Hier ist das wahre Ende der Welt! Müde stehe ich auf dem Gipfel der Einsamkeit, 507 Meter und 41 Zentimeter über dem Friedlichen Ozean, S 27°7´10˝, W 109°21´17˝, Osterinsel, warmer Wind weht, weißes Licht – Ergriffenheit ist Glückssache.

Im Süden erkenne ich den einzigen Ort, Hanga Roa, fast fünftausend Menschen, im Osten den einzigen sandigen Strand, dort drüben den Krater des Rano Raraku, wo entstand, was diesen Flecken, so heißt es, geheimnisschwer und magisch macht: hohe schlanke steinerne Figuren ohne Ausdruck und Unterleib, fast tausend Exemplare, verteilt über die ganze Insel.

Der Meute der Touristen froh entkommen, stehe ich auf dem Vulkan und blicke hinaus aufs Meer, Gewitterwolken, grau und schnell.

Der Meeresspiegel stieg zwischen 1961 und 2003 jährlich um 1,8 Millimeter im Schnitt, schneller von Jahr zu Jahr – Grund dafür, wissen wir längst, ist die Erwärmung der Erde durch Treibhausgase, vor allem durch Kohlenstoffdioxid, CO₂, ein farb- und geruchloses Gas, das unter anderem bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe entsteht, Kohle, Erdgas, Erdöl, rund 36 Milliarden Tonnen im Jahr weltweit. Von 2000 bis 2007 stieg der CO₂-Ausstoß, trotz aller Beschwörungen der Mächtigen, viermal schneller als noch im Jahrzehnt zuvor – während Wälder, die fähig wären, CO₂ zu binden, ständig weniger wurden.

Man steht auf dem Vulkan, im Blick das Gewitter, und denkt, es wird einen nicht treffen.

Kein Punkt auf Erden, von Menschen bewohnt, liegt abgeschiedener als diese Insel in der Weite des Südpazifiks, Isla de Pascua, die Osterinsel. Nirgends ist der Mensch von seinesgleichen weiter weg, fünf Flugstunden bis zur chilenischen Küste, sechs bis Tahiti , 2078 Kilometer Wasser bis zu den Nachbarn, 40 Menschen auf Pitcairn, Polynesien .

Am Ostersonntag 1722 stieß der niederländische Seefahrer Jacob Roggeveen, mit drei Schiffen unterwegs im Auftrag der Westindischen Handelskompanie, auf eine neue kleine Welt im Nichts.

Einzigartige Armut und Öde, hielt der Admiral in seinem Logbuch fest, zeichne dieses Eiland aus, kein Strauch sei höher als drei Meter, alles Pflanzenwerk verbrannt. Und die steinernen Bildsäulen, die die Küsten säumten, so der Seefahrer Roggeveen am 5. April 1722, sorgten zuerst dafür, dass die Besucher starr vor Erstaunen waren. Denn sie konnten nicht verstehen, wie es möglich war, dass diese Menschen, die weder über dicke Holzbalken noch über kräftige Seile verfügten, dennoch solche Bildsäulen aufrichten konnten, die volle neun Meter hoch und in ihren Abmessungen sehr dick waren.

Die Einheimischen, die sich, ihre Insel und ihre Sprache Rapa Nui nannten, weit entferntes Land, empfingen Roggeveen mit Bananen und Hühnern, irgendwann – ein Dieb! – fiel der erste Schuss, 13 Rapa Nui lagen im Blut, und die Weißen zogen weiter, kehrten nach einem halben Jahrhundert erst wieder, am 15. November 1770, Spanier auf der Durchreise, die Rapa Nui San Carlos nannten, ihre Flagge in den Staub steckten und den Insulanern, vielleicht dreitausend Menschen, eine Formel hinterließen: Ave Maria, lang lebe König Karl V. von Spanien.

Jetzt sitzt man, geschmeichelt vom warmen Wind, auf dem höchsten Berg und wartet, dass sich ein Gefühl einstellt am Ende dieser Welt.

»Aber dort oben«, krächzte gestern Ana Lola Tuki Chavez aus ihrem alten braunen Sofa in ihrem leichten klapprigen Haus, »gibt es keine Affen!«

Sie legte die Hände auf den weiten Bauch und lachte. Ana Lola, vielleicht die mächtigste Frau auf der Insel, Haupt der Sippe der Tuki, versteht die Aufregung um diese steinernen Klötze nicht, diese Fratzen, die mehr an Affen erinnerten als an Menschen oder Götter oder was.

»Was suchst du dort oben«, fragte sie, »vielleicht den lieben Gott?«

Ein Gefühl!

»Macht das satt?«, fragte sie.

»Dort oben ist nichts«, krächzte Ana Lola, die 21 Kinder gebar, 18 davon lebend.

Gute Frau, glauben Sie nicht an die Kraft dieser Statuen, der berühmten Moais, Glieder zwischen Diesseits und Jenseits?

»Natürlich«, sagte die Alte, »zuerst brachten sie uns die Archäologen, dann Hollywood, nun Touristen und Stühle aus Plastik.«

Ana Lola, 80 Jahre alt, griff zum Rosenkranz und begann, weil Werbung ihre Soap unterbrach, zu beten. Sie grüßte auf dem Nebentisch das Bildnis von Papst Benedikt XVI., die Schwarze Madonna von Einsiedeln, schob endlich die schwere Sonnenbrille hoch. Manche hier behaupten, die fromme Ana Lola Tuki verstecke mit dem Gestell ihre Halbblindheit, hergestellt von den Fäusten des Ehemannes, als der erkannte, dass Jackeline, eine Tochter aus der Frühphase, nicht von seinem Samen war, sondern von dem eines Norwegers, Kapitän auf dem Schiff des berühmten Archäologen und Abenteurers Thor Heyerdahl , der 1956 vor Rapa Nui lag und, wie so viele vor und nach ihm, die Insel mit Grabungen und Theorien heimsuchte.

»Wegen der Affen bist du doch nicht hier!«, beschloss Ana Lola ihr Gebet.

Die Wissenschaft, immerhin der größte Teil, glaubt, dass die kleine Osterinsel, weil sie so isoliert ist wie kein anderer Punkt auf der Welt, vor Jahrhunderten vorwegnahm, was der Erde womöglich bevorsteht: Maßlosigkeit, Gigantismus, Umweltzerstörung. Schließlich der Kollaps.

»Ach ja?«, kicherte sie.

Es gab hier, Ana Lola, keinen einzigen Baum mehr, um daraus ein Boot zu bauen, womit Ihre Väter auf eine andere Insel hätten entkommen können. Oder zum Fischfang ausfahren. Genau wie heute – nur global. Mit offenen Augen steuern wir dem Untergang entgegen, aber wir werden nicht fliehen können, Ana Lola, wenn wir es eines Tages nicht mehr aushalten auf diesem Planeten, weil kein Wald mehr da ist, keine Luft zum Atmen, kein Wasser zum Trinken, kein Platz zum Leben. Denn am Strand liegt kein Boot bereit, das die Menschheit hinwegbrächte auf eine andere Erde.

Ana Lola lachte laut.

Ihre Ureltern, Ana Lola, wussten sehr wohl, wie lebenswichtig der Wald für sie war – und doch zerstörten sie ihn. Wie wir es tun, täglich und global.

Ana Lola, den Rosenkranz zwischen kurzen spitzen Fingern, kicherte: »Ein bisschen Menschenfresserei schadet keinem.«

»Seit die Insulaner Fernsehen haben, essen sie keine Kartoffeln mehr«

Nach den Spaniern, 1770, kamen die Engländer, Captain James Cook auf seiner zweiten Südseereise, und hielten es nur vier Tage aus, im März 1774. Keine Nation, spottete Cook, werde je für die Ehre kämpfen, die Osterinsel erforscht zu haben.

1786 die Franzosen, 1804 die Russen, 1805 und 1811 die Amerikaner, Waljäger, die einige Frauen auf ihr Schiff holten, sie vergewaltigten, ins Meer warfen, auf sie schossen.

»Ob das alles stimmt?«, knurrte Sepp und zog die Mütze ins rote Gesicht.

Sepp, Ana Lolas liebster Schwiegersohn, Josef W. Schmid, saß im kleinen Café am Hafen von Hanga Roa, schlürfte Kaffee und sah, vom Anblick wenig erbaut, den Japanern zu, die, von kleinen Booten an Land gebracht, aus dem Kreuzfahrtschiff Mona Lisa strömten, vorbei an den Verkaufsständen der Einheimischen, Statuen darauf in vielen Größen und Preisen, Halsketten, Muscheln, Federschmuck, Rasierzeug, Kaugummi. Sepp kam vor 18 Jahren auf die Insel, als hier noch keine Straße gepflastert war, kaum ein Auto unterwegs, kein Fernseher lief, und hätte damals die schlaue Ana Lola, die es auch mit den Geistern hat, den braven Schweizer nicht für ihre wilde Tochter Dennise bestimmt und das Fällige in die Wege geleitet, wäre Sepp nun nicht hier, sondern auf Fidschi oder Tahiti. Sepp wurde Vater eines Sohnes, Josef Schmid Rapu, genannt Josi, Sepp baute ein Haus, erfand sich als Ehemann, Gärtner und Fremdenführer. Josef W. Schmid, Hochbauzeichner aus Reussbühl bei Luzern, kennt auf der Insel jeden Steinhaufen, ob magisch oder nicht, jede Jahreszahl, jedes Gerücht. Nächtelang sitzt er am Computer und frommt seinem Leiden, der Osterinsel und ihrem Untergang, einst und jetzt.

Zornig saß er am Hafen von Hanga Roa, der Platz für zehn schmale Boote hat, und begann zu klagen. »Die Insulaner wissen nichts und, schlimmer, wollen nichts wissen. Die berühmten Statuen, ein Weltkulturerbe«, schimpfte Sepp, »nennen sie Affen!«

»Seit sie Fernsehen haben«, jammerte er, »essen sie keine Süßkartoffeln mehr, weil der Fernseher brasilianische Bohnen zeigt!«

»Im Internet bestellen sie Kühlschränke aus Santiago auf Pump, jedes Jahr einen neuen, und stellen den alten an den Rand der Straße!«

»Als meine Frau«, klagte Sepp, »1981 Inselkönigin wurde, Miss Rapa Nui, bekam sie zum Lohn eine Dose Ananas – heute bekommt die Königin einen Peugeot!«

Er schüttelte den kahlen Kopf und sah stumm der Menge zu, den Japanern und Italienern, den jungen Rapa Nui, Männern im neuen Freizeitkampfanzug, die ihren Pick-up ausführten, alle Bässe aufgedreht, die Sonnenbrille im langen zausigen Haar, einmal bis zum Friedhof und zurück.

»Im Grunde«, sagte er, »geschieht heute weltweit, was auf der Osterinsel schon einmal geschah, ein Wettrüsten um nichts.« Vor 300 Jahren, sagte er, übertrafen sich hier die verschiedenen Sippen und Stämme mit ständig neuen und größeren Statuen, die sie am Rano Raraku, wo der Stein sehr weich ist, aus dem Krater brachen und an die Küsten schleppten, kilometerweit auf großen hölzernen Schlitten. Die größte ist höher als 20 Meter und wiegt wohl 250 Tonnen. Ein Unding, kaum zu bewegen. Es war ein Krieg ohne Inhalt. Ein Rausch. Wie heute. Je höher der Turm in Singapur , in Peking, in Dubai oder New York, desto besser. Je schneller das Flugzeug, die Bahn, das Auto, der Computer, die Nachricht, das Handy, der Pizzakurier, desto geiler. Je größer der Pharmakonzern, das Medienunternehmen, die Bank, desto mächtiger, reicher, unantastbarer und gottgleicher. Ein Wahn, den jede und jeder durchschaut. Aber jede und jeder macht weiter und hofft, der Turm stürze nicht ein, die Bank breche nicht zusammen, der Konzern nicht auseinander. Eine Spirale, ständig drehend, durch nichts zu bremsen als durch den Kollaps. Sepp sagte: »Wie einst auf dieser trostlosen Insel Rapa Nui. Da oben im Steinbruch des Rano Raraku liegen und stehen Hunderte von Statuen, kleine, große, fertige und halb fertige, eine Statuenfabrik – verlassen von einer Woche auf die andere!«

Weshalb?

Sepp verzog den Mund und schwieg, er sah einer jungen Mutter zu, die selbst noch Kind war, Ricky, Ricky, schrie die Mutter, bis das Kind in ihre Kamera sah, und gurrte dann glücklich, als das Bild gelang – Ricky, einjährig, im neuen Ganzkörpersurfanzug.

»Die Menschheit«, sagte Sepp, »lebt auf Pump.«

»Der Mensch als Denkender«, klagte Sepp am kleinen Hafen der Osterinsel, »kommt über den Quartalsabschluss nicht hinaus.« Dann sah er auf die Uhr, stand auf und fuhr zum Flughafen, holte Kundschaft ab, zwei Ukrainer, und belud sie, wie es Brauch ist in Polynesien, mit Ketten aus Blumen.

Heute aber ist mein letzter Tag, ich sitze, im Blick das Gewitter, auf dem Gipfel des Vulkans Terevaka, 507,41 Meter über dem Pazifik, fernab vom Mahlstrom der Japaner, die, mit Knöpfen im Ohr, von Standbild zu Standbild traben und der Erklärung ihres Führers lauschen, knapp genug, um abends wieder auf der Mona Lisa zu sein, dem großen Schiff, das draußen vor der Küste liegt, ganztags erleuchtet.

Unter mir krächzt ein kleiner Flieger der chilenischen Luftwaffe, der, um nächstes Jahr nicht weniger zu bekommen, Benzin verfliegt, ein rotes lästiges Insekt. Es lärmt die Südküste entlang bis zum Vulkan Poike, der hier, drei Millionen Jahre sind es her, als Erster aus dem Meer schnaubte, dann hält es auf die Nordküste zu, zieht vorbei am Sandstrand von Anakena, wo sich Ana Lola mit dem norwegischen Kapitän vergaß, schließlich die Westküste hinunter und dann, weil immer noch zu viel Benzin, ein zweites, drittes, viertes Mal.

Im Jahr 1838 lag ein französisches Schiff vor der Osterinsel, umschwirrt von fünf löchrigen Zweimannbooten der Insulaner, die immer das eine Wort schrien, miru, miru. Sie wurden ungeduldig, notierte der Kapitän, als wir es nicht verstanden. Dieses Wort ist der Name des Holzes, das die Polynesier zum Bau ihrer Kanus verwenden. Es war das, was sie am dringendsten brauchten, und sie bedienten sich aller Mittel, um dies verständlich zu machen.

Seit 1850, dem Zeitpunkt, da genaue Messungen vorliegen, stieg die durchschnittliche Temperatur der Erde, nachdem sie 10000 Jahre lang relativ stabil gewesen war, um 0,76 Grad Celsius – immer schneller. Das Klima ist im Begriff, sich zu wandeln. Eis, das der Mensch für ewig hielt, schmilzt, Gärten werden zu Steppen, Winde zu Orkanen. Der Weltklimarat, eine Schar von fast tausend Wissenschaftlern, meint, dass die Erde, um keine irreversiblen Schäden davonzutragen, höchstens zwei Grad Celsius wärmer werden dürfe. Er fürchtet, wenn nun nichts geschieht, eine Erwärmung von vier, schlimmstenfalls sechs Grad.

An Weihnachten 1862 trieben Sklavenhändler fast tausend Rapa Nui auf ihre Schiffe, vielleicht ein Drittel der Bevölkerung, und verkauften sie auf den peruanischen Chincha-Inseln. Dort bauten sie Guano ab, Vogelscheiße, ein teures Düngemittel für die Felder der Reichen in Europa, viele starben. Schließlich, angeführt vom Bischof von Tahiti, sollten alle polynesischen Sklaven in ihre Heimat zurückgebracht werden, auch hundert Rapa Nui auf ihre entfernten Vulkane. Unterwegs holten sie sich die Pocken, nur 15 der Verschleppten erreichten die Insel und steckten den Rest der Bevölkerung an.

»Wirksam wie eine Neutronenbombe!«, knurrte Sepp im Hafencafé.

Nach den Pocken kam der erste Missionar, ein Jesuit, Franzose, dessen Grab, das dritte von links, neben der Kirche zum Heiligen Kreuz liegt, ganz oben im Dorf Hanga Roa, Eugenio J. Eyraud, llegó a la isla 3.1.1864, er erreichte die Insel am 3.1.1864.

Die Rapa Nui aßen seine Schafe und Hühner, stahlen ihm die Kleider, Eyraud floh bei erster Gelegenheit und holte Verstärkung, Père Roussel. Zu zweit versprachen sie das Paradies, bauten eine Kirche, sangen lateinisch gegen die Sitten der Rapa Nui an und brachten zustande, dass sich im Frühjahr 1866 zum letzten Mal junge Männer ins Meer warfen und hinausschwammen auf kleine vorgelagerte Felsen, um dort das erste Ei der Rußseeschwalbe zu bergen und es schadlos an Land zu bringen. Wem solches zuerst gelang, war ein Jahr lang Vogelmann, eine Art Priester oder Schönheitskönig, Père Eyraud missfiel beides. Am 14. August 1868 taufte er über achthundert Rapa Nui, fünf Tage später, von seiner Arbeit erschöpft, war er tot.

Der selbst ernannte Inselkönig tröstet sich mit Bier

Doch weder die Häuptlinge oder Könige der Rapa Nui noch ihre Bekehrer beherrschten den Tag auf der Insel, sondern zwei Unersättliche, der Franzose Jean-Baptiste Onésime Dutrou-Bornier, ein ehemaliger französischer Offizier, der nach dem Krieg auf der Krim nach Tahiti gewechselt war, und sein britischer Komplize John Brander. Im April 1868 ließen sie sich auf Rapa Nui nieder, luchsten den Sippen Land ab, bis fast die ganze Insel ihnen gehörte, sie ließen Grassamen, Rinder und Schafe kommen, bauten Pferche – nicht für ihr Vieh, sondern für die Menschen. Dutrou nahm sich eine Einheimische und rief sich zum König der Osterinsel aus, brannte schließlich, weil die Missionare ihre Gefolgschaft verweigerten, deren Station nieder. Dem Schrecken zu entkommen, flohen die Frommen, begleitet von 168 Rapa Nui, westwärts übers Meer und erreichten schließlich die Îles Gambier, ein Archipel bei Tahiti, von Franzosen regiert.

Im Jahr 1877 lebten auf der Osterinsel noch 111 Menschen, 36 davon Rapa Nui. Alle Statuen lagen nun am Boden, viele zerbrochen, gekippt zum Spaß, vielleicht aus Wut über die Götter.

1888, am 9. September, annektierte Chile Rapa Nui, Isla de Pascua, 163,6 Quadratkilometer. Korvettenkapitän Policarpo Toro und Atamu Tekena, König der Insulaner, setzten ihre Zeichen auf ein Stück Papier: Für immer und ohne Vorbehalt übergaben die Menschen von Rapa Nui ihre vollständige und ganze Souveränität der Regierung der Republik Chile.

»Welch teuflische Lüge!«, schrie Agterama Huke Atan aus langem vollem Bart, »welch historischer Irrtum!«

Der Mann, kurzes geblümtes Hemd, die Sonnenbrille im grauen Haar, stand frisch geduscht am Dorfplatz von Hanga Roa vor den Büsten der Vertragspartner von einst und schrie: »Was für ein infames Verbrechen!«

Er stellte den kleinen Rucksack auf eine Bank, bat, sich zu setzen, um der großen Wahrheit zu lauschen. Denn Agterama Huke Atan, gerade 50 geworden, hoch und schlank, ist kein Gewöhnlicher auf Rapa Nui, laut begreift er sich als König seines Volkes und gleichzeitig – das macht die Sache nicht einfach – als Líder, eine Art Kanzler des Königs, der er ist, seit er denken kann. Die beiden, König und Kanzler, el rey y el líder, liegen oft im Hader, und dann bleibt Agterama nur, sie zu besänftigen, am besten mit Bier der Marke Escudo.

Seit Jahren kommt, akustisch wie politisch, auf der Osterinsel an Agterama keiner vorbei, seine Arena ist der Dorfplatz. Und wenn dort am 9. September die Staatspräsidentin aus Santiago zu posieren pflegt, um den Anschluss des Fleckens an den chilenischen Staat zu feiern, zieht König Agterama, kaum hängt die chilenische Flagge, die eigene hoch und schmettert dazu die Hymne, die der Líder in ihm erfand. Was König und Kanzler dann nicht hindert, von den fünf Rindern und den Tonnen von Süßkartoffeln zu essen, die, wie es Tradition war, während Stunden im Erdofen garten, eine Aufmerksamkeit der Gouverneurin zur Feier des Tages.

Rapa Nui ist nicht chilenisch!, »is not Chilean!«, diktierte Agterama ins Buch und hob den Blick zum Himmel.

Die große Wahrheit sei, dass an jenem 9.September 1888 König Tekena dem chilenischen Korvettenkapitän Toro zwar die Hand gereicht und sein Zeichen auch auf ein Papier gesetzt habe – wichtiger jedoch und entscheidend sei, dass Atamu Tekena, in der einen Hand ein Büschel Gras, in der anderen ein Häufchen heilige Erde, dem Chilenen nur das Gras übergab, nicht aber die Erde.

»Was bedeutet«, donnerte Agterama auf der Sitzbank am heißen Nachmittag, »dass der König dem Fremden unser Land zur Nutzung gab, nicht aber zum Eigentum. Verstanden?«

Klar.

»Was willst du noch wissen?«

Wie spürt ein Mensch, dass er König ist?

Agterama lachte, dass er zitterte.

»Als König wurde ich in den Leib meiner Mutter gesetzt. Verstanden?«

Agteramas Mutter war einst eine inselbekannte Frau gewesen. In ihrem Haus stand ein Altar voller christlicher Bilder und seltsamer Federn und Dosen, und wer, wie damals der Hochbauzeichner Josef W. Schmid aus 6015 Reussbühl bei Luzern, insular werden wollte und reinen Herzens, den taufte sie ein zweites Mal. Eines Tages vor einigen Jahren war sie verschwunden, man durchsuchte die ganze Insel während Wochen, fand kein Haar von ihr bis heute.

Man sagt, König Agterama, du willst nach Den Haag zum Internationalen Gerichtshof…

»Sei heute Abend, so bald es dunkel ist, in meinem Haus«, flüsterte der König.

Dann sah er auf seine schwere Stoppuhr, die am Gürtel hing, erhob sich und schritt langsam die Hauptstraße hinauf.

Kaum hört jetzt das Insekt der Luftwaffe zu brummen auf, schiebt sich das Gewölk über die Insel, schließlich die tägliche Boeing 767-300 Extended Range aus Santiago, 220 Menschen an Bord, Heimkehrer, Touristen, Kühlschränke, brasilianische Bohnen und Ganzkörpersurfanzüge. Die Piste neben dem Dorf ist länger als die in der Hauptstadt, eine Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten von Amerika, um sich das Recht zu wahren, ihre Weltraumflieger bei Bedarf, statt auf Hawaii, auf Rapa Nui zu landen. Siebzigtausend Menschen besuchen die Insel jedes Jahr, die meisten bleiben zwei Tage, fotografieren die Statuen, den Krater von Rano Kau, den Steinbruch, sie übernachten in einfachen Hotels oder Hütten, essen in den Restaurants und führen sich abends Folklore zu, Lieder und Tänze der Südsee, die Mädchen, halb nackt, hüpfen mit Anmut, die Männer, um die Lende ein Röckchen aus Bast, weiße Farbe im Gesicht, machen den Menschenfresser, 20 Dollar der Eintritt.

Dann, die Erinnerung im Gepäck, eine kleine Statue aus vulkanischem Gestein, fliegen sie zurück aufs Festland oder weiter nach Tahiti, LanChile OneWorld amüsiert mit 520 verschiedenen CDs an Bord, mit 74 Fernsehsendungen, 32 Kinofilmen, mit Blackjack, Poker, Battleship, Wer wird Millionär?.

Es ist der letzte Tag auf der Insel, kaum Wind, nur leises Donnern, man sitzt auf dem Gipfel der Einsamkeit am Ende der Welt und erinnert sich an das seltsame Gespräch mit der Gouverneurin, Melania Carolina Hotu Hey, eine Rapa Nui, zumindest teilweise, parfümiert, geschminkt, geschmückt. Sie wallte ganz in Weiß, Schuhe, Hose, Bluse, saß am Schreibtisch vor dem Bild von Staatspräsidentin Bachelet, daneben die chilenische Fahne, draußen schrie eine Kettensäge, die Gouverneurin schickte ihre Kommunikationsdame los, den Gärtner zu beruhigen, die Dame kam zurück, grinsend.

Frau Gouverneurin, was halten Sie davon, dass die Geschichte der Osterinsel, die Geschichte ihres Kollapses, verglichen wird mit der Gegenwart der Erde?

Die Gouverneurin, sehr freundlich: »Wird sie das?«

Der US-amerikanische Biogeograf Jared Diamond, Professor in Los Angeles und Pulitzerpreisträger, und einige andere mehr tun das seit Jahren.

Gouverneurin: »Welche anderen?«

Paul Bahn und John Flenley, John Loret und John Tanacredi, Jo Anne Van Tilburg, Claudio Cristino, Ronald Wright.

Gouverneurin: »Und was behaupten die Herrschaften?«

Als die Polynesier um 800 nach Christus die Osterinsel erreichten, war sie dicht bewaldet mit der größten Palmenart der Welt. Das behaupten sie. Die Insulaner begannen Bäume zu fällen, um Ackerland und Brennholz zu gewinnen, Kanus, Häuser und Schlitten zu bauen, um darauf ihre Statuen vom Steinbruch an die Küste zu schleppen. Sie vermehrten sich und verloren jedes Maß. Das dauerte rund 850 Jahre. Bis der letzte Baum gefällt war. Erosion. Keine Kanus mehr für die Thunfischjagd. Hunger. Kein Entkommen in eine andere Welt. Das Ende der Kultur. Krieg. Aus Enttäuschung über die Götter, von denen man sich verraten fühlte, zerstörten sie die Statuen. Schließlich Kannibalismus. Der Nachbar als Eiweißlieferant. Kollaps. Das, Frau Gouverneurin, behaupten die Herrschaften. Und meinen eine Analogie zum Verhalten der Menschheit heute.

»Wir arbeiten hart an der Zukunft der Menschen«

Gouverneurin: »Ich bin hier die Vertreterin des Staatspräsidiums von Chile, und als solche kann ich dazu nur sagen, dass wir versuchen, den Menschen beizubringen, Verantwortung für ihre Welt zu tragen. Wir tun viel für diese Insel, wir bauen den Menschen Häuser, der Arzt kostet sie nichts, sie bezahlen nicht mal Steuern. Chile lässt sich die Insel jährlich elf Milliarden Peso kosten, 17 Millionen Dollar. Für 4900 Menschen. 600 davon sind in der Verwaltung tätig. 1200 gehen zur Schule. Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 20. Wir arbeiten hart daran, den Menschen hier zu zeigen, dass sie eine Zukunft haben.«

Wie?

»Wir arbeiten daran, täglich, mein Herr.«

Ich ging dann durch den Ort, verfolgt von Pferden und Hunden, vorbei an Baustellen und sah, verträumt am Meer spazierend, Carolina Arenas, die Psychologin im Barackenkrankenhaus von Hanga Roa, eine Chilenin, 29, seit zwei Jahren auf Rapa Nui.

Depression und Schizophrenie, hatte sie mir erzählt, seien die häufigsten psychischen Erkrankungen hier, gefolgt von psychosozialen Problemen, Druck der Großfamilie, Alkohol, Gewalt. Die Zahl der psychisch Kranken, im Durchschnitt, sei auf der Osterinsel fünfmal höher als auf dem chilenischen Festland. 2006, weiter sei die Statistik nicht gediehen, hätten sich auf Rapa Nui vier Menschen erhängt.

Weshalb?

»Vielleicht«, antwortete Carolina, »spielt die die Einsamkeit eine Rolle, Engräumigkeit, alle kennen alle, das Bewusstsein, dass man hier an der Kante der Welt lebt, spielt eine Rolle. Wahrscheinlich auch die Inzucht.«

Ich ging durch den Ort, entdeckte in vielen Gärten Dutzende von Bojen, Shanghai, Auckland, Singapur, Ushuaia, Treibgut der Außenwelt – Bojen statt Gartenzwergen.

Setzte mich schließlich in meine Wellblechhütte und las im letzten Licht des Tages, vor 30 Jahren noch hätten auf Erden Tausende von Firmen mit Saatgut gehandelt, heute aber kontrollierten zehn Gesellschaften zwei Drittel aller Samen, zehn Gesellschaften kontrollierten den weltweiten Handel mit Agrochemikalien zu 90 Prozent. Blätterte ohne System und las, die Bestände von 1686 Wirbeltierarten hätten von 1970 bis 2005 um fast dreißig Prozent abgenommen, die arktische Eiskappe sei im Sommer 2008 von offenem Wasser umflossen gewesen – zum ersten Mal seit Menschengedenken.

König Agterama, eine Kerze in der Hand, wartete vor seinem Haus und trat von einem Bein aufs andere, gelbe grobe Schuhe.

»Um mein Volk zu betäuben«, knurrte er in die Nacht, »ertränkt uns Chile in Irdischem.«

Brasilianische Bohnen!

Er ging voraus, führte in eine dunkle Küche, vorbei an Korallen und Pferdeschädeln, der Tisch war voller Papiere, Steine, Dosen, Zangen, Messer. Der König bot Tee an und zeigte schließlich auf eine Malerei des Líder, ein Standbild mit blutig geschlagenem Rücken, ein Joch um seinen Hals. Er werde, hob Agterama an, zum Internationalen Gerichtshof nach Den Haag reisen und Reparation verlangen für all das, was Chile den Rapa Nui seit 1888 genommen habe. 13 Trillionen Peso in Gold werde er verlangen für die räuberische Nutzung von Boden, See und Luft im Lauf von 120 Jahren. Eine eigene Verfassung habe der Líder bereits geschrieben, ein Kabinett berufen und einen Botschafter, und eigenes Geld habe er entworfen, in einer Farbe, die es noch gar nicht gibt.

Gegen Mitternacht führte er zurück an die steile staubige Straße am Rand von Hanga Roa und sprach im Licht des Mondes: »Ich bin die Erinnerung.«

Am Ende fressen 60000 Schafe die Erde nackt

Kaum im Besitz der neuen Insel, 1895, verpachtete Chile das Land dem Spekulanten Enrique Merlet, der es acht Jahre später dem britischen Handelshaus Williamson & Balfour überließ. Dieses gründete die sogenannte Gesellschaft zur Ausbeutung der Osterinsel, 60000 Schafe fraßen nun die Insel nackt, bei Gelegenheit naschten die Rapa Nui vom Vieh, bis die Briten um deren Dorf eine hohe Mauer zogen und auspeitschten, wer ohne Bewilligung darüber stieg. Syphilis, Lepra.

Mit der Schafzucht kam, entzündet von den geheimnisvollen Statuen, den Felszeichnungen und einer seltsamen Schrift namens Rongo Rongo, die Wissenschaft auf Rapa Nui an, kein Stück Erde in der Südsee ist so gründlich durchwühlt wie die Osterinsel, über 30000 archäologische Punkte. Der bekannteste Gräber war Thor Heyerdahl, ein Norweger, der 1956 eine erste Statue wieder ins Lot stellte.

Spätere Kollegen untersuchten, was sie fanden, mikroskopisch und elektronisch, Pollen, Asche, Abfall, Knochen, Hölzchen, Erbsubstanz, und kamen zum Schluss, dass die Rapa Nui, als sie noch Kanus besaßen, zur Thunfischjagd fähig gewesen waren, dann, seeuntauglich geworden, sich an den Landvögeln schadlos hielten, bis kaum ein Vogel mehr vorhanden war. Heute gibt es auf der Osterinsel keine einzige einheimische Landvogelart, früher, so die Forscher, aber waren es mindestens sechs. Die Seevogelarten, ursprünglich 25, wurden von den Menschen um zwei Drittel reduziert. Schließlich taten sie sich an den Ratten gütlich, die sie eingeschleppt hatten. Nirgends in Polynesien fanden die Archäologen mehr Ratten- als Fischknochen denn auf Rapa Nui. Nirgends auf der Welt, schätzen die Forscher, war die Abholzung so gründlich wie hier, der Wald verschwand vollständig, ohne Ausnahme starben seine Baumarten aus, es gab keine Palmennüsse mehr, keine Malayäpfel, keine wilden Früchte.

Als Hollywood sich 1992 am Sandstrand von Anakena niederließ, um dort die wilde noble Schönheit der einstigen Rapa Nui zu feiern, mit Kevin Costner als Koproduzenten, zog Ana Lola an die Nordküste, gab ihren Haushalt auf, kochte für die Amerikaner, nähte Kostüme und ruhte erst, als ihre Söhne und Töchter Statisten wurden, schöne noble Wilde unter Standbildern aus Plastik. Die Insel war in Aufruhr, es gab zu essen, es gab Arbeit, Geld, Cola, Rapa Nui nippte vom Dollar – und tanzt seither, Abend für Abend in hölzernen Schuppen, die Tänze, die Hollywood am Sandstrand von Anakena lehrte.

Ich blicke hinab aufs Meer, sehe das Kreuzfahrtschiff sich langsam drehen, Mona Lisa, es wird schnell und schneller, bringt, eine schwere Abgaswolke hinter sich, tausend Japaner nach Valparaiso oder zum Kap Hoorn.

Jetzt regnet es warm.

Ich eile übers dürre Gras und denke an Sepp, den Schriftführer der Osterinsel, der nachts, wenn das Dorf schläft, vor dem Computer sitzt und liest und speichert, stundenlang, auf dass ihm nichts entgeht vom schrecklichen Lauf der Dinge.

»Wenn wir so weitermachen«, klagte Sepp, »brauchen wir – das hat der WWF errechnet – in 20 Jahren zwei Planeten, um uns all das zu leisten, was wir uns jetzt leisten. Stellen Sie sich vor! 15000 Liter Wasser für ein Kilo Rindfleisch!«, schimpfte Sepp. »2900 Liter Wasser für ein Baumwoll-T-Shirt, 1500 Liter für ein Kilo Rohrzucker!«

Es ist Abend am Ende der Welt, der Himmel gewaschen, 507 Meter und 41 Zentimeter über dem Friedlichen Ozean, Gipfel der Einsamkeit, rot und ewig glüht jetzt die Sonne über dem Meer – Ergriffenheit ist Glückssache.

Bis mir eine kleine zornige Träne entkommt, als der Flieger, um sein Benzin loszuwerden, wieder meine Welt zerstört.