Gesellschaftskritik Ein echter Kerl

In dieser Saison blieb er ohne Titel, doch in Sachen Fußballmode macht ihm keiner etwas vor. Über die Jacke von Uli Hoeneß

Vermutlich war es am späten Abend des 20. Juni 1976, nachdem Uli Hoeneß im Fußball- Europameisterschaftsfinale beim Stande von 3:3 seinen Elfmeter verschossen und Deutschland verloren hatte, als es plötzlich sehr kalt um ihn wurde – und er sich instinktiv eine jener Adidas-Kastenjacken überzog, die sonst auf den Bänken immer nur die Masseure trugen (die Stilikone Hermann Rieger, Masseur des HSV, hatte allerdings immer die dezentere blaue Variante an). Im Grunde genommen hat Uli Hoeneß diese rote Adidas-Kastenjacke seit jenem Juniabend in Belgrad nicht mehr ausgezogen. Sie legt sich wie ein Panzer um sein mal in Trauer, immer in Leidenschaft und mal in Furor entfachtes Herz. Ihr Rot korrespondiert, auch aus der Ferne, sehr schön mit seiner gut durchbluteten Kopfhaut.

Eigentlich hat sich alles geändert, seitdem Uli Hoeneß vor dreißig Jahren den Posten des Managers beim FC Bayern München übernommen hat: also Hoeneß, die Jobbeschreibung eines »Managers« in der Fußballbundesliga, der FC Bayern, Bayern jenseits des FC und durchaus auch die Jackenmode. Nicht geändert aber hat sich der rote Panzer des Uli Hoeneß. Die Jacke ist bis heute konsequent ein bis zwei Nummern zu groß, da hätte wahrscheinlich selbst das legendäre heimische Gästebett, aus dem Hoeneß im April Jupp Heynckes zum Trainer beförderte, ausreichend Platz. Zugleich erfüllt die Jacke dieselbe Funktion wie die Weste von Horst Schimanski: Sie symbolisiert, dass Uli Hoeneß kein abgehobener Funktionär ist, auch wenn er eine Aktiengesellschaft mit einem Umsatz von mehreren 250 Millionen managt, sondern noch immer ein echter Kerl. Man merkt das, wenn er über die Neureichen des Fußballs redet oder über die Politiker, die nicht verstehen, worum es beim Fußball geht. Wenn er jemanden verachtet, dann nennt er ihn nicht mit Vornamen. Dann sagt er: »Der Herr Abramovic ist ja zum Herrn Blair gegangen und hat ihm gesagt, er wolle Engländer werden, weil er Chelsea gekauft hat.« Seine rote Jacke jedoch soll jedem signalisieren, dem Reporter wie dem Fan: Ich bin nicht Herr Hoeneß. Ich bin der Uli.

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Zugleich, und das ist Teil der Hoeneßschen Genialität, holt er sich aus genau dieser Volkstümlichkeit, die er auch durch seine Wurstfabrik unterstreicht, die Legitimation für eine einzigartige Direktheit und cholerische Bärbeißigkeit. In jenen Momenten, in denen er also fast zu platzen droht vor Stolz oder Wut, da übernimmt die gepolsterte Jacke auch die Rolle eines emotionalen Airbags.

 
Leser-Kommentare
    • Slink
    • 03.06.2009 um 16:21 Uhr

    Ja, es war allerhöchste Zeit, dass uns dieser immens wichtige Jacken-/Vornamen-weglassen-/Wurstfabrikanten-/Volksnähe-Zusammenhang vom Autor dieses denkwürdigen Artikels aufgezeigt wurde.. Das letzte der sieben Mysterien scheint hiermit gelöst zu sein. Wer hat darum gebeten, Herr Hoeneß selbst? Oder darf man ohne vorige Absprache mit ihm nur über seine Jacke schreiben? Oder?
    ..dieser Beitrag ist genau wie Uli's Jacke/Panzer auch 2 Nummern zu groß für meinen Verstand. Aber vielleicht soll das die Zeit zur Volksnähe führen...

    • mosaic
    • 03.06.2009 um 16:53 Uhr

    Muss man denn alles angreifen was 2 Nummern zu groß für den eigenen Verstand ist?

  1. "... Aktiengesellschaft mit einem Umsatz von mehreren 250 Millionen managt, ..."
    Der FC Bayern ist keine Aktiengesellschaft. Und wieviele 250 Millionen managt Herr Hoeneß denn?

  2. Redaktion
    4. AG

    Doch, Bayern München ist eine Aktiengesellschaft - woran Bayern München e. V. 90 % hält und Adidas 10.

  3. Der Jahresabschluss der FC Bayern München AG ist samt genannten Umsatzzahlen u.a auf der Webseite von Bayern München einzusehen.

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