Europaparlament Viele kleine Schraubenzieher
Am 7. Juni wählen die Europäer – aber was eigentlich? Besuch in einem Parlament, das alle drei Wochen umzieht, Seehunde retten will und zwischendurch echte Politik macht
»Ja!«, schreit Daniel Cohn-Bendit. »Politik! Echte Politik!« Er springt aus seinem Sessel auf. »Genau! Das braucht Europa!« Wie aufgeputscht geht der Fraktionsvorsitzende der Grünen in seinem Abgeordnetenbüro auf und ab. Der Blick hinaus streift die hochhausartige Spiegelfassade des Europäischen Parlaments. Rechts im Tal darunter erstrecken sich die profanen Schindeldächer Brüssels. Auf dem Fensterbrett vor dem Altrevolutionär Cohn-Bendit liegen zwei Pflastersteine. Relikte aus einer Zeit, als Politik noch greifbar war. Als Meinungsstreit noch Richtungsstreit war und Ideen Menschen erhitzten.
Am anderen Ende der Emotionsskala steht das Europaparlament. Kaum ein Bürger hat von diesem Organ eine konkrete Vorstellung. Im gefühlten politischen Bewusstsein changiert es zwischen geheimnisvoller Hypermacht und zweitklassig besetzter Folkloretruppe. Vielleicht sagen deswegen 51 Prozent der 375 Millionen wahlberechtigten EU-Einwohner, sie interessierten sich nicht für die nächsten Europawahlen am 7. Juni.
Ist das dumpfe Gefühl, dass es sich beim Europaparlament bloß um eine Simulation von Politik handelt, richtig – und das niedrige Interesse an ihm mithin berechtigt? Oder ist dieses Gebilde mit den üblichen Kategorien von Politik einfach nicht zu erfassen und wird folglich zu Unrecht von den Wählern übersehen?
Das Jackett in der Hand und Bussis an die Mitarbeiterinnen verteilend, tritt Cohn-Bendit hinaus in das Labyrinth, das jeden Neuling das Kafkaeske dieses Apparates spüren lässt. Die Büros der 785 Abgeordneten aus 27 Ländern tragen Postleitzahlen wie ASP 7G 351 und sind so eng, dass man aufpassen muss, keine Bilderrahmen von der Wand zu fegen, wenn man niest. Im Foyer sortieren Assistenten Dokumente in riesige, tausendfächrige Regalablagen. Noch der kleinste Änderungsantrag muss ins Gälische oder Maltesische übersetzt werden, bevor ein Rädchen sich weiterdreht.
Cohn-Bendit findet blind seinen Weg durch das Gewirr der Gänge, im Gehen tippt er Nachrichten an die Fraktionsmitglieder in sein Handy. »Ja, sicher!«, ruft er wieder und wedelt mit der Hand, »wir müssen die Auseinandersetzung hier politisieren!« Dann redet er von Klimaschutz, von neuen Bankenregeln, von einer anderen Afghanistanpolitik, von einem sozialeren Europa. Doch für mindestens die Hälfte dieser Angelegenheiten haben er und seine Kollegen gar kein Mandat.
Das Europaparlament besitzt kein Initiativrecht für Gesetzgebung. Es kann lediglich mitentscheiden über Vorhaben der EU-Kommission, die im weitesten Sinne den Binnenmarkt betreffen. Die Folgen dieser Richtlinien spüren die Europäer zwar täglich. Etwa dann, wenn Flug- oder Telefonkosten sinken, wenn plötzlich biometrische Pässe ausgegeben werden, wenn die Glühbirne verboten wird oder neue, CO₂-sparende Autos auf den Markt kommen. Doch um unliebsame Ideen der Brüsseler Kommission zu kippen, muss das Parlament eine absolute Mehrheit aufbringen. In der Praxis führt das zu einer permanenten Großen Koalition zwischen den beiden großen Fraktionen, der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) und den Sozialdemokraten (SPE). »Es gibt hier den institutionalisierten Zwang zum Kompromiss«, sagt ein EVP-Abgeordneter. Die Folge: »Man duzt sich«, auch politisch. Als »Corporate Identity« beschreibt der deutsche Sozialdemokrat und EU-Veteran Jo Leinen die Stimmung, die im Haus oft herrsche.
Die Bürger lassen sich lieber lokal als supranational regieren
Daniel Cohn-Bendit also hat sein Weg von der außerparlamentarischen Opposition in ein oppositionsloses Parlament geführt. Im riesigen Hemicycle, dem zweitgrößten Plenum nach der indischen Volksversammlung, sieht man den Grünen-Chef versunken in die taz- Lektüre, während um ihn herum das Händegepaddel der Abstimmungen die Saalluft aufwühlt. »Dafür? – Dagegen? – Enthaltungen? – Angenommen«, schallt es in einer Endlosschleife vom Präsidiumspult.
Ist es ein Wunder, dass sich beim Wähler der Eindruck breit macht, diese Volksvertretung sei eigentlich eine bessere NGO mit dem Vereinsziel europäische Integration? Sahra Wagenknecht sitzt im Restaurant des Parlaments und bestellt etwas widerwillig ein überteuertes Fischgericht. Bei der Bilanz ihrer Jahre in Brüssel wirkt die (Noch-) Europaabgeordnete der Linken, als zöge sie Gräten aus dem Mittagessen. »Im Bundestag haben wir als Linkspartei ja immerhin noch die Möglichkeit, Themen an die Öffentlichkeit zu ziehen und damit andere Parteien unter Druck zu setzen. Hier hingegen arbeitet man wie unter einer Glocke.« Wagenknecht geht jetzt zurück nach Berlin.
Und doch, es gibt Opposition im EU-Parlament. Allerdings richtet die sich regelmäßig nur gegen die Details von Harmonisierungsgesetzen, nicht auf die Frage, ob es das betreffende Gesetz tatsächlich braucht. Warum etwa muss die EU die Länge des Mutterschutzurlaubes vereinheitlichen? Warum muss sie sich mit der Untertitelung von Filmen beschäftigen? Warum in einem undurchsichtigen Verfahren die Glühbirne verbieten?
- Datum 02.06.2009 - 11:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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Spontan.Ziellos, Orientierungslos , Machtlos und ohne eine Perspektive wegen der vielzu grosen ansichten und Unterschiede in Politik und Wirtschaft der einzelnen mitglieds länder, besonder deutlich sieht man in der krise was Eu ist, da wird Eu zur nebensache und national gesetze werden über das des Eu gesetzt, lezte forderung von Frankreich zum beispiel, man solle doch den Eu pakt aufweischen.
Sie hat mehr Fehler als ein portugiesischer Strandköter Flöhe. Aber - im Gegensatz zu besagtem Hunde - sind Demokratie und EU alternativlos. Das muss jedem klar sein, der Frieden und Prosperität für ein vernünftiges, für das vernünftige Ziel hält.
Also: Gehen sie wählen am nächsten Sonntag. Wählen Sie die Freien Wähler oder die Piratenpartei, wenn sie im Parlament nichts wählbares finden. Aber wählen Sie. Alle. Denn schliesslich, von Dantes inferno zu Charlotte Roches Feuchtgebieten, von den ersten italienischen Opern bis zur letzten finnischen Heavy-Metal-Band, haben wir alle in Europa mehr miteinander gemein als mit dem "Rest" der Welt.
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In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
ideologische Heimat hat: die FDP.…
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deshalb ist für mich momentan die piratenpartei attraktiv
für mich sind das die richtigen leute fürs neue jahrtausend, in dem die anderen parteien noch nicht angekommen sind. die piraten erinnern mich an die anfänge der grünen.
das kommunikationszeitalter steht an und bietet viele lösungen wenn die alten kräfte den fortschritt nicht verhindern. das kommunikationszeitalter braucht eine lobby. die unterwanderung der demokratie/parlamentarier/medien/justiz durch firmengelder/lobby ist ein hauptproblem heute. große konzerne bestimmen die weltpolitik insofern sind wir oft faktisch einer oligarchie und plutokratie näher als einer demokratie.
die grünen sind sind zu behäbig geworden. die spd und die cdu sind meiner meinung nach faktisch eine partei, die krampfhaft einen unterschied sucht, ich finde die sollten fusionieren.
den meisten politstars geht es doch heute nicht mehr wirklich um sachthemen, sondern nur noch um die eigene macht. um status und um die show und ehrlich gesagt wär mir westerwelle, steinmeier, merkel als leadsänger einer band viel lieber als als politiker
- am besten alle gemeinsam einen song singend mit dem titel:
"ich ich ich"
;-)
den piraten nehme ich ihr anliegen dagegen ab, die glauben an ihr anliegen.
freie kommunikation, keine internetzensur, transparente politik, kulturflatrate!...
alles wichtige themen für die zukunft.
wer der copyright lobby eins auswischen will, die wie alle lobbys politiker besticht und zusätzlich eine ganze generation als "mordkopierer" kriminalisiert, der wählt die piratenpartei!
Wieviele Lobbyisten sind den in Berlin? Gibt es in Berlin, Paris oder London keine Bürokratie? Werden dort nicht auch viele kleine technische Regeln beschlossen - hinter verschlossenen Türen - die grosse Auswirkungen haben?
Hier werden leider echte Probleme mit zwanghaft gesuchten scheinbaren Absurditäten zu einer Suppe vermischt. Die Nummern (nicht "Postleitzahlen") der Abgeordenetenbüros entsprechen einem bestimmten Schema, aus dem sich ablesen läßt, wo und in welchem Gebäude der jeweilige Raum liegt (und sind damit praktischer als eine auch denkbare einfache laufende Durchnumerierung). Es ist billig, sich über Übersetzungen ins Gälische und Maltesische zu mokieren, aber z.B. eine Verpflichtung zur Übersetzung ins Deutsche läßt sich einfach leichter durch das Prinzip durchsetzen, daß alle Amtssprachen der Mitgliedstaaten berücksichtigt werden müssen. Gerade in einem Parlament werden die Mitglieder ja nicht nach ihren Sprachfähigkeiten ausgewählt (es gibt meines Wissens Abgeordnete, die nur ihre Muttersprache beherrschen, und die wenigsten können in einer fremden Sprache wirklich gut reden). Auch die Arbeitsweise mit zwei Orten ist ein ewiges Thema, an dem man sich billig erregen kann, aber die viel wichtigere Frage ist doch, was ein Parlament leistet, nicht wo es dieses tut.
Übrigens hat das indische Unterhaus weniger Mitglieder als das EP (mit dem Oberhaus zusammen in gemeinsamer Sitzung allerdings geringfügig mehr) und das weltweit größte Parlament ist natürlich der chinesische Volkskongreß, nur daß er anders als seine europäischen und indischen Analoga nicht aus echten Wahlen hervorgeht.
Echte Probleme ds EP sind hingegen die institutionellen Zwänge zu großen Koalitionen und der relativ geringe Spielraum echter Zuständigkeit (selbst im Mitentscheidungsverfahren ist das EP - durch die Notwendigkeit, eine absolute Mehrheit zu erreichen, und dadurch, daß es selbst seine Änderungsvorschläge aus gutem Grund gern unter der Hand mit der Kommission abstimmt - mehr eine Vetomacht als eine Machtzentrale); die Macht des Parlaments im Vergleich zum Rat und zur Kommisison erinnert machmal an die der Landstände in einem frühkonstitutionellen Staat.
gibt es denn eine einzige europäische Partei, die sich nicht aus dem Zusammenschluss einzelner nationaler Verbände zusammensetzt ? Und wer stellt sich hin, und versucht einmal, zum Beispiel den Umzugszirkus den Leuten wirklich zu erklären ?
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