Kreativität Schnipps!Seite 4/4
ZEIT: In Ihrem neuen Buch Überflieger spielt die Chancengleichheit eine zentrale Rolle. Ist das Ihre Reaktion auf das soziale Gefälle in den USA, das zuletzt immer steiler geworden ist?
Gladwell: Wir werden auf die Jahre zwischen 2000 bis 2008 zurückblicken als eine äußerst merkwürdige Ära. Es gab nicht nur die verschiedenen Blasen, es war auch die Zeit, in der wir unser Streben nach sozialer Gerechtigkeit aufgegeben haben. Unser moralischer Kompass war uns abhanden gekommen. In New York, dem Epizentrum dieser Ungleichheit, lebten ein paar Hundert Meter voneinander entfernt Leute, die 10000 Dollar im Jahr verdienten, und andere, die buchstäblich eine Milliarde Dollar verdienten. Eine solche Diskrepanz hatte es seit den 1890ern nicht mehr gegeben.
ZEIT: Diese Diskrepanz wurde, bis zum Crash, auch durch Ideen ermöglicht, etwa der Vorstellung, dass es keine Grenzen des persönlichen Reichtums gibt und keine Beschränkungen für die finanziellen Konstrukte, mit denen sich eine Art Fantasiereichtum erschaffen lässt. Sind diese Ideen nun für immer diskreditiert?
Gladwell: Ich würde diese Leute nie unterschätzen, sie kommen immer zurück mit einem noch besseren Plan. Eine ihrer Lieblingsphrasen lautete: »Wir entfesseln Werte«. Dahinter steckte die Annahme, dass in der Geschäftswelt das Kapital ineffizient verwaltet wird und dass eine Art Finanztechniker das Ganze restrukturieren und damit Reichtum schaffen könnte. Nun glauben wir immer noch daran, dass wir Reichtum aufbauen können. Man kann nicht zur modernen Welt gehören und das nicht glauben. Was wir vielleicht nicht mehr glauben: dass man durch die zynische Manipulation finanzieller Instrumente Reichtum aufbauen kann.
ZEIT: In ihrer komplexen Abgehobenheit erinnern manche dieser finanziellen Konstrukte an bestimmte metaphysische Spekulationen der Philosophiegeschichte. Der deutsche Idealismus zum Beispiel türmte im 19. Jahrhundert riesige Gedankengebäude auf – fern der Wirklichkeit, aber in sich war alles schlüssig. Die Ideen hatten sich verselbstständigt.
Gladwell: Mir gefällt die Analogie, hinter beiden Phänomenen steht ein ähnlicher Menschentyp. Es gibt in jeder entwickelten Gesellschaft eine Gruppe von Leuten mit einer starken Passion für Abstraktion. Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte gehen sie in verschiedene Bereiche. Damals gingen diese Leute in die Philosophie. Im 20. Jahrhundert vielleicht in die Physik. Aber in den 1990ern und nach 2000 gingen sie in die Finanzwelt. Noch 1985 arbeiteten kaum promovierte Akademiker an der Wall Street, zuletzt waren es enorm viele. Was sie mitbrachten, war genau diese abstrakt-philosophische Perspektive, die sie auf die Finanzwelt anwandten. Und sie schufen diese, das muss man ihnen lassen, unglaublich kreativen, einfallsreichen Derivate. Man kann immer nur hoffen, dass diese Art von Intelligenz ein geeignetes Betätigungsfeld findet.
ZEIT: Wir haben über das Spielen mit Ideen gesprochen und über ihr Potenzial, neue Ideen hervorzurufen. Kann man Ideen auch zu Tode diskutieren?
Gladwell: Ideen sind nicht gut, weil sie belastbar, sondern weil sie nützlich sind. Alle Ideen sind in irgendeiner Hinsicht unzuverlässig, sie haben dieses Zufallselement in sich. Und es ist immer leicht, das zu kritisieren. Aber man interessiert sich für Ideen eben aus ganz anderen Gründen. Es kann also gefährlich sein, Ideen einem zu hohen Maß an Strenge auszusetzen. Die wirklich guten Ideen werden dieser Art der Prüfung nicht standhalten. Um das Beste aus Ideen herauszuholen, muss man bereit sein, sich mit ihren kleinen Mängeln abzufinden.
ZEIT: Keine Idee ist perfekt.
Gladwell: Ja, das gilt notwendigerweise. Und wenn sie perfekt wäre, wäre sie langweilig.
Das Gespräch führte Jürgen von Rutenberg
- Datum 02.06.2009 - 09:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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Er sammelt ja unglaublich viele interessante Studien und kann im Gegensatz zu den meisten Wissenschaftlern diese Studien auch interessant präsentieren. Nervig ist ein bißchen, dass er stellenweise an die Selbsthilfeliteratur erinnert.
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