Kreativität

Schnipps!

Was macht eine gute Idee aus? Fragen wir einen, der mit seinen Einfällen berühmt und reich geworden ist: Den amerikanischen Bestsellerautor Malcolm Gladwell

Malcolm Gladwell, geboren 1963, lebt in New York. Er ist Autor der beiden Bestseller "Der Tipping Point" und "Blink. Die Macht des Moments"

Malcolm Gladwell, geboren 1963, lebt in New York. Er ist Autor der beiden Bestseller "Der Tipping Point" und "Blink. Die Macht des Moments"

DIE ZEIT: Herr Gladwell, wo kommen Sie auf Ihre Ideen? Eher im Internet oder in der Bibliothek?

Malcolm Gladwell: In der Bibliothek. Die ist dazu besser geeignet. Viel besser!

ZEIT: Warum?

Gladwell: Wenn ich in die Bibliothek gehe, weiß ich nicht unbedingt, wonach ich suche. Ich hoffe auf einen Zufallsfund. Google wurde nicht dafür geschaffen, Zufallsfunde zu ermöglichen. Google ist zu gut organisiert. Eine Bibliothek hingegen ist ein wunderschön unorganisierter Raum.

ZEIT: Was entdecken Sie da zum Beispiel?

Gladwell: Nehmen wir eine wissenschaftliche Fachzeitschrift. Sie ist ein Versuch vorsätzlicher Spontaneität. Eine Ausgabe des American Journal of Sociology ist eine Ansammlung von zehn Artikeln, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie im selben Zeitraum entgegengenommen und bearbeitet wurden. Gibt es irgendeine Kombination von Suchbegriffen, die ich bei Google eingeben kann, um diese zehn Artikel in dieser Kombination angezeigt zu bekommen? Gibt es nicht, außer »Inhaltsverzeichnis American Journal of Sociology«, aber das wäre ja nur eine Reproduktion des Originals. Es ist dieses Element des eingebauten Zufalls in der Bibliothek und im Gedruckten, das es online nicht gibt. Deswegen sind beide im Internetzeitalter nicht weniger wichtig, sondern noch wichtiger geworden. Plötzlich sind sie die entscheidende Alternative zur vorherrschenden Art, Information zu organisieren.

ZEIT: Das Internet erleichtert das Schwirren von einer Quelle zur Nächsten. Auch das kann doch zu zufälligen Entdeckungen führen.

Gladwell: Ich will nicht bestreiten, dass das Internet ein brillantes Hilfsmittel sein kann. Aber wer sich völlig auf das Internet beschränkt, verdammt sich zu einer gewissen Starre. Er macht sich abhängig vom Pfad, den er am Anfang seiner Suche eingeschlagen hat.

ZEIT: Sie lieben die indirekten Pfade: Vor einer Weile haben Sie einen Artikel über die Qualifikation von Lehrern angefangen mit einer längeren Geschichte über die Auswahl professioneller Quarterbacks im American Football.

Gladwell: Das war ein Trick! Wenn ich gleich mit den Lehrern angefangen hätte, hätte den Artikel niemand gelesen. Wenn man über etwas schreibt, das wichtig, aber langweilig ist, darf man nicht gleich alle Karten auf den Tisch legen.

ZEIT: Sie kombinieren oft Themen und Ideen, die zunächst scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Gladwell: Eine Analogie ist am nützlichsten, wenn die Phänomene so unterschiedlich wie möglich sind. Man kann natürlich sagen: Quarterbacks und Lehrer haben einfach nichts gemeinsam. Die Profiliga braucht 30 Quarterbacks, und in den Schulen brauchen wir Millionen Lehrer. Dem halte ich entgegen: Gerade weil sie so verschieden sind, ist die Analogie nützlich. Man kann sich einer Einsicht nähern, wenn man sich von einem restlos überzeugenden Argument entfernt. Man braucht dazu eine bestimmte Art von Neugier. Man muss sich etwas entspannen. Um das Nützliche zu erkennen, muss man hinwegkommen über den offensichtlichen Einwand »Quarterbacks und Lehrer haben nichts gemeinsam«. Also denke ich viel darüber nach, wie ich die Leute dazu bringen kann, sich auf das Gedankenspiel einzulassen. Wenn Leser am Ende nicht mit mir übereinstimmen, stört mich das nicht.

ZEIT: Ihre Sachbücher wurden allesamt Bestseller. Verraten Sie uns: Was macht eine gute Idee aus?

Gladwell: Bestimmte Ideen bringen einen dazu, anders über die Dinge nachzudenken. Gute Ideen müssen zum Spielen ermuntern. Leser lesen meine Bücher – und Bücher überhaupt – keineswegs, um zu irgendeiner Weltsicht zu konvertieren. Sie wollen in einen Gedankengang verwickelt werden.

ZEIT: Wie spielt man am besten mit Ideen?

Gladwell: Wir sollten uns daran erinnern, in welchem Zustand wir als Kinder waren, wenn wir spielten: Wir entfernten uns aus der Wirklichkeit und begaben uns für eine bestimmte Zeit in ein anderes, wunderbar künstliches Universum. Hinterher hatten wir etwas gelernt oder zumindest Spaß gehabt. Als Erwachsene haben wir den Wunsch nach einer solchen Erfahrung nicht verloren.

ZEIT: Woran orientieren Sie sich beim Schreiben?

Gladwell: Es gibt diesen berühmten Basketball-Coach namens John Wooden, der tollste Basketballtrainer aller Zeiten, ein sehr weiser Mann. Er hat mal gesagt, der Schlüssel zum Erfolg im Basketball sei: Be quick, but never hurry, sei schnell, aber nie in Eile. Beim Schreiben ist es auch so: Man muss eine Idee elegant und effizient vorstellen und auswerten. Ich frage mich immer: Was ist die minimale Menge an Information, die ich mitteilen muss, um noch den Kern einer starken Idee zu vermitteln?

ZEIT: Wenn das Internet Ihrer Meinung nach kein guter Ort ist, um auf gute Ideen zu kommen: Wie verändert es die Verbreitung von Ideen?

Gladwell: Im Internet wirkt der sogenannte Matthäus-Effekt, benannt nach einem Satz im Matthäus-Evangelium: Wer hat, dem wird gegeben. Was im Internet erfolgreich ist, wird gleich noch viel erfolgreicher. Man dachte mal, das Gegenteil würde passieren, das Netz würde alles demokratisieren. Daran glaube ich nicht recht. Durch das Prinzip der Verlinkung bekommen Ideen mit einem anfangs kleinen Vorsprung schnell einen riesigen Vorsprung. Das ist nicht unbedingt gut. Ich mache mir durchaus Sorgen, dass das Internet Debatten verzerrt nach dem Prinzip winner takes all.

ZEIT: Auch über Ihre Bücher und Ideen wird im Netz ja ausgiebig diskutiert.

Gladwell: Und man lernt so viel von den Reaktionen. Das ist das große Paradox des Bücherschreibens: Man lernt am meisten, wenn es zu spät ist. Auch ein veröffentlichtes Buch ist immer nur ein erster Entwurf.

ZEIT: Weswegen viele Autoren inzwischen ihre Ideen vorab online zur Diskussion stellen.

Gladwell: Das ist eine der großen Verheißungen des Internets, die ich bisher selbst nicht genutzt habe. Manche Autoren veröffentlichen Teile ihrer Bücher im Netz als Serie in ihren Blogs und machen die Reaktionen der Leser zum Teil des Schreibprozesses. Auf meiner Website können Leser per E-Mail ihre Anmerkungen zu meinen Büchern hinterlassen, gelegentlich sehe ich sie durch und ziehe die heraus, die kluge Gedanken enthalten. Man sieht die eigenen Defizite, man sieht, wo man danebenliegt, was funktioniert, man bekommt Nachhilfe. Das alles kann man aber, glaube ich, nicht machen, bevor das Buch herauskommt.

ZEIT: Von welcher Idee in Ihren Büchern würden Sie heute behaupten: Das war keine so gute Idee?

Gladwell: So was denke ich immer wieder! In Tipping Point gibt es ein Kapitel über die sinkenden Kriminalitätsraten in New York Anfang der neunziger Jahre. Ich führte sie auf die Broken-Windows-Theorie zurück.

ZEIT: Die besagt, dass schon eine einzelne eingeschlagene Fensterscheibe potenziellen Verbrechern signalisiert: Hier wird nicht so streng kontrolliert.

Gladwell: Und so schrieb ich, dass konsequentes Vorgehen gegen kleine Vergehen, die sogenannte Zero-Tolerance-Strategie, einen Riesenanteil an der Bekämpfung der Schwerkriminalität in New York hatte. Das würde ich heute nicht mehr so behaupten.

ZEIT: Weil Gegenargumente Sie überzeugt haben?

Gladwell: Nein, mich hat vor allem eine völlig andere Erklärung fasziniert. Kennen Sie die Blei-Theorie?

ZEIT: Nein, was sagt die denn?

Gladwell: Die ist wirklich schön, so wunderschön! Blei hat eine enthemmende Wirkung. Leute mit Bleivergiftung können ihre Impulse nicht kontrollieren und neigen daher zu willkürlichen Gewaltausbrüchen. Bleivergiftungen waren am häufigsten in dicht besiedelten Stadtgebieten, weil Blei lange Zeit im Benzin enthalten war. In den USA verschwand das Blei 1973 aus dem Benzin. Genau 18 Jahre später, als die damals Geborenen also in das Alter kamen, in dem man gemeinhin kriminell wird, beginnt der steile Abfall der Verbrechensrate in den Großstädten. Wenn das noch nicht genug ist: Blei wurde in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten aus dem Benzin entfernt. Und überall nahm 18 bis 19 Jahre später die Häufigkeit von Verbrechen ab. Das ist wunderschöne Epidemiologie!

ZEIT: Sie glauben wirklich, dass das Blei allein schuld war an den Verbrechen?

Gladwell: Nein, es ist sicher nicht die ganze Geschichte. Aber wenn ich mir mein Kriminalitätskapitel von damals ansehe, muss ich sagen, dass meine Argumentation eben auch nicht vollständig war. Das Blei-Argument finde ich heute viel interessanter.

ZEIT: Gibt es eigentlich eine Idee, die sich durch all Ihre Bücher zieht?

Gladwell: Alle meine Bücher sind Angriffe auf verschiedene Formen des Individualismus. In Tipping Point habe ich beschrieben, wie stark wir geprägt sind von unserer Umgebung. Mein zweites Buch Blink sagt, wir haben keine Kontrolle über einen großen Teil unserer Reaktionen und unseres Denkens. Und Überflieger sagt, dass der Erfolg in unserem Leben in einem signifikanten Ausmaß von Faktoren entschieden wird, die wir nicht selbst beeinflussen. Keine Variante des Individualismus hat mich je überzeugt.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch Überflieger spielt die Chancengleichheit eine zentrale Rolle. Ist das Ihre Reaktion auf das soziale Gefälle in den USA, das zuletzt immer steiler geworden ist?

Gladwell: Wir werden auf die Jahre zwischen 2000 bis 2008 zurückblicken als eine äußerst merkwürdige Ära. Es gab nicht nur die verschiedenen Blasen, es war auch die Zeit, in der wir unser Streben nach sozialer Gerechtigkeit aufgegeben haben. Unser moralischer Kompass war uns abhanden gekommen. In New York, dem Epizentrum dieser Ungleichheit, lebten ein paar Hundert Meter voneinander entfernt Leute, die 10000 Dollar im Jahr verdienten, und andere, die buchstäblich eine Milliarde Dollar verdienten. Eine solche Diskrepanz hatte es seit den 1890ern nicht mehr gegeben.

ZEIT: Diese Diskrepanz wurde, bis zum Crash, auch durch Ideen ermöglicht, etwa der Vorstellung, dass es keine Grenzen des persönlichen Reichtums gibt und keine Beschränkungen für die finanziellen Konstrukte, mit denen sich eine Art Fantasiereichtum erschaffen lässt. Sind diese Ideen nun für immer diskreditiert?

Gladwell: Ich würde diese Leute nie unterschätzen, sie kommen immer zurück mit einem noch besseren Plan. Eine ihrer Lieblingsphrasen lautete: »Wir entfesseln Werte«. Dahinter steckte die Annahme, dass in der Geschäftswelt das Kapital ineffizient verwaltet wird und dass eine Art Finanztechniker das Ganze restrukturieren und damit Reichtum schaffen könnte. Nun glauben wir immer noch daran, dass wir Reichtum aufbauen können. Man kann nicht zur modernen Welt gehören und das nicht glauben. Was wir vielleicht nicht mehr glauben: dass man durch die zynische Manipulation finanzieller Instrumente Reichtum aufbauen kann.

ZEIT: In ihrer komplexen Abgehobenheit erinnern manche dieser finanziellen Konstrukte an bestimmte metaphysische Spekulationen der Philosophiegeschichte. Der deutsche Idealismus zum Beispiel türmte im 19. Jahrhundert riesige Gedankengebäude auf – fern der Wirklichkeit, aber in sich war alles schlüssig. Die Ideen hatten sich verselbstständigt.

Gladwell: Mir gefällt die Analogie, hinter beiden Phänomenen steht ein ähnlicher Menschentyp. Es gibt in jeder entwickelten Gesellschaft eine Gruppe von Leuten mit einer starken Passion für Abstraktion. Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte gehen sie in verschiedene Bereiche. Damals gingen diese Leute in die Philosophie. Im 20. Jahrhundert vielleicht in die Physik. Aber in den 1990ern und nach 2000 gingen sie in die Finanzwelt. Noch 1985 arbeiteten kaum promovierte Akademiker an der Wall Street, zuletzt waren es enorm viele. Was sie mitbrachten, war genau diese abstrakt-philosophische Perspektive, die sie auf die Finanzwelt anwandten. Und sie schufen diese, das muss man ihnen lassen, unglaublich kreativen, einfallsreichen Derivate. Man kann immer nur hoffen, dass diese Art von Intelligenz ein geeignetes Betätigungsfeld findet.

ZEIT: Wir haben über das Spielen mit Ideen gesprochen und über ihr Potenzial, neue Ideen hervorzurufen. Kann man Ideen auch zu Tode diskutieren?

Gladwell: Ideen sind nicht gut, weil sie belastbar, sondern weil sie nützlich sind. Alle Ideen sind in irgendeiner Hinsicht unzuverlässig, sie haben dieses Zufallselement in sich. Und es ist immer leicht, das zu kritisieren. Aber man interessiert sich für Ideen eben aus ganz anderen Gründen. Es kann also gefährlich sein, Ideen einem zu hohen Maß an Strenge auszusetzen. Die wirklich guten Ideen werden dieser Art der Prüfung nicht standhalten. Um das Beste aus Ideen herauszuholen, muss man bereit sein, sich mit ihren kleinen Mängeln abzufinden.

ZEIT: Keine Idee ist perfekt.

Gladwell: Ja, das gilt notwendigerweise. Und wenn sie perfekt wäre, wäre sie langweilig.

Das Gespräch führte

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Leser-Kommentare

  1. Er sammelt ja unglaublich viele interessante Studien und kann im Gegensatz zu den meisten Wissenschaftlern diese Studien auch interessant präsentieren. Nervig ist ein bißchen, dass er stellenweise an die Selbsthilfeliteratur erinnert.

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  • Von Jürgen von Rutenberg
  • Datum 2.6.2009 - 08:49 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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