Hier ist das wahre Ende der Welt! Müde stehe ich auf dem Gipfel der Einsamkeit, 507 Meter und 41 Zentimeter über dem Friedlichen Ozean, S 27°7´10˝, W 109°21´17˝, Osterinsel, warmer Wind weht, weißes Licht – Ergriffenheit ist Glückssache.

Im Süden erkenne ich den einzigen Ort, Hanga Roa, fast fünftausend Menschen, im Osten den einzigen sandigen Strand, dort drüben den Krater des Rano Raraku, wo entstand, was diesen Flecken, so heißt es, geheimnisschwer und magisch macht: hohe schlanke steinerne Figuren ohne Ausdruck und Unterleib, fast tausend Exemplare, verteilt über die ganze Insel.

Der Meute der Touristen froh entkommen, stehe ich auf dem Vulkan und blicke hinaus aufs Meer, Gewitterwolken, grau und schnell.

Der Meeresspiegel stieg zwischen 1961 und 2003 jährlich um 1,8 Millimeter im Schnitt, schneller von Jahr zu Jahr – Grund dafür, wissen wir längst, ist die Erwärmung der Erde durch Treibhausgase, vor allem durch Kohlenstoffdioxid, CO₂, ein farb- und geruchloses Gas, das unter anderem bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe entsteht, Kohle, Erdgas, Erdöl, rund 36 Milliarden Tonnen im Jahr weltweit. Von 2000 bis 2007 stieg der CO₂-Ausstoß, trotz aller Beschwörungen der Mächtigen, viermal schneller als noch im Jahrzehnt zuvor – während Wälder, die fähig wären, CO₂ zu binden, ständig weniger wurden.

Man steht auf dem Vulkan, im Blick das Gewitter, und denkt, es wird einen nicht treffen.

Kein Punkt auf Erden, von Menschen bewohnt, liegt abgeschiedener als diese Insel in der Weite des Südpazifiks, Isla de Pascua, die Osterinsel. Nirgends ist der Mensch von seinesgleichen weiter weg, fünf Flugstunden bis zur chilenischen Küste, sechs bis Tahiti , 2078 Kilometer Wasser bis zu den Nachbarn, 40 Menschen auf Pitcairn, Polynesien .

Am Ostersonntag 1722 stieß der niederländische Seefahrer Jacob Roggeveen, mit drei Schiffen unterwegs im Auftrag der Westindischen Handelskompanie, auf eine neue kleine Welt im Nichts.

Einzigartige Armut und Öde, hielt der Admiral in seinem Logbuch fest, zeichne dieses Eiland aus, kein Strauch sei höher als drei Meter, alles Pflanzenwerk verbrannt. Und die steinernen Bildsäulen, die die Küsten säumten, so der Seefahrer Roggeveen am 5. April 1722, sorgten zuerst dafür, dass die Besucher starr vor Erstaunen waren. Denn sie konnten nicht verstehen, wie es möglich war, dass diese Menschen, die weder über dicke Holzbalken noch über kräftige Seile verfügten, dennoch solche Bildsäulen aufrichten konnten, die volle neun Meter hoch und in ihren Abmessungen sehr dick waren.

Die Einheimischen, die sich, ihre Insel und ihre Sprache Rapa Nui nannten, weit entferntes Land, empfingen Roggeveen mit Bananen und Hühnern, irgendwann – ein Dieb! – fiel der erste Schuss, 13 Rapa Nui lagen im Blut, und die Weißen zogen weiter, kehrten nach einem halben Jahrhundert erst wieder, am 15. November 1770, Spanier auf der Durchreise, die Rapa Nui San Carlos nannten, ihre Flagge in den Staub steckten und den Insulanern, vielleicht dreitausend Menschen, eine Formel hinterließen: Ave Maria, lang lebe König Karl V. von Spanien.

Jetzt sitzt man, geschmeichelt vom warmen Wind, auf dem höchsten Berg und wartet, dass sich ein Gefühl einstellt am Ende dieser Welt.

»Aber dort oben«, krächzte gestern Ana Lola Tuki Chavez aus ihrem alten braunen Sofa in ihrem leichten klapprigen Haus, »gibt es keine Affen!«

Sie legte die Hände auf den weiten Bauch und lachte. Ana Lola, vielleicht die mächtigste Frau auf der Insel, Haupt der Sippe der Tuki, versteht die Aufregung um diese steinernen Klötze nicht, diese Fratzen, die mehr an Affen erinnerten als an Menschen oder Götter oder was.

»Was suchst du dort oben«, fragte sie, »vielleicht den lieben Gott?«

Ein Gefühl!

»Macht das satt?«, fragte sie.

»Dort oben ist nichts«, krächzte Ana Lola, die 21 Kinder gebar, 18 davon lebend.

Gute Frau, glauben Sie nicht an die Kraft dieser Statuen, der berühmten Moais, Glieder zwischen Diesseits und Jenseits?

»Natürlich«, sagte die Alte, »zuerst brachten sie uns die Archäologen, dann Hollywood, nun Touristen und Stühle aus Plastik.«

Ana Lola, 80 Jahre alt, griff zum Rosenkranz und begann, weil Werbung ihre Soap unterbrach, zu beten. Sie grüßte auf dem Nebentisch das Bildnis von Papst Benedikt XVI., die Schwarze Madonna von Einsiedeln, schob endlich die schwere Sonnenbrille hoch. Manche hier behaupten, die fromme Ana Lola Tuki verstecke mit dem Gestell ihre Halbblindheit, hergestellt von den Fäusten des Ehemannes, als der erkannte, dass Jackeline, eine Tochter aus der Frühphase, nicht von seinem Samen war, sondern von dem eines Norwegers, Kapitän auf dem Schiff des berühmten Archäologen und Abenteurers Thor Heyerdahl , der 1956 vor Rapa Nui lag und, wie so viele vor und nach ihm, die Insel mit Grabungen und Theorien heimsuchte.