Entwicklungsländer Turboverarmung
Die Weltwirtschaftskrise hat die Ärmsten der Welt schnell erreicht – und niemand schützt sie
Als am 15. September 2008 in New York die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, war das auch eine Entscheidung über die Zukunft von Herni. Die 23-jährige Indonesierin war 2006 aus ihrem Heimatdorf nach Gandasari ausgewandert, einem Industriestädtchen am Rand von Jakarta, wo Tausende von Arbeitern in Schlafsälen leben und für Firmen aus Japan, Korea, Europa und den USA arbeiten. Herni baute dort bis zum Jahresende 2008 Barbiepuppen für die Spielzeugfirma Mattel zusammen. Sie verdiente nicht schlecht und konnte sogar ein wenig Geld in ihr Heimatdorf schicken.
Heute ist Herni arbeitslos. Es ist Weltwirtschaftskrise. Barbiepuppen und andere Industrieprodukte, wie man sie am Rande von Jakarta fertigt, werden weniger nachgefragt. Die junge Frau geht jetzt wohl zurück ins Dorf, wo ihre Mutter einen kleinen Verkaufsstand für Nahrungsmittel betreibt. »Vielleicht kann ich ihr da helfen«, hat sie Entwicklungsforschern erzählt, die sie im Februar und dann erneut im April im Auftrag der britischen Regierung befragten.
Wie rasend schnell das gegangen ist! Da bricht in einer Handvoll Wolkenkratzer in Manhattan eine Panik aus – und dreieinhalb Monate später zerplatzt am anderen Ende der Welt der Traum einer jungen Frau, durch Arbeit ihrer Familie zu helfen, den Schulbesuch ihrer Geschwister zu finanzieren und ein wenig Wohlstand zu erreichen.
Dass die ärmsten Menschen früher oder später in großer Zahl betroffen sein würden – davor hatten Entwicklungshilfegruppen schon länger gewarnt. Inzwischen aber zeichnet sich ein klares Bild davon ab, wie schlimm diese Folgen ausfallen und wie rasend schnell sie gekommen sind: Die Krise hat die bottom billion erreicht, jene Milliarde ärmster Menschen, die in rund 60 besonders armen Staaten leben.
Vielerorts in diesen Ländern ist die Armut so schnell gestiegen, haben sich Ernährungs- und Gesundheitslage so schnell verschlechtert, dass nach Schätzungen der Weltbank 400.000 Kinder zusätzlich ihren fünften Geburtstag nicht mehr erleben könnten. Die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam warnt schlicht vor einer »neuen Hungerkrise«.
Eine im Frühjahr veröffentlichte Studie des britischen Institute of Development Studies zeigte auf, dass die Menschen in fünf besonders krisenbetroffenen Ländern weniger essen, mehr Kinder aus der Schule nehmen und öfter gesundheitsgefährdende Arbeit annehmen. Schmuggel und Diebstahl, Drogen- und Alkoholmissbrauch sind auf dem Vormarsch. Mehr Menschen suchen ihre Nahrung auf dem Müll oder schießen wilde Tiere. Mehr Frauen und Kinder verkaufen ihren Körper. Mehr Alte und Kinder werden von ihren Familien ausgesetzt.
In vielen dieser Fälle haben die Menschen keine andere Wahl. Auf ein soziales Auffangnetz können sich die Ärmsten nicht verlassen.
Deshalb warnen jetzt Experten und Politiker aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern vor sozialen Unruhen im armen Teil des Planeten. Der Weltbankchef und George-Bush-Vertraute Robert Zoellick spricht über solche Gefahren und ebenso Guy Ryder, der Generalsekretär der Gewerkschaftsorganisation International Trade Union Confederation. Der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, beschwor schon vor einiger Zeit eine »Gefahr ziviler Unruhen, vielleicht sogar von Krieg«. Könnte sich dieser Wall-Street-Kollaps, der zu einer Weltwirtschaftskrise mutiert ist, am Ende zu einer sozialen, humanitären und sicherheitspolitischen Katastrophe steigern, während man im Westen schon wieder konjunkturelle Entwarnung gibt?
So eng wie heute waren Reich und Arm jedenfalls noch nie miteinander verflochten. Wenige Wochen nach dem Wall-Street-Kollaps sanken in Chinas Küstenregionen die Bestellungen von Mobiltelefonen, und noch ein paar Wochen später schlossen im Kongo die ersten Kobaltminen, weil man Kobalt für den Bau von Handys braucht. China konnte für seine Bürger mit Devisenschätzen dagegenhalten, eine Kongorepublik kann das nicht. Wenige Wochen nachdem amerikanische Kaufhäuser Warenlager voller ungekaufter Kleider verramschen mussten, wurden Textilarbeiter in den Sweatshops von Bangladesch entlassen.
So ist er nämlich organisiert, der Turbokapitalismus, der seit gut zwei Jahrzehnten den Globus erobert. Informationen über Nachfrage und Angebot, über den Bedarf an Barbiepuppen in amerikanischen Kinderzimmern und die Verfügbarkeit von Puppenbauern an der Peripherie von Jakarta, Neuigkeiten über die Stimmung deutscher Autokäufer und die Reservekapazitäten von Blechschmieden in der Ukraine werden in Windeseile ausgetauscht und zusammengebracht. Wenn alles gut läuft, rasen Vorprodukte, Zwischenprodukte und Endprodukte auf einer Armada von Schiffen und in einem Schwarm von Frachtflugzeugen um die Welt. Zuletzt haben fast alle mitgemacht. Allein in den Least Developed Countries, den ärmsten Volkswirtschaften der Welt, legte der Anteil der Exporte am Sozialprodukt von 17 Prozent im Jahr 1995 auf 45 Prozent im Jahr 2007 zu.
Nie zuvor hatte die Menschheit ein solch wirksames System für die Erzeugung und Verteilung von Wohlstand entdeckt. Die Welt erlebte den Aufstieg von Schwellenländern wie China und Brasilien, Indien und Thailand und vielen anderen mehr. Die Armut ging zurück, für Kritiker zu langsam, aber immerhin. Sie sank vor allem dort, wo Volkswirtschaften erfolgreich am Weltmarkt teilnahmen.
Doch jetzt zeigt sich, dass diese vielen engen Verbindungen ebenso effizient eine Finanz- und Wirtschaftskrise ausbreiten können. Keiner behauptet mehr – wie es im Jahr 2007 noch der Internationale Währungsfonds tat –, dass Länder am Rande der Weltwirtschaft wenig mit den weltweiten Konjunkturschwankungen zu tun hätten; dass sie verschont blieben, wenn irgendwo anders eine Panik ausbreche. Herrje, ein Land wie Äthiopien hatte ja nicht mal eine richtige Investmentbank, die zusammenbrechen könnte!
Aber von wegen. Der Kollaps des Handels, der Zusammenbruch der Produktion geschahen in aller Welt ungefähr gleichzeitig, ob nun in Industrieländern, Schwellenländern oder Entwicklungsländern. Er ließ auch Rohstoffpreise in den Keller fallen, und die Ausfuhr von Öl, Erzen oder Kautschuk ist die wichtigste Einnahmequelle manch armer Staaten. Seit in den Industriezentren der Welt Millionen von Menschen entlassen werden, gehen auch die Überweisungen von Wanderarbeitern in ihre Heimat zurück. Für viele arme Länder sind die aber zur wesentlichen Einnahmequelle geworden, sie machen zum Beispiel 18 Prozent vom Sozialprodukt Jamaikas aus oder neun Prozent in Bangladesch.
Dann zogen auch noch, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den Chinesen und den Ölscheichs, die Kapitalanleger aus den armen Ländern ab. »Das ist einer der wichtigsten Kanäle, durch die die Krise die Entwicklungsländer erreicht«, urteilt die Ökonomin Stephany Griffith-Jones von der New Yorker Universität Columbia. Kaum jemand hat sein Geld noch so locker sitzen wie vor dem Lehman-Kollaps – und außerdem sind jetzt viele Geldanlagen in reichen Ländern von staatlichen Schutzschirmen geschützt, Anlagen in Entwicklungsländern aber nicht. Eine bittere Ironie, da ja nicht exotische Pleitiers, sondern Banken von Weltruf Billionen vernichtet haben.
So hat sich die Finanzlage vieler armer Länder bedrohlich zugespitzt, und zu allem Übel sind auch noch die Preise für Grundnahrungsmittel vielerorts auf neue Rekordniveaus geklettert. Schwache Ernten waren schuld, aber auch ganz unmittelbar die Finanzkrise, denn die Währungskurse etlicher Entwicklungsländer brachen ein, was Nahrungsmittelimporte empfindlich verteuerte. »Am stärksten ist die arabische Welt von diesen Preisausschlägen betroffen«, warnte die Weltbank, denn dort wird mehr als die Hälfte aller Nahrungsmittel importiert.
Bleibt eine letzte Gefahr: dass ausgerechnet jetzt, in höchster Not, die internationale Hilfe für Entwicklungsländer zurückgeht. Im Jahr 2008 hatten reiche Staaten nach Angaben der OECD ihre Entwicklungshilfe noch um zehn Prozent auf 120 Milliarden Dollar erhöht; auch die Weltbank schichtete einige Mittel zugunsten der Ärmsten um, auf internationalen Konferenzen wurde Solidarität mit den Armen beschworen. Aber wer weiß. Einzelne Staaten, unter ihnen Italien, geben wegen der Krise bereits weniger. Eine kleine Schar Intellektueller, die seit Jahren die Reduzierung oder Abschaffung der Entwicklungshilfe fordert, kann sich in diesen Tagen gar nicht mehr retten – so viele lukrative Redegelegenheiten bieten ihr dankbare Politikeliten in aller Welt. »Wenn Geberländer sich verhalten, wie sie es in der Vergangenheit immer getan haben, wird die Finanzkrise die Hilfsbudgets deutlich reduzieren«, sagt der Ökonom Emmanuel Frot von der Stockholm School of Economics.
Alles, nur das nicht, sagt ein Forscherteam am Institute for Development Studies. In einer Expertise für die britische Regierung prognostiziert es, »die nächste Dekade könnte eine Wiederholung der Deglobalisierung bringen, die man aus dem frühen 20. Jahrhundert kennt«. Der Grund: Frustrierte Politiker aus Entwicklungsländern, wo man alles richtig gemacht habe und jetzt doch zum größten Krisenopfer werde, könnten sich demnächst wieder vom Weltmarkt zurückziehen. Auch die UN-Handelsorganisation Unctad warnte vor wenigen Wochen vor einer neuen Welle des Protektionismus.
Weniger Hilfe für die Ärmsten, weil in der Krise das Geld knapp wird? Das könnte in diesem Fall auch für die Reichen nach hinten losgehen.
- Datum 29.05.2009 - 13:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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Da wo die Schuld der Profiteure am größten ist, tauchen mit hässlicher Regelmäßigkeit Begriffe, wie die Krise auf und die Darstellung liest sich ein mehr oder weniger zwangsläufige Entwicklung die jetzt wunder was eben eine "überraschende" Wende genommen hat.
Niemand, der dieses Raffszenario verfolgt hat, kann entgangen sein, dass dieses "Tausend-und-eine-Nacht"-Märchen der reichen Länder aus dem Hut gezaubert sein konnte. Es hat immer zwei Welten gegeben. Die Zahlenden und die Kassierenden. Diese nun nicht mehr hinauszuzögernde "Stunde der Wahrheit" macht es nun schwerer, der bitteren Realität aus dem Weg zu gehen.
Das Klima schliddert unaufhaltsam in Zonen, wo unser Überleben von ganz anderen Leistungen abhängt als möglichst üppigen Konten. Das Überleben der Ärmsten dieser Welt können wir nicht mehr auf eine caritative Aufgabe reduzieren, wenn wir an den Werten, die unser Zusammenleben menschlich werden lässt, festhalten wollen.
Wir werden uns in den kommenden Jahren uns auf ein bescheideneres Leben einstimmen müssen und dabei können wir nicht stehen bleiben.
Das Elend weit weg von uns ist eine Folge unseres Wohlstands, auch wenn viele von uns eher Zuschauer geblieben sind, die einiges abbekommen haben, was bei ihnen die Hoffnung genährt hat, bei den "Gewinnern" zu sein. Diese Illusion ist nun zerstört und wir können uns noch eine Weile durchlavieren, bis uns das Elend näher kommt, als wir es uns träumen lassen würden.
Für jeden, gleichgültig an welchem Platz steht, stellt sich jetzt die Frage nach Prioritäten, nach denen wir das weitere Leben ausrichten.
Hauptsache, mir geht es gut, ist nicht mehr als das Schließen der Augen vor den Folgen, die es zunächst für andere und früher oder später dann auch für uns hat.
Gemeinsame Anstrengungen greifen jetzt zu kurz, wenn sich die Zusammenarbeit auf die jeweiligen Hemisphären begrenzt.
Deutschland hat seine Stellung auf dem Weltmarkt nur halten können, nachdem Billigprodukte den Lebensunterhalt künstlich aufblähen konnten und Kunden in der ganzen Welt Geld übrig hatten, um deutsche Produkte zu kaufen. Das kann sich jetzt schnell ändern und die regierenden Politiker wirken eher wie ertappte Diebe in einem Supermarkt, denn als vorausschauende Strategen, die eine lebenswerte Zukunft ansteuern wollen.
Wir werden alle herausgefordert und wer sich entziehen will, wird irgendwann einmal erschreckt feststellen müssen, das die gewohnten Sicherheitsnetze sich in Luft aufgelöst haben.
Nur ein Beispiel:
"Der Grund: Frustrierte Politiker aus Entwicklungsländern, wo man alles richtig gemacht habe und jetzt doch zum größten Krisenopfer werde, könnten sich demnächst wieder vom Weltmarkt zurückziehen. Auch die UN-Handelsorganisation Unctad warnte vor wenigen Wochen vor einer neuen Welle des Protektionismus."
Die Länder die sich von den entwickelten Industriestaat am willigsten ausnutzen ließen, haben also alles richtig gemacht? Oje, was für eine frechdreiste Menschenverachtung im Menschenfreundgewande.
Indien hat also alles richtig gemacht, indem es Reis exportiert, weil die ausländischen Kunden mehr bezahlt haben als die mittellosen Hungernden im eigenen Land? Da muss einer aber selber arg hungrig sein und sehr wenig Geld haben, wenn er das richtig findet.
China hat also alles richtig gemacht, weil es die Arbeitskraft seiner Bevölkerung über Jahrzehnte zu Schleuderpreisen den ausländischen Investoren zur Verfügung stellte? Ohne soziale Absicherung. Ohne die im Ausland seit langem üblichen Arbeitsgesetze. Ohne Umweltschutz.
Da muss einer aber sehr mittellos sein, wenn er so dringend auf Unterhosen und T-Shirts für 2 Euro angewiesen ist. Oder - den Verdacht habe ich auch manchmal - er kriegt den Hals einfach nicht voll, wobei ihm die armen Schlucker in Asien sowas von egal sind, dass er auf sie koten würde, wenn sie einen Sitzrand hätten.
Die armen Länder wissen schon lange, dass sie nur ausgenutzt werden. Ihre wirtschaftliche Erstarkung hat dazu geführt, dass sie in der WTO die letzten Jahre an Stimmgewalt gewonnen haben. Das führte dazu, dass in kleinen Bereichen der Freihandel keine Einbahnstraße mehr war. Dass dieser Fortschritt in nächster Zeit verloren gehen könnte, ist das einzige, um was man sich Sorgen machen sollte, wenn es um die liberalen globalisierten Handelsbeziehungen geht, die dem Autor vorgeblich wichtig sind.
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