengeschichte, die zum Jubiläum auch auf Russisch und Ukrainisch erscheint, hat Peter Englund geschrieben, der Sekretär jener Akademie, die über den Nobelpreis für Literatur entscheidet. Zudem gibt es in Stockholm den Verein Carolus Rex Revivat unter dem Vorsitz eines pensionierten Generals; er lädt dazu ein, die Route des Königs durch Rumänien, Ungarn, Österreich und Deutschland von Neuem abzureiten.
Doch während man in Schweden friedlich, sachlich, touristisch bleibt, sieht es in Russland und in der Ukraine ganz anders aus: Hier ist die Erinnerung an Poltawa ein Politikum.
Schon das zarische Russland hatte es an Zeichen stolzen Gedenkens nicht fehlen lassen. Poltawa ist mit Geschichte vollgestellt. Zum 100-Jahres-Jubiläum der Schlacht 1809 wurde dort eine monumentale Siegessäule errichtet. Kurz zuvor hatte der Ort den Status einer Gouvernementsstadt erhalten, der ihm eine diesem Rang angemessene architektonische Grundausstattung brachte: öffentliche und private Gebäude im klassizistischen Stil, Parkanlagen, Ringstraßen.
Der 200. Jahrestag des Sieges dann wurde – nach der Kriegsniederlage gegen Japan und den Revolutionswirren von 1905 – besonders aufwendig begangen. Zar Nikolaus II., von Ministerpräsident Peter Stolypin begleitet, erschien an den Gedächtnisorten, um die Toten zu ehren und zahlreiche Gedenkstätten einzuweihen, darunter die »Weiße Rotunde«, ein bezauberndes Aussichtsplateau an der Stelle, wo sich einst die alte Festung befand. Im selben Jahr wurde ein Museum zur Geschichte der Schlacht gestiftet, davor steht heute Zar Peter in voller Lebensgröße.
Schwer vorherzusagen, wie die 300-Jahr-Feiern in diesem Sommer verlaufen werden. Seit 1991 liegt Poltawa auf dem Territorium der unabhängigen Ukraine, und Präsident Wiktor Juschtschenko persönlich hat sich vorbehalten, das Programm zu bestimmen. Wie ein Dekret vom Frühjahr 2008 belegt, soll das Jubiläum Anlass sein, die Schlacht als Zeugnis für das politische und militärische Bündnis zwischen der Ukraine und Schweden vorzuführen: für eine 300-jährige Sonderbeziehung, die Hetman Mazepa und Karl XII. gestiftet haben; einige nationalukrainische Exegeten verfolgen diese Allianz bis in die Normannenzeit zurück. Die schwedischen Reaktionen auf solche Art manipulierter Geschichtspolitik fielen nicht unfreundlich, aber verhalten aus. Immerhin war am 1. Oktober vergangenen Jahres, als in Kiew eine historische Ausstellung zum Thema eröffnet wurde, das schwedische Königspaar zugegen.
Die Feierlichkeiten stehen so ganz im Zeichen einer Mazepa-Renaissance, jenes Hetmans, der, von Peter geächtet, von der Moskauer Kirche verflucht, zu einer Zentralfigur ukrainischen Nationalbewusstseins geworden ist. Seit Jahren ist das Konterfei des Hetmans auf den 10-Hryvnja-Geldscheinen zu sehen. Nun aber werden Straßen nach ihm benannt, Konferenzen zur internationalen Mazepa-Forschung abgehalten und Baturin, einstige Residenz des Hetmans, zum Landsitz des Präsidenten ausgebaut. Überdies entstand ein aufwendiger Historienfilm (Ein Gebet für den Hetman), der auch die amerikanischen und kanadischen Ukrainer erreichen soll. An der Reaktion der drei zerstrittenen orthodoxen Kirchen, die es in der Ukraine gibt, wird abzulesen sein, inwieweit es ihnen gelingt, die grenzüberschreitende Einheit der »heiligen Rus« zu repräsentieren. Bei Aleksej II., dem inzwischen verstorbenen Oberhaupt der Moskauer Kirche, hatte sich Juschtschenko indes vergeblich bemüht, die Aufhebung des Banns gegen Mazepa zu erreichen.
Vor wenigen Wochen, am 20. März, dem 370. Geburtstag des Hetmans, war der Präsident in dessen Heimatdorf und erklärte, dass es Zeit sei, »mit dem Mythos des Verrats endlich Schluss zu machen«. Unter Führung dieses großen Mannes sei die Ukraine vereinigt worden und »als ein Land europäischer Kulturtradition« aufgeblüht. In Kiew legte der Präsident einen Kranz vor dem neu errichteten Mazepa-Denkmal nieder. Im April stiftete er einen Verdienstorden, das Iwan-Mazepa-Kreuz, ein Vorgang, der in Moskau nichts als hämische Kommentare weckte. Dort kennt man den zwielichtigen »Verräter« aus Puschkins berühmtem Poem Poltawa, das Tschaikowski als Vorlage für seine 1884 uraufgeführte Oper Mazeppa nutzte. Der Plan, auf dem Schlachtfeld Statuen von Mazepa und Karl XII. aufzustellen, wurde als blanker Hohn empfunden. Russlands Botschafter in Kiew, Wiktor Tschernomyrdin, soll die Idee mit der Errichtung einer Hitler-Statue in Stalingrad verglichen haben.
Putin verlangt von der Ukraine, das Jubiläum gemeinsam zu begehen
Nach alledem ist unwahrscheinlich, dass Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew Anfang Juli nach Poltawa kommen könnte. Sein Vorgänger Wladimir Putin hatte im vergangenen Jahr während des Gas-Streits von Juschtschenko verlangt, das Jubiläum gemeinsam zu begehen. Doch alle Gespräche darüber sind missglückt. So haben denn in Moskau, St. Petersburg und andernorts die Sieges- und Jubiläumsfeiern schon begonnen: Ausstellungen, Konferenzen und Festschriften unter Mitwirkung schwedischer Historiker. Auch wird demnächst ein monumentales Skulpturenensemble, das Zurab Tsereteli, der Präsident der Russischen Akademie der Künste, der Schlacht gewidmet hat, in Moskau enthüllt. Ob der geplante Autokorso Moskau – Poltawa – Moskau glimpflich verläuft, ist zu hoffen.
Was in Poltawa selbst geschehen wird, bleibt abzuwarten. Unvorstellbar, dass russisches Militär in historischen Uniformen – wie 1909 – die Schlacht auch diesmal an Ort und Stelle nachspielen könnte. In dieser am Tourismus interessierten Stadt (die etwa 340.000 Einwohner zählt) trat kürzlich ein neuer Bürgermeister sein Amt an. Anders als der alte unterstützt er die auf scharfe Abgrenzung von Russland bedachte Ministerpräsidentin Julija Timoschenko. Am 8. April wurde gemeldet, die örtlichen Behörden hätten es abgelehnt, Karl XII. und Mazepa auf Denkmalssockeln neben Peter den Großen zu stellen. Nun sollen die beiden an der Stelle platziert werden, wo sie im Juli 1709 dem Zugriff der Russen entkamen.
Noch zeigen etliche Straßen der Stadt die Namen aus der Sowjetzeit. Zwar gibt es nach Kiewer Muster inzwischen eine »Straße der Unabhängigkeit« (maidan nezaleshnosti), und eine Klosterstraße gibt es auch, doch von Lenin, Kujbyschew, Frunze, ja auch von Karl Liebknecht, Clara Zetkin und Rosa Luxemburg hat man sich bisher nicht getrennt. Zu dieser prekären Koexistenz multipler Erinnerungen gehört nicht zuletzt die deutsche Besetzung Poltawas im Ersten und im Zweiten Weltkrieg.
Auch deshalb ist es gut zu wissen, dass Studierende der Geschichte aus Freiburg und Poltawa in diesem Sommersemester dabei sind, am Beispiel der Schlacht von 1709 »die nationale und europäische Identitätssuche der Ukraine seit 1991« in kritischer Absicht zu erkunden. Nicht zuletzt hat die 1988 geschlossene Partnerschaft zwischen Poltawa und dem württembergischen Trio Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern und Filderstadt zum Jubiläum beigetragen: durch eine gemeinsam von schwedischen, finnischen und ukrainischen Autoren sorgsam gestaltete Webseite zur Stadtgeschichte, die im Internet unter dem Stichwort »Poltawa-Schlacht« unschwer zu finden ist.
Der Autor ist Professor (em.) für osteuropäische Geschichte an der Universität Tübingen







Lieber Herr Professor,
ich war entsetzt darüber, was ich da zu lesen hatte. Natürlich nicht über Ihren Artikel, sondern über das Verhalten der heutigen Staatsvertreter, über das Sie berichten. Da sollen also Feste gefeiert werden, Kontinuitäten hergestellt werden und sogar Bündnisse wieder belebt werden. Und das mit einem staatstragenden Ernst, der ja nicht nur zum Lachen reizt, sondern auch perfide ist und daher auch das Fürchten lehrt.
Die Ereignisse hat ja Voltaire bis auf den Tag genau geschildert (warum erwähnen Sie ihn nicht?)
Ein tolldreister, jugendlicher Hasardeur auf dem schwedischen Thron (nachdem er seine Mutter, die Regentin vertrieben hatte) sammelt eine ihm ergebene Räuberbande um sich, und bejagt - wie die Mongolen im 13. Jahrhundert - Dänemark, das Baltikum, Sachsen / Polen und das heutige westliche Russland und die Ukraine, um schließlich nach Poltawa abgerissen wie ein Lump und schwer verletzt mit ein paar seiner übrig gebliebenen Gesellen am Bosporus zu landen. Sogleich will er die Osmanen gegen Russland aufhetzen, die winken höflich ab und verfrachten ihn weitab nach Bender. Später klopft er - nach einem Ritt ohne Begleitung quer durch Europa - an die bereits nächtlich verschlossenen Stadttore von Stralsund, um dem verdutzten Wachpersonal zu erklären, dass ihr König vor ihnen stehe, was sie zunächst angesichts der äußeren Erscheinung schwerlich glauben können.
Diese Gestalt, die ihrem Vorbild, dem Oberhasardeur Ludwig XIV., der die französische Monarchie zugrunde richtete, weil er nach seinen eigenen Worten ein intimes Liebesverhältnis zur Ehre auf dem Schlachtfeld besaß, nacheiferte, soll also der Ahnherr einer Verbindung zwischen der Ukraine und Schweden werden? Nicht nur die Römer, sondern auch andere spinnen. Müssten auch nicht Frankreich eingebunden werden, denn da floss ja wohl Geld, und - als damalige Leidtragende - Sachsen, die polnische Adelsrepublik, vielleicht auch Lothringen? Wann endlich fängt man an große Abschnitte der europäischen Geschichte als eine Reihe von absurden wie mörderischen Tollheiten zu sehen? Und sie dementsprechend auch in einem anderen Tonfall zu beschreiben.
Ich hatte ja schon bisher die Absicht, zur Europawahl zu gehen, aber nach diesen Erkenntnissen um so mehr.
Noch eine Bemerkung: Da werfen sich also tübinger Studenten auf die Erforschung der Ursachen und Formen der "Identitätssuche der Ukraine", wobei - wie ja berichtet wird - Poltawa und üble Gestalten wie Mazeppa und Karl XII. auch eine tragende Rolle einnehmen. Ich hoffe ja nicht, dass man dieses mit der Absicht einer Unterstützung der "feierlichen kommenden Ereignisse" vorhat. Was gefeiert werden soll, ist ja nicht anderes als die letzte Etappe des unsinnigen Verhaltens eines Verrückten, der dummerweise auf einem Thron saß. Und der Untergang von vielleicht 40.000 Menschen. Dass man heute noch dem Zaren Peter es übel nimmt, dass er sein Land siegreich verteidigt hat, ist ja auch irgendwie bezeichnend.
Die ukrainische Bevölkerung, die andere Sorgen hat, wird vermutlich mit dieser von oben verordneten und von den Geschichtsprofessoren in gewichtige Worte gefassten "Identität" wenig anzufangen wissen. Was die Ukraine braucht, sind gute Nachbarschaftsbeziehungen zur EU und zu Russland und nicht eine Abgrenzungsmentalität. Finnlands Vorgehen nach dem zweiten Weltkrieg sollte das Beispiel sein.
Mir wird einmal wieder klar, warum das Fach Geschichte keine Wissenschaft ist (Schopenhauer), aber auch als Beschreibung der Raum- und Zeitverläufe ihre Aufklärung (eine den Fakten entsprechende, kritische Sicht der Taten und mehr noch der Untaten der Politik wie bei Voltaire zum Beispiel und jedenfalls die Ablehnung einer Vereinnahmung durch den Staat) noch oft vor sich hat.
Sehr geehrter ZEIT-Leser,
natürlich dürfen Sie ein Fan von Russland und dessen jeweiligem Machthaber oder schlicht verliebt sein in dem Zar Peter den Großen bzw. der heutigen Kreml-Doppelbesetzung.
Wären Sie doch imstande, sich (so Symmetrie halber) irgendwie mit der Tatsache zu versöhnen, dass es auch andere Einstellungen zu dem Lande, dessen Geschichte und Politik gab und gibt, wie z.B. die von Iwan Mazepa, die von Julia Tymoschenko oder die des Autors vom kommentierten Artikel?
Mögen Sie bitte insbesondere es berücksichtigen, dass unter den andersdenkenden auch Vertreter einiger Völker, deren Verhältnisse zu Russland etwas anders im Laufe der Geschichte aussahen und immer noch aussehen, als die zwischen Herren Schröder und Putin oder einigen ähnlichen Paarchen von ihren Vorgängern, unter anderem im 20. oder 18. Jahrhundert.
Ihre Empörung und umso mehr Ihre Versuche, die ganze anders denkende Welt zu belehren, wie sie sich verhalten darf und soll, wirken etwas seltsam, um das Wort „komisch“ nicht zu verwenden.
Freundlicher Gruß aus Warschau
Sehr geehrter Herr Estimado,
ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".
Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.
In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.
Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.
Sehr geehrter Herr Estimado,
ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".
Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.
In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.
Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.
Sehr geehrter Herr Estimado,
ich bin keineswegs verliebt in irgendwelche Politiker, sei es historische oder gegenwärtige. Ich versuche mich auf den Standpunkt von Voltaire zu stellen, d.h. skeptisch und ganz frei von jeglicher Bewunderung von Gestalten, die in den Geschichtsbüchern als Helden bezeichnet werden. Oder auf den von Aristoteles: "Es ist nun Aufgabe eines rechtschaffenden Gesetzgebers, auf einen Staat, eine Art von Menschen und jede andere Gemeinschaft sein Augenmerk zu richten, damit man Anteil haben kann am guten Leben und an der für die Leute möglichen Glückseligkeit". ..."Auch ist es Aufgabe der Gesetzgebung, darauf zu sehen, falls irgendwelche Nachbarstaaten vorhanden sind, was man gegenüber welchen auszuüben oder wie man jeden einzelnen gegenüber das Zutreffende einzusetzen hat".
Das "Zutreffende" oder richtiger das "Nicht-Zutreffende" war ja Landgewinn auf Kosten der Nachbarn, wenn diese militärisch unterlegen waren. Dies war im Zeitalter der monarchischen Alleinherrschaft zur allgemeinen "Mode" geworden, die je nach dem Ausmaß königlicher Abenteurerlust gepflegt wurde. Der "ewige Friede" nach dem dreißigjährigen Krieg überdauerte nur bis Ludwigs XIV. Regierungsantritt. Ein Zustand, den David Hume als "die Politik vergleichbar dem Balgen jungen Hunde" einordnete. Die jungen Hunde waren ja nicht Völker, sondern die kleine Schicht der Adligen, für die die Glückseligkeit anderer Leute keine Bedeutung hatte, ganz im Gegenteil, diese hatten die Kriegslasten und sonstige Formen der Ausbeutung zu ertragen.
In diesen Zusammenhang ist ja auch der nordische Krieg einzuordnen. Und sich dem Datum Poltawa zu erinnern, sollte doch nur im Hinblick darauf geschehen, zu erörtern, wie es damals war und was später viel schlimmeres daraus wurde und wie diese Zustände schließlich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg durch die Prinzipien Demokratie, Unverletzbarkeit der Grenzen, Förderung der Völkerverständigung zum Beispiel durch kommunale Partnerschaften und gut nachbarschaftlicher Zusammenarbeit überwunden wurde. Von Kant und anderen so oft gefordert und schließlich auch zustande gekommen.
Aber Poltawa zum Politikum in dem geschilderten Sinn einer Abgrenzungsmentalität zu machen, neue Bündnisse zu schmieden, nicht für sondern gegen einen Nachbarstaat gerichtet, ist eine Abkehr von diesen Prinzipien, ein Rückfall in sehr finstere Zeiten. In diesem Sinne kann ich es nur begrüßen, dass Schweden höflich, aber zurückhaltend reagierte. Dass es leider in ganz Europa Anhänger nationaler Gefühlswelten gibt, sollte man jedenfalls bedauern; auch diese haben die Glückseligkeit anderer nicht im Sinn.
Lieber ZEIT-Leser,
zunächst einmal vielen Dank für Ihren Kommentar auf den Artikel von Professor Geyer. Als Teilnehmer des zitierten Forschungsprojekts – nebenbei: es handelt sich um Studenten der Universität Freiburg, nicht Tübingen – freut es mich, dass das Thema in den deutschen Medien auf eine gewisse Resonanz stößt.
Ihre Vermutung, das Forschungsprojekt verfolge eine in welcher Form auch immer tendenziöse Stoßrichtung bezüglich der Schlacht von Poltawa kann ich ebenso wie ihre Auslassungen zur Wissenschaftlichkeit des Fachs Geschichte nur zurückweisen.
Es geht vielmehr darum, mit wissenschaftlich-nüchternem Blick zu erforschen, welche Rolle die Schlacht im kollektiven Gedächtnis und der Erinnerungskultur der Ukraine spielt, wie sich dies im Zeitablauf gewandelt hat und – mit diesen Fragen eng verbunden – wie das Ereignis im Laufe der Zeit von unterschiedlichen Seiten politisch instrumentalisiert wurde.
Und auch die Frage nach der ukrainischen „Identität“ ist keine intellektuelle „Kopfgeburt“, wie Sie unterstellen. Gespräche mit ukrainischen Studenten vor Ort haben vielmehr deutlich gemacht, dass dieses Thema gerade die Menschen vor Ort stark bewegt. Offensichtlich besteht innerhalb der ukrainischen Bevölkerung ein starkes Bedürfnis, sich der eigenen nationalen Identität zu versichern.
Für weitere Informationen lade ich Sie ein, unsere Projekthomepage zu besuchen:
Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!
Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?
Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".
Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.
Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.
M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?
Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.
Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!
Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?
Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".
Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.
Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.
M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?
Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.
http://www.geschichte.uni...
Warum werden eigentlich Texte nicht so gelesen wie sie formuliert wurden? Ich habe nicht die Vermutung einer tendenziösen Ausrichtung des Forschungsprojektes, sondern die Hoffnung, dass dieses nicht so ist, geäußert. Da besteht doch ein gewisser Unterschied!
Die Aussage, dass Geschichte keine Wissenschaft in dem Sinne, dass sie Gesetzmäßigkeiten formuliert, sein kann, haben Schopenhauer und in der Argumentation sehr viel ausführlicher Heinrich Rickert formuliert. Sie ist - so sagen die beiden - eine an Ort und Zeit gebundene Darstellung von Ereignissen, von Menschen ausgelöst und von anderen zumeist erlitten. Das bedeutet ja nicht, dass Geschichte wichtiges, ja unbedingt notwendiges Wissen er- und vermittelt, was ja heute leider nicht mehr wahrgenommen wird - wie mir der Leiter einer Medienanstalt erklärte. Vor kurzem habe ich einen Vortrag von Prof. Craig (die neue Wilhelm II Biographie) gehört, der der Meinung war, dass er keine geschichtliche Strukturen kenne. Also, bitte?
Dort wo sie große Linien nach vollzieht, ist sie Geschichtsphilosophie (Herder, Kant, Hegel, Marx), also in mehr oder weniger deutlicher Form Metaphysik. Wenn man einen Meister Ihres Faches, Leopold von Ranke, liest, findet man darin eine Bestätigung, der zum Beispiel sagte: " Wie sonderbar treffen doch zuweilen, in Ort oder Zeit, die schroffsten Gegensätze aufeinander".
Aber es gibt ja Verhaltenskausalitäten. So ging ja Karl XII im Verlauf seines Feldzuges gegen den Zaren, dem er eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte und dessen Untergang man allgemein erwartete, nicht direkt auf Moskau los, sondern - zur allgemeinen Überraschung seiner Offiziere - wich er nach Südosten aus. Das und das folgende ist alles im vierten Buch bei Voltaire nachzulesen.
Es war eine militärische Fehlentscheidung, einer dieser Zufälligkeiten wie von Ranke sagt, die schließlich Poltawa in die Geschichtsbücher brachte. Und diesen geographischen Zufall und dies vor dem Hintergrund der heutigen Grenzziehungen nun zu einem Element der politischen Identität zu stilisieren, das widerstrebt doch jeder Sachgerechtigkeit. Prof. Geyer ist ja auch verwundert darüber, dass ein Politikum daraus gemacht wird. Hätte er nicht deutlicher hinzufügen sollen, wie er als Historiker diese Vorgänge bewertet? Etwa in dem der Vergleich zu den Sedanfeiern gezogen wird, die es ja zum Glück nicht mehr gibt.
M.E. ist auch der Begriff "nationale Identität" mehr als missbraucht worden. Wenn damit eine Sprachgemeinschaft, eine geographisch-staatlich bestimmte Menschengruppe, die in einem Rechtsraum lebt, eine Kulturgemeinschaft gemeint ist, kann man ihn ja verwenden. Aber ist er auf dieser sachlichen Grundlage je verwendet worden? Sind Schlachten geeignet, eine historisch-europäische Identität zu untermauern? Ich hoffe, dass Ukrainer und ihre Nachbarn sich möglichst bald so unbefangen begegnen, wie es Franzosen und Deutsche tun, wenn sie gemeinsam das Straßburger Münster bestaunen. (Da ich auf der hiesigen Seite des Rheins aufgewachsen bin und noch erlebt habe, wie das in meiner Jugend so nicht möglich war, sehe ich den mentalen Fortschritt).
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Recherchen, aber dass diese unter den gegebenen Bedingungen in der von Ihnen gewünschten Objektivität durchgeführt werden können, daran habe ich meine Zweifel. Wie werden Sie reagieren, wenn Ihre Partner diese Absicht des ukrainischen Präsidenten, Poltawa zu instrumentalisieren, so Prof. Geyer, unterstützen, gleichgültig ob die geschichtlichen Fakten um Poltawa dies überhaupt hergeben oder nicht oder in dieser Weise überhaupt aufgegriffen werden sollten?
Ich habe so eine nationalhistorische Feier in Ungarn (1100 Jahre nach dem Einfall der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet) aus beruflichen Gründen mitgemacht, mir war sehr schwül zumute, aber entziehen oder gar eine skeptische Haltung einnehmen - das war unmöglich. Auch hier war eine Schlacht der historische Dreh- und Angelpunkt. Zum Schluss wurde diese Feier durch die aus den Heeresmitteilungen der Nazis bekannte Symphonie von Liszt aufgeführt. Da höre ich mir doch lieber "Freude, schöner ...." und gehe morgen zur Europawahl.
Sehr geehrter ZEIT-Leser,
Auch ich bedanke mich als Teilnehmer des Projekts zuvorderst für Ihre Kritik an dem Artikel, da unser Projekt von Kritik lebt, zumal von deutscher Kritik, da es für uns interessant ist gerade auch die europäische Sichtweise auf diese Schlacht zu erfahren.
Als erstes kann ich Ihre Befürchtungen um eine etwaige Glorifizierung der Schlacht beruhigen, dahingehend, dass keine Feierlichkeit als solche stattfinden soll. Die „Feierlichkeiten“ werden – vor allem auf ukrainischer Seite – als Gedenken gewertet, das jegliche Parteilichkeit ausschließen soll. Hier liegt auch die von Ihnen kritisierte Annahme, Geschichte sei keine Wissenschaft. Eben das was Sie uns in Rechnung stellen, dass wir eventuell in irgendeiner Art die „Feierlichkeiten“ unterstützen, ist nicht die Aufgabe eines Historikers. Dessen sind wir uns auch durchaus bewusst. Wir wollen, aus den subjektiven Erfahrungen, welche von Ukrainern, evtl. auch Russen per Interview o.Ä. gewonnen werden, abstrahieren und die Ergebnisse in einem gemeinsamen Konsens, als genanntes kollektives Gedächtnis sammeln. Kurzum: wir versuchen gerade nicht, diese Schlacht in ein proukrainisches Licht zu rücken. In dem ersten Treffen war gerade auch dies die Ansicht der ukrainischen Studenten bezüglich der Vorbereitungen für den Gedenktag. Man will nicht Mazepa, die Kossacken etc. fokussieren, sondern ein möglichst objektives Bild schaffen und alle Parteien miteinbeziehen.
Das andere Problem auf welches Sie angespielt haben, die guten Nachbarschaftsbeziehungen die die Ukraine benötigt, ist auch in meinen Augen ein Problem. Gerade was aber für die „Feier“ geplant worden ist, ist in meinen Augen keine Abgrenzungspolitik. Wenn die Ukraine als wirklicher Nachbar angesprochen werden soll und nicht mehr als „kleiner Bruder Russlands“, dann denke ich ist es nur verständlich, dass zum Beispiel auch „ukrainische Denkmäler“ aufgestellt werden. Sie sprechen von Nachbarschaftsbeziehungen – für mich sollten zwei Nachbarn am Verhandlungstisch auf gleicher Ebene sein. Schon in Poltava spiegelt sich wieder, dass dem nicht so ist. Man bemerkt, dass man weiter vor Russland „kuscht“. Außerdem ist die Unterstützung, welche die EU der Ukraine entgegenbringt mehr als halbherzig, da auch sie sich nicht an der Ukraine sondern zuvor an Russland orientiert. Zu diesem Thema empfehle ich Ihnen den Aufsatz von:
Sabine Fischer: „Die Ukraine und die ENP“, in: „Die Ukraine zwischen Ost und West. Außenpolitische und kulturelle Orientierungen“, Nr.99 (Oktober 2008), hrsg. von Heiko Pleines (Forschungsstelle Osteuropa), Bremen 2008.
Mit den besten Grüßen
jv86
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