Es ist nicht so, dass ich Menschen nicht mag. Aber es gibt Momente, in denen sie zumindest unangenehm auffallen, meistens bei der Arbeit, im Büro: Da kommen sie einfach so in mein Zimmer, rufen an, schreiben Mails, wollen essen gehen, über irgendetwas reden, im schlimmsten Fall brauchen sie, um über irgendetwas zu reden, eine Konferenz. Das ist der Grund, warum ich zum Beispiel diesen Text nicht im Büro schreibe, sondern zu Hause.

Ich mag meine Arbeit, ich liebe meinen Beruf, ich kann mir nichts anderes vorstellen, und ich habe zu nichts anderem Lust. Außer meinem Beruf liebe ich übrigens noch meine Frau und unsere Tochter, die Anwesenheit der beiden hat mich noch nie gestört. Meine Tochter bringe ich morgens in die Kita, an manchen Tagen hole ich sie nachmittags wieder ab – und arbeite dafür, wenn es sein muss, auch mal abends zu Hause. Ein Kollege legte mir vor ein paar Wochen ein Buch auf den Tisch mit dem Titel Morgen komm ich später rein von Markus Albers. Der Kollege schrieb einen kleinen Zettel: "Vielleicht interessant für Dich". Der Zettel sagt viel über mein Verhältnis zu den Kollegen.

Das Buch ist gut – interessant, mit Leidenschaft geschrieben, gut recherchiert, und es hat ein klares Ziel, das in der Unterzeile formuliert ist: Für mehr Freiheit in der Festanstellung. Es geht darum, dass wir alle in veralteten Strukturen arbeiten, Strukturen aus dem Zeitalter der Industriegesellschaft, obwohl wir doch eigentlich in der Wissensgesellschaft angekommen sind. Deshalb arbeiten wir zu lange, zu ineffizient, zu unlustig, zu schlecht.

Albers fordert eine "menschenfreundlichere, flexible und mobile Arbeitsauffassung" und dann noch "das Ende des Büros, wie wir es kennen". Das Ganze nennt er "Easy Economy", was mutig ist, denn die "New Economy" gilt ja heute ein bisschen als Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte. Andere Begriffe in dem Buch lauten "Work-Life-Balance", "Mobile Work", "Work-flow". Der Autor kann nichts dafür, dass nach dem Schreiben des Buches eine Krise kam, die den alten Begriff "Arbeitskampf" wieder aktuell gemacht hat. Trotzdem hat Albers mit vielem recht, denn das Internet, der Blackberry, das iPhone, neue Software und neue Erkenntnisse der Arbeitsforschung definieren im Moment die angestaubte Idee von Arbeit neu: hässliche Büros, Arbeitstage von neun bis fünf, Konferenzen, Meetings – all das müsste dank der uns zur Verfügung stehenden Technologie nicht mehr sein. Findet gerade, wie es im Vorwort steht, eine "Revolution der Arbeit" statt?

Heimarbeit als das nächste große Ding zu verkaufen wäre ziemlich lächerlich. Bereits vor Jahrzehnten arbeiteten in Deutschland Frauen zu Hause, sie nähten, strickten, klebten. Aus der Heimarbeit wurde die Telearbeit. Klingt beides unsexy, nach den siebziger Jahren, der TV-Show Telespiel und Fernschreiber. Tatsächlich ist die Telearbeit keine Zukunftsvision, und die Grundidee ist auch nicht neu – im Jahr 2009 gewinnt sie allerdings endlich an Gewicht und an Relevanz: Wenn man theoretisch nicht mehr so arbeiten müsste, wie man es all die Jahre getan hat, weil es dank der Technik vollkommen egal ist, wo man arbeitet, wie könnte Arbeit dann praktisch aussehen?

Im Prinzip super: Wir sehen eine Mutter, die Mails beantwortet, während um sie herum die Kinder spielen. Wir sehen einen Mann, der an einem Strand telefoniert – mit sechs anderen, Telefonkonferenz. Wir sehen einen jungen Kreativen in einem Café in sein Laptop tippen – wir sehen Entspannung, Zufriedenheit, Harmonie. Wenn man sich diese Szenen länger anschaut, dann sehen wir aber auch Arbeit, die nicht endet. Denn könnte es nicht sein, dass derjenige, der zu Hause oder unterwegs arbeitet, plötzlich viel mehr, viel öfter, viel genauer kommunizieren muss, als er das im Büro tun würde? Erfordert es nicht unglaublich viel mehr Selbstdisziplin, sich zu Hause für ein paar Stunden vor den Telearbeitsplatz zu setzen, um einen Abgabetermin einzuhalten, als sich einen Espresso zu machen, ein Buch zu lesen und mal in die Sonne zu gehen? Kann es nicht passieren, dass man so den ganzen Tag vertrödelt und dann die Nacht durcharbeitet? Und verlangt man nicht von seinem Arbeitgeber ein bisschen viel Vertrauen, wenn er nicht mehr weiß, wo seine Mitarbeiter was wie machen?

Ich wollte über all das mit Josephine Hofmann sprechen. Sie arbeitet am Fraunhofer-Institut, sie forscht zur Zukunft der Arbeit, sie berät Firmen in Fragen der Arbeitsorganisation. Ich schrieb ihr eine Mail, an einem Donnerstag gegen 15 Uhr. Ich bekam ihre Antwort Samstagabend um zehn, als ich in einer Bar ein Bier trank. Sie schrieb, sie würde sich gerne mit mir über das Thema unterhalten, ich schrieb zurück, um zu schauen, wie flexibel die Frau ist, ob wir am nächsten Tag, Sonntag, telefonieren könnten. Sie schrieb zurück, ich solle sie am besten Sonntagabend ab 21 Uhr anrufen, da sie tagsüber unterwegs sei. Sonntagabend, 21 Uhr, ist das denn richtig? Hofmann lacht und antwortet: "Es hat doch Vorteile, dass wir eine individuelle Vereinbarung getroffen haben, die uns offenbar beiden passt. Dabei muss man natürlich aufpassen, dass man nicht zu viel arbeitet, dass man sich Grenzen setzt." Sie benutzt den Ausdruck "Entgrenzung der Arbeitswelt", es bleibt unklar, ob der nun positiv oder negativ gemeint ist. Hofmann verbringt die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Büro, die andere Hälfte ist sie unterwegs oder zu Hause. Sie nennt das "moderne Wissensarbeit".