Mein Deutschland (Teil 11) Als sich das ZDF etwas traute
12. Mai 1971, 22.14 Uhr: Zum ersten Mal liest im deutschen Fernsehen eine Frau die Nachrichten. Eine Domäne der Männer fällt
Fast vierzig Jahre ist das jetzt her. Die meisten Leute, denen ich heute immer mal wieder von einem Podium aus ins Gesicht gucke, kannten damals höchstens die Augsburger Puppenkiste. Aber wie werde ich ihnen vorgestellt, jedes Mal und meist von noch so einem Puppenkisten-Menschen? Als die »erste Frau, die im deutschen Fernsehen die Nachrichten präsentierte«. Himmel! Habe ich nicht noch was anderes gemacht in all der Zeit?
Nachrichten – Frau – die erste. Das sitzt im kollektiven Gedächtnis. Da hallt immer noch das Echo nach von jener öffentlich-rechtlichen Frivolität, die überkommene Sehgewohnheiten durcheinanderschüttelte. Die Programmverantwortlichen im ZDF vom Intendanten Karl Holzammer abwärts hatten dementsprechend Angst vor der eigenen Courage, andererseits trauten sie sich was und traten damit einen Wirbel los, den niemand, ich auch nicht, vorhergesehen hatte.
Wibke Bruhns, in Halberstadt/Harz geboren, wuchs an vielen Orten in Europa auf – ihre Mutter war im diplomatischen Dienst tätig. Sie studierte in Hamburg Politische Wissenschaften und Geschichte und ging für ein Volontariat zu Bild . Sie wechselte zum NDR, dann zum ZDF, wo sie als erste deutsche Nachrichtensprecherin 1971 auch Autogrammkarten bekam. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1977 arbeitete sie als Korrespondentin für den stern und als Kulturchefin beim ORB. 2004 erschien ihr Buch Meines Vaters Land – eine deutsche Familiengeschichte. Das Buch wurde in 19 Sprachen übersetzt.
Was war passiert? Ich hatte mich auf den seit Fernseh-Urzeiten Männern vorbehaltenen Stuhl im geheiligten Nachrichtenstudio gesetzt und vorgelesen, was andere mir aufgeschrieben hatten. Das war’s. Hätte ich, ausgewiesene ZDF-Redakteurin, die seit sechs oder sieben Jahren ihre eigenen Sätze in die Kamera sprach, auch nur ein Wort geändert, meinetwegen lediglich zum Wohle der Grammatik: Es hätte Krieg gegeben. Wenn schon »trauen«, dann bitte mit Sicherheitsgurt.
Wie bin ich auf diesen Stuhl geraten? Die Pressemeldung des ZDF zu meinem Dienstbeginn beschrieb mich als journalistisches Wunder. Was ich alles studiert hätte (ich habe nie ein Examen gemacht), wie viele Sprachen ich spräche (vier, in Spanisch aber war es nur ein Stenokurs), Diplomatenkind, weit gereist, politisch versiert (nun denn!), Buchveröffentlichungen (ich hatte meine Töchter zu Geld gemacht und ein Babybuch geschrieben, außerdem ein Fremdwörterlexikon), kameraerfahren (stimmt – alles und jedes hatte ich moderiert) und, und, und. Anderthalb Seiten bange Rechtfertigung seitens des Senders. Die Kollegen Sprecher hatten jeweils nur Zehnzeiler bekommen. Aber die konnten sprechen. Das konnte ich nicht, jedenfalls nicht anderer Leute Texte.
»Denen stehlen wir die Show«, hieß es bei den Herren in Wiesbaden
Ich versprach mich immerzu. Nicht so oft wie später Ulrich Wickert, aber es war mindestens so ärgerlich. Ich bekam Sprechunterricht, das hat am meisten Spaß gemacht. Da lernte ich, Sätze im Ganzen zu erfassen, Inhalte zu transportieren statt Wörtern, »ökonomisch« zu atmen, nicht am Text zu kleben (es gab noch keine Teleprompter). Trotzdem – wie kam ausgerechnet ich auf diesen Stuhl? Zufall. Ich war gerade in der Gegend.
Die Gegend war Wiesbaden, wo das ZDF zu jener Zeit residierte. Ich lebte in Hamburg – der Zufall hatte sich anstrengen müssen. Wir reden hier von der noch überschaubaren Zeit beim ZDF. In den Anfangsjahren haben wir alle alles gemacht, der Kreativität waren kaum Grenzen gesetzt. Jeder kannte jeden, und es fing damals erst an mit der öffentlich-rechtlichen Verkrustung. Meine Festanstellung als Redakteurin im Hamburger Studio hatte ich aufgegeben, nachdem die Töchter geboren worden waren, und natürlich war das Hausfrauendasein nicht auszuhalten gewesen. Ich machte weiter Filme, und einen hatte ich gerade nach Wiesbaden zur Abnahme getragen, als die Nachricht durchsickerte: Die ARD plante, dem »Mr. Tagesschau« Karl-Heinz Köpcke eine Frau an die Seite zu stellen.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik
»Das können wir schneller«, sprachen die versammelten Herren des ZDF – Chefredakteur, Hauptabteilungsleiter, Nachrichtenchefs und so weiter. Schon damals tat sich die ARD schwer mit schnellen Beschlüssen. Alle Anstalten müssen gefragt werden – ich habe das später erlebt, wie sich solche Entscheidungen hinziehen. »Denen stehlen wir die Show«, hieß es jetzt in Wiesbaden. Ich saß dabei als einzige Frau – so war das damals, meistens. Aber ich war keine Sprecherin und folglich arglos. Hanns-Joachim Friedrichs bündelte die Aufmerksamkeit in meine Richtung: »Du machst das, oder?«
- Datum 08.09.2009 - 16:57 Uhr
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- Serie Mein Deutschland
- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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Sehr schöner Artikel!
Übrigens: Höre ich den Namen Wibke Bruhns, denke ich zu erst an ihr Buch "Meines Vaters Land".
Was kommt denn da jetzt? Hab ich mir gedacht. Feministische Diskussion und potenzielle Auswirkungen der bösen 68er-Jahre darauf?
Kam aber was ganz anderes. Eine schöne Geschichte, ziemlich amüsanter unterschwelliger Humor inklusive, wie man sich da plötzlich als Frau in einer verrückten Gesellschaft wiederfindet.
Wirklich ein Juwel, dieser Artikel. Großen Dank dafür. Mehr will ich nicht sagen.
@Kalligraphin: Ich hab auch an dieses Buch gedacht. Und gleichzeitig: a) schade, dass ich es nicht gelesen habe, weil wenn die Frau dort genauso herrlich schreibt wie hier dürfte sich das doch schon sehr lohnen, und b) wieso ist sie eigentlich nur durch dieses Buch bekannt, und nicht mehr dadurch, dass sie die erste Nachrichtensprecherin war? Und vor allem: warum nicht dadurch, dass sie so gut schreiben kann? ;-)
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
tut mir ja leid, dass ich hier auch keine diskussion anzetteln kann, aber der artikel ist wirklich wunderbar. abgesehen davon, dass ich aus dem schmunzeln kaum herausgekommen bin, ist mir jetzt erst wieder klar geworden, wie weit der weg ist, den die emanzipation seit dieser zeit schon zurueckgelegt hat. also weiter so...
Frauen-sind-bessere-Menschen-Artikel, wie es in der "Zeit" tagtäglich zu lesen ist. Den "Humor", den die (feministischen) Leserinnen hier so loben würden sie bei umgekehrten Geschlechterrollen vermutlich Sexismus nennen. Aber Misandrie ist im feministischen Zeitalter ja politisch korrekt!
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