Ist es nicht immer eindrucksvoll, wenn Berühmtheiten aus einfachen Verhältnissen stammen? Man betritt die knarrenden Holzdielen einer engen Stube, geht vorbei an einer rußigen Kochnische, steht vor einem Bauerntisch, über dem ein Kruzifix an der Wand hängt, und malt sich die Geschichte eines sagenhaften Aufstiegs aus: Ein Landbub ist hier zwischen kratzenden Hühnern aufgewachsen und ein Jahrhundertkomponist geworden. Nun leuchtet der Ruhm herrlich auf den Geburtsort zurück. Die alten Deckenbalken biegen sich vor Stolz. Das makellos restaurierte Strohdach beschirmt das Anwesen wie ein Strahlenkranz. In jedem Detail gibt das Gehöft zu verstehen: So dumpf und einfallslos kann die österreichische Provinz nicht sein, wenn sie ein Genie wie Joseph Haydn hervorgebracht hat.

Haydns Geburtsort heißt Rohrau. Das Dorf liegt 50 Kilometer östlich von Wien in einem Landstrich, in dem die Jugend noch bei der freiwilligen Feuerwehr mitmacht, Mopeds frisiert und sich mangels Jugendzentren an Bushaltestellen trifft. In Rohrau gibt es keinen Musiktourismus wie in Salzburg, wo die Mozartkugeln durch alle Gassen rollen. Nur das Haydn-Denkmal auf dem Parkplatz des Gemeindeamts prunkt stolz vor sich hin. Auf dem Sockel steht: »Rohrau gab ihm das Leben, Europa den ungeteilten Beifall und der Tod den Zutritt zu den ewigen Harmonien.« So klingt gesunder Lokalstolz. Ins schmiedeeiserne Tor zu Haydns Taufkirche hat der Kunstschlosser den Anfang der Kaiserhymne geschnörkelt, mit Violinschlüssel, korrektem Auftakt und allem Drum und Dran. Es ist Haydns berühmteste Melodie – die, welche die Deutschen zum Verdruss aller Österreicher zu ihrer Nationalhymne gemacht haben.

Die Häuser von Rohrau schlängeln sich an der Hauptstraße entlang. Auf der Seite, wo Haydns Geburtshaus steht, beginnen gleich hinter den Gärten die Sumpfwiesen. Gut möglich, dass der kleine Joseph hier Frösche gefangen oder Steinchen nach Störchen geworfen hat. Vielleicht lag er auch nur auf der Wiese und schaute den Barockwölkchen am Schönwetterhimmel nach. Auf jeden Fall hatte er eine unbeschwertere frühe Kindheit als sein Freund Mozart 20 Jahre später droben in Salzburg, wo ein ehrgeiziger Vater seine Kinder darauf abrichtete, Musikkunststücke vor Fürsten aufzuführen.

Für Haydn war die schöne Rohrauer Zeit mit sechs Jahren zu Ende. Er wurde ins benachbarte Hainburg an der Donau zu einem Verwandten gegeben, dem Schulrektor und Chorleiter Franck, sehr streng soll er gewesen sein. Dann kamen Wien und die Chorknabenzeit am Stephansdom, mit 25 Jahren die erste Festanstellung als Hofmusiker in der Nähe von Pilsen, schließlich der Kapellmeisterposten in Eisenstadt beim Fürsten Esterházy, in dessen Diensten Haydn fast sein ganzes Leben lang blieb. Eisenstadt ist 40 Kilometer von Rohrau entfernt. Weit herumgekommen ist Haydn nicht.

Das macht eine Reise auf seinen Spuren so einfach – und so ungewiss: Denn Joseph Haydns Leben ist kein offenes Buch. 200 Jahre nach seinem Tod ist der Komponist hinter seinem Werk verschwunden. Er hat keine lebenssatte Korrespondenz hinterlassen wie Mozart und keine eitlen Selbstbespiegelungen wie Richard Wagner. Aber die Orte sind noch da: die Schlösser, Geburts- und Sterbehaus, die burgenländische Natur.

Tagein, tagaus hat er in dieselbe Landschaft geblickt, in die Senke um den lang gezogenen und merkwürdig pfützenhaften Neusiedler See, der, halb im Schilf versteckt, an keiner Stelle tiefer als ein Meter fünfzig ist. Im Westen wird er vom Leithagebirge eingefasst, im Osten läuft das Ufer in die Ungarische Tiefebene aus. Die Gegend hat eine Weite, die einen Künstler beflügeln kann. Aber nur als Idyll hat sie Haydn bestimmt nicht wahrgenommen. Sie war für ihn auch die Falle, in der er festsaß: ein Suppenteller, über dessen Rand er lange Zeit nicht hinauskam. Nicht einmal ins nahe Wien haben ihn die Esterházy-Fürsten oft gelassen. Immer musste noch ein Trio zu Ende komponiert, eine Symphonie aufgeführt oder eine Oper vorbereitet werden.

Ein Kennzeichen des Nordburgenlands sind die schiefen, knorrigen Bäume an den Landstraßen. Vor und nach dem langen Sommer werden sie vom Nordwind gezaust, aber nicht entwurzelt. Etwas von dieser Beharrungskraft muss auch in Haydn gewirkt haben. Man braucht sich nur die Bronzebüste im Treppenhaus von Schloss Eisenstadt anzuschauen: In die Gesichtszüge eines verweichlichten Hofschranzen blickt man da nicht. Breit, fast derb schiebt sich der Unterkiefer nach vorn, markant ragt die kolossale Nase hervor, umgeben von pockennarbigen Wangen.