Reaktionen Warum wir bleiben

Schweizer und deutsche ZEIT-Leser antworten auf den Artikel »Warum ich gehe«

Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen, die in der Schweiz leben, beschäftigt die Gemüter nachhaltig. Mit seinem Artikel Warum ich gehe in der vorletzten Ausgabe der ZEIT hat der deutsche Journalist Ivo Marusczyk eine Flut von Leserbriefen provoziert. Der Autor schilderte, mitunter durchaus polemisch, die Gründe, warum er sich nach einem Jahr in der Schweiz entschieden hat, das Land wieder zu verlassen. Viele Alltagsszenen hätten ihm gezeigt, dass er »geduldet, aber nicht willkommen« sei. Er habe in Schweizer Restaurants und Geschäften nicht mehr nur bestellen können, er habe »bitten, flehen und betteln« müssen, um zu bekommen, was er wollte. Und in den Medien habe man Zuwanderern wie ihm vorgeworfen, »den Eingesessenen ihre Wohnungen, Arbeitsplätze und dann auch noch die Frauen wegzunehmen«.

Die inoffiziellen, aber in Kursen und Büchern für Einwanderungswillige wiederholt erteilten Integrationsregeln für die Schweiz beschrieb Marusczyk so: »Immer anpassen, nie direkte Kritik üben und die Hausordnung strikt einhalten.« Diesen Regeln wollte sich der Autor nicht mehr unterwerfen. Er ist im Moment daran, seine Wohnung in Zürich zu räumen und nach Passau umzuziehen.

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Nachfolgend drucken wir einige der vielen Reaktionen auf den Artikel von Marusczyk ab. Schweizer und deutsche Leserinnen und Leser schildern darin ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit den jeweils anderen Staatsbürgern, Erfahrungen, die sich von denjenigen unseres Autors meist fundamental unterscheiden. Peer Teuwsen

Es ist noch nicht allzu lange her, da war die Schweiz für uns Deutsche der Inbegriff einer heilen Welt. Nicht nur, weil die Almwiesen wie gefegt aussahen, das Leben beschaulich wirkte und die Schokolade so wunderbar schmeckte. Sondern auch, weil die Eingeborenen als nett und gastfreundlich galten.

Glaubt man der ZEIT, hat sich dies grundlegend geändert. Wer als Deutscher in der Schweiz lebt, müsse damit rechnen, dass er schlecht behandelt wird. So schlecht sogar, dass der Berichterstatter und Wissenschaftsjournalist Ivo Marusczyk nach einem Jahr dieses Horrorland fast fluchtartig verlassen musste.

Ich lebe seit drei Jahren in Zürich, und ich habe immer noch keine Fluchtgedanken. Ich habe mehr eidgenössische als deutsche Freunde. Ich gehe mit Schweizern klettern, gehe mit ihnen »eins ziehen«, und unsere Familien grillieren öfters miteinander. Bislang gab es dabei keine chauvinistischen Konflikte, sondern höchstens heftige Debatten. Natürlich bei Themen wie EU-Beitritt oder Bankgeheimnis.

Die Schweizer sind höflich und zurückhaltend? Das macht sie so sympathisch! Aber übertrieben höflich? Alles Quatsch! Ich erhalte meine »Gipfeli«, auch ohne »Bitte vielleicht wenn es recht ist«. Die Bedienung bringt anstandslos meine »Stange«, wenn ich ein kleines Bier bestelle. Der 20-jährige Sohn meiner Schweizer Frau versteht sich bestens mit einem Malerkollegen aus Berlin, über dessen schnoddrige Sprüche er sich kaputtlachen kann. Und während der Fußball-EM fieberte so mancher Schweizer Bekannte nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft für die Deutschen.

Was lief also falsch bei Ivo M., der sich ärgert, dass er von einigen Kollegen nicht geduzt wurde? Wagen wir eine erste Hypothese, ohne ihm nahetreten zu wollen: Vielleicht hätte ich Ivo ja auch nicht duzen mögen? Aber gehen wir davon aus, dass der Journalist ein angenehmer Zeitgenosse ist. Denn immerhin schreibt er für die renommierte ZEIT. Vielleicht hat er sich einfach ungeschickt verhalten und im Bemühen, nicht aufzufallen, seine Höflichkeit so übertrieben, dass sich jeder Schweizer veralbert fühlen musste?

Wir wissen es nicht. Versuchen wir also eine zweite Hypothese: Viele Deutsche sehen in der Schweiz ein weiteres Bundesland. Folglich treten sie in der Alpenrepublik auf, als wären sie dort zu Hause. Man muss es vielleicht noch einmal klar und deutlich sagen: Die Schweiz ist ein eigenständiger Staat mit einer eigenen Geschichte, Tradition und Kultur. Vor allem aber ist es ein kleines Land. Und als solches besonders empfindlich gegenüber Vereinnahmungsversuchen und Bevormundungen durch den großen Nachbarn. Insbesondere nach so heftigen Erschütterungen des nationalen Selbstbewusstseins wie durch die Übernahme der Swissair durch die Lufthansa oder die weltweite Kritik am bislang angesehenen Finanzplatz.

Leser-Kommentare
  1. Seit wann ist Schwyzerdütsch eine Sprache ? Es ist ein Dialekt. Nicht wahr? Ich bin auch seit vielen Jahren in der Schweiz, reise aber viel, zum Glück, denn sonst hätte ich wahrscheinlich wegen totaler Langeweile einen Amoklauf in Sihlcity schon gemacht ;):) Schlechter Scherz beiseite....Zürich ist eine ganz nette Stadt, aber wie ein Glas besten Champagners, nicht gut gekühlt und leicht abgestanden. Es hat alles und doch fehlt etwas ganz Entscheidendes: Humor, Weltliches Denken und Grosszügigkeit. Alles ist piefig und kleinkariert. Ja, Zürich ist modern, die Schweiz hat extrem moderne Facetten, Vorteile von denen die Deutschen enorm viel lernen können. Aber es ist nicht homogen. Es fühlt sich künstlich an. Und taucht man tiefer ein, so merkt man, das man es mit extremst provinziell denkenden und handelnden Menschen zu tun hat. Und das kommt mir so bekannt vor ?! Hatte man das nicht auch in Köln, Hamburg, Düsseldorf ? Sind die Schweizer zwar gewollt "total anders" aber eigentlich in potenzierter Form die Perfektion eines glattgebügelten Düsseldorfers, oder Münchners ? Das ist die eine Seite, das sind für mich die Anzugträger, die die alle auf ihrer Terrasse dasselbe braune Plastikrattan-Couch Modell haben, und aus keiner Fuge ein Grashalm blitzt. Und dann gibt es noch die Dorfraudis...die in schlimmsten Schwyzerdütsch und getunten Karren, die erst jetzt auf Ed Hardy gestossen sind, Freundinnen haben, die die Geschmacksgrenzen gletschertemperaturmaessig nicht spüren?! Also es gibt absolut nichts an kulturellem was Zürich als Mover & Shaker bezeichnen würde. Das Tempo geben ganz andere Städte vor. Bei den Zürchern sitzen auch keine Franzosen, Engländer oder Amis am Tisch, auch die bleiben meistens unter sich. Es sei denn man schickt die Brut auf internationale Schulen, aber auch da gilt: Far away so close. Machen wir uns nichts vor: Es gibt für Deutsche auf dem europäischen Kontinent kein Land wo man sie als Einwanderer gerne sieht und respektiert. Als Deutscher habe ich praktisch gesehen nur eine Chance: und das ist und bleibt die USA.

    • MEFW61
    • 30.06.2009 um 23:22 Uhr

    Einen derartigen Kommentar habe ich noch nie gelesen. Sicher ist, dass Sie nie in der Schweiz gewesen sind; völlige Abwesenheit auch nur des allergeringsten Wissens und Einsicht in die Sicht-und Lebenweise von Schweizern. Die Fülle von interessanten Details will entdeckt werden, wer dazu nicht in der Lage ist, schaut sich am besten dort um, wo der Einsatz von Intelligenz nicht gebraucht wird, weil alles vordergründig präsent ist; Plattitüden und Polemik, das einem die Haare zu Berge stehen.
    Auf in die USA und kalte Grüsse in die Finsternis!

    • bsa
    • 28.12.2009 um 13:05 Uhr

    Was hier immer wieder über die vermeintlichen Unterschiede von Schweizern und Deutschen von schweizer Seite angeführt wird, ist nahezu grotesk und wird i.d.R. absichtlich kultiviert und künstlich herbeigeführt, um sich vor selbstbewusst auftretenden, gut qualifizierten Ausländern aus dem Norden zu schützen. Sowas ist der stolze Verteter eines kleinen Herrenvolkes eben nicht gewohnt und geht ihm gewaltig gegen den Strich. Also gibt es für die Teutonen Zuckerbrot und Peitsche. Integrationskurse auf der einen Seite, die doch nur einem Zweck dienen: Sie sollen die selbstbewussten Einwanderer in ihrem Verhalten so verunsichern, dass sie am Ende wie ein dressierter Pudel Kopf stehen und nurnoch darauf geeicht sind Herrchen gefallen zu wollen und sich dafür zum Depp machen oder frustriert endlich nach Hause gehen - die Schweizer amüsierts! "Sei freundlich, höflich, pass dich an! Aber nicht zu sehr sonst biederst du dich an! Mundart verstehen aber bitte nicht sprechen, Hochdeutsch am besten vermeiden!" Egal wie man´s macht, man macht es verkehrt - und das wird auch so bleiben. Auf der anderen Seite zeigt sich das erschreckend kriminelle Potential, falls der Psychokrieg nicht fruchtet: Zerstochene Pneus, abgerissene Aussenspiegel, eingeworfene Autoscheiben, gezielte Nötigungen per Hupe/Lichthupe im Strassenverkehr oder gar Handgreiflichkeiten, wie es sie jetzt schon vereinzelt an Weihnachten gegeben hat. Teutonen, seid wachsam!

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