Es ist noch gar nicht ewig her, als ich eine Fernbeziehung führte zwischen zwei Ländern. Wir telefonierten, so oft es eben ging. Das hieß: zwei- bis dreimal pro Woche. Die Anzeige des Tastentelefons zeigte die Kosten an, und die Summen wuchsen ebenso rasch an, wie man es von Zapfsäulen kennt. Manchmal verdeckte ich die Anzeige mit der Hand, aber der Trick half nicht, die Zahlen liefen im Kopf weiter und ein Gespräch, das wussten wir (wir waren Studenten), musste zu Ende sein, bevor es mehr als 10 Mark gekostet hätte. Wir sagten uns also das Allerwichtigste und nach ein paar Minuten schon den Satz: "Wir müssen Schluss machen." Wir meinten zwar das Gespräch, nicht die Beziehung. Aber allmählich wurden wir uns fremder.

Fortschritte, die diese Beziehung nicht mehr erlebte: E-Mails, Chats, SMS. Die wahre Revolution jedoch begann viel später, vor dreieinhalb Jahren erst. Damals, im Januar 2006, bot die Firma Skype ein Programm an, das sich jeder kostenlos auf seine Festplatte kopieren kann und das es ermöglicht zu telefonieren und sich dabei zu sehen – vorausgesetzt, man schafft sich eine Webcam an. Seit jenem Januar war das Bildtelefon, eine Idee so alt wie das Fernsehen, Wirklichkeit geworden. Und seither sind Fernbeziehungen nicht mehr das, was sie einmal waren.

In diesem März war ich mit vier Freunden beim Spätzle-Schwaben zum Essen, als sich gegen Mitternacht Freundin A. verabschiedete mit der Bemerkung, sie habe noch ein Date. Fragende Blicke in der Runde. "Na ja, ihr wisst schon, mit P. aus Kanada . Wir treffen uns auf Skype." Auf ein solches Treffen, erzählte sie, bereitet sie sich sorgfältig vor: Sie zieht sich um, tuscht die Wimpern nach, macht sich die Haare zurecht. Sie prüft ihr Äußeres im Spiegel, dann erst ruft sie ihn an. Ein Skype-Date kommt einem Date in der Wirklichkeit tatsächlich ziemlich nahe: Nur wer sich wirklich gut kennt, macht ein Treffen per Skype aus: Paare und solche, die es werden wollen, gute Freunde, Kinder und ihre Eltern, die in der Ferne wohnen. Man verabredet sich zum Bildtelefonat mit Menschen, die man jederzeit in seine Wohnung lassen würde.

Die Freundin und ihre neue Liebe aus Kanada skypen, wie es alle nennen, die es tun, zwei- bis dreimal die Woche. Das Schöne, erzählte sie, sei zu sehen, wie er wohne, mit wem er wohne, wie er sich kleide. Auf ihrem Bildschirm war sie, dem Laptop sei Dank, mit dabei, als er seine Eltern besuchte. Sie erinnert sich an den Moment, als sie die hellviolette Wand in der Wohnung der Eltern sah. In diesem Moment war ihr klar, wie er aufgewachsen sein musste, nordamerikanisch eben, ganz anders als sie. "Du kriegst einen Einblick in ein Leben", sagte sie.

Eine Fernbeziehung zu führen bedeutete bislang vor allem, sich dauernd misszuverstehen. Hört er am Telefon überhaupt zu? Wie war die SMS gemeint? Warum schreibt sie nur so eine kurze E-Mail? Der Mensch neigt dazu, seinen Mitmenschen besser zu verstehen, wenn er ihn sieht. Er erkennt an seinem Blick oder glaubt zu erkennen, ob er ihn versteht, ob er ihn mag, ob er ihm zuhört, ob er ihn liebt, ob er etwas wirklich lustig findet oder ob er nur so tut.

Im September 2007 sprach die Psychologin Fanny Jimenez von der Humboldt-Universität Berlin für ihre Doktorarbeit mit mehr als 1400 Paaren über deren Fernbeziehung und fand heraus, dass damals mehr als ein Drittel der Paare die Videotelefonie benutzten. Inzwischen hat sich die Zahl der Skype-Nutzer ungefähr verdoppelt. Man darf also annehmen, dass heute die überwiegende Mehrheit der Menschen, die Fernbeziehungen führen, Skype verwenden. Vor allem jene Paare, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen, Skype gehört für sie zur Liebe wie für ihre Großeltern der Brief und für ihre Eltern das Telefon.

Die Anfang-20-Jährigen lernen sich kennen in den Metropolen der Welt, sie studieren, machen Praktika, und sie verlieben sich. Der Easy-Jet-Set liebt Skype, der Name des Programms klingt ja schon wie der einer Billigfluglinie. Fernbeziehungen sind wie Flüge: Kritisch ist vor allem die Landung. Kein Augenblick ist für eine Fernbeziehung so gefährlich wie der, in dem beide Partner in dieselbe Stadt ziehen. Denn wer sich lange nicht sieht, neigt dazu, den anderen zu idealisieren. Mit dem Bildtelefon, und das könnte sein wichtigster Vorteil sein, werden die Informationen über den Partner zahlreicher. Je mehr Bilder man vom Partner bekommt, desto weniger Bilder macht man sich im Kopf. Das klingt etwas unromantisch. Aber es hilft der Liebe, wenn sie dauern soll.